Aus: Über die Anfänge der Schwedischen Heilgymnastik in Deutschland ein
Beitrag zur Geschichte der Krankengymnastik im 19. Jahrhundert, Medizin-Dissertation von
JULIA HELENE SCHÖLER, geb. Pleyer (Westfälische Wilhelms-Universität Münster,
2005).
Albert Constantin Neumann wurde am 15. September 1803 in der Provinz Preußen geboren. Nach
Abschluss seines Medizinstudiums wurde er Kreisphysikus zunächst in Straßburg
(Westpreußen), dann in Graudenz.
Durch die Lektüre der Heilgymnastik von Rothstein erfuhr er von Ling und der
schwedischen Heilgymnastik. Im Sommer 1847 besuchte er Rothstein in Berlin, versicherte ihm sein
starkes Interesse an der schwedischen Heilgymnastik und bat Rothstein um weitere Informationen
darüber.
Nach der ersten Begegnung mit Neumann schrieb Rothstein am 4. August 1847 in einem Brief an
Branting, Neumann sei ein eifriger Freund für Lings Heilgymnastik geworden (148).
Seine Absicht, sich bei Branting in Stockholm aus erster Hand Kenntnisse über dessen
Heilgymnastik zu verschaffen, konnte Neumann erst im Sommer 1850 verwirklichen. Rothstein hatte
Neumann einen Brief an Branting mitgegeben, in dem er Neumann nachdrücklich empfiehlt und
Branting bittet, ihm alle gewünschten Auskünfte zu geben und ihm zu ermöglichen, die
Praxis der gymnastischen Therapeutik in Stockholm kennen zu lernen. (149)
Nach seiner Rückkehr aus Schweden richtete Neumann in Graudenz einen Kursaal für
schwedische Heilgymnastik ein, der am 1. Oktober 1850 eröffnet wurde. 1851 erhielt Neumann
vom preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten den
Auftrag zu einer weiteren Reise zum Studium der schwedischen Heilgymnastik. Diese Reise dauerte
vier Monate und führte Neumann nach Stockholm, London und St. Petersburg. Nach seiner
Rückkehr veröffentlichte Neumann 1852 seine erste umfassende Schrift über die
schwedische Heilgymnastik. (150)
1853 zog Neumann nach Berlin und eröffnete am 7. Februar hier ein Institut für Heil- und
pädagogische Gymnastik, in dem er auch heilgymnastische Helfer und Helferinnen ausbildete. Aus
dem Kontakt zu Rothstein resultierte, dass Neumann neben Rothstein Herausgeber der ab 1854
erschienenen Zeitschrift Athenaeum für rationelle Gymnastik wurde, in der er
zahlreiche eigene Aufsätze und auch Literaturrezensionen veröffentlichte.
Bereits 1855 ergaben sich aufgrund der verstärkten Hinwendung Neumanns zur Od-Lehre Differenzen
zwischen ihm und Rothstein, der sich zum Beispiel in einem Brief an Branting am 9. September 1855
wie folgt äußerte: Ob das Athenaeum noch länger hin unter der gemeinsamen Redaktion
von mir und Dr. Neumann werde fortbestehen können, scheint mir in der letzten Zeit zweifelhaft
zu werden. Dr. Neumann macht so sonderbare extravagante Sprünge, daß ich ihm mit meinem
gymnastischen Gewissen nicht überall mehr folgen kann. Für jetzt ist sein Steckenpferd
die
Reichenbachsche
Od-Lehre [Ed: die eine Lebenskraft Od (von Odin) postuliert, die nach ihm eine dem Magnetismus
ähnliche Kraft sein soll] und Dr. Neumann ist schon daran, statt Heilgymnastik eine Heil-Odik zu
treiben. Dazu kommt, daß er mehr und mehr das Dasein eines Lingschen Systems bestreitet,
nirgends einen Fortschritt anerkennt als wo man in seine (Neumanns) Fußstapfen tritt, und nur
solche Stimmen gelten läßt, die nach seiner Trompete blasen. (151)
1856 trennte sich Neumann von Rothstein und schied als Herausgeber des Athenaeum für
rationelle Gymnastik aus. Die Zeitschrift erschien noch bis zum Ende des Jahres 1857, dann
wurde das Erscheinen eingestellt, was Rothstein damit begründete, sich mit ganzer Kraft jetzt
der Fertigstellung seiner Schrift über die ästhetische Gymnastik widmen zu wollen.
(152)
Neumanns Engagement für die Od-Lehre und die hartnäckige Einseitigkeit, mit der er seine
Auffassungen vertrat, führten gegen Ende der fünfziger Jahre dazu, dass er im Kreise
seiner ärztlichen Kollegen nicht mehr ernst genommen wurde. Er vereinsamte, 1862 kündigte
ihm der Hauswirt, und er musste sein Institut in Berlin umsiedeln. Als schließlich auch die
Patienten in seinem Institut ausblieben, kam es 1867 zum Konkurs.
Neumann zog sich nach Friedeberg in der Neumark zurück, wo er die Stelle des Kreisphysikus
übernahm und dort im Sommer 1870 starb.