Woldenberg (Neumark)   —  Bayers Hof khd
Stand:  18.10.2013   (111. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Bayers_Hof.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

Artikel in PDF Südöstlich von Woldenberg lag ein großer Bauernhof – Bayers Hof *. Dieser Hof gehörte meinen Urgroßeltern Otto Bayer und Auguste Bayer, geb. Köhler, die 4 Kinder hatten.

Der Hof wurde bereits 1907 aus Altersgründen verkauft. Auch deshalb ist sehr wenig vom Leben und Arbeiten auf Bayers Hof überliefert. Auf dieser Seite soll das Wenige, was (mir) bekannt ist, zusammengestellt werden. Denn selbst die Genealogen haben auf ihrer „Bayershof-Seite“ fast nichts. Zwar ist Bayers Hof Geschichte, aber in den überlieferten Kochrezepten wird Bayers Hof weiterleben. Mit * wird auf Fußnoten verwiesen. [Translation-Service]

I n d e x :


Woldenberg — Wo lag Bayers Hof?


Skizze Wbg-Plan Big
      Der Weg von Woldenberg nach Bayers Hof
^   Skizze des Wegs von Woldenberg nach Bayers Hof *. In Gelb der Weg und in Blau das Woldenberger/Mehrenthiner Fließ. Durch Klicken auf die Karte wird eine Vergrößerung mit höherer Auflösung in einem extra Fenster angezeigt (275 kByte). [Vergrößertes Meßtischblatt]   (Repro aus *: 2006 – khd)
      Im Zeitalter der
GPS- Navigation ist es leicht, den Ort, wo Bayers Hof lag, zu finden. Denn die Orts- Koordinaten sind: 52,95° Nord und 15,8° Ost.

      Verließ man Woldenberg vom Marktplatz kommend in östlicher Richtung über die Richtstraße, querte am Niedertor über die Fließbrücke das Woldenberger Fließ, dann erreichte man nach wenigen Schritten den schräg nach rechts abbiegenden Mehrenthiner Weg (siehe auch Stadtplan).

      Dieser Weg unterquert die Schienenbrücke der Bahnstrecke Stettin — Kreuz. Nach einem gut halbstündigen Fußmarsch durch die Felder erreichte man dann nach etwa 3 km Bayers Hof. Das Gehöft lag mit seinen Stallungen und Feldern zwischen der Bahnstrecke und dem nach Mehrenthin und weiter in die Drage fließenden Woldenberger bzw. Mehrenthiner Fließ.

   
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      Die Kinder von Bayers Hof – darunter meine Oma (*1875) – hatten also täglich einen recht langen Schulweg hin und zurück zu bewältigen, denn Woldenbergs Schule lag in der Nähe des Markplatzes an der Schulstraße. Aber folgen wir zur Einstimmung zunächst den Worten meiner Tante Margarete Dittberner (Tante Grete), die 1955 über den Weg von Woldenberg nach Bayers Hof und über einen Hof-Rundgang in einer dicken Kladde aufschrieb *:

    »Wenn man den Mehrenthiner Weg lang geht, kommt man kurz vor Bayers Hof über eine Brücke. Diese führt über das „Klingenfließ“ *. Das Wasser hat hier ein eigenartiges Rauschen – mehr ein Klingen. In diesem Fließ sammelte sich das Wasser von den umliegenden Feldern und Wiesen. Hinter der Brücke biegt dann rechts der Weg zum Gehöft „Bayers Hof“ ab. Zur linken Seite Park, dann die Rückseite der Ställe, dann die Einfahrt zum Hof.

      Weißstorch in Feuchtwiese
^   Ein Weißstorch in einer Wiese. Die Störche von Bayers Hof fanden auf den feuchten Wiesen am Mehren- thiner Fließ reichlich Frosch-Nahrung.   (Foto: 2005 – mopo)
    An der rechten Seite [des Wegs] stehen große herrliche Tannen. Dahinter zieht sich ein Garten den Berg [etwa 100 m] zum Fließ runter. Hier stehen die vielen schönen Haselnuß- Sträucher bei einer Geißbock-Laube. Ein langer Rosenweg führt hier lang und an Blumen gibt es hier, was man sich nur denken kann.

    Hinter der Einfahrt zum Hof liegt dann noch ein Gebäude. Hier ist die Gerätekammer, Waschküche, Backofen und die ‚Örtchen‘. Der Weg führt am Gehöft vorbei in die Felder. Durch den Fichtenwald kommt man zum xxx-Winkel
*. Hier liegt der große Karpfenteich. Auch stehen hier die vielen vielen Kirschbäume und die Maulbeerbäume, hier steht auch der Bienenschuppen mit den Bienenstöcken.

    Weiter nach links rum kommt man an einen ganz runden Teich (Fischteich). Hier hatten die Enten ihr Reich. Nun stoßen wir an dieser Seite wieder auf den Mehrenthiner Weg. Auch hier ist eine Einfahrt zum Hof. Derselbe ist hier von den großen Scheunen begrenzt. Auf der letzten – dicht am Park – haben die Störche ihr Nest. Hier stehen auch 3 sehr hohe Pappeln. Eine solche Niederlassung wurde früher auch als „Vorwerk“ bezeichnet.« [Eine andere Wegbeschreibung]


Bayers Hof — Etwas Geschichte


Otto Lebrecht Bayer      
^   Otto Bayer mit seinem 1. Urenkel.   (Foto: um 1934 – jd)
      Mit dem Verkauf im Oktober 1907 endet bereits die Geschichte von Bayers Hof für unsere Familie. Dennoch ist die Erinnerung an den am Mehrenthiner Fließ so herrlich gelegenen Bauernhof durch vieles Erzählen und natürlich durch die überlieferten
Kochrezepte bis heute wach geblieben. Meine Ur-Großeltern Otto Lebrecht Bayer (* 20.3.1848) und seine Ehefrau Marie Luise Auguste Bayer, geb. Köhler (* 13.12.1848), von der leider kein Foto überliefert ist, hatten seit 1873 in den über 30 Jahren ihrer Bewirtschaftung den Hof auf Vordermann gebracht – ein richtiges Gut entstand.

      Die Bayers bauten sogar ein neues solides Wohnhaus aus Steinen. Der gute Geist des Hofes war aber meine Ur-Großmutter Auguste Bayer, die schon am 9.7.1906 im Alter von 58 Jahren starb. Der frühe Tod seiner Ehefrau hat dazu beigetragen, daß Otto Bayer 1907 den Hof verkaufte. Vom Erlös kaufte er sich ein kleines Häuschen mit einem Grundstück in der Nähe des Woldenberger Sees (Nordmauer 5), wo er seinen Lebensabend mit einer guten Freundin verbrachte. Otto Bayer starb 94-jährig am 8.1.1942.


Auszug aus dem Grundbuch des Amtsgerichtes Woldenberg
in Sachen „Bayershof“
Im Jahre 1794 übernimmt von seinen Eltern Christian Friedrich Brandt (* 22.4.1772) den im Kietzfelde liegenden Hof mit eine Gesamtfläche von 191 Morgen (rund 49 Hektar).
Am 8. Mai 1844 kauft Julius Heinrich Bayer (* 12.4.1819) von dem Vorbesitzer Brandt die Wirtschaft für 2.300 Thaler. Er gibt dazu das Leibgedinge an seinen Vater Brandt.
Am 3. Mai 1863 erhält das Gehöft amtlich den Namen „Bayershof“ (Aktenzeichen: I E 933/63 der Königlichen Regierung in Frankfurt/Oder, Abt. des Inneren).
Am 20. März 1873 übergibt Julius Heinrich Bayer die Wirtschaft an seinen Sohn Otto Lebrecht Bayer (* 20.3.1848).
Otto Lebrecht Bayer verkauft am 11. Oktober 1907 Bayershof an Bauer Starkenberg.


Auf dem „Kietzfeld“

      Die Geschichte Bayers Hof reicht weiter zurück als nur ins 18. Jahrhundert. In einer handschriftlichen Aufzeichnung schreibt meine Tante Margarete Dittberner um 1955 zur Gründung des Gehöfts
*:

    »Kietz – Kietzfeld – Kietzhufen – Kietzbrücke: Hier liegt Bayershof ungefähr 3 km von Woldenberg entfernt. „Kietz“ ist immer der Name für diejenige Slawen- Niederlassung, welche in der Nähe eines, von ihnen bisher selbst bewohnten, jetzt zur deutschen Stadt erhobenen Fleckens entstanden ist. Die Slawen lebten, wie immer, so auch hier, als Fischer am Wasser. Sie wurden wahrscheinlich von den deutschen Ansiedlern um 1250 verdrängt und zogen am Fließ weiter auf den „Kietz“, auf die „Kietzhufen“ und siedelten sich hier an, in der Nähe der Stadt.

Meyers-Lexikon von 1897
Aus: 10. Band, 5. Auflage, Seite 105.
Kietz, früher soviel wie Slawenvorstadt. Die in die Mark Brandenburg rechts der Elbe seit dem 12. Jahrhundert einwandernden Deutschen gründeten an verschiedenen Stellen slawischer Ansiedlungen Stadtgemeinden mit eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit.

Die slawische Bevölkerung nahm an diesen Stadtrechten keinen Anteil, sondern bildete bei eigener Verwaltung einen machtlosen, aber selbstständigen, meist von Fischern bewohnten Vorort neben der deutschen Stadt.

Hier erhielten sich lange slawische Sitten und Gebräuche, und da die ‚Kietzer‘ an Bildung, Wohlstand und Rechten den deutschen Städtern weit nachstanden, so erhielt der Name Kietz einen spöttischen Beigeschmack, und noch heute werden dürftige und entlegene Vorstadtgegenden scherzweise Kietz genannt.
    1298 ist Woldenberg als Stadt erwähnt, hat aber noch den [slawischen] Namen
„Dubegneve“, 1333 aber den Namen „Woldenberg“. [mehr]

    Das Feld zwischen dem bei Woldenberg liegenden See, dem „Röllfitzsee“ und den Grenzen der Dorfgemeinden Schlanow und Mehrenthin ist das „Kietzfeld“ [Ed: das seit 1847 von der Eisenbahnstrecke Kreuz — Stettin durchschnitten wird]. Hier liegen bei Bayershof die „Kietz-Brücke“ über das Woldenberger bzw. Mehrenthiner Fließ. Hier auf einer Ansiedlung dicht am Fließ wurde 1739 Christian Brandt als Sohn des Besitzers Martin Brandt geboren [Ed: dieser Christian Brandt ist der Vater des Christian Friedrich Brandt, der – siehe oben – 1794 den Hof übernahm].

    Es fehlte an Zeit, um weiter zurück zu forschen, es kam der Krieg 1939. Die Ansiedlung muß sehr alt sein. Als Mutter Marie Dittberner, geb. Bayer [meine Großmutter] Kind war, war das Wohnhaus sehr alt und baufällig. Hier standen sehr große alte Fichten, dicke alte Eichen und sehr große Maulbeerbäume. Otto Bayer baute 1882 dann neu auf.«

      Ein Blick auf das Großblatt 54 (Arnswalde – Schloppe – Friedeberg) der Karte des Deutschen Reiches von 1938 * bestätigt, daß es vielerorts den Flurnamen „Kietz“ gab bzw. dieser in Zusammensetzungen auftauchte. So beispielsweise bei Althütte (Kietz), Driesen (Kietz), Mehrenthin (Kietz-Brücke), Neu-Mecklenburg (Kietz), Schlanow (Kietz). Diese ‚Kietz-Orte‘ liegen alle abseits benachbarter Städte oder Dörfer. Nach 1945 schließt sich dann ein Kreis: Eine slawische Bevölkerung kehrt zurück in ihre uralten Siedlungsgebiete östlich der Oder.

      Und stimmt die Theorie, daß diese Außen- Wohnplätze durch die Slawen angesichts der germanischen Verdrängung entstanden sind, dann wird Bayers Hof mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits im 13. Jahrhundert als Wohnplatz von slawischen Stämmen gegründet worden sein, zumal der Platz dicht am Wasser des Fließes lag. Bayers Hof würde damit eine über 750-jährige Geschichte haben.


Bayers Hof — Wie sah es dort aus?


      Bauernhäuser in Deutschland sind vielerorts so gestaltet, daß unter demselben Dach Menschen, Tiere und Ernte vereinigt sind. Beispiele dafür sind das westfälische und das fränkische Bauernhaus. Nach diesem Prinzip war das Gut „Bayers Hof“ nicht gebaut. Hier gab es ein steinernes Wohnhaus und daneben gesonderte Gebäude mit Stallungen sowie 3 große Scheunen für die Ernte und Pferdewagen. Außerdem existierten noch kleinere Wirtschaftsgebäude wie Waschküche, Schuppen für Bienenstöcke und Gerätschaften sowie ein steinerner Backofen.

Tierhaltung

      Auf Bayers Hof wurden an Tieren gehalten: Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, Hühner, Enten, Gänse, Pfauen und Bienen. Nicht überliefert sind die Anzahl der jeweiligen Tiere. Natürlich gab es auch einen Hund und Katzen. Der Lieblingsaufenthaltsort der Pfauen waren die großen Kronen der alten Bäume, die im Park am Mehrenthiner Weg standen. In zwei Teichen wurden Süßwasserfische gehalten – vor allem Karpfen. Bayers Hof besaß außerdem das Fischrecht im das Gehöft umfließenden Teil des Mehrenthiner Fließes.

Feld- und Gartenwirtschaft

      Die zu bewirtschaftende Fläche war 191 Morgen groß
*, was rund 49 Hektar entspricht. Auch gehörten etliche Hektar Wald zum Gutshof (vermutlich um die 10 ha), so daß der Weihnachtsbaum stets gesichert war. Was genau auf den Feldern angebaut wurde, ist ebenfalls nicht überliefert. Es ist aber bekannt, daß damals im Kreis Friedeberg landwirtschaftliche Flächen im Mittel zu 6 % mit Weizen und Zuckerrüben, zu 58 % mit Roggen und Kartoffeln bestellt wurden. Und so werden auch auf Bayers Hof hauptsächlich Kartoffeln, Roggen und Rüben auf den Feldern angebaut worden sein. Der Anbau von Weizen, Hafer und Gerste wird eher gering ausgefallen sein. *

      Für die Eigenversorgung mit frischem Gemüse und Kräutern dienten 2 große Gärten, einer am Haus und ein zweiter, der bis ans vom Woldenberger See kommenden Mehrenthiner Fließ reichte. Es ist nicht bekannt, ob auch regelmäßig Gemüse wie Weißkohl, Kohlrüben oder grüne Bohnen und Obst wie Kirschen und Äpfel auf dem Wochenmarkt in Woldenberg verkauft wurde.

Hartes Landleben

      Das Leben auf einem solchen Einzelgehöft war im 19. Jahrhundert nicht einfach. Denn es gab damals weder elektrischen Strom noch fließendes Wasser, und das Geschäft mußte auf dem „Örtchen“ verrichtet werden – auch wenn es im Winter bitterkalt war. Sogar –30 Grad waren damals keine Seltenheit. Das Wasser kam aus dem Brunnen, wo es mühsam mit Eimern herausgeschöpft und zu den Tieren und ins Haus geschleppt werden mußte. Fürs Licht am Abend sorgten Kerzen und später Petroleum-Lampen. Und gekocht, gebacken und geheizt wurde mit Brennholz aus den nahen Wäldern.

Foto 1 Foto 2 Foto 3 Foto 4 Storch Inset Karpfen Göpel Big
Plan-Skizze von Bayers Hof 1906
^   Plan-Skizze von Bayers Hof bei Woldenberg auf dem Kietzfeld. Diese Skizze basiert auf einer um 1956 von meiner Tante Grete (Tochter meiner Oma Marie Dittberner, geb. Bayer) angefertigten Handskizze *, die diese aus ihrer Erinnerung anfertigte. Sie ist nicht maßstäblich. Durch Klicken auf den Plan gibt es eine vergrößerte Darstellung.

Aus dem genordeten Inset (Ausschnitt aus dieser Karte) wird deutlich, daß das Gehöft mit den Feldern im großen Bogen des Mehrenthiner Fließes lag. Mehrenthiner Weg und Fließ rahmten Bayers Hof also ein. Die Felder hinter dem Hof stiegen von 50 m zu einem 58 m hohen Hügel an, um dann zum Fließ hin nach allen Seiten um etwa 13 m abzufallen *. Das Fließ war von feuchten Wiesen gesäumt.

Längs des Weges in die Felder, der weit in die Felder führte, standen große Tannen. Die roten anklickbaren Punkte geben die Aufnahmestandorte für die auf dieser Seite präsentierten Fotos an.
  (Grafik: 2006 – khd)

Kein elektrischer Strom

      In der Woldenberger Gegend gingen die Uhren sowieso etwas anders. Denn selbst im Jahr 1924 war die Kleinstadt noch nicht an das Leitungsnetz des Märkischen Elektrizitätswerks angeschlossen, obwohl erst eine solche Vernetzung die Energieversorgung ausfallsicherer gemacht hätte. Im „Heimat-Kalender für den Kreis Friedeberg“ von 1926 (
*) wird ausführlich über die „Elektrizitätsversorgung des Kreises“ berichtet (Seite 5+6). Und danach wurden bereits die Städte Driesen und Friedeberg sowie zahlreiche Dörfer (48), Gutsbezirke (15) und einzelne Güter (8) mit elektrischem Strom versorgt.

      Was der Hintergrund für diese Saumseligkeit der Woldenberger Stadtväter war, ist unbekannt. In dem Bericht heißt es nur: „Wegen Anschluß der Ortschaften (...) und der Stadt Woldenberg schweben Verhandlungen.“ Das hört sich nach Streit an. Es kann sogar sein, daß Bayers Hof bis 1945 überhaupt keinen elektrischen Strom hatte. [mehr]


Bayers Hof — Einige alte Fotos


      Es existieren nur ganz wenige Fotos von Bayers Hof, was verständlich ist. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts war der Besitz von (teuren) Fotoapparaten die seltene Ausnahme. Um einen Eindruck von Bayers Hof zu vermitteln, sind hier einige der uralten Familienfotos präsentiert. Die genauen Daten der Entstehung der Fotos sind meistens nicht bekannt, dafür ließen sich aber die Aufnahmestandorte der Plattenkamera sehr genau rekonstruieren. Diese sind im Plan von Bayers Hof mit roten Punkten markiert.

Bayers Hof -- Ansicht
^   Dieses ist das älteste existierende Foto von Bayers Hof (um 1900), das leider sehr gelitten hat. Links hinten ist schemenhaft die Südseite des Wohnhauses zu erkennen. Vorne links die Waschküche, rechts der Holzplatz. Im Hintergrund stehen die großen Maulbeerbäume.   (Repro *: 2006 – khd)

Bayers Hof -- Bienenstöcke
^   Der Bienenstand auf Bayers Hof unter den Kirschbäumen. Links neben dem Bienenhaus steht Gutsbesitzer Otto Bayer (um 1902).   (Repro: 2006 – khd)

Bayers Hof -- Park-Teilansicht
^   Bayers Hof um 1902: Blick auf einen Teil des Parks und Hofes. In den Bäumen saßen oft die Pfauen von Bayers Hof.   (Repro: 2006 – khd)

Bayers Hof -- Wohnhaus-Eingang
^   Bayers Hof 1938: Der Eingang zum Wohnhaus, das um 1882 neu aufgebaut worden war. 2 Kinder (stehend: Marie Bayer, verh. Dittberner + Franz Bayer) sowie 3 Enkelkinder (eines macht das Foto) von Otto Lebrecht Bayer besuchten die Nachbesitzerin Starkenberg (2. von rechts).   (Repro: 2006 – khd)


Bayers Hof — Die Starkenberg-Ära


      Im Oktober 1907 hatte Bauer Starkenberg den Gutshof von Otto Lebrecht Bayer übernommen. Aus dieser Nach-Bayer-Zeit ist kaum etwas überliefert, sieht man mal von dem Foto aus dem Jahre 1938 ab. Auf diesem Foto ist u. a. Frau Starkenberg zu sehen. Es kann sogar sein, daß es damals eine Mißstimmung zwischen dem Bayer-Clan und den Starkenbergs gegeben hat – warum auch immer.

      Bayers Hof -- Tagelöhnerhaus 1970
^   Bayers Hof 1970 – Ende der 1930er-Jahre hat Gutsbesitzer Starkenberg dieses Haus für seine Tagelöhner gebaut. Hier wohnte von 1942–1945 auch die Familie Mohnhaupt.   (Foto: 1970 – h.mohnhaupt)
      Erst das Buch „
Auf steinigen Wegen – Bei uns zu Haus’“ von Heinz Mohnhaupt (Jg. 1930), der als Kind mit seinen Eltern von 1942 bis Januar 1945 auf Bayers Hof lebte, brachte dann 2009 etwas Licht ins Informations-Dunkel.

Der Weg nach Bayers Hof

      Ende der 1930er-Jahre hatte Gutsbesitzer Starkenberg für seine Tagelöhner am Mehrenthiner Weg in der Nähe des Gutshauses ein neues Wohnhaus und einen Stall gebaut. Damit konnten diese in der Nähe des Hofes wohnen und brauchten zur Landarbeit nicht mehr täglich den weiten Weg von Woldenberg nach Bayers Hof zurücklegen. Offensichtlich waren die Räumlichkeiten, die früher einmal am nördlichen Ende der Stallungen für die „Hausleute“ vorgesehen waren (wie Tante Grete in der
Skizze vermerkte), nicht mehr ausreichend.

      Die Familie Mohnhaupt, die in Woldenberg in der Brauhausstraße östlich des Marktplatzes wohnte, entschied sich 1942 in dieses Haus nach Bayers Hof umzuziehen, auch wenn dadurch nun die Kinder Heinz und Irmgard einen sehr weiten Schulweg nach Woldenberg hatten. Bevor die Mohnhaupts im Herbst 1942 umzogen machten sie im Sommer eine Besichtigungstour. Im ersten Teil seiner Trilogie beschreibt Heinz Mohnhaupt den Weg von Woldenberg nach Bayers Hof so:
    »Erwartungsvoll und frohgemut marschierten wir nun endlich los: Über die Fließbrücke am Niedertor und durch das Scheunenviertel. Kurz vor der Schienenbrücke befanden sich linkerhand ein paar Baracken, in denen verarmte kinderreiche Famiien hausten. Eine Horde verwahrloster Kinder kam herbeigelaufen und suchte Streit mit uns. Wären unsere Eltern nicht mit dabei gewesen, hätten wir wohl mit Sicherheit Reißaus nehmen müssen.

    Mir wurde nun allerdings recht bange, zukünftig auf dem Schulweg dieser Bande täglich begegnen zu müssen. Vater beruhigte mich indem er meinte, daß wir unseren Weg später etwas abseits von hier über den Eberberg verlegen könnten.

    Wir gingen an Feldern vorbei, wo hier und da schon die Wintergerste zu reifen begann. Nach ein paar Kilometern führte unser Weg durch einen romantisch gelegenen niedrigen Baumbestand mit jungen Kiefern, Kusseln genannt. Danach zweigte rechts ein Feldweg zur Neumühle ab.

      Bayers Hof -- Tagelöhnerhaus 2002
^   Bayers Hof 2002 – So sieht das kleine Tagelöhnerhaus 60 Jahre nach dem Einzug der Mohnhaupts aus. Im Hintergrund (rechts) die große Scheune des Hofes.   (Foto: 2002 – h.mohnhaupt)
    In der Ferne sahen wir endlich ein Gehöft und vermuteten, daß dies unser Ziel sei. Vater aber meinte, dieser Hof gehöre dem Bauern Tank und von dort weg hätten wir noch einen knappen Kilometer zu laufen. Nicht weit von unserem Weg entfernt schlängelte sich das Mehrenthiner Fließ dahin.

    Durch den sonnigen Tag erschien die ohnehin liebliche Gegend noch sehenswerter. Etwa 100 Meter vor uns lag ein kleines Wäldchen mit hohem Baumbestand. In diesem Park liege das Gehöft des Bauern Starkenfeld
[Ed: wie der Autor den Bauer Starkenberg im Roman nennt], machte uns Vater aufmerksam.

    Wir wanderten am Park vorbei und sahen unmittelbar vor uns ein kleines, weiß gestrichenes Häuschen mit rotem Ziegeldach. Auch ohne Erklärung wußten wir, daß wir an unserem Ziel angelangt waren. Ein kleiner Tümpel
[Ed: vermutlich der in der
alten Skizze eingezeichnete „Fisch- und Ententeich“], gleich nebenan gelegen und von Bäumen umgeben, gab der Umgebung des Hauses ein idyllisches Aussehen.

    Die beiden Eingangstüren des Doppelhauses waren der Straße
[Ed: gemeint ist der Mehrenthiner Weg] abgewandt und vom Hof aus zu erreichen. Vor dem linken Hauseingang waren gerade zwei Männer beim Haareschneiden. Vater begrüßte sie und stellte sie uns als die polnischen Landarbeiter Franz und Albin vor. Die beiden musterten uns und Franz meinte: „Na, Mohnhaupt, willst Du ziehen mit ganze Familie in dieses Haus? Hier is schön gutt für Kinder.“« Und es war sehr gut für die beiden Kinder.

Landarbeit schlecht bezahlt

      1942 – das war Kriegszeit mit ihren Entbehrungen. Der Landarbeit kam eine große Bedeutung zu, da es ja um die Versorgung der Bevölkerung ging. Auf vielen Höfen mußten damals kriegsgefangene Polen oder Franzosen arbeiten. Auch den Starkenbergs waren 2 Polen und 1 Tscheche zugewiesen worden. Sie werden außer dem freien Logis nur wenig Geld für ihre harte Arbeit erhalten haben. Denn auch deutsche Landarbeiter erhielten nur Hungerlöhne. Denn mit dem Sozialismus der Nationalsozialisten war es nicht weit her.

      Heinz Mohnhaupt macht in seinem Buch (Seite 70) zur Entlohnung deutscher Landarbeiter folgende Angaben, wie sie ab 1. Oktober 1942 auf Bayers Hof für seine Eltern galten:

  • Täglicher Verdienst Ernst Mohnhaupt bei durchschnittlich 10 Stunden pro Tag: 1,60 RM [Ed: ein Stundenlohn von etwa 16 Pfennig!].
  • Täglicher Verdienst Emma Mohnhaupt bei durchschnittlich 8 Stunden pro Tag: 1,35 RM [Ed: ein Stundenlohn von etwa 13 Pfennig!].
  • Miete: frei.
  • 300 Quadratmeter Gartenland: frei.
  • Deputat jährlich:
    • 6 Raummeter Brennholz,
    • 20 Zentner Brikett,
    • 40 Zentner Kartoffeln,
    • 3 Zentner Futterrüben,
    • 3 Zentner Schrot,
    • 6 Zentner Heu.
  • Deputat täglich: 2 Liter Vollmilch.
  • Bezahlter Urlaub: keiner.

      Auch ohne Vergleichzahlen ist klar, daß trotz Naturalien diese ‚Doppelverdiener‘ mit rund 75 RM (Reichsmark) im Monat wirklich nicht viel verdienten. Und für jeden ausgefallenen Tag (z. B. durch Krankheit) wurde kein Geld gezahlt. In Berlin hätten 1942 diese 75 RM mal gerade für die Miete einer ofenbeheizten 2 1/2-Zimmer- Wohnung gereicht.

Vom einfachen Leben auf Bayers Hof

      Und so war bei den Mohnhaupts – immerhin mit den beiden Kindern eine vierköpfige Familie – Schmalhans Küchenmeister. Die Abendessen sahen beispielsweise so aus: Am Montag und Donnerstag gab’s Milchsuppe, meist
Kliebensuppe. Dienstags und freitags gab’s dann Pellkartoffeln, meistens mit aromatischer Majoranstippe. Am Mittwoch und am Sonnabend waren Bratkartoffeln ohne Beilagen dran. Nur am Sonntagabend wurde Brot und etwas Wurst aufgetischt.

      Da Petroleum für Lampen knapp und zudem teuer war, ging man im Winter immer schon früh schlafen – so auch die Mohnhaupts. Sie erhielten damals im Monat auf Bezugsmarken lediglich 2 Liter Petroleum. Das reichte mal gerade für so 1 bis 2 Stunden Licht pro Tag, wenn man den Docht nicht zu hoch drehte. Ansonsten mußte oft das Feuer im Kochherd als ‚Notbeleuchtung‘ herhalten. Es mußte eben an allen Ecken und Enden immer wieder gespart werden.

Umgebung von Bayers Hof -- Ausschnitt aus dem Meßtischblatt „Woldenberg“ von 1934
^   Umgebung von Bayers Hof 1934. Stark vergrößerter Ausschnitt aus dem Meßtischblatt Nr. 3060 „Woldenberg“ von 1934 *. Deutlich ist der Hügel mit 57,8 m Höhe über NN auf den Feldern von Bayers Hof zu erkennen, um den das Fließ von oben links kommend herumfließen muß. An der östlichen Hofausfahrt ist seit 1907 ein neues Gebäude entstanden.

Nördlich von Bayers Hof liegen die 2 kleineren Bauernhöfe von Tank und Wenzel. Links oben geht es zur „Neumühle“. Dieser Plan wurde nachträglich etwas koloriert. Die weitere Umgebung in gleichem Maßstab gibt es auf dieser Karte (3,1 MByte), die mit einem 1-km-Raster versehen ist.
  (Repro: 12.6.2009 – khd)

Und beinah hätte es Strom gegeben

      Es war so, auf Bayers Hof gab es bis 1945 tatsächlich keinen elektrischen Strom. Offensichtlich hatte der Krieg die Pläne für den Anschluß aus den 1930er-Jahren völlig zunichte gemacht. Dem Bruder des Gutshof-Besitzers Starkenberg, ein pfiffiger Elektriker, war dann Ende der 1930er-Jahre Großes eingefallen – die Nutzung alternativer Energiequellen zur Stromerzeugung. Er hatte damit begonnen auf dem höchsten Berg bei Bayers Hof – dem „Windbock“ (58 m hoch) – eine ganz besondere Windmühle zu bauen.

      Diese sollte nämlich einen kleinen Generator antreiben, um Bayers Hof endlich elektrischen Strom ins Haus zu bringen. Das Windrad hatte er schon fast fertig, dann kam aber der Krieg, und er wurde eingezogen. Wieder wurde nichts aus dem Strom und dem Radiohören. Und die Windmühle verfiel von Jahr zu Jahr immer mehr. Erst lange nach 1945 muß dann Strom auf den Hof gekommen sein.

Noch nicht mal ’ne Gans

      Erinnere ich (
khd) mich richtig, sagte meine Oma Marie (*1875) einmal in den 1950er-Jahren, die Starkenbergs seien „häbbrig“ gewesen. Wir würden heute sagen, die hätten kein sehr ausgeprägtes soziales Verhalten an den Tag gelegt. Bestätigt wird das durch eine Kleinigkeit, über die Heinz Mohnhaupt in seinem Buch 2004 berichtet (1. Teil, Seite 145).

      Es war Weihnachten 1942. Die Mohnhaupts waren im Herbst ins „Tagelöhnerhaus“ auf Bayers Hof gezogen und mußten dort für wenig Geld sehr hart arbeiten. Eigenes Vieh, das man zu Weihnachten hätte schlachten können, hatten sie noch nicht. Sie waren also nur auf das angewiesen, was es auf Lebensmittelmarken in Woldenberg gab, obwohl auf Starkenbergs Hof reichlich Federvieh rumlief.

      »Zum Beispiel hätte uns der Bauer zum Fest einige Lebensmittel zukommen lassen können. Schließlich wußte er, daß wir momentan noch kein eigenes Vieh besaßen, und somit auf die immer geringer werdenden Lebensmittelzuteilungen angewiesen waren.

      Etwas enttäuscht äußerte Mutter: „Wenn der wenichst’ns bei so ville Jänse, die der hat, uns eene davon oder een paar Eier hätt jejeb’n. Als ick heut’ abend de Milch jeholt hab’, saß der mit seine oll’n Mutta inne Stub’ un hat uff’n Klavier jeklimpert. Hätta doch wenichst’ns uns een jutet Fest jewünscht un für de Kinda wat mitjejeb’n. Ick komm mir heut’ abend vor, wie varrat’n un vakooft.“«

      Hätten die Mohnhaupts 50 Jahre früher auf Bayers Hof gelebt, dann wäre das ganz sicher nicht passiert. Denn vor allem Auguste Bayer (geb. Köhler, 1848–1906) hat sich immer sehr fürsorglich um ihr Personal gekümmert. Sie wußte, was sie daran hat. Und sie hätte den Mohnhaupts nicht nur eine geschlachtete Gans, sondern auch Eier und ein ordentliches Stück geräucherten Schinken gegeben. Und zu Neujahr hätten sie dann noch einen großen Spiegelkarpfen geschenkt bekommen. Aber das sollte nicht sein.


Bayers Hof — Blick auf Bayers Hof heute


    Satelliten-Foto von Dobiegniew mit Ort von Bayers Hof
^   Satelliten-Foto von Dobiegniew (Woldenberg) mit dem Ort, wo bis 1945 Bayers Hof war. Der Ort heißt heute „Osada Nowy Mlyn“ (Siedlung Neue Mühle). Klicke, um vergrößertes Satelliten-Foto anzuzeigen und mit dem alten Meßtischblatt-Ausschnitt zu vergleichen.

Es stellte sich dann aber 2010 heraus, daß Google das Foto falsch beschriftet hatte. Dieses „Osada Nowy Mlyn“ liegt etwa 1 km weiter westlich und entspricht der „Neu-Mühle“ aus Woldenberger Zeiten. Bayers Hof trägt offensichtlich heute in Polen keinen eigenen Flurnamen.
[mehr]   (Google Earth – 2008)
BERLIN – 31.3.2008 (khd).
Google-Earth macht’s heute (2008) möglich: Das Ansehen von Fotos im Internet von (fast) jedem Ort auf der Erde. Diese Fotos sind von Satelliten aus dem Weltall aufgenommen und mit Computern aufbereitet worden. Man muß dazu nur die Google-Software auf dem PC installiert haben und die geographischen Koordinaten des Ortes wissen, von dem man ein Foto sehen möchte.

      Auf der Suche nach den ‚Resten‘ von Bayers Hof wurde Anfang März 2008 ein erstes solches Foto heruntergeladen und hier präsentiert (Klick auf das nebenstehende Bildsymbol). Die Orts- Koordinaten sind: Breite = 52° 56' 58,59" Nord (rund 52,95°), Länge = 15° 47' 57,57" Ost (rund 15,80°). Damit wurde ein Foto von Dobiegniew (früher Woldenberg) mit seiner südöstlichen Umgebung mit einem Blick aus rund 8500 Metern (27.844 ft) angezeigt. Leider stand bei Google-Earth eine höhere Auflösung nicht zur Verfügung. [Druckfassung dieses Fotos in PDF]

      Das Satelliten-Foto deckt einen Bereich vom Woldenberger Gehege im Westen bis weit hinter Mehrenthin (Mierzecin) im Osten und in Nord-Süd- Richtung einen Bereich von Johanneswunsch (Rolewice) bis Eichberg (Debogóra) ab. Der Google- Computer hat das Foto mit polnischen Ortsnamen beschriftet, deren frühere deutsche Bezeichnung lauten:

   
Zur Orientierung:
  Chrapów = Grapow
  Debogóra = Eichberg
  Dobiegniew = Woldenberg
  Dolinka = xxx
  Grabionka = Grabershof
  Grzmiaca = Hier war früher die alte Papier-Mühle.
  Mierzecin = Mehrenthin
  Osada Nowy Mlyn = Am falschen Ort eingetragen,
  denn an dieser Stelle war Bayers Hof und
  noch heute ein Bauernhof.
  Ostrowiec = Rohrsdorf
  Rolewice = Johanneswunsch
  Sarbinowo = Schüttenburg
  Slonów = Schlanow
 

      Auf diesem Foto sind auch Neuigkeiten zu entdecken. So ist der große Woldenberger See in westlicher Richtung über den früheren Postberg (Straße nach Klosterfelde) hinaus vergrößert worden. Und am Ort im Bogen des Mehrenthiner Fließes, wo bis 1945 Bayers Hof war, existiert nun eine ganze Siedlung, die den polnischen Namen „Osada Nowy Mlyn“ (Siedlung Neue Mühle) trägt. Aber das stimmte so nicht, wie sich 2010 herausstellen sollte. GoogleEarth ist nicht fehlerfrei!

Bayers Hof — Ein genauerer Blick auf Bayers Hof heute


BERLIN – 1.5.2010 (khd). Im November 2009 kam dann ein Hinweis von Jarek K. Dieser polnische Leser mit etwas Ortskenntnis hatte diesen Report über Bayers Hof gelesen. Auch er wunderte sich über Googles Notation des Namens „Osada Nowy Mlyn“ am früheren Ort von Bayers Hof. Er wußte zudem, daß Polens Administration unter http://maps.geoportal.gov.pl/ einen besseren Service mit höherauflösenden Satelliten-Fotos des Landes betreibt. Mit diesem Material konnte dann der Fall aufgeklärt werden.

      Diese polnische Siedlung „Osada Nowy Mlyn“ liegt heute dort, wo früher Woldenbergs „Neu-Mühle“ am Mehrenthiner Fließ lag. Bayers Hof hat hingegen eindeutig die Koordinaten: Breite = 52° 57' 0,08" Nord (rund 52,95° North), Länge = 15° 47' 51,01" Ost (rund 15,798° East), hat aber heute offensichtlich keinen eigenen Namen mehr. Der dort noch immer vorhandene Bauernhof gehört heute zum Ortsteil Kubczyce der Gemeinde Dobiegniew.

Bayers Hof -- Blick von oben auf den Bauernhof um 2009
^   Bayers Hof um 2009 – Blick aus dem All mit eingeblendeten roten Kataster-Linien. Dieses Satelliten-Foto wurde im November 2009 vom polnischen Server http://maps.geoportal.gov.pl/ bezogen. Die Koordinaten (unten links) beziehen sich auf das Kreuz in der Bildmitte. Die gelben Bezeichnungen wurden nachträglich hinzugefügt.

Es bedeuten:   F = Mehrenthiner Fließ, G = Hier war Uromas Blumen- und Gemüse-Garten, M = Mehrenthiner Weg (heute: Straße 161), P = Der Park, S = Scheune (aber wohl ein Neubau), T = Das Tagelöhnerhaus von 1939/40, W = Das Wohnhaus von 1882. [Karte von 1934 zum Vergleichen]   (Foto: um 2009 – gov.pl)


Bayers Hof — Was wurde aus Bayers Hof?


BERLIN – 1.3.2006 (khd). Sicher ist nur, daß die Starkenbergs den Gutshof bis 1945 bewirtschafteten. Ob es aber heute (2006) – 100 Jahre später – noch am Standort von „Bayers Hof“ einen Bauernhof gibt, ist nicht bekannt. Aus dem Plan von Dobiegniew kann dazu keine eindeutige Information entnommen werden (hm, was bedeutet bzw. ist „Nowy Mlyn“). Auch via Satelliten-Fotos von Google-Earth ist es bislang nicht gelungen, das aufzuklären. Dieses Nowy Mlyn hat die Orts-Koordinaten 52° 56' 57" Nord = 52,9492° North und 15° 47' 55" Ost = 15,7986° East, was ja recht gut mit der Position von Bayers Hof übereinstimmt.

Zerstörung vermutet

      Es spricht manches dafür, daß dieses „Nowy Mlyn“ (Neue Mühle) nicht mit „Bayers Hof“ identisch ist
*. Vielmehr ist es wohl so, daß das alte Gehöft die Kriegswirren von 1945 und die Nachkriegszeit nicht überlebt hat. Denn Besucher haben 1985 nichts mehr von Resten eines Bauernhofs im Bogen des Mehrenthiner Fließes bemerkt, aber sie haben auch nicht extra danach gesucht.

      Auch das in der Nähe von Bayers Hof nördlich der Bahnlinie gelegene Gehöft „Abbau“ existierte 1980 nicht mehr. Hier lagen die Steine aufgeschichtet am alten Bahnwärter- Häuschen am Weg zu den Fließwiesen. [mehr]

Aber Bayers Hof lebt

BERLIN – 14.6.2009 (khd). Im Juni 2009 stellte sich dann durch einen
Augenzeugen- Bericht des Lesers Heinz Mohnhaupt *. heraus, daß Bayers Hof gut durch die Kriegswirren von Ende Januar 1945 und die Nachkriegszeit gekommen ist. Da wurde nichts von den Gebäuden durch vorrückende russische Panzer zerschossen. Ganz offensichtlich hat die Barriere der Bahnlinie als Schutz gewirkt.

      Bei einem Besuch im Jahr 1970 stellte Heinz Mohnhaupt fest, daß die Gebäude des Hofes noch standen, aber alles sehr verwildert war. Bei einem weiteren Besuch im Jahr 2002 war dann alles wieder in Schuß (siehe Foto). Heinz Mohnhaupt hatte bis 1945 als Kind auf Bayers Hof gelebt und seine Erinnerungen an die Zeit 1942–1945 in einem Buch aufgeschrieben.

Bayers Hof -- Der Gutshof im Jahr 2002
^   Bayers Hof 2002. Blick vom Mehrenthiner Weg auf das Gutshaus (Mitte) und die Scheunen. Es ist schon erstaunlich: Der Zaun sieht fast noch so aus wie vor 100 Jahren, als hier noch Auguste Bayer (1848–1906) und Otto Lebrecht Bayer (1848–1942) ‚regierten‘ – vielleicht sogar so wie 1875 als meine Oma Marie Bayer genau hier geboren wurde. [Bayers Hof am Ende des Krieges]   (Foto: 2002 – h.mohnhaupt)


Bayers Hof — Wiedersehen nach 68 Jahren


BERLIN – 18.10.2013 (khd). Den über 80-jährigen Geschwistern Mohnhaupt (Heinz und Irmgard) war es leider nicht möglich, im Juni 2013 zum von Gregor Stach veranstalteten Woldenberg-Symposium nach Dobiegniew zu kommen. Aber Herr Stach lud sie im September nach Amalienhof ein, so daß doch noch ein Wiedersehen der alten Heimat möglich wurde. Davon berichtet Heinz Mohnhaupt (Jg. 1930) in einer Mitteilung, die mich gestern erreichte:

      Herr Gregor Stach hat es uns ermöglicht, die Orte unserer Kindheit noch einmal zu besuchen und auch die Wohnung in Bayershof zu betreten, die wir vor 68 Jahren verlassen mussten. Zuerst fuhren wir nach Neumühle, wo von dem ehemaligen Gut kaum noch etwas zu erkennen war. Die Papiermühle dagegen, die wir anschließend besuchten, war in recht ordentlichem Zustand.

      Den ehemaligen Gutshof von Bauer Starkenberg zu besichtigen gelang uns leider nicht. Der Hof ist nicht mehr – so wie früher – zugänglich, denn ein eisernes Gitter versperrt jetzt den Zugang. Eine Frau – offensichtlich die Besitzerin – schloss die leicht offen stehende Pforte und wies uns mit den Worten ab, dass sie beschäftigt sei und keine Zeit für uns habe. So konnten wir uns leider nur flüchtig umsehen. Die früheren Stallungen existieren nicht mehr, nur noch einzelne Teile, sodass davon auszugehen ist, dass es keine Viehzucht gibt. Anstelle des Ackerlandes, welches früher gleich neben den Gebäuden begann, gibt es nur Wiese, sodass anscheinend auch kein Ackerbau betrieben wird.

      Gegen 16 Uhr waren wir mit den Leuten verabredet, die im ehemaligen Tagelöhnerhaus nebenan wohnen. Wir wurden sehr herzlich begrüßt und auch sofort gebeten, uns in allen Räumen umzusehen. Es war schon ein eigenartige Gefühl, nach so vielen Jahren wieder unsere ehemalige Wohnstätte zu betreten. Die Örtlichkeit ist dieselbe, aber es hat in der Zwischenzeit durchweg positive Veränderungen gegeben. Das Haus wurde 1947 neu bezogen und ist seitdem im Besitz der Familie. Bei Kaffee und Kuchen – von unseren Gastgebern selbst gebacken, mit Pflaumen von den Bäumen, die seit unserer Kindheit dort stehen – verging die Zeit viel zu schnell. Dank Herrn Stach konnten wir uns auch gut miteinander verständigen. Gegen 19 Uhr wurden wir herzlich verabschiedet und es wurde uns das Versprechen abgenommen, wieder zu Besuch zu kommen.

Es ist natürlich betrüblich, daß auf Bayershof heute nun keine oder kaum noch Landwirtschaft stattfindet und die Felder brachliegen. Es wird noch zu klären sein, warum es dazu gekommen ist.


Bayers Hof — Einige überlieferte Kochrezepte


      Durch meine Großmutter, die in den 1880er-Jahren auf Bayers Hof aufwuchs, sind eine Vielzahl an für den Bauernhof typischen Kochrezepten überliefert. Die besten Rezepte sind bereits auf einer extra Seite publiziert worden. Im einzelnen sind das:


Anmerkungen — Fußnoten


  1. Bayers Hof: Während anderenorts meist die zusammenhängende Schreibweise „Bayershof“ verwendet wird, ist dieser Ortsname in dieser Präsentation durchweg getrennt geschrieben. (1.11.2006-khd)

  2. Nowy Mlyn: Thanks, the problem is solved – Problem gelöst. Das polnische „Nowy Mlyn“ bedeutet auf Deutsch „Neue Mühle“ (New Mill). Das kann also nicht Bayers Hof sein. Denn bereits zu Woldenberger Zeiten gab es etwas nordwestlich von Bayers Hof (siehe Karte) einen Wohnplatz „Neu M.“ (Neu-Mühle).

    Also muß etwas nicht mit den Koordinaten stimmen, d. h. die Angaben sind vermutlich nicht genau genug. Immerhin macht auf der geographischen Breite von rund 53° eine Änderung um 10" (Längen- Winkelsekunden) eine horizontale Abstandsdifferenz von rund 190 m aus. Natürlich kann es auch sein, daß man heute den Ort von Bayers Hof tatsächlich „Nowy Mlyn“ nennt, und es die alte Neu-Mühle gar nicht mehr gibt. (18.11.2006-khd) [mehr].

  3. Handskizze von Bayers Hof: Diese Skizze befindet sich in einem Diarium „Ahnen und Sippe“, das Margarete Dittberner (* 1899) um 1955 für mich geschrieben hat [BU 228 ist meine Buch-Nr.]. Sie ist die älteste Tochter von Marie Dittberner, geb. Bayer (* 1875), und hat Bayers Hof als Kind und später oft besucht. Das Heft enthält auch die Beschreibungen zu Bayers Hof. (15.11.2006-khd)

  4. Klingenfließ: Im Meßtischblatt von 1934 kann dieses Fließ zunächst nicht ausgemacht werden. Vermutlich floß hier Wasser nur nach starken Regenfällen. Eine genauere Analyse des Meßtischblatt- Ausschnitts legt nahe, daß es sich bei dem Strich, der im Zickzack aus Richtung der Bahnlinie kommt, um das „Klingenfließ“ handeln könnte. Er wurde zunächst als Weg interpretiert. Aber dieser Strich ‚mündet‘ tatsächlich kurz vorm Eingang zu Bayers Hof in das Mehrenthiner Fließ, wie Tante Grete geschrieben hatte. Auf dem vergrößerten Kartenausschnitt ist das noch besser zu erkennen. (19.11.2006-khd)

  5. xxx-Winkel: Das Wort ist derzeit nicht entzifferbar, denn M. D, schrieb den Text in alter deutscher Handschrift, die ich zwar beherrsche. Aber Tantes Handschrift ist halt schon sehr sehr ‚ausgeschrieben‘. (16.11.2006-khd)

  6. Foto von 1900: Bei diesem Foto wurde ein erheblicher Repro-Aufwand mit vielen Fehlversuchen betrieben. Immerhin konnten so mit etwas Mathematik (diagonales ‚edge enhancement‘) doch noch die Mauersteine (links), die Leiter und ansatzweise die Dachpfannen des Wohnhauses erkennbar gemacht werden. (16.11.2006-khd)

  7. Höhenangaben: Um die Höhenangaben in der Gegend von Bayers Hof zu verdeutlichen, wird hier ein Ausschnitt aus dem amtlichen Meßtischblatt von 1934 * wiedergegeben. Dieses enthält außerdem Höhenlinien zur Erkennung der Struktur:

Skizze Big
Auszug aus dem Meßtischblatt „Woldenberg“ von 1934
^   Auszug aus dem Meßtischblatt Nr. 3060 „Woldenberg“ von 1934 *. Deutlich ist der Hügel mit 57,8 m Höhe über NN auf den Feldern von Bayers Hof zu erkennen. Was es mit dem eingezeichneten Gebäude, etwas nördlich von Bayers Hof, auf sich hat, ist unbekannt. Es könnte der Bauernhof Tank sein. Der See unten in der Bildmitte ist der Schlanower See, an den sich östlich Wald anschließt. Die Karte wurde nachträglich etwas koloriert. Die Abkürzungen bedeuten: BW = Bahnwärter, Br = Brücke, NN = Normal-Null (Meeresspiegel), Sch = Scheune, Schp = Schuppen, St = Stall.   (Repro: 19.11.2006 – khd)

  1. Göpel-Werk (Roßwerk): Das ist eine einfache, von Tieren angetriebene Maschine. Meist wurden dazu Pferde verwendet, die im Kreis herumgehen mußten und dabei eine Drehvorrichtung antrieben. Mit dieser Drehvorrichtung wurde beispielweise über ein Getriebe ein Häcksler angetrieben, der Stroh zu Futterzwecken in kurze Stücke zerschneiden konnte. Ein Göpel-Werk stellte für die Bauern eine erhebliche Arbeitserleichterung dar. (21.11.2006-khd)

  2. Weg nach Bayers Hof: Dieser Mehrenthiner Weg ist heute (2006) eine aspaltierte Straße und trägt die Nr. 161. Sie führt allerdings nicht nach Kreuz (Krzyz), wie sich das die Woldenberger Stadtväter in den 1920er-Jahren so sehr wünschten. Die neue Straße führt über Mierzecin (Mehrenthin), Zagórze Lubiewskie (Langs Teerofen) nach Drezdenko (Driesen) ins Netzebruch. (21.11.2006-khd)

  3. Augenzeugen-Bericht: Die Eltern von Heinz Mohnhaupt waren Landarbeiter auf Bayers Hof. Sie flüchteten mit ihren Kindern am 27.1.1945 von Bayers Hof per Pferde-Fuhrwerk vor den Russen nach Westen, kehrten aber nach Ende des Krieges Mitte Mai 1945 wieder nach Bayers Hof zurück. Der Gutshof hatte unversehrt den Panzer-Vorstoß der Roten Armee überstanden. [Kurzbericht von Heinz Mohnhaupt] (10.6.2009-khd)

  4. Größe von Bayers Hof: Autor Mohnhaupt spricht in seinem Buch (1. Teil, Seite 16) von 450 Morgen (rund 115 Hektar), die der Nachfolger von Otto Bayer, Landwirt Starkenberg, um 1940 bewirtschaftete. Unklar ist, ob Starkenberg noch Ländereien zugekauft hat, oder ob die von M. Dittberner aufgrund eines Grundbuchauszugs aus dem Jahre 1794 überlieferte Zahl von 191 Morgen bereits durch spätere Zukäufe unter Julius Heinrich Bayer (1819–1902) sich erhöht hatte. Mohnhaupt schreibt auch, daß zum Gut etwa 50 Morgen (rund 13 Hektar) Wald gehörten, der rund 2 km vom Gehöft entfernt war. (12.6.2009-khd)

    Unter Rosen und Narzissen
    Blühe sanft Dein Leben hin.
    Unschuld sei's die Dich begrüße,
    Tugend Deine Führerin.

    Zur frdl. Erinnerung
    Marie Bayer

    Woldenberg, den 1.3.1888
  5. Marie Sophie Florentine Bayer: Sie wurde am 5. September 1875 als 2. Kind von Auguste Bayer, geb. Köhler und Otto Lebrecht Bayer auf Bayers Hof bei Woldenberg geboren. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie 1897 den Lehrer Gustav Dittberner. Mit ihm hatte sie 6 Kinder. Auch sie mußte Ende Januar 1945 aus Woldenberg vor den Russen flüchten und starb 1964 in Berlin-Grunewald. Dokumente aus ihrem Leben sind keine erhalten geblieben. Alles blieb in Woldenberg zurück.

    Umso mehr überraschte nun im Mai 2011 ein Eintrag im Forum/ Gästebuch. Eine Leserin hatte 2 uralte Poesie-Alben aus Woldenberg aufgetrieben und dort die Eintragenden mitgeteilt. Und darunter war eine „Marie Beyer“, die am 1. März 1888 in das Album einer Anna Hinze eine Erinnerung eingetragen hatte. Vorname und Daten paßten gut auf die Großmutter des Herausgebers. Es stellte sich dann schnell heraus, daß es wirklich Marie Bayer war, die den Album-Eintrag vornahm, denn das „e“ in „Beyer“ war ein „a“. Ein Überraschungsfund nach 123 Jahren, der so nur durchs Internet möglich wurde. (19.5.2011-khd)






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