Am 21. Januar 1945, 4 Uhr nachts, erhielten wir von dem [NSDAP-]Ortsgruppenleiter den Befehl, uns auf die
Flucht für 8 Uhr vorzubereiten. Dieser Befehl wurde gegen 6 Uhr widerrufen, da angeblich an der
Front Ruhe eingetreten und der Russe zurückgeworfen sei. Sämtliche Männer bis zu 60 Jahren
einschließlich der Arm- und Beinamputierten wurden zu mittags 12 Uhr zum Bahnhof Schleppe zum
Volkssturm einberufen und nach Sagemühl abtransportiert.
Ich selbst erreichte es bereits am 22. Januar, als Bürgermeister der Gemeinde Trebbin durch das
Landratsamt Deutsch-Krone freigestellt zu werden, und es gelang mir auch, einige ältere
Betriebsführer und Melker von den größeren Höfen freizubekommen. Im Laufe der Woche
bekamen wir den Befehl, die Treckwagen zu entladen, da keine Gefahr mehr vorhanden sei, obwohl unser Dorf
ständig von langen Trecks aus dem Warthegau durchzogen wurde, wir auch ständig nachts
Flüchtlinge beherbergten, die wahre Schauer- und Greuelgeschichten von den Russen, die sie zum Teil
überrollt hatten, erzählten.
Am 26. Januar 1945 13 Uhr hielt Gauleiter Schwede auf dem Marktplatz in Schleppe eine flammende Rede, die
ich selbst gehört habe. Er wies darauf hin, daß keine Gefahr bestehe und nur einige russische
Panzerspitzen durchgebrochen wären, die man aber abgeschossen hätte. In der Tat standen die
Dörfer um Schönlanke und Kreuz, ca. 15 bis 20 km entfernt, schon in Flammen, und eine Front
bestand nicht mehr. Wir hatten hohe Schneelage, Schneesturm und 20° Kälte. Am 26. Januar abends
gegen 8 Uhr bekam ich den Befehl, Panzerspäher aufzustellen, und gegen 8.30 Uhr den Befehl zur
Flucht.
Am 27. Januar 1945 gegen 2 Uhr nachts setzte sich das Dorf auf Treckern und Pferdewagen in Richtung
Schloppe-Hochzeit in Bewegung. Es war äußerst schwierig, den Treck geschlossen
weiterzubringen, da die Wagen stark überladen waren und die hohe Schneelage ungeheuer hinderte.
Gegen 12 Uhr hatten wir die Dragebrücke bei Hochzeit überschritten und befanden uns nun
jenseits der Pommernstellung, die aber keineswegs besetzt war. Ich bog rechts ab über Marzelle in
Richtung Zatten, wo wir die erste Nacht verbrachten. Alle Trecks, die in Richtung Woldenberg und
Regenthin zogen, wurden von den Russen überrollt und grausam zugerichtet.
Der Weg führte dann über Neuwedell, Reetz, Zachan, wo wir eine Woche liegen mußten, da
der Landrat von Saatzig Treckverbot erlassen hatte. Der Russe rückte dann von Pyritz aus
plötzlich nach Norden, und wir kamen kurz vor dem Beschuß noch durch Stargard über
Pützerlin durch den Kreis Naugard, dort auf die Reichsautobahn (Bäderstraße) über
Stettin, Kolbitzow, mußten vor Prenzlau i. d. Uckermark die Autobahn verlassen und zogen über
Prenzlau, Woldeck, Neubrandenburg nach Altentreptow. Hier wurde der Treck aufgelöst, da der Kreis
Demmin Aufnahmekreis für Deutsch Krone war, und auf mehrere Orte verteilt.
Ich habe diesen Treck von ca. 500 Menschen ohne Verluste geschlossen durchgebracht, und es war mir auch
gelungen, alle laufend mit Milch, Butter und Fleisch aus Schlachtungen zu versorgen. Brot bekamen wir
unterwegs noch reichlich. Ich selbst kam mit meiner Familie und einigen Nachbarn nach Pensin, 4 km von
Demmin, zu dem Gutspächter Walter Levermann, der ebenso wie seine Frau gereifte, prächtige,
lebenserfahrene Menschen waren und es an nichts fehlen ließen, um uns das Leben angenehm zu
macheu.
In Pensin blieben wir bis zum Einmarsch der Russen, der am 30. April 1945 erfolgte. Ein Weitertrecken war
von der Kreisleitung in Demmin verboten worden, auch war die Peenebrücke dortselbst bereits
gesprengt und nur der Landweg über Loitz offen. Der Ortsgruppenleiter, Lehrer von Pensin, wachte
eifrig darüber, daß kein Fahrzeug den Ort verließ. Die Russen rückten am 30. April
1945 gegen 10 Uhr vormittags in Pensin ein, kurz zuvor hatten sich 29 Einheimische, darunter viele
Mütter mit Kindern, in der Peene ertränkt.
Es begann ein furchtbarer Jammer, alle Uhren wurden uns unter Bedrohung mit der Waffe abgenommen. Frauen
und Mädchen von ganzen Trupps hintereinander vergewaltigt und geschlagen. Die plötzlich
freigewordenen polnischen Landarbeiter plünderten wie die Raben, luden alles auf Wagen, nahmen sich
die besten Pferde und fuhren ostwärts. Gegen Abend war der Gutshof derart von Truppen
überschwemmt, daß wir um unsere Frauen und Töchter bangten und alle in den Wald
flüchteten, wo wir zwei Tage und Nächte unter freiem Himmel kampierten, dann auf den Gutshof
zurückgingen und feststellen mußten, daß unsere sämtliche Habe geraubt war.
Mein PKW, der im Spritzenhaus stand, wurde ebenfalls weggenommen. Nun zog auf den Gutshof eine
Transportkolonne ein, die das Gutshaus beschlagnahmte und uns nichts anderes übrig blieb, als in der
Scheune zu kampieren. Die jungen Frauen und Mädchen wurden dauernd im Stroh versteckt gehalten, um
Vergewaltigungen zu entgehen. Jetzt begannen auch bereits die Erhebungen von seiten der Russen über
Maschinen und Vieh, und es dauerte nicht lange, da wurden sämtliche Viehherden nach Osten
abgetrieben. Pferde waren längst abgenommen.
Nach ca. zwei Wochen kam plötzlich das Gerücht auf, es müsse alles nach Hause. Da ich noch
zwei Pferde, die in der Scheune versteckt waren, und einen Gummiwagen hatte, fuhr ich mit einigen
Nachbarn auch heimwärts. Am 14. Mai 1945 setzten wir uns in Richtung Jarmen in Bewegung. Schon nach
kurzer Strecke wurden uns die Pferde ausgespannt und gegen lahmere von Russen umgetauscht. In Jarmen
wurde der Wagen von Polen durchsucht und alles Brauchbare abgenommen. Der Weg führte dann über
Anklam-Pasewalk. Überall wurden wir wieder geplündert und beraubt, die Stiefel und Anzüge
ausgezogen. Überall an den Straßen saßen russische Soldaten und polnische Horden, um
sich auf die unglücklichen Opfer zu stürzen. Frauen und Mädchen konnten sich manchmal kaum
retten vor den (...) Bestien.
In Greifenhagen, wo wir die Oder überschritten, wurden einige Landsleute und auch ich verhaftet,
nachdem mau alle Wagen getrennt hatte. Meine Frau und Tochter mußten nun den Weg mit sehr lahmen
Pferden, diese hatte man uns schon mehrmals umgetauscht und den Gummiwageu abgenommen, alleine
fortsetzen. Wir wurden in Greifenhagen in einen Ziegenstall gesperrt, der nur ein Luftloch von 20 mal 20
cm hatte, ca. 6 qm groß war und 20 Menschen beherbergte, alles mußte stehen, ich selbst stand
im Türrahmen, hinter mir wurde die Tür zugepreßt. Dadurch hatte ich Glück,
während die Letzten, die schon einige Tage darin saßen, hinten blieben, wurde ich am
nächsten Morgen von einem russischen Dolmetscher und Oberleutnant unter Ohrfeigen vernommen und
wurde entlassen.
Auf der Oderbrücke wurde mir dann die Hose ausgezogen und mir zwei goldene Armbänder meiner
Tochter, die ich in der Unterhose hängen hatte, weggenommen. Als ich am Bahnhof in Greifenhagen
vorbei kam, hatte ich einen Güterwagen Steinkohlen zu entladen, die Russen gaben mir nicht mal
Wasser. Dann traf ich zwei Dörfer weiter meinen Treck und meine Familie, die aber auch schon wieder
von den Russen stark bedrängt wurden, und es an der Zeit war, weiterzuziehen. Dann ging es unter
denselben Gefahren weiter, ewig in Angst, überall Russen und Horden und wir Freiwild. Über
Pyritz, das wie Greifenhagen völlig zerschossen war, in Richtung Kallies,
Märkisch-Friedland.
In Marzdorf, Kreis Deutsch-Krone, wurden wir am 28. Mai angehalten. Dieses 8000 Morgen große Gut
wurde von den Polen verwaltet. Wir mußten eine Woche Kartoffeln pflanzen und traten dann am 5. Juni
1945 früh die Heimfahrt über Tütz Schloppe an und waren gegen Mittag in Trebbin.
östlich der Oder bestanden schon in allen Orten polnische Verwaltungen, die Straßen wimmelten
von polnischer Miliz, die halb Zivil, halb Soldat, schwer bewaffnet ein wahres Räuberleben
führte und oft mit den Russen schwere Zusammenstöße hatte, die selten ohne
Schießerei abgingen.
Während Märkisch-Friedland wenig zerstört war, sind Tütz und Schloppe bis auf einige
Häuser der Randgebiete völlig ausgebrannt, Trebbin zu 80 % ausgebrannt. Bei mir selbst war das
Wohnhaus, ein abseits des Hofes gelegenes Vierfamiliendeputantenhaus sowie ein mir gehöriges
Villengrundstück in Schleppe, Bahnhofstraße, abgebrannt. (...) Sämtliche Gebäude
wurden 8 bis 10 Tage nach der Besetzung, die am 29. Januar 1945 erfolgte, systematisch in Brand gesteckt.
Kämpfe haben um Schleppe noch stattgefunden, jedoch waren sie belanglos, da unsere Truppe über
keinerlei schwere Waffen mehr verfügte und es sich auch nur noch um versprengte Trupps
handelte.
Einige Familien, die sich zur Flucht nicht entschließen konnten, haben Grausiges erlebt. (...) Die
Familie Bauer Adolf Wendland wurde mit vier Kindern erschossen. Die ersten Rückwanderer fanden sie
im Mai 1945 am Giebel ihres Hauses in verwestem Zustande vor und bestatteten sie. Auch aus den
Nachbardörfern, vor allem Hansfelde, Schönow, Drahnow, Eichfier usw., könnte ich
berichten. Gleich nach der Besetzung durch die Russen wurden sämtliche männlichen Einwohner
zusammengezogen und nach Osten abtransportiert. Umgekommen sind dort der Bauer Arthur Schulz aus Drahnow,
der Bauer Richard Schleuder II und der Bauer Bruno Finger, beide aus Bevilsthal. Der Jungbauer Rudolf
Schulz aus Trebbin war wegen Verlust der rechten Hand 1944 entlassen worden, er wurde Mitte Februar 1945
von einer durchziehenden Kolonne als Wegweiser mitgenommen, man fand ihn später mit zerschlagenem
Schädel in einem Stall des Nachbardorfes Buchholz tot auf.
[Anm. der Herausgeber von 1954: Im Anschluß wird von der Verhaftung und Freilassung durch die Polen
und über den Vorgang der Ausweisung im Oktober 1945 berichtet].