Woldenberg (Neumark)   —  Im Dragetal khd
Stand:  25.11.2011   (45. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_Dragetal.html



Friedeberger Heimat-Kalender 1926      
^   Schon etwas zerfleddert ist er – der Heimat-Ka- lender von 1926 (Titelblatt). (Verkl. Repro: 2007 – khd)
Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Seit 1915 erschien für den Landkreis Friedeberg ein „Heimat- Kalender“. In diesem wurden neben amtlichen Nachrichten und dem Kalendarium, hundertjährigen (Wetter-) Kalender, Bauernregeln sowie Messen- und Markt- Kalender auch zahlreiche Aufsätze zu verschiedenen kreisbezogenen Themen mit Fotos und Zeichnungen publiziert. Herausgegeben wurde dieser Heimat-Kalender vom „Kreis-Ausschuß des Kreises“.

   
  Karte der Neumark
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Östlich von Woldenberg fließt von Norden nach Süden – von der Draheimer Seenplatte in Hinterpommern kommend – die Drage in einer einmaligen Landschaft und erreicht bei Kreuz den Fluß Netze, der bei Landsberg in die Warthe mündet. Im Heimat- Kalender von 1926 ist auf den Seiten 34–37 ein interessanter Report von Max Rehberg über dieses Dragetal erschienen. Bei dem folgenden ‚Reprint‘ wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], heutige polnische Ortsnamen in [...] sowie Links redaktionell zugefügt.

Außerdem werden zwei Ausschnitte aus der topographischen Pommern- Karte von 1937 mit dem Verlauf der Drage zwischen dem Goßen Lübbe-See und Kreuz sowie deren Quellgebiet bereitgestellt (mit Vergrößerung per Mausklick). Denn erst damit kann die Beschreibung der Wanderung entlang der Drage so richtig genossen und viel über die geographischen Gegebenheiten dazugelernt werden. Ergänzt und abgerundet wird dieser Bericht durch die Erinnerungen des früheren Fürstenauer Rittergutsbesitzers von Waldow an die Drage-Landschaft. [Translation-Service]

1923 — Im Dragetal


Bruchlandschaft an der Drage/Drawa
^   So sieht es heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Bruchlandschaft der Drage (Drawa) aus. Das „reißende Bächlein“ Drage liegt heute geschützt im Drage-Nationalpark (Drawienski Park Narodowy) nicht weit von Woldenberg (Dobiegniew) entfernt.   (Repro: 2006 – khd/Poland.com)

Im Dragetal


VON

MAX REHBERG, ORANIENBURG

MIT 1 ABBILDUNG.


      Zu den schönsten Landschaften der Neumark, ja der ganzen Provinz Brandenburg gehört unstreitig das Dragetal. Ansehnliche Höhen, herrliche Laub- und Mischwälder, rauschende Bäche und Wasserfälle sowie blaue Seen zaubern unvergeßliche Bilder vor das wonnetrunkene Auge, und die Pflanzen- und Tierwelt sind von einer Reichhaltigkeit, die ihresgleichen sucht. Dazu gesellt sich eine köstliche Ruhe und Abgeschiedenheit.

   
  Karte von Hinterpommern
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      Die Drage [heute: Drawa] entsteht aus einer Seenrinne von fünf Seen [Ed: in Hinterpommern], die zwischen Polzin [heute: Polczyn Zdroj] und Tempelburg [Czaplinek] 150 Meter über dem Meer gelegen ist. Nachdem sie den Sarebensee durchströmt hat, fließt sie in den Dratzigsee bei Tempelburg, der mit 83 Meter Tiefe der tiefste Landsee Norddeutschland ist.

Das Quellgebiet der Drage liegt nördlich der Draheimer Seenplatte in Hinterpommern
^   Das Drage-Quellgebiet liegt nördlich der Draheimer Seenplatte in Hinterpommern bei Neu-Liepenfier.   (Repro: 2007 – khd)

      Nach ihrem Austritt aus diesem durchfließt sie den Grössinsee und eilt dann munteren Laufes an Falkenburg vorrüber und durch Dramburg, um sich im Großen Lübbesee wieder ein wenig auszuruhen. Nunmehr nimmt sie der Wald auf und begleitet sie bis an die märkische Grenze. Stellenweise gleicht sie auf dieser Strecke einem Gebirgsbach, der murmelnd und plätschernd über bemoste Steine dahinspringt und sogar Stromschnellen und kleine Wasserfälle bildet.

      Kurz nach ihrem Eintritt in Brandenburg durchfließt die Drage den Neuwedeller See, nimmt darauf ihren Weg durch die unvergleichlichen Regenthiner und Hochzeiter Forsten und mündet beim Bahnhof Kreuz in die Netze [Notec].

      Die Drage ist 165 Kilometer lang und hat rund 120 Meter Gefälle, so daß auf das Kilometer durchschnittlich 3/4 Meter Gefälle kommen. Der Name „Drage“, slawisch darga, „der reißende Bach“, ist also vollauf berechtigt. Die letzten 30 Kilometer, von Steinbusch an [Ed: von wo einst der feine Käse kam], ist die Drage für kleinere Schiffe fahrbar. Bis Hochzeit verkehren auch Schleppdampfer. Wegen der zahlreichen Windungen, der Steine und der starken Strömung ist die Schiffahrt auf der Drage jedoch nicht ungefährlich.




An der Drage      
^   An der Drage.   (Foto 2006: Binduga)
      An einem glühend heißen Julitag des Jahres 1923 brachte die Ostbahn zwei gleichgesinnte Wanderkameraden und mich nach Kreuz [Krzyz], dicht an die polnische Grenze. Nach kurzem Aufenthalt auf dem dortigen Bahnhof fuhren wir mit der Stargard-Posener Bahn bis nach Waldowshof. Bei der Fahrt über die durch ein breites Wiesengelände sich hinschlängelnde Drage ließ sich die starke Strömung, die sich besonders in kleinen Strudeln zeigt, schön beobachten.

   
  Karte des Drage-Verlaufs
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      Von Waldowshof aus versuchten wir an die Chaussee Woldenberg- Hochzeit heranzukommen, was infolge der veralteten Karte mit mancherlei Schwierigkeiten, Ueberklettern von Gattern u. dergl., verbunden war. Naturgenüsse verschiedenster Art entschädigten uns jedoch reichlich. Gleich hinter Waldowshof durchrieselt ein klares Bächlein ein Wiesental. Seine Uferränder schmückte die reizende gelbe Gauklerblume (Mimus lus luteus), ein Einwanderer aus Nordamerika. Auf der weiteren
      Hochzeit/Nm -- Gasthof
^   Gasthof in Hochzeit/Neumark.   (Repro: 2008 – khd)
Wanderung durch Kiefernwald erfreute uns an einer Stelle der reichlich auftretende flachästige Bärlapp (Lycopodium conplanarum). Als die Dämmerung hereinbrach, leuchteten in geheimnisvollem grünen Glanze in Gras und Heidekraut die Glühwürmchen auf. Bei völliger Dunkelheit erreichten wir die Chaussee und waren gegen 1/2 11 Uhr in Hochzeit [Stare Osieczno].

      Mit Not und Mühe erhielten wir im Gasthof an der Kirche Nachtquartier, d. h. zwei Betten für drei Mann. Nachdem wir uns an den Vorräten unsers Rucksacks gestärkt und unseren Durst mit Brausen und Seltern gelöscht hatten, begaben wir uns zur Ruhe. An einen erquickenden Schlaf war infolge der Hitze und der unbequemen Lagerstatt natürlich nicht zu denken. Wir waren schon zufrieden, daß wir unsere müden Glieder ausstrecken konnten.

Neumark -- Die Drage bei Fürstenau um 1923
^    Blick auf die Drage unterhalb Fürstenau (Holzablage).   (Repro des Fotos des Autors von 1923: 2007 – khd)

    Verlauf der Drage vom Großen Lübbe-See (Pommern) bis Kreuz
      Lachender Sonnenschein lag am anderen Morgen über den von bewaldeten Bergen begrenzten Dragetal ausgebreitet und vertrieb die letzten Nebelstreifen der Nacht. Am Himmel standen bereits Gewitterbildungen, und eine drückende Schwüle machte sich unangenehm bemerkbar. Nach dem Morgenkaffe wanderten wir durch das Dorf bis zu Drage, über die hier eine hölzerne Zugbrücke führt. Auf dem jenseitigen Ufer liegt Neu-Hochzeit, früher Kindelbier genannt. Ein Grenzstein verkündet, daß die Drage Grenzfluß zwischen Brandenburg und der Grenzmark Posen-Westpreußen ist.

      Das Dorfbild von Hochzeit wird von der hochgelegenen modernen Kirche und den Schornsteinen verschiedener großer Dampfschneidemühlen beherrscht. Die Beförderung des Holzes geschieht hauptsächlich zu Wasser. Der Ort wird zuerst 1337 in einer Urkunde Markgraf Ludwigs des Aelteren genannt.

      Flußaufwärts ging nun unsere Wanderung, immer am Rande des Dragetals entlang. Schnellen Laufes eilt die Drage in zahlreichen Windungen durch frischgrüne Wiesen dahin. Bald blickt man vom hohen Ufer unmittelbar auf ihr klares Wasser, auf dem sich die weißen Blütensterne des flutenden Hahnenfußes wiegen, bald blitzt ihr Silberband in der Ferne auf.

      Ein wahrer Gluthauch ging von der höher und höher steigenden Sonne aus, so daß wir froh waren, als uns bei Schlägerort der Waldschatten aufnahm. Die alte malerische Holzbrücke, die früher nach Steinbusch [Glusko] hinüberführte, ist durch einen modernen Betonbau ersetzt worden. Der Blick auf den von hohen Erlen überwölbten dunklen Spiegel der Drage ist von bezaubernder Schönheit.

      Auf steilem und schmalem Waldpfade ging’s weiter. Oft hemmte dichtes Gebüsch den Fuß des Wanderers. Lautes Rauschen tönte aus der Tiefe zu uns herauf. Durch die Kronen der Buchen schauten wir auf die umfangreiche Wasserkraftanlage des Dragewerkes hinab, das die Wasser der Drage für die Erzeugung hochgespannter elektrischer Ströme nutzbar macht und zum Märkischen Elektrizitätswerk gehört (Leistung 1200 Kilowatt). Auf schwindligem Pfade kletterten wir hinab, um das Werk aus der Nähe zu betrachten. Ein mächtiges Wehr staut das Wasser des Flusses auf. Die Turbinenanlagen befinden sich am jenseitigen Ufer. Vor uns ist der Freilauf [Altes Foto des Kraftwerks]. Brausend schießen die Wassermassen durch schräge Betonkanäle. Auch eine Lachstreppe ist eingebaut. Das Elektrizitätswerk ist aus einem eingegangenen Karbidwerk entstanden. Ursprünglich befand sich hier die alte Steinbuscher Wassermühle, und das überschüssige Wasser der Drage stürzte in mächtigem Fall herab.

      Dieser Dragefall war mit seiner herrlichen Umgebung eins der großartigsten Naturdenkmäler der Mark. Die fortschreitende Zivilisation hat ihn zerstört. Durch den Aufstau des Wassers ist ein kilometerlanger Waldsee entstanden, auf dem ein reiches Wasservogelleben herrscht. Eisvögel, Sägetaucher, Enten aller Art kann man hier beobachten. Dazu kommt der Vogelreichtum der Wälder, in denen noch Schrei- und Fischadler, Wespenbussard, Milan, Schwarzstorch und Zwergfliegenschnäpper anzutreffen sind.

      Der nordnordöstlich gelegene große Bahrenort-See [Jez. Ostrowieckie] mit seinen verschiedenen Inseln bietet den seltensten Wasservögeln günstige Brutstätten. Für den Vogelforscher ist hier tatsächlich ein Paradies. Trotzdem war die munter durch das Wiesental plätschernde Drage schöner als der immer mehr versumpfende Waldsee, aus dem am Rande die absterbenden Bäume ihre dürren Wipfel emporstrecken. Auch der Fischbestand des Flusses hat sehr gelitten. Bachforelle und Aesche kamen früher in großer Zahl in der Drage vor. Lachsforelle und Lachs stiegen in ihr zum Laichen aufwärts. Die Drage ist der einzige märkische Fluß, in dem die Aesche, eigentlich ein Bewohner der Gebirgsbäche, anzutreffen ist. Bachforellen von 6 bis 10 Pfund [3–5 kg] Schwere waren früher keine Seltenheit. Der Fang geschah meist mit Flugangeln, an denen der Angelhaken mit den braunen Fasern einer Hahnenfeder umwickelt war.

      Etwa 1 1/2 Kilometer oberhalb des Dragewerkes liegt auf den Uferhöhen das Forsthaus Eisenhammer [Zeleznica]. Prachtvoller Buchenwald nahm uns hier auf. Eine interessante Bodenflora erregt die Aufmerksamkeit des Botanikers. Neben Wintergrünarten (Pirola) und Leberblumen (Hepatca) prangte der durch das Gesetz geschützte Seidelbast (Daphne mezereum) im Schmuck seiner leuchtend roten giftigen Beeren. Wie schön muß der Anblick im zeitigen Frühling sein, wenn die schlanken Zweige über und über mit zarten rosafarbigen duftenden Blüten besetzt sind, während ringsumher noch alles kahl steht.

      Nach längerer Rast unter schattigen Buchen wanderten wir durch den abwechslungsreichen Wald nach Marzelle, einer kleinen im Grunde gelegenen Kolonie, in deren Nähe sich der Große Marzellsee hinzieht. In dem einfachen, aber sauberen Gasthaus erfrischten wir uns an einem kühlen Trunk und schritten dann auf ansteigendem Wege wieder in den Wald hinein, in einen Eichenwald, der in der Mark in dieser Pracht wohl seinesgleichen sucht. Die Bodenvegetation war ausgezeichnet durch das Vorkommen des stattlichen gelben Fingerhutes (Digitalis ambigua) und des roten Waldvögeleins (Cephalanthera rubra), einer der schönsten heimischen Orchideen, die jetzt glücklicherweise auch unter Schutz gestellt sind.

      Im Dorf Zatten [Zatom] tranken wir Kaffee. Nordöstlich von ihm ergießt sich das Plötzenfließ [Körtnitz- Fließ] in die Drage. Dieser durch die Wedellsche Heide im raschen Lauf dahinströmende Bach steht der Drage an romantischen Landschaftsbildern keineswegs nach, ja übertrifft sie vielleicht noch an manchen Stellen. Das Plötzenfließ beherbergt eine seltene Rotalge (Hildenbrandia livulalis [sp?]), welche die Steine mit einem prachtvollen Purpurrot überzieht. Wir trafen diese schöne Alge auch in der Drage an und zwar auf pommerschen Gebiet.

      Hinter Zatten überwiegt der Kiefernwald. Wir blieben in der Nähe der Drage und fanden endlich auch einen Platz, eine Holzablage, von der aus sich ein prächtiger Blick auf den tief unten dahinrauschenden Fluß bot. Aus dem Dunkel des Waldes tritt die Drage heraus, unter den dämmernden Kronen alter Buchen und Erlen verschwindet sie geheimnisvoll. Auf der Platte habe ich das großartige Bild festgehalten. (s. Abb.).

      Bald waren wir in Fürstenau [Barnimie], wo sich ein Schloß des Herrn von Waldow befindet. Dort ist die Drage wieder aufgestaut, um eine Schneidemühle und ein Elektrizitätswerk zu treiben. Von den Uferhöhen schauten wir auf die schäumenden Fluten hinab, die sich allmählich unter tiefhängendem Gezweig verlieren. Man glaubt im Gebirge zu sein.

      Fürstenau wurde am 17. September 1657 von den Polen ausgeplündert und niedergebrannt. Im Dorfkrug unweit der Kirche mit dem interessanten Holzturm machten wir längere Rast, um dann die letzte für diesen Tag vorgesehene Wegstrecke in Angriff zu nehmen. Durch Kornfelder ging es in der Abendkühle auf der Chaussee der Stadt Neuwedell [Drawno] zu. Links in der Ferne zeigte ein Baumstreifen den tief eingesägten Lauf der Drage an, die dem Neuwedeller See entströmt. Die Dämmerung senkte sich bereits zur Erde nieder, als wir auf einer Brücke den schmalsten Teil des Neuwedeller Sees überschritten. Bald standen wir auf dem Marktplatz und fanden in Haepps Hotel ein sehr angenehmes Quartier. Nach einem Tagesmarsch von 35 km bei glühender Sonnenhitze war uns ein erquickender Schlummer beschieden.

      Ein sonnenheller Sonntagsmorgen weckte uns. Wir benutzten die Zeit bis zum Abgang des Zuges nach Kallies [Kalisz Pomorski], um uns Neuwedell näher anzusehen. Es ist ein Landstädtchen von der Drage durchflossen und hat eine Lage am Neuwedeller oder Dragesee. Dieser wird von der Drage durchflossen und hat eine Tiefe von 38 Metern. Am Markt erhebt sich die stattliche nach dem Brande von 1690 in Kreuzform erbaute Kirche. Neuwedell wurde 1347 von den ehemals reich begüterten und mächtigen Herren von Wedell aus einem Dorf zur Stadt erhoben. Das Stadtwappen zeigt darum im Schilde links ein halbes Mühlrad, das Wappen derer von Wedell. Der Ausgangspunkt der Ortsanlage war eine Burg, deren Reste heute noch auf einem Hügel am See, dem Schloßberg, zu sehen sind.

      In Kallies wurde ein Ruhetag eingeschaltet. Ein Nachtgewitter brachte die ersehnte Abkühlung. Am Montag früh trug uns das Dampfroß nach Wildforth [Prostynia] an der märkisch-pommerschen Grenze, wo wir die Drage wieder erreichten. Oberhalb dieses Ortes durchfließt diese ein ganz enges von steilen Ufern begrenztes Tal. Die Abhänge sind mit einem Wald bestanden, dessen Schönheit sich durch Worte kaum schildern läßt. Gewaltige Buchen wechseln mit mächtigen Eichen, Kiefern und anderen Bäumen.

      Den Glanzpunkt bildet die Teufelsbrücke. Ein schmaler Steg führt über die Drage. Stromab blickt man in das klare schnellfließende Wasser, das über zahlreiche Steine dahinplätschert. Alle sind mit der purpurnen Hildenbrandia überzogen. Stromauf schaut man in einen düsteren Waldkessel. Das Dragewasser fällt über ein Wehr. Hinter ihm breitet sich ein dunkler gläserner Spiegel aus, in dem sich die zartgrün belaubten Zweige der überhängenden Buchen beschauen.

   
  G ä s t e b u c h - E i n t r a g
Für Woldenberg mit Umgebung,
die Neumark und auch Pommern.
 
      Es wurde uns schwer, von der Drage Abschied zu nehmen. Doch in Pommern harrten unser andere Aufgaben. Gern hätten wir den Lauf der Drage zum großen Lübbesee hin verfolgt und den Wasserfällen in der Hölle bei Carwitz einen Besuch abgestattet, die schwierigen Wegverhältnisse und die mangelnde Zeit machten es jedoch unmöglich. Außerdem soll die Anlage eines elektrischen Kraftwerkes bei Groß-Spiegel der bisherigen Unberührtheit des Dragelaufes sehr geschadet haben.

      Unterhalb Hochzeit wird das Dragetal breiter und das Ufer flacher. Der Kiefernwald hat die Herrschaft.

      Zum Schluß mag hier noch ein interessanter Beitrag zur Drageschiffahrt folgen. Oberhalb des Eintritts der Drage in den Lübbesee liegt die Schweinhausensche Mühle. Bei dieser ließ der Große Kurfürst zwei Schiffe erbauen, die nach ihm und seiner zweiten Gemahlin „Friedrich Wilhelm“ und „Dorothea“ genannt wurden. Sie wurden durch das Mühlenfließ auf den See und von dort auf der Drage und dem sich anschließenden Wasserwege nach Berlin gebracht. Es scheint der erste und letzte Versuch einer Schiffahrt auf der oberen Drage gewesen zu sein.


Fürstenau — Erinnerungen an die Drage-Landschaft


Die Drage

Erinnerungen von J. von Waldow aus Fürstenau

      Wenn meine Gedanken in der Heimat weilen, so sehe ich stets auch die Drage vor mir, an deren Ufer ich geboren und aufgewachsen bin, an der ich den bei weitem größten Teil meines Lebens verbracht habe. Ich höre sie rauschen und plätschern und über das Wehr brausen, sehe die Fische springen und die Mücken über ihrer Flut spielen.

      Sie ist der Heimatfluß vieler Pommern und Neumärker und damit ein Stück Heimat für alle diese. Von den Seen des
pommerschen Seenrückens kommend, fließt sie in südlicher Richtung der Netze zu. Auf ihrem Unterlauf schiffbar, ist sie auf ihrem Mittellauf mit ihrem starken Gefälle, ihren steilen, bewaldeten Uferhängen und damit gebirgsähnlichem Charakter wohl der schönste der kleinen Flüsse der norddeutschen Tiefebene.

      Verschiedentlich aufgestaut, dient sie zur Erzeugung von elektrischer Kraft und zum Mühlenbetrieb. Ein großer Teil des in den anliegenden Wäldern geschlagenen Bauholzes wurde von ihr verflößt.

      Wenn die auf den Ablagen liegenden Stämme auf dem steilen Abhang in das aufspritzende Wasser hinabgerollt und unterhalb zu Flößen verbunden wurden, war dieses für mich als Junge ein besonders interessantes Schauspiel.

      Auch die Seitentäler der Drage mit ihren Zuflüssen und Waldseen stehen ihr an Schönheit nur wenig nach. Da ist die Stüdnitz mit dem riesigen Bahrenortsee, an dem noch der Seeadler seinen Horst hatte, das Körtnizfließ, das dem gleichnamigen See entströmt und bei Fürstenau das liebliche Jamelfließ mit seinem riesigen Findling, dem „großen Stein", auch „Teufelsstein“ genannt.

      Fischotter
^   Im Drage-Nationalpark gibt es heute (2010) wieder Fischotter und viele Fische, auch wieder Lachse.
      Ursprünglich sehr fischreich, hatten in den letzten Jahrzehnten die Fische sehr abgenommen. Wer sich jedoch auf das Angeln verstand, konnte immer noch Forellen, einen Hecht oder sonstige Fische nach Hause bringen. Die Lachse und Krebse waren leider schon lange verschwunden, ebenso wie der Fischotter, den es vor einiger Zeit hier noch gab. Der Eisvogel war selten geworden. Hatte man Glück, so konnte man auch einmal den Fischadler oder einen Reiher fischen sehen.

      Wer in den Ortschaften, die die Drage berührt, gewohnt hat oder an einem der Seen lebte, wer als Fischer, als Flößer oder Paddler sich von ihr hat treiben lassen oder auch mühsam stromauf gestakt hat, oder auch nur von einer Brücke in die Strömung geblickt hat, für den wird sie unvergesslich sein. Wer als Angler, berechtigt oder unberechtigt, im Schutze einer Erle oder eines Haselstrauches beschauliche Stunden in der Morgenfrühe oder gegen Abend an der Drage erlebte, wird auch jetzt noch mit Sehnsucht daran zurückblicken.

      Man kann im Zweifel sein, wann es an unserer Drage am schönsten war: Im zeitigen Frühjahr, wenn die Buchen grünten, wenn der Seidelbast blühte, die Hänge sich mit dem blauen Teppich der Leberblumen schmückten, die Birken und Lärchen zu sprossen begannen? Im Sommer, wenn dichtes Laub Schatten und Kühlung spendete?

      Im Herbst mit seiner Farbenpracht oder im Winter, wenn Eisschollen auf seiner Strömung trieben, die Uferränder vereist waren, alles in weißer Pracht schimmerte, zahlreiche Enten, die das offene Wasser aufgesucht hatten, den Strom bevölkerten? Wer vermag dieses zu entscheiden. Jedes war eine Naturschönheit für sich.

      Meine schönsten Stunden an der Drage waren die, wenn ich morgens früh oder in der Abenddämmerung das Rotwild, das zur Feldäsung oder wieder nach Hause zog, beim Durchschwimmen der Strömung beobachten konnte.


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