Überlieferungen aus der Geschichte der Mark Brandenburg, insbesondere der Neumark (einst
heiß umkämpfter östlichster Landesteil der Mark Brandenburg) und anderen preußisch/
brandenburgischen Regionen.
Kurzübersicht
Die Neumark ist bzw. war das östlich der Oder gelegene brandenburgische Land, welches sich
keilförmig von der Oder aus zwischen Pommern, den Provinzen Westpreußen, Posen und Schlesien
erstreckte.
Die Grenzen der Neumark waren in Jahrhunderten durch permanente Grenzkriege, Änderung adeliger
Besitzverhältnisse und regionale Neuordnungen ständigen Änderungen unterworfen. Dadurch
blieb die gesamte Neumark auch nicht ständig Teil von Brandenburg.
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Gliederung der brandenburgischen Neumark in seiner größten Ausdehnung in Landkreise.
Unter dem Kern der Neumark versteht man die 5 Kreise Arnswalde, Königsberg/Nm, Soldin,
Landsberg/Warthe und Friedeberg/Nm die Neue Marck über Oder von 1290.
(Grafik-Quelle: GenWiki) |
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So wurde z. B. Schivelbein in Hinterpommern, ca. 100 km nördlich von Driesen vor Jahrhunderten
zeitweilig noch zur Neumark gezählt. Der Kreis Meseritz gehörte zu Anfang des 20. Jh. zur
Provinz Posen und kam in Folge des Versailler Vertrages 1922 mit den weiteren Kreisen Schwerin/ Warthe
und Bombst zur damaligen Grenzmark, die aus Teilen der an Polen abgetretenen früheren
preußischen Provinzen Posen und Westpreußen mit der Hauptstadt Schneidemühl neu gebildet
wurde.
Im Zuge der letzten deutschen Neuordnung 1938 wurden diese 3 Kreise an Brandenburg angegliedert,
während die beiden weiteren neumärkischen Kreise Friedeberg und Arnswalde zu Pommern
kamen.
Die Neumark umfasste im wesentlichen das Gebiet von Nord/West bei Schwedt an der Oder beginnend nach
Osten über Königsberg/Neumark, Soldin, Berlinchen, Arnswalde, Friedeberg, Driesen,
Schwerin/Warthe, Zielenzig und Reppen im Süden und bei Frankfurt wieder bis an die Oder. Als
Kerngebiet der Neumark kann das Niederungsgebiet des Warthe- und Netzebruches gelten, welches
südlich und nördlich von Höhenrücken flankiert wird. Die größte Stadt der
Neumark war bzw. ist Landsberg an der Warthe, heute Gorzów Wlkp. Das gesamte Gebiet gehört
seit 1945 zu Polen.
Über die Entstehung des Landes
Während des warmen und feuchten Klimas im Erdaltertum hatte sich eine üppige Vegetation
entwickelt. Im Gebiet der brandenburgischen Braunkohlenlagerstätten, z. B. um Senftenberg, wurden
Überreste gewaltiger untergegangener Urwaldbäume mit bis zu 3 m Stammdurchmesser vorgefunden.
Diese lagen in mehreren Schichten übereinander. Darunter waren vorzugsweise Sumpfzypressen, wie sie
heute noch in wärmeren Regionen vorkommen.
Gewaltige Naturereignisse, starke Regenfälle, durch Hochwässer herangeschwemmte Schlammmassen,
Sumpfbildungen usw. mögen in Jahrtausenden zur Bildung dieser verschiedenen Schichtungen
geführt haben, aus denen dann die Braunkohle entstand.
Die Eiszeit mit den aus dem hohen Norden vordringenden gewaltigen Eismassen mit eingelagerten Gesteins-,
Geröll- und Erdmassen beendete diese Wärmeperiode.
Nach weiteren Jahrtausenden mit dem allmählichen Abschmelzen des Eises von Süden her bildeten
sich wiederum gewaltige Wassermassen, die infolge der noch bestehenden Eisbarriere nicht nach Norden
abfließen konnten. Entsprechend des vorhandenen Bodenprofils bildeten sich gewaltige
Wasserströme, etwa aus dem heutigen Weichselgebiet bis zur Nordsee als mächtige Abflüsse,
sog. Urstromtäler. Deren mitgeführte Schwemmmassen lagerten sich im Untergrund ab und bedeckten
wiederum die darunter liegenden Schichten.
So entstanden in den niedrigeren Regionen drei in etwa parallel zueinander verlaufende Urstromtäler.
Höhere Gebiete hatten sich durch Ablagerungen von Sedimenten aus dem Eis herausgebildet, so z. B.
der pommersche Höhenrücken, der zum baltischen Landrücken gehört. Südlich davon
befinden sich die Ausläufer des uralisch- karpatischen Höhenzuges, der sich über das
südliche neumärkische Höhengebiet bis in das Mündungsgebiet der Obra in die Oder bei
Züllichau und weiter bis zum Fläming zwischen Belzig und Dahme erstreckt.
Das nördlichste der Urstromtäler, das Warschau-Berliner Urstromtal verlief in Richtung der
heutigen Flussläufe Netze Warthe Havel zur Elbe und weiter in die Nordsee. Über
der heutigen Ostsee lag zu dieser Zeit noch ein gewaltiger Eispanzer.
Aus höheren Lagen floss das Wasser ab. In Senkungsgebieten blieb es erhalten. So entstanden
Flussläufe und Seen, sowie u. a. das Warthe-, Netze- und Oderbruch.
Besonders in den ständig feuchten und nassen Bruchgegenden entwickelten sich so wieder neue,
undurchdringliche, nahezu menschenfeindliche Urwälder mit einem fast unvorstellbaren Wild- und
Fischreichtum, u. a. Hirsche, Rehe, Wildschweine, Biber, Füchse, Bären und zahlreiche
Vogelarten.
Die Erstbesiedelung
Da das Nahrungsangebot reichhaltig war, drangen nach und nach die ersten Menschen von Süden her in
nördliche Richtung vor und nahmen als Ureinwohner zunächst Teile des Landes in Besitz.
Das Land wurde anfangs nur sehr schwach bevölkert, wie durch Ausgrabungen aus Spuren frühester
menschlicher Anwesenheit nachgewiesen werden konnte. Grabungsstätten in der Neumark waren u. a. der
Hottosberg im unteren Netzebruch bei Pollychen, bei Fichtwerder, Landsberg, Kraatzen, Rodenthal,
Säpzig, Soldin, Vietz und weitere.
Es ist nicht sicher, um welche Volksstämme es sich bei den ersten Bewohnern der Neumark gehandelt
hatte. Auf Grund der Zuwanderungsrichtung wird angenommen, dass es Germanen waren. Ende des 4. Jh. begann
bei den Germanen die Völkerwanderung. Sie gaben z. T. ihre bisherigen Aufenthaltsgebiete auf in
denen sie vorzugsweise nomadisierend als Jäger gelebt hatten und zogen in westliche und
südliche Richtungen.
Die Völkerwanderung hatte zu einer Entvölkerung des Landes geführt. Die frei gewordenen
Wohnplätze nahmen neue Zuwanderer aus dem Osten ein. Hierbei handelte es sich um
slawische Volksstämme. Um 700 n.
Chr. sind die ersten Spuren einer slawischen (wendischen) Zwischenzeit nachgewiesen worden, in der die
Pomeranen bis zur Oder vordrangen und die Polanen südlich der Warthe ansässig waren.
Man nimmt an, dass auch weitere slawische Stämme, wie
Sorben,
Lutizen und
Wilzen einwanderten. Diese
wurden wohl als erste sesshaft und richteten wahrscheinlich die ersten Siedlungen in der späteren
Neumark ein. Aus dieser Zeit stammen u. a. Spuren von 11 Burgwällen. Die Gründung von Orten mit
Namensendungen auf -ow und -in wird ebenfalls in diesen Zeitraum datiert.
Zurück gebliebene Germanen und zugewanderte Slawen mochten anfangs nicht miteinander leben und
bekämpften einander. Nach und nach fand aber wohl mit ziemlicher Sicherheit, zumindest partiell auch
eine langsame Annäherung und Vermischung zwischen Germanen und Slawen statt. Dazu trug wohl auch ein
späterer teilweiser Rückstrom von Germanen bei. Es kam zu ständigen Änderungen von
Besitzverhältnissen. Seit etwa 960 versuchten die Polen u. a. durch Angriffe auf pommersche Regionen
ihr Gebiet zu erweitern.
Das Wendenreich entwickelte sich sehr positiv, bis an die Elbe und z. T. auch darüber hinaus. Ganz
wesentliche Gründe für immer wieder aufflackernde Rivalitäten waren religiöser Art.
Die bereits christlich orientierten Germanen bezeichneten die Slawen mit ihrer Naturreligion als Heiden.
So wurden Jahrhunderte lang blutige Völkerkämpfe geführt, etwa bis zum Tode des
Wendenfürsten Pribislaw 1143. Dieser war inzwischen zum Christentum übergetreten und hatte sein
Land (Zauche und Teil- Havelland)
Albrecht dem Bären [Ed: Begründer der
Mark Brandenburg] vermacht.
Die Askanierzeit
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Die slawische Brandenburg um 950. Sie lag auf der heutigen Dominsel der Stadt Brandenburg an der Havel.
(Repro: 2007 khd) |
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Der
Askanier Albrecht der Bär,
Graf von Ballenstedt aus dem Hause Anhalt, 1. Markgraf von Brandenburg (um 1100 1170) gewann
11501157 außerdem den anderen Teil des Havellandes und Brandenburg. Diese Landesteile wurden
unter seiner Herrschaft kolonisiert und christianisiert. Er war 1134 von Kaiser Lothar zum erblichen
Markgrafen und Fürsten von Brandenburg eingesetzt worden. Er und Heinrich der Löwe (1129/30
1195), Herzog von Sachsen und Bayern, gelten als wichtigste Wegbereiter der deutschen
Ostsiedlung.
Nach Forschungsergebnissen wurden in der Neumark möglicherweise schon im 12/13. Jh. getrocknete
Lehm- bzw. Tonziegel als Baumaterial verwendet. Seit dieser Zeit wurden schon Holländer,
Seeländer und Flanderer als Siedler in andere Landesteile geholt, die auch mit sumpfigen
Urwäldern bedeckt und somit nicht nutzbar waren. Diese Siedler waren von ihrer Herkunft her in
Entwässerungsarbeiten und der Umwandlung von Feuchtgebieten in nutzbare Ländereien erfahren.
Erzbischof Wichmann von Magdeburg setzte z. B. nach 1152 flämische Siedler im Fläming an, der
daher seinen Namen erhalten hat. Sie kultivierten das Land, und die aus diesen ersten Ansiedlungen
entstandenen Ortsnamen zeugen noch heute von diesen Leistungen.
Driesen, die östlichste Stadt in der Neumark an der einzigen Übergangsstelle über die
Netze im oberen Netzebruch, erscheint urkundlich schon seit 1092. An der Einmündung der Netze in die
Warthe als nächster Überquerungsmöglichkeit und strategisch wichtigem Punkt, beim
späteren Ort Zantoch standen sich bereits um 1097 eine polnische Burg in der Niederung und eine
pommersche auf dem später so benannten Schlossberg gegenüber. Das Gebiet war zwischen Polen und
Pommern heftig umstritten. Im 13. Jh. war es zeitweilig auch in schlesischem und danach wieder in
polnischem Besitz.
Zu gleicher Zeit drangen brandenburgische Markgrafen nach Osten über die Oder vor. Seit 1237 wurde
die Ansiedlung Deutscher ostwärts der Oder erlaubt. In der 2. Hälfte des 13. Jh. begann die
erste deutsche Ostsiedlung in den äußerst dünn besiedelten Regionen. Es gab u. a.
Schenkungen strittiger Gebiete von polnischen Herzögen an Klöster, den Erwerb der bis
Friedeberg reichenden Kastellanei Zantoch als Heiratsgut durch Markgraf Konrad usw. Damit kam auch das
Landsberger Gebiet 1260 durch Heirat zwischen Konrad, Sohn des brandenburgischen Markgrafen Johannes I.
und der Prinzessin Konstanze, Tochter des polnischen Herzogs Pzemisl teilweise zu Brandenburg.
Seit bzw. nach 1250 war die brandenburgische Macht verstärkt ostwärts über die Oder
vorgedrungen, Teils durch Kampf, teils durch gütliche Mittel kamen die Neumark und das Land
Sternberg zu Brandenburg, 1291 soll das ganze Gebiet Landsberg erkauft worden sein. Die
Gründungsurkunde der Stadt Landsberg datiert von 1257. 1294 wurde z. B. das Kloster Marienwalde bei
Woldenberg gegründet. Die Zisterziensermönche gründeten danach Dörfer und
Adelsgeschlechter zogen Bauern nach. 1335 wurde Zantoch vom brandenburgischen Markgrafen als Lehen
vergeben. Danach vergab es wieder die polnische Krone. 1433 ist es an den Johanniterorden
verpfändet, als es von Polen und Hussiten eingenommen und zerstört wurde. Durch den
nachfolgenden Friedensschluss kam es wieder an den Orden.
1438 wurde die Höhenburg zum letzten Mal ausgebaut. Danach blieb diese wichtige
Übergangsstelle des unwegsamen Netzebruches im Zuge der alten Heerstraßen von Berlin/Stettin
über Landsberg, Friedeberg/Driesen und weiter nach Osten dauerhaft in brandenburgischem Besitz.
Umkämpft wurde das vorgeschobene neumärkische Grenzland jedoch weiterhin.
Die Markgrafen Johann I. und Otto III. kauften von den Wenden den Barnim und das Land Labus
(wahrscheinlich alte Schreibweise von Lebus). Laut Lexikon: Lebuser Land = Land an der mittleren Oder.
(In jüngster Zeit wurden die polnischen Wojewodschaften Gorzów Wlkp. (Landsberg) und Zielona
Góra (Grünberg) als größere Wojewodschaft Lubuskie neu gebildet,
möglicherweise in Anlehnung an den historischen Namen Lebuser Land).
Die Oberlausitz kam als Heiratsmitgift zu Brandenburg und durch einen Ausgleich mit Pommern auch die
Uckermark. 1303 wurde die Niederlausitz gekauft. So hatten die Marken unter der Hoheit der Anhaltiner an
Ausdehnung und Entwicklungsniveau gewonnen. 1234 wird z. B. schon eine Glashütte in Baruth
erwähnt. Hochöfen mit hydraulischen Blasebälgen waren schon 1311 bekannt. So stieg das
Interesse der Nachbarn an diesem entwickelten Land, der Mark Brandenburg. Sie drangen von verschiedenen
Seiten ein und teilten es auf.
Das Gebiet östlich der Oder war nach wie vor ständiger Gegenstand des Streites und erbitterter
Kämpfe zwischen Brandenburgern, Pommern, Polen und deutschen Ordensrittern. Es war zu dieser Zeit
noch sehr wenig besiedelt, sondern noch immer weitgehend von sumpfigem und morastigem Urwald
bedeckt.
1308 erschien Waldemar, der letzte Askanier, mit einer Streitmacht vor der damals beherrschenden Festung
Spandau [bei Berlin], konnte aber den erstrebten Sieg nicht erringen. 1320 erlosch das Geschlecht der
Ballenstedter, also der
Askanier
in der Mark.
Unter den Wittelsbachern
Es begann die Herrschaft der Wittelsbacher und Lützelburger über die Mark Brandenburg. Die
Herzöge von Mecklenburg und Pommern hatten sich die Priegnitz, die Uckermark und Teile der Neumark
angeeignet, die Kreuzritter ebenfalls Teile der Neumark, wie auch die Polen. Der Erzbischof von Magdeburg
versuchte sich die Altmark anzueignen.
Kaiser Ludwig der Bayer gab 1324 seinem Sohn Ludwig dem Älteren die Mark Brandenburg als erledigtes
Reichslehen. Dieser überließ sie 1352 seinem Bruder Ludwig dem Jüngeren, 1365 trat dieser
sie nach vergeblichen Ordnungsversuchen an den 3. Bruder Otto den Franken ab.
1373 erhielt Karl IV. die ganze Mark für seinen ältesten Sohn Wenzel. Er hatte noch vor seinem
frühen Tod 1378 bestimmt, dass Wenzel als König das Land Böhmen, Sigismund als
Kurfürst die Mark Brandenburg und Johann die Lausitz als Markgraf erben sollte. Sigismund
verpfändete und verkaufte erhebliche Landesteile an andere Fürsten.
Durch verschiedene Manipulationen wechselten die Besitzverhältnisse mehrfach durch Abtretungen,
Verpfändungen usw. Schließlich war die Mark Brandenburg an das
Haus Luxemburg gekommen. Dieses
trennte die Mark über Oder von Brandenburg ab und bezeichnete sie seit 1397 als
Neue Mark über Oder. Somit taucht erstmals der Name Neumark auf.
Die Neumark unter den Kurfürsten der Hohenzollern und
als kurzzeitig selbständiger Staat
1402 wurde die Neumark nebst Schivelbein für 63.000 Dukaten an den
Deutschen Ritterorden
verpfändet. Auch das Recht zur Wieder-Einlösung wurde später gegen weitere 80.000
Golddukaten aufgegeben.
1411 versuchte Sigismund, inzwischen Kaiser, die verworrenen Verhältnisse wieder zu ordnen. Er
setzte den Burggrafen Friedrich VI. von Nürnberg, aus dem
Hause Hohenzollern, zum
Obersten Verweser und Hauptmann der Mark ein.
Am 23. Juni 1412 betrat der Burggraf als erster Hohenzoller märkische Erde. Seine fürstliche
Gewalt als Markgraf Friedrich I. datiert offiziell vom 30. April 1415. Er war dann von 1417 bis 1440
Kurfürst von Brandenburg. Damit hatten die Hohenzollern ihre Herrschaft in der Mark begründet.
Berlin wurde die Hauptstadt des Brandenburger Landes.
Friedrich I. begann zunächst mit dem Ordnen der inneren Angelegenheiten. Durch einen Ausgleich mit
dem Magdeburger Erzbischof kam die Altmark zurück. 1420 wurde die Uckermark, 1425 die Priegnitz und
1427 Mecklenburg zurück erobert.
Nach dem Tode Friedrichs I. wurde das Land unter seinen 4 Söhnen aufgeteilt.
Friedrich II.,
der Eiserne (Kurfürst 1440 1470) vergrößerte sein Gebiet, nahm 1455 gegen ein
Darlehen von 40.000 Goldgulden die Neumark als Pfand vom Deutschen Ritterorden in Besitz. Der Orden war
später zur Einlösung nicht in der Lage.
1517 ging die Neumark gegen eine nochmalige Zahlung von 100.000 Gulden endgültig wieder in den
Besitz der Mark Brandenburg über. Im Jahr 1470 hatte er nach einer schweren Verwundung und nach dem
Tode seines Sohnes die inzwischen wieder weitgehend geeinte Mark seinem Bruder Albrecht Achilles
(Kurfürst 1480 1486) übertragen.
Als dieser verstarb, umfasste die Mark 602 Quadratmeilen. Der nachfolgende Kurfürst Johann Cicero
(1486 1499) beschränkte sich auf Friedlichkeit. Nach ihm kam Joachim I. mit dem Beinamen
Nestor, wegen seines hohen Bildungsstandes. Dieser war 1506 Gründer der Universität
in Frankfurt/ Oder [Ed: der Viadrina]. Sein Sohn Joachim II. Hektor (1555 1571) kehrte
sich von den Habsburgern ab.
Das neumärkische Land hatte nach wie vor unter ständigen Kriegshandlungen u. a. mit Pommern und
Polen zu leiden. In den Jahren 1535 bis 1571 gehörte die Neumark, sowie Crossen, Sternberg und die
böhmischen Lehenslande dem
Markgrafen Johann (Hans) von Cüstrin.
Während dieser Zeit war die Neumark ein einziges Mal in ihrer Geschichte ein selbständiger
Staat, und es begann eine Zeit des Aufbaues. In dieser Zeit wurde im Land die
Reformation
eingeführt. Aus dieser Zeit datiert u. a. bereits die Errichtung eines Eisenhüttenwerkes in
Peitz, Nähe Cottbus, westlich der Oder. 1571 kam die Neumark an die Mark Brandenburg zurück. Es
folgte die Herrschaftsperiode des Kurfürsten Johann Georg (1571 1598). Über diese Zeit
konnte ich leider keine näheren Angaben finden.
Kurfürst Joachim Friedrich (1598 1608) ordnete die Landesverwaltung und die Hoheitsrechte
über Preußen und Pommern, sowie über die schlesischen und rheinischen Gebiete.
Johann Sigismund (1608 1619) erwarb Preußen endgültig durch Heirat. Georg Wilhelm (1619
1640), in dessen Amtszeit größtenteils der 30-jährige Krieg das Land
überzog, gilt als innen- und außenpolitisch unentschlossen.
Schon 1606 sollen im oberen Netzebruch erste Kolonisierungsversuche unternommen worden sein, die aber
offensichtlich nicht mit Nachdruck betrieben wurden. 1618 wurde Ostpreußen mit der Mark
vereinigt.
Während der Religionskriege im 17. Jh., insbesondere während des
30-jährigen
Krieges (1618 1648), war die Neumark von 1637 bis 1648 von den Schweden besetzt. Die
Bevölkerung hatte darunter sehr zu leiden, versuchte sich mit ihrem Vieh in den sumpfigen
Urwäldern zu verbergen und wurde sicher auch von der Pest heimgesucht. Die Zahl der Bewohner soll
bis zu 50 % dezimiert worden sein. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt. Die Beseitigung der
Kriegsschäden dauerte Jahrzehnte.
Nicht nur der Neumark, allen deutschen Landesteilen waren unermessliche Schäden zugefügt
worden. Alle Landesfürsten waren zwangsläufig in die umfangreichen Kämpfe hineingezogen
worden und meistens sich selbst überlassen. Nach dem
Westfälischen
Frieden, ab 1648 lief die weitere deutsche Geschichte fast nur noch auf der Ebene der vielen kleinen
Territorialstaaten ab.
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Die Neumark um 1640. Dieses ist ein Ausschnitt aus der historischen
Brandenburg- Karte aus dem Blaeu-Atlas von 1640.
Durch Klicken auf die Karte wird eine Vergrößerung angezeigt (0,4 MByte).
(Repro: 2011 khd)
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Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst (1640 1688), war nach dem 30-jährigen Krieg
bestrebt, seine schwer zerrütteten Länder, die größtenteils verselbständigt
waren, wieder zu einigen. Nach dem Nordischen Krieg der Schweden erreichte er in den Verträgen von
Wehlau 1656 und Oliva 1660 die Aufhebung der polnischen Lehnshoheit über das Herzogtum Preußen
und konnte es in die brandenburger Länder eingliedern. Es kehrte keine Ruhe ein, weil irgendwo immer
wieder Expansionsbestrebungen betrieben und Rivalitäten ausgetragen wurden.
So stand der große Kurfürst mit seinem Heer am Rhein, um Holland gegen Frankreich zu helfen.
Unterdessen hatte das schwedische Heer im Winter 1674/75 unter Feldmarschall Gustav v. Wrangel die
Neumark, einen Teil Hinterpommerns und das Land Sternberg besetzt. Das Land und die Bevölkerung
wurden wieder ausgeraubt und ausgeplündert. Im Juni 1675 begann der Große Kurfürst von
Westen her über Rathenow mit der Rückeroberung der Mark. Entscheidend war die Schlacht bei
Fehrbellin. Diese Siege über die Schweden gelten als Grundlage für die spätere Bildung des
Deutschen Reiches unter der Herrschaft der Hohenzollern.
Um 1685 wurden die Hugenotten als französische Flüchtlinge in der Mark aufgenommen, die als
Reformierte aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Sie verbreiteten u. a. den Kartoffelanbau in
Preußen.
In der Neumark wurden anfangs des 18. Jh.die ersten Glashütten gegründet. Quarzsand als
wichtigster Rohstoff war in genügender Menge vorhanden. Nach dem Tod des Großen
Kurfürsten übernahm dessen Sohn als Kurfürst Friedrich III. die Macht in der Mark
Brandenburg.
Die Neumark als Teil des Königreiches Preußen
Friedrich III. krönte sich 1701 in Königsberg/Ostpreußen zum König. Durch diese
Rangerhöhung wurde Preußen zum Königreich, und er selbst war ab diesem Zeitpunkt bis 1713
als Friedrich I.
der König in Preußen.
Sein Sohn Friedrich Wilhelm I. (1713 1740) übernahm danach die Regentschaft. Er dämmte
die bisherige Verschwendungssucht am Hofe ein und schuf ein stehendes Heer von 80.000 Mann und wurde
Soldatenkönig, aber auch Sparkönig genannt. Er wendete ganz erhebliche
Mittel zum Aufbau seiner Parade- Armee der Langen Kerls auf, ebenso für die Garnison in
Potsdam, war aber darüber hinaus sehr zurückhaltend bei der Realisierung und Finanzierung
dringender Projekte in der Landesentwicklung. 1717 führte er in Preußen die Schulpflicht
ein.
Er hatte sich u. a. seit längerer Zeit vorgenommen, die unwegsamen, von Urwäldern bedeckten
Bruchflächen von Warthe und Netze urbar machen zu lassen, diese Vorhaben jedoch immer wieder
aufgeschoben. Er führte aber keine, oder zumindest keine wesentlichen Angriffskriege.
Die Aufgabe der Urbarmachung des Warthe- und Netzebruches fiel dann seinem Sohn und Nachfolger Friedrich
II., dem Großen zu, der im Alter von 28 Jahren den Thron bestieg.
Dieser hatte in seiner Jugend eine schwere Zeit zu bestehen gehabt. Er, als Kronprinz, stand mit seinen
künstlerischen Neigungen in einem gewissen Gegensatz zu den Wünschen seines Vaters, was zu
ständigen Reibereien führte. Als er versuchte, sich der strengen Herrschaft des Vaters durch
Flucht zu entziehen wurde er gefasst. Danach wurde er in der Festung Cüstrin 1730 streng inhaftiert.
Die Haft wurde in einen Zwangsaufenthalt mit größeren Freiheiten, aber der Verpflichtung, sich
in der Verwaltung zu qualifizieren, umgewandelt. So sollte er sich auf die spätere
Staatsführung vorbereiten. Während dieser Zeit lernte er den damaligen Edelsitz, das in der
Nähe gelegene Schloss und auch das Fischerdorf Tamsel am Rande des noch wüsten Warthebruches
und somit auch das beschwerliche Leben der Menschen kennen. 1732 durfte er Cüstrin wieder
verlassen.
In dieser Zeit kamen große Gruppen erbarmungswürdiger Menschen in Preußen an, die auf
Betreiben des Salzburger Erzbischofs von Firmian als Protestanten aus ihrer Heimat, dem katholischen
Salzburger Land, ab 1730 rigoros vertrieben worden waren. König Friedrich Wilhelm I. hatte sie durch
ein Einladungspatent zur Ansiedlung in Preußen und somit auch in der Neumark
aufgefordert. Insgesamt kamen 16.000 von 20.000 Vertriebenen.
Am 31.5.1740 starb Friedrich Wilhelm I. Danach bestieg der 28- jährige
Friedrich II.
der Große den preußischen Königsthron. Bereits einen Tag nach der Beisetzung
seines Vaters löste er das Regiment der langen Kerls (4.000 Soldaten) auf und begann die
preußische Armee kampftüchtig zu machen. Er stabilisierte die preußische Staatsmacht,
war aber weiterhin auch schriftstellerisch und musisch tätig.
Schon 1740 fiel er in Schlesien ein, dessen Besitz er sich dann von Maria Theresia im Frieden von Dresden
1745 bestätigen ließ. Unter seiner Herrschaft wurde am 1. Mai 1747 das Schloss Sanssouci in
Potsdam eingeweiht. Danach folgte die teure Gartengestaltung. Die Wasserkunst konnte
allerdings erst 1842 wegen technischer Schwierigkeiten in Betrieb genommen werden.
1756 löste er den
7-jährigen Krieg (175663) aus, in dessen Ergebnis er den weiteren
Besitz der preußischen Ostgebiete sichern konnte. Die unwegsamen, verwucherten und morastigen
Urwälder der neumärkischen Bruchgebiete hatten zwar den Bewohnern naher Orte auch in diesem
Krieg Schutz geboten, regelmäßige Überschwemmungen hatten aber auch von je her eine
ordentliche wirtschaftliche Nutzung dieser Region verhindert.
Am 15.7.1758 zogen die Russen in Driesen ein und dann weiter durch das Netze- und Warthebruch,
Verwüstungen und Trümmer hinterlassend. Den Bewohnern wurde ihr kümmerliches Dasein noch
weiter erschwert.
Die Kultivierung der neumärkischen Urwälder
Nach Kriegsende erteilte Friedrich der Große zunächst den Auftrag zur Urbarmachung des
Netzebruches, d. h. der Strecke von Driesen bis zur Einmündung der Netze in die Warthe bei Zantoch.
Unter der Leitung von Franz Balthasar Schönberg v. Brenckenhoff, der dazu seinen Wohnsitz in Driesen
nahm, begannen 1763 insbesondere an der Nordseite des Netzebruches die Flussregulierungs- und
Trockenlegungsarbeiten. Statt der unzähligen Flussarme und Rinnsale erhielt die Netze ein
einheitliches Flussbett. Durch die Meliorationsarbeiten konnte ein erheblicher Teil der Sümpfe in
Wiesen, Weiden und Ackerland umgewandelt werden. Der Urwald in diesem Gebiet wurde gerodet und das
gewonnene Neuland z. T. durch Dammschüttungen gesichert. 1767 wurde diese Teil- Regulierung des
Netzebruches beendet.
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Friedrich der Große mit von Brenckenhoff besichtigen um 1765 den Fortschritt der Regulierung der
Netze bei Driesen. Der Maler des Bildes ist nicht bekannt.
(Repro: 2011 khd) |
Etwa gleichzeitig wurde der Bromberger Kanal, der bei Driesen in die Netze mündet, 1765
fertiggestellt. Dadurch gewann die Netze als Teil dieser bedeutenden ost-ostwestlichen Verkehrsader, des
neu geschaffenen Wasserweges Brahe Netze Warthe Oder enorm an Bedeutung. Auch der
Beginn einer bescheidenen Industrialisierung der Neumark fiel in diese Zeit. So wurde nach dem
7-jährigen Krieg in Landsberg/Warthe die erste Fabrik, eine Wollmanufaktur, errichtet. Mit
besonderer Unterstützung durch den König wurde die Eisen- und Stahlproduktion und -Verarbeitung
in der Neumark, besonders für militärische Zwecke gefördert. Erze und Roheisen wurden von
weit her herangeschafft. Zur Wärmeerzeugung wurde heimisches Holz bzw. Holzkohle eingesetzt.
Auf Grund der positiven Ergebnisse im Netzebruch wurde jetzt das Warthebruch als vordringlich erachtet
und mit der Planung begonnen. Die Trockenlegungsarbeiten begannen 1766 und wurden nach Unterbrechung
durch den bayerischen Erbfolgekrieg (1778) dann 1786 beendet. Mit der Trockenlegung der Bruchregionen
wanderten zunehmend Siedler ein. Der Überlieferung zufolge kamen diese vor allem aus Polen, der
Pfalz, aus Ansbach und Bayreuth, aber auch aus den Niederlanden. Letztere waren besonders willkommen,
weil sie sehr gut mit Entwässerungsarbeiten umzugehen verstanden.
So entstand eine ganze Anzahl neuer Siedlungsorte in den Brüchen, darunter auch verschiedene
Holländer-Dörfer, z. B. Landsberger Holländer, Pollychener Holländer usw.
So konnte endlich die notwendige Kultivierung des Bodens verstärkt betrieben werden. Insbesondere
wurden durch Friedrich den Großen mit großzügiger Unterstützung altgediente,
verdienstvolle Soldaten als Siedler angesetzt.
Folgende Überlieferung mag als Beispiel dienen: 1763 erhielt nach 35 Dienstjahren der
Dragonerwachtmeister Carl Schulz für die Treue zu Preußen und den Preußenkönigen
bei seiner Entlassung als Entschädigung 100 Morgen Ackerland und 80 Morgen Bruch- und Sumpfland im
Netzebruch auf dem damaligen Fichtwerder (später zu Lipkeschbruch gehörig). Zum Beginn der
Bewirtschaftung der Siedlung wurden ihm 100 Thaler Wehrsold ausbezahlt.
Aus dieser Zeit stammt folgender, oft zitierter Ausspruch des Königs:
Ich habe im Frieden
eine fruchtbare Provinz im Warthe- und Netzebruch gewonnen. Dieses verdanke ich meinen alten Soldaten
durch ihre Friedensarbeit.
Friedrich der Große befasste sich auch mit dem jammervollen sozialen Zustand insbesondere der
Landbevölkerung und deren allgemeiner Notlage. Er gab u. a. in der Zeit nach dem 7-jährigen
Krieg Hinweise zur Verbesserung des Ausbildungsniveaus durch Schulbildung. Trotz Unterstützung
dieser Bestrebungen durch den damaligen Minister Freiherr von Zedlitz wurden dabei zunächst auf
Grund knapper Kassen keine entscheidenden Fortschritte erzielt.
Einen ganz wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Schulbildung leistete in einem anderen Landesteil
Friedrich Eberhard v. Rochow, Gutsbesitzer auf Reckahn, südlich von Brandenburg durch seine
beispielgebende Initiative. Er gründete in seinem Ort eine neue Schule und gewann zur Unterweisung
der Schulkinder einen Lehrer und auch den Prediger des Ortes. 1772 erschien von ihm das erste Lehrbuch
unter dem Titel: Versuch eines Schulbuches für Kinder der Landleute oder zum Gebrauch in
Dorfschulen, Berlin bei Fr. Nikolei. Das Echo darauf war zunächst zwiespältig. Neben
vielfacher Zustimmung kam vor allem die bildungsfeindliche Gesinnung mancher damaliger Edelleute zum
Ausdruck. Im Laufe der Zeit konnten sich seine Reformbemühungen jedoch weiter durchsetzen. Er gab
weitere Aufklärungs- und Bildungsschriften heraus, die stattliche Auflagen erreichten.
Außer den offiziellen, staatlich geförderten Ortsgründungen in den urbar gemachten
Regionen, versuchte auch der örtliche Landadel insbesondere im südlichen Netzebruch, welches
während der Brenckenhoffschen Regulierungsarbeiten ausgeklammert war, mit wesentlich bescheideneren
Mitteln, diese Gebiete ebenfalls zu kultivieren. Diese Bemühungen waren natürlich längst
nicht so effektiv.
Immerhin wurden auch in dieser Region, insbesondere in der 2. Hälfte des 18. Jh., verschiedene neue
Ansiedlungen gegründet, allerdings noch ohne Hochwasserschutz durch Eindeichungen. Daher konnten
sich diese kleinen Ortschaften infolge der ständigen Rückschläge durch
Überschwemmungen nur sehr langsam entwickeln. Auch die Beseitigung des Urwaldes und die Gewinnung
von Weide- und Ackerland nur in Eigenleistung erforderten entsprechend mehr Zeit.
So wurde die gesamte Neumark nach und nach ein entwickeltes schönes grünes Land mit
Städten und Dörfern, Niederungen und Höhengebieten, mit vielen idyllisch gelegenen Seen,
Flüssen und anderen Wasserläufen und herrlichen Kiefernwäldern in weniger fruchtbaren
Sandregionen, mit Ackerbau und Viehzucht, aber auch mit Braunkohlenbergbau vor allem im Süden, mit
Tongruben, Industrie, Handel und Handwerk, geprägt von bescheidenen fleißigen
Menschen.
Wie schon so oft in der Geschichte wurde die positive Entwicklung auch weiterhin durch Kriegshandlungen
beeinträchtigt und unterbrochen. 1778/79 führte Friedrich der Große seinen letzten
Angriffskrieg gegen Österreich, der ohne besondere Ergebnisse endete.
Innenpolitisch hatte er am Ende seiner Regentschaft den gesamten Staat
modernisiert [
Preußische Reformen]. Hier sind u. a. zu nennen: Straffung der Verwaltung,
strenge Besteuerung, Aufhebung der Erbuntertänigkeit auf den Domänen und Verbot des
Bauernlegens, Justizreform, Abschaffung der Folter, Förderung des Schulwesens und der Wissenschaft,
Glaubensfreiheit. Er hatte sich stets besonders auf den Adel gestützt und diesem besondere
Vergünstigungen gewährt.
Preußen war durch seine Expansionspolitik zu einer Großmacht in Europa geworden, hatte aber
dadurch nicht nur Freunde gewonnen.
Die Zeit nach Friedrich dem Großen
1786, nach dem Tode Friedrich II. wurde dessen Neffe, Friedrich Wilhelm II. (1786 1797) sein
Nachfolger. Er regierte vornehmlich durch seine Premierminister, schloss 1790 als Gegner der
französischen
Revolution mit Österreich die Konvention von Reichenbach [Ed: ein Verteidigungsbündnis] ab.
Auch die friderizianische Aufklärung wurde durch ihn durch das Religions- und Zensur- Edikt beendet,
Wissenschaften und Künste wurden weiterhin gefördert. Als ungünstig für die
Staatsentwicklung werden seine Mätressenwirtschaft und spiritistisch- mystischen Neigungen
angesehen. Er führte keine Angriffskriege.
Ihm folgte
Friedrich Wilhelm III. (1797 1840) auf dem preußischen Königsthron.
In Europa hatten sich außer Preußen auch Russland, Österreich und besonders Frankreich
als starke Mächte herausgebildet.
Napoleon I. beanspruchte die Hegemonie in Europa, weshalb er immer
neue Kriege führte (Napoleonische Kriege). 1805 krönte er sich als König von Italien.
Über Spanien herrschte er ohnehin schon.
Die Neutralitätspolitik des Königs hatte Preußen in Europa total isoliert, so dass es
1806 Napoleon bei dessen Einfall allein gegenüber stand. Friedrich Wilhelm III. floh nach
Ostpreußen. Das napoleonische Heer setzte nach und verwüstete dabei auch wiederum die Neumark.
Die Bevölkerung hatte Kontributionen zu leisten und wurde wieder ausgeplündert. Dörfer
wurden niedergebrannt und Menschen umgebracht. Im Frieden von Tilsit 1807 musste Preußen alle
westlich der Elbe gelegenen und die durch die 3 polnischen Teilungen gewonnenen Gebiete im Osten wieder
abtreten.
1808 begannen in Spanien Erhebungen gegen Napoleon. 1810 kam die Absage des russischen Zaren gegen die
Kontinentalsperre (Wirtschaftskrieg gegen England). Sofort begann Napoleon seinen
Russlandfeldzug, der 1812 im russischen Winter scheiterte. Wieder hatte auch die Neumark unter den
Aggressionstruppen zu leiden.
In Preußen war inzwischen die Armee in ein Volksheer umgewandelt und 1810 die allgemeine
Wehrpflicht eingeführt worden. Durch das Scheitern in Russland war die Wende der napoleonischen
Herrschaft eingeleitet worden.
Es kam zum Zusammenschluss einer Koalition von England, Russland, Österreich, Preußen und
Schweden. Diese führte gemeinsam den sog. Befreiungskrieg. Die Völkerschlacht bei
Leipzig (16.19.10.1813) gilt als Entscheidungsschlacht. Darauf folgten der Fall von Paris
(31.3.1815) und Napoleons Abdankung am 6.4.1815.
Nach dem folgenden
Wiener
Kongress 1815 begann die Bildung eines noch unvollständigen deutschen Nationalstaates. Ein
weiteres Ergebnis war die Neugründung des polnischen Königreiches als
Kongresspolen. Erst nachdem auch die russischen Truppen wieder zurückgeführt waren,
kehrte auch für die Bevölkerung der Neumark wieder relative Ruhe ein. Die Beseitigung der
angerichteten Schäden konnte beginnen. Landwirtschaft und Viehbestand konnten sich langsam wieder
stabilisieren.
Die Neumark nach der Bildung des deutschen Staates 1871
Nach dem Sieg über Frankreich im deutsch-französischen Krieg (1870/71) und dem Beitritt der
süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund war am 18.1.1871 der preußische König Wilhelm
I. zum
deutschen Kaiser
ausgerufen und das deutsche Reich gegründet worden.
In der Neumark wurde der Einmündungswinkel der Netze in die Warthe bei Zantoch 1872/74
verändert und günstiger gestaltet. Zum Überqueren von Netze und Warthe gab es von alters
her nur wenige Brücken. Fähren waren in größerer Anzahl vorhanden. Ab 1891 wurde die
Netze weiterführend reguliert. In diesem Zusammenhang wurde auch ein sog. Hochwasserverband
gebildet. Allerdings wurde auch durch diese Aktivitäten noch immer kein genügender
Hochwasser-Schutz gewährleistet. Endgültig wurde das Projekt nach dem Warthe-Netzebruchgesetz
von 1929, dessen Schwerpunkt im Netzebruch lag, 1935 zu Ende gebracht.
Im 19. Jh. begann mit der Weiterentwicklung des Verkehrswesens, besonders der Eisenbahn, ein starker
Aufschwung in allen Gewerbesparten und eine zunehmende Industrialisierung sowie eine Zunahme des Handels.
Konzentrationspunkte insbesondere des Maschinenbaus und anderer metallverarbeitender Betriebe, Webereien
usw. waren vorzugsweise die Städte. Die Dörfer waren hauptsächlich von der Land- und
Forstwirtschaft geprägt. Als größere Betriebe sind hier vor allem zu nennen:
Sägewerke, Ölmühlen, Kornmühlen, Brauereien, Brennereien und Ziegeleien, letztere
wohl schon seit dem 17. Jh. mit Brennöfen ausgestattet. Die industrielle Entwicklung erstreckte sich
bis weit in das 20. Jh. hinein, bis zur Ansiedelung eines großen Chemiewerkes in
Landsberg/Warthe.
So wuchs auch der Wohlstand der Bevölkerung. Es setzte eine verstärkte Bautätigkeit ein.
Städte und Dörfer wurden größer und schöner. Die Fachwerkkonstruktionen, die
besonders im ländlichen Raum Jahrhunderte hindurch bei einfachen Bauwerken angewendet worden waren,
wurden durch die Massivbauweise abgelöst. Die Vervollkommnung der Ziegelindustrie bot die
Möglichkeiten dazu.
Die Neumark in den beiden Weltkriegen
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Ein Ergebnis des 1. Weltkrieg:
Neuer Grenzstein nach dem Vertrag von Versailles (28.6.1919) bei Königsblick in der Nähe von
Schneidemühl. Deutschland mußte Gebiete u. a. an Polen abgeben.
(Repro: 2002 khd)
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Der Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 verschonte die Neumark zwar von Kampfhandlungen, verlangte der
Bevölkerung aber doch viele Opfer ab. Vielen Familien wurden Väter, Söhne und Brüder
genommen. Die Zivilbevölkerung hatte zugunsten der Front Not und Entbehrungen zu erleiden. Nach
Kriegsende, als die Zeit der Monarchie beendet und Deutschland zu einer Republik geworden war, wurden in
allen Orten zur Erinnerung an die Gefallenen Kriegerdenkmäler aufgestellt [Ed: wie das auch schon
nach dem Krieg 1870/71 geschehen war].
In der Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg wurde in der Neumark besonders in den ländlichen
Gegenden die Elektrifizierung verstärkt betrieben und damit das Land weiter modernisiert. 1936 wurde
entlang des Südrandes des Netzebruches die Grenzlandbahn zwischen Schwerin/Warthe und dem
Knotenpunkt Kreuz an der durchgehenden Ostbahnstrecke fertiggestellt. Damit war auch die Anbindung dieses
Landstriches an das Verkehrsnetz realisiert, um die wirtschaftliche Entwicklung zu stärken.
Die Neumark insgesamt war aus einer ehemaligen Wildnis zu einem blühenden Land geformt
worden.
Als 1939 der
2. Weltkrieg
ausgelöst und alle wehrfähigen Männer zum Militärdienst einberufen waren, kam die
wirtschaftliche Entwicklung auch in der Neumark weitgehend zum Stillstand. Im Frühjahr 1940 sorgte
ein durch einen Deichbruch ausgelöstes Hochwasser nochmals für eine empfindliche Notsituation
im Netzebruch.
Polen war das erste Land, das von deutschem Militär [auf Befehl Hitlers am 1. September 1939 brutal
überfallen und]
besetzt wurde und war es auch bis zum Kriegsende 1945. Während dieser Zeit wurden viele
Menschenrechtsverletzungen begangen. Polen verlor lt. Lexikon 6 Millionen
Menschen.
Später wurde dann fast ganz Europa und ein Teil Nordafrikas von den Deutschen besetzt. Nachdem sich
3 starke Mächte der damaligen Welt zu einer Koalition gegen
Deutschland zusammengeschlossen hatten, wurde die Deutsche Wehrmacht geschlagen. Der russische Winter
spielte auch dabei eine entscheidende Rolle. Die wichtigsten Industrieanlagen und ein großer Teil
deutscher Städte wurden durch
Bomben zerstört. Die Zivilbevölkerung wurde stark dezimiert. Zum Schluss wurde ganz Deutschland
und damit auch die Neumark von den alliierten Truppen
eingenommen.
Die Neumark nach 1945
Ab der 2. Jahreshälfte 1945 nach Kriegsende wurde die gesamte
deutsche Bevölkerung aus allen Gebieten ostwärts von Oder und Neiße, also auch aus der
Neumark, unter unwürdigen Bedingungen erbarmungslos aus ihrer Heimat
vertrieben. Hab und Gut mussten zurückgelassen werden. Wohl niemand weiß,
wie viele Menschen dabei noch nach Kriegsende ihr Leben verloren.
Grundlage für diese zwangsweise Gebietsabtretung waren
Beschlüsse der deutschen Kriegsgegner USA, vertreten durch Roosevelt, UdSSR, vertreten durch Stalin
und England, vertreten durch Churchill auf ihrer Konferenz in Teheran, November 1944 und
Jalta, Februar
1945.
Dazu fand ich in der Magdeburger Volksstimme am 29. November 2003 unter dem Titel
Kalenderblätter u. a. folgende Notiz:
1.Dezember 1943 Die Konferenz von
Teheran mit Roosevelt, Churchill und Stalin zur Teilung Deutschlands nach dem Krieg geht zu Ende.
Churchill schlägt die Oder als polnische Westgrenze und die Abtretung Oberschlesiens an Polen
vor.
[
Westverschiebung Polens]
In den so entvölkerten Gebieten wurden ebenso zwangsweise Polen angesiedelt, die ihre bisherigen
Wohngebiete weiter im Osten (z. B. Ukraine) verlassen mussten. Nach anfänglichen jahrelangen
Irritationen und Unfreundlichkeiten zwischen Polen und deutschen Besuchern in unserer ehemaligen Heimat
waren die Menschen noch stark emotionell belastet. Jetzt gehören solche Erscheinungen schon
längst der Vergangenheit an.
Inzwischen wurden auf vielen Ebenen vielfältige Kontakte zwischen Deutschen und Polen geknüpft,
zwischen Organisationen und Vereinigungen. Vor allem aber zwischen den Menschen beiderseits der jetzigen
Grenze wurden viele gute bis freundschaftliche Verbindungen aufgebaut. Durch die staatlicherseits
angestrebte weitere Einigung Europas darf wohl damit gerechnet werden, dass auch gleiche Interessenlagen
die Menschen noch näher zueinander finden und sich nicht wieder in Feindschaften und
Kriegshandlungen hineintreiben lassen.

[Ed(itor): Am 1. Mai 2004 wurde Polen samt Lebuser Land (Neumark)
Mitglied in der EU
(Europäische Union). Seit Ende 2007 herrscht zwischen Polen und Deutschland totale Reisefreiheit
ohne Grenzkontrollen. Europa wächst immer mehr zusammen, was die Aussöhnung
zwischen einst so verfeindeten Völkern
sehr befördert hat und weiter befördern sollte.]