Woldenberg (Neumark)   —  Diverse Fluchtberichte von 1945 khd
Stand:  17.3.2012   (26. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Div_Fluchtberichte.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf dieser Seite sind einige im Internet gefundene Fluchtberichte zusammengestellt worden. Dazu gehört auch der dramatische Bericht des Woldenberger Bürgermeisters von 1950 über das Scheitern des Woldenberg-Trecks bereits in Berlinchen. Und dann gibt’s da noch den Schlüssel-Bericht von Dr. Knabe, aus dem das ganze Chaos, das Anfang 1945 bestand, deutlich wird. In den Texten wurden einige Anmerkungen [Ed: ...] sowie Links redaktionell hinzugefügt.

I n d e x :


Woldenberg — Der Woldenberg-Treck



Räumung der Stadt Woldenberg

Überrollung auf dem Treck in Berlinchen und die ersten Tage nach dem Russeneinfall. Erlebnisbericht des früheren Bürgermeisters von Woldenberg (Kreis Friedeberg in Pommern).

Gefunden in: Buchveröffentlichung von 1954, Bonn, Seite 195–197 (Bericht-Nr. 48). Aufgeschrieben am 16. Januar 1950 von OTTO HEMP, Bürgermeister. [Original]

      In der Nacht vom 26. zum 27. Januar 1945 bekam die Stadt Woldenberg, Kreis Friedeberg, Neumark, [von der NSDAP] den Räumungsbefehl. Der Bevölkerung von Woldenberg hatte ich am Tage vorher schon bekannt gegeben, daß als Alarm und gleichzeitig zum Abschied die Glocken läuten würden. Es standen am 27. Januar morgens 3 Züge für den Abtransport bereit. Alle Bauern und Pferdehalter wurden zu Trecks zusammengestellt und rückten im Laufe des Tages in Richtung Arnswalde – Berlinchen ab mit dem Endziel Anklam.

      Berlinchen -- Bahnhofstraße
^   Berlinchen – Die Bahnhofstraße. Hier zog der Woldenberg-Treck 1945 lang und wurde dann von russischen Panzern überrollt.   (Repro: 2009 – khd)
      In der Nacht vom 28. zum 29. Januar rückte der Treck in Berlinchen ein. Am nächsten Morgen sollte es weitergehen. Es schneite und war glatt; die Kolonnen fuhren in Viererreihe, die Straßen waren verstopft, und wir beschlossen daher, noch eine Nacht in Berlinchen zu bleiben. Am Abend gegen 12 Uhr erschienen die ersten russischen Panzer am Eingang der Stadt. Ich lag mit einem Teil des Trecks ganz in der Nähe des Stadteingangs. Nach etwa 25 bis 30 Minuten brannte die Hauptstraße; die Russen hatten die Häuser in Brand gesteckt.

      Ein Teil des Trecks spannte in der Nacht an, und wir rückten in nordöstlicher Richtung ab nach dem Gut Siede, wo wir 4 Tage blieben, bis der Russe auch nach dort kam. Wir zogen nochmals weiter in nördlicher Richtung nach dem Dorf Hohengrape. Als wir dort ankamen, war alles ruhig, doch in der Nacht erschienen die ersten russischen Kolonnen. Am andern Morgen fuhr ein Teil der Polen, die die Bauern mit auf die Flucht genommen hatten, mit den beladenen Wagen in östlicher Richtung davon, ohne daß wir es hindern konnten. Am Nachmittag nahm uns der Russe sämtliche Pferde weg.

      Wir erlebten nun die erste schreckliche Nacht. Meine Nichte wurde von 14 russischen Offizieren im Nebenzimmer vergewaltigt. Meine Frau wurde von einem Russen in die Scheune geschleppt und ebenfalls vergewaltigt. Nachdem wurde sie in einen Pferdestall gesperrt und am nächsten Morgen 5 Uhr mit vorgehaltener Pistole nochmals vergewaltigt. Als die Kolonne weg war, fanden wir meine Frau unter einem Strohhaufen, wohin sie in ihrer Angst geflüchtet war. Alle in der Wohnung verbliebenen Flüchtlinge erlebten in der Nacht ebenfalls schreckliche Stunden.

      Es erschien ein Russe und suchte sich ein Mädchen von 13 Jahren aus. Das Kind schrie und sträubte sich, mitzugehen. Er lud seine Pistole, ließ alle antreten und drohte, uns zu erschießen, wenn wir das Mädchen nicht innerhalb von 5 Minuten in das Nebenzimmer brächten. Wir wußten genau, daß er von der Waffe Gebrauch machen würde, und mußten unter diesem Zwang sein Ansinnen erfüllen. Als sich erwies, daß das Mädchen zu schwach war, gab er es einem andern Kameraden. Er selbst erschien wieder im Zimmer, wir mußten wieder antreten, und er holte sich jetzt die Mutter, die die Jüngste von den Frauen war. Die Mutter selbst wurde im Bett vergewaltigt, während die Tochter von dem andern Russen vor dem Bett auf dem Fußboden Gewalttaten über sich ergehen lassen mußte. Die Mutter war außerdem schwanger. Der Bauer, bei dem wir in Quartier lagen, wurde mit seiner Nichte abgeholt und beide in Berlinchen erschossen, angeblich weil sie die Polen schlecht behandelt hatten.

      In derselben Nacht erschienen 3 russische Offiziere, darunter ein Jude, der deutsch sprach. Sie nahmen alles, was wir an Wäsche und Bekleidung hatten, in Besitz. Es war die Wäsche und Bekleidung von 3 Familien. In der Zeit, wo die Russen unsere Wäsche und Bekleidung sortierten und neu verpackten, mußten unsere Frauen einen Gänsebraten herrichten. Als die Russen gegessen hatten, mußten wir die von ihnen gestohlenen Sachen auf ein Lastauto schaffen. Nach vollendeter Mahlzeit legten sie die Hand an die Mütze und sagten: „Danke schön!“

      Das von uns bewohnte Haus wurde jetzt von Russen belegt, und wir selbst wurden in eine abgelegene Scheune getrieben. Täglich kam die GPU. und holte die Männer ab. Unsere Rettung war die abgelegene Scheune. Gegenüber von uns lag das frühere Gutsschloß, welches bei der Aufsiedelung zur Schule, Kirche, Lehrer- und Pastorwohnung umgebaut war. Mißhandlungen und Vergewaltigungen steigerten sich von Tag zu Tag, so daß nun jeden Abend Einheimische und Flüchtlinge in dem früheren Gutsschloß Schutz suchten.

      Jede Nacht erschienen auch dort die Russen, schossen durch die Fenster und Türen, schlugen die verriegelten Türen ein und vergewaltigten Frauen und Mädchen im Beisein der Kinder. Wir, die wir in der Scheune lagen, hörten die Schreckensrufe von 500 bis 600 Menschen: „Hilfe, Hilfe, Kommandant!“ Es war aber alles vergebens. In einer Nacht wurde ein Mann und eine Frau, als sie die Tür öffnen wollten, sofort erdolcht. Eine andere Frau, die sich nicht ergeben wollte, wurde nackt an den Haaren über das Eis im Gutspark geschleift und blutüberströmt später aufgefunden.

      Unsere Frauen, die mit uns in der Scheune lagen, durchweg über 60 Jahre alt, wurden weiter vergewaltigt. Es kam oft vor, daß Autos vor das Gutshaus fuhren und Frauen und Mädchen dort hinholten, wo sie nicht ausreichten. Am andern Morgen kamen sie dann gewöhnlich 20 bis 25 km zu Fuß zurück.

      Eines Nachts wurde ich aus der Scheune geholt und gezwungen, im Schloß an die Fenster zu klopfen und 20 Frauen aufzufordern, ein angebliches Auto, das vor dem Schloß hielt, anschieben zu helfen. Die von mir aufgeforderten Frauen öffneten zu meiner Freude jedoch nicht, und die Russen fuhren diesmal unverrichteter Sache wieder ab.

      Ende Februar wurde es ruhiger. [Anm. der Herausgeber von 1954: Abschließend wird die folgende Zeit unter Russen und Polen und die Ausweisung kurz zusammengefaßt].


Klosterfelde — Ein Treck, der durchkam



Flucht aus Klosterfelde am 28.1.1945

Woldenberg, Lämmersdorf, Regenthin, Jägersburg brannten, und von Lämmersdorf her brüllte das Vieh... 1

Gefunden in: Mementor.de am 13. November 2004 (Erinnerungen von N.N.). [Original]

      Schon Tage vorher hörte man das Grollen der Geschütze, die Front rückte immer näher. (...) den Leiterwagen fertigzumachen. (...) er wollte unbedingt zu Hause bleiben, war ja schon 95 Jahre alt und seit Jahren blind. (...)

      Inzwischen hatten Papa und Wladek, unser Pole, die Kühe losgemacht, noch einmal Futter vorgelegt, angespannt, und dann ging es los, 21 Uhr war es bereits geworden. Es war lausig kalt, der Schnee knirschte, und es war eine wunderbare Mondscheinnacht. (...) und so zogen wir mit 5 Wagen dahin. (...)

      Von Klosterfelde rollten schon die ersten russischen Panzer auf der Chaussee heran. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch bis zum Mittag. In Sammenthin vor Arnswalde machten wir Rast und wollten erst einmal abwarten. (...) am übernächsten Tag, also dem 31. Januar, ging es nach Arnswalde.

      Dort übernachteten wir wieder, am Tag darauf in Klein-Silber. Unsere Flucht führte uns weiter über Nörenberg, Freienwalde, Massow nach Hackenwalde. Bei Pölitz wollten wir über die Oder fahren, aber nachts wurde die Brücke gesprengt, und so mussten wir nach Süden abbiegen und bei Kolbitzow über die Oder fahren.

      In Hackenwalde hatten wir bei einem Schmiedemeister übernachtet. Dort waren zwei Dackel, die saßen mit am Tisch und wurden gefüttert, dort durfte sich keiner hinsetzen. Kochen durften wir nicht, bekamen auch nichts angeboten.


Trebbin/Pm — Der Treck nach Vorpommern und zurück



Die Verwirrung vor der Flucht

Der Treck von Trebbin nach Vorpommern, Überrollung durch die Russen. Rückkehr und Zustände in der Heimat. Erlebnisbericht des ehemaligen Bürgermeisters von Trebbin (Kreis Dt. Krone in Pommern). 3

Gefunden in: Buchveröffentlichung von 1954, Bonn, Seite 189–192 (Bericht-Nr. 46). Aufgeschrieben am 12. September 1950 von XXX XXX, Bürgermeister. [Original]

      Am 21. Januar 1945, 4 Uhr nachts, erhielten wir von dem [NSDAP-]Ortsgruppenleiter den Befehl, uns auf die Flucht für 8 Uhr vorzubereiten. Dieser Befehl wurde gegen 6 Uhr widerrufen, da angeblich an der Front Ruhe eingetreten und der Russe zurückgeworfen sei. Sämtliche Männer bis zu 60 Jahren einschließlich der Arm- und Beinamputierten wurden zu mittags 12 Uhr zum Bahnhof Schleppe zum Volkssturm einberufen und nach Sagemühl abtransportiert.

      Ich selbst erreichte es bereits am 22. Januar, als Bürgermeister der Gemeinde Trebbin durch das Landratsamt Deutsch-Krone freigestellt zu werden, und es gelang mir auch, einige ältere Betriebsführer und Melker von den größeren Höfen freizubekommen. Im Laufe der Woche bekamen wir den Befehl, die Treckwagen zu entladen, da keine Gefahr mehr vorhanden sei, obwohl unser Dorf ständig von langen Trecks aus dem Warthegau durchzogen wurde, wir auch ständig nachts Flüchtlinge beherbergten, die wahre Schauer- und Greuelgeschichten von den Russen, die sie zum Teil überrollt hatten, erzählten.

      Am 26. Januar 1945 13 Uhr hielt Gauleiter Schwede auf dem Marktplatz in Schleppe eine flammende Rede, die ich selbst gehört habe. Er wies darauf hin, daß keine Gefahr bestehe und nur einige russische Panzerspitzen durchgebrochen wären, die man aber abgeschossen hätte. In der Tat standen die Dörfer um Schönlanke und Kreuz, ca. 15 bis 20 km entfernt, schon in Flammen, und eine Front bestand nicht mehr. Wir hatten hohe Schneelage, Schneesturm und 20° Kälte. Am 26. Januar abends gegen 8 Uhr bekam ich den Befehl, Panzerspäher aufzustellen, und gegen 8.30 Uhr den Befehl zur Flucht.

      Am 27. Januar 1945 gegen 2 Uhr nachts setzte sich das Dorf auf Treckern und Pferdewagen in Richtung Schloppe-Hochzeit in Bewegung. Es war äußerst schwierig, den Treck geschlossen weiterzubringen, da die Wagen stark überladen waren und die hohe Schneelage ungeheuer hinderte. Gegen 12 Uhr hatten wir die Dragebrücke bei Hochzeit überschritten und befanden uns nun jenseits der Pommernstellung, die aber keineswegs besetzt war. Ich bog rechts ab über Marzelle in Richtung Zatten, wo wir die erste Nacht verbrachten. Alle Trecks, die in Richtung Woldenberg und Regenthin zogen, wurden von den Russen überrollt und grausam zugerichtet.

      Der Weg führte dann über Neuwedell, Reetz, Zachan, wo wir eine Woche liegen mußten, da der Landrat von Saatzig Treckverbot erlassen hatte. Der Russe rückte dann von Pyritz aus plötzlich nach Norden, und wir kamen kurz vor dem Beschuß noch durch Stargard über Pützerlin durch den Kreis Naugard, dort auf die Reichsautobahn (Bäderstraße) über Stettin, Kolbitzow, mußten vor Prenzlau i. d. Uckermark die Autobahn verlassen und zogen über Prenzlau, Woldeck, Neubrandenburg nach Altentreptow. Hier wurde der Treck aufgelöst, da der Kreis Demmin Aufnahmekreis für Deutsch Krone war, und auf mehrere Orte verteilt.

      Ich habe diesen Treck von ca. 500 Menschen ohne Verluste geschlossen durchgebracht, und es war mir auch gelungen, alle laufend mit Milch, Butter und Fleisch aus Schlachtungen zu versorgen. Brot bekamen wir unterwegs noch reichlich. Ich selbst kam mit meiner Familie und einigen Nachbarn nach Pensin, 4 km von Demmin, zu dem Gutspächter Walter Levermann, der ebenso wie seine Frau gereifte, prächtige, lebenserfahrene Menschen waren und es an nichts fehlen ließen, um uns das Leben angenehm zu macheu.

      In Pensin blieben wir bis zum Einmarsch der Russen, der am 30. April 1945 erfolgte. Ein Weitertrecken war von der Kreisleitung in Demmin verboten worden, auch war die Peenebrücke dortselbst bereits gesprengt und nur der Landweg über Loitz offen. Der Ortsgruppenleiter, Lehrer von Pensin, wachte eifrig darüber, daß kein Fahrzeug den Ort verließ. Die Russen rückten am 30. April 1945 gegen 10 Uhr vormittags in Pensin ein, kurz zuvor hatten sich 29 Einheimische, darunter viele Mütter mit Kindern, in der Peene ertränkt.

      Es begann ein furchtbarer Jammer, alle Uhren wurden uns unter Bedrohung mit der Waffe abgenommen. Frauen und Mädchen von ganzen Trupps hintereinander vergewaltigt und geschlagen. Die plötzlich freigewordenen polnischen Landarbeiter plünderten wie die Raben, luden alles auf Wagen, nahmen sich die besten Pferde und fuhren ostwärts. Gegen Abend war der Gutshof derart von Truppen überschwemmt, daß wir um unsere Frauen und Töchter bangten und alle in den Wald flüchteten, wo wir zwei Tage und Nächte unter freiem Himmel kampierten, dann auf den Gutshof zurückgingen und feststellen mußten, daß unsere sämtliche Habe geraubt war.

      Mein PKW, der im Spritzenhaus stand, wurde ebenfalls weggenommen. Nun zog auf den Gutshof eine Transportkolonne ein, die das Gutshaus beschlagnahmte und uns nichts anderes übrig blieb, als in der Scheune zu kampieren. Die jungen Frauen und Mädchen wurden dauernd im Stroh versteckt gehalten, um Vergewaltigungen zu entgehen. Jetzt begannen auch bereits die Erhebungen von seiten der Russen über Maschinen und Vieh, und es dauerte nicht lange, da wurden sämtliche Viehherden nach Osten abgetrieben. Pferde waren längst abgenommen.

      Nach ca. zwei Wochen kam plötzlich das Gerücht auf, es müsse alles nach Hause. Da ich noch zwei Pferde, die in der Scheune versteckt waren, und einen Gummiwagen hatte, fuhr ich mit einigen Nachbarn auch heimwärts. Am 14. Mai 1945 setzten wir uns in Richtung Jarmen in Bewegung. Schon nach kurzer Strecke wurden uns die Pferde ausgespannt und gegen lahmere von Russen umgetauscht. In Jarmen wurde der Wagen von Polen durchsucht und alles Brauchbare abgenommen. Der Weg führte dann über Anklam-Pasewalk. Überall wurden wir wieder geplündert und beraubt, die Stiefel und Anzüge ausgezogen. Überall an den Straßen saßen russische Soldaten und polnische Horden, um sich auf die unglücklichen Opfer zu stürzen. Frauen und Mädchen konnten sich manchmal kaum retten vor den (...) Bestien.

      In Greifenhagen, wo wir die Oder überschritten, wurden einige Landsleute und auch ich verhaftet, nachdem mau alle Wagen getrennt hatte. Meine Frau und Tochter mußten nun den Weg mit sehr lahmen Pferden, diese hatte man uns schon mehrmals umgetauscht und den Gummiwageu abgenommen, alleine fortsetzen. Wir wurden in Greifenhagen in einen Ziegenstall gesperrt, der nur ein Luftloch von 20 mal 20 cm hatte, ca. 6 qm groß war und 20 Menschen beherbergte, alles mußte stehen, ich selbst stand im Türrahmen, hinter mir wurde die Tür zugepreßt. Dadurch hatte ich Glück, während die Letzten, die schon einige Tage darin saßen, hinten blieben, wurde ich am nächsten Morgen von einem russischen Dolmetscher und Oberleutnant unter Ohrfeigen vernommen und wurde entlassen.

      Auf der Oderbrücke wurde mir dann die Hose ausgezogen und mir zwei goldene Armbänder meiner Tochter, die ich in der Unterhose hängen hatte, weggenommen. Als ich am Bahnhof in Greifenhagen vorbei kam, hatte ich einen Güterwagen Steinkohlen zu entladen, die Russen gaben mir nicht mal Wasser. Dann traf ich zwei Dörfer weiter meinen Treck und meine Familie, die aber auch schon wieder von den Russen stark bedrängt wurden, und es an der Zeit war, weiterzuziehen. Dann ging es unter denselben Gefahren weiter, ewig in Angst, überall Russen und Horden und wir Freiwild. Über Pyritz, das wie Greifenhagen völlig zerschossen war, in Richtung Kallies, Märkisch-Friedland.

      In Marzdorf, Kreis Deutsch-Krone, wurden wir am 28. Mai angehalten. Dieses 8000 Morgen große Gut wurde von den Polen verwaltet. Wir mußten eine Woche Kartoffeln pflanzen und traten dann am 5. Juni 1945 früh die Heimfahrt über Tütz — Schloppe an und waren gegen Mittag in Trebbin. östlich der Oder bestanden schon in allen Orten polnische Verwaltungen, die Straßen wimmelten von polnischer Miliz, die halb Zivil, halb Soldat, schwer bewaffnet ein wahres Räuberleben führte und oft mit den Russen schwere Zusammenstöße hatte, die selten ohne Schießerei abgingen.

      Während Märkisch-Friedland wenig zerstört war, sind Tütz und Schloppe bis auf einige Häuser der Randgebiete völlig ausgebrannt, Trebbin zu 80 % ausgebrannt. Bei mir selbst war das Wohnhaus, ein abseits des Hofes gelegenes Vierfamiliendeputantenhaus sowie ein mir gehöriges Villengrundstück in Schleppe, Bahnhofstraße, abgebrannt. (...) Sämtliche Gebäude wurden 8 bis 10 Tage nach der Besetzung, die am 29. Januar 1945 erfolgte, systematisch in Brand gesteckt. Kämpfe haben um Schleppe noch stattgefunden, jedoch waren sie belanglos, da unsere Truppe über keinerlei schwere Waffen mehr verfügte und es sich auch nur noch um versprengte Trupps handelte.

      Einige Familien, die sich zur Flucht nicht entschließen konnten, haben Grausiges erlebt. (...) Die Familie Bauer Adolf Wendland wurde mit vier Kindern erschossen. Die ersten Rückwanderer fanden sie im Mai 1945 am Giebel ihres Hauses in verwestem Zustande vor und bestatteten sie. Auch aus den Nachbardörfern, vor allem Hansfelde, Schönow, Drahnow, Eichfier usw., könnte ich berichten. Gleich nach der Besetzung durch die Russen wurden sämtliche männlichen Einwohner zusammengezogen und nach Osten abtransportiert. Umgekommen sind dort der Bauer Arthur Schulz aus Drahnow, der Bauer Richard Schleuder II und der Bauer Bruno Finger, beide aus Bevilsthal. Der Jungbauer Rudolf Schulz aus Trebbin war wegen Verlust der rechten Hand 1944 entlassen worden, er wurde Mitte Februar 1945 von einer durchziehenden Kolonne als Wegweiser mitgenommen, man fand ihn später mit zerschlagenem Schädel in einem Stall des Nachbardorfes Buchholz tot auf.

[Anm. der Herausgeber von 1954: Im Anschluß wird von der Verhaftung und Freilassung durch die Polen und über den Vorgang der Ausweisung im Oktober 1945 berichtet].


Pommern — Totales Chaos bei der Räumung



Die Räumung des Kreises Dt. Krone und des Netzekreises

Tätigkeitsbericht von Dr. Knabe, ehemaliger Landrat des Kreises Dt. Krone und kommissarischer Landrat des Netzekreises. 5

Gefunden in: Buchveröffentlichung von 1954, Bonn, Seite 184–189 (Bericht-Nr. 45). Aufgeschrieben wurde dieser amtliche Bericht an den Regierungspräsidenten in Schneidemühl am 14. April 1945 von Dr. KNABE, Landrat. [Original]

      Der Kreis Deutsch Krone war nur zur Räumung vorgesehen, soweit er vor oder in der Pommernstellung lag. Insgesamt sollten etwa 70 Gemeinden geräumt werden. Der Rest des Kreises, insbesondere die Gegend um Märk.-Friedland mit ca. 23 Gemeinden, sollte nicht geräumt werden. Der Netzekreis dagegen war ganz zu räumen.

      Aufnahmekreis war für den Kreis Deutsch Krone der Kreis Demmin, für den Netzekreis der Kreis Grimmen. Durch Erlaß des Reichsverteidigungskommissars vom 12. Dezember 1944 war die Vorbereitung aller Räumungs- und Bergungsmaßnahmen den Kreisleitern übertragen. Dem Landrat war nur die Räumung der ihm unterstellten Behörden übertragen, und auch hier war er dem Kreisleiter unterstellt. Ein ausdrücklicher Unterstellungsbefehl erging noch einmal mündlich durch den Reichsverteidigungskommissar auf der Tagung in Falkenburg am Montag, den 22. Januar 1945.

Die Ereignisse rollten wie folgt ab:

Am Sonnabend, den 20. Januar 1945, abends gegen 22 Uhr, wurde von der Kreisleitung Deutsch Krone das Stichwort „Regen“ ausgelöst. Damit war die Anordnung getroffen, alles für eine mögliche Räumung vorzubereiten. Der Netzekreis erhielt zur gleichen Zeit den gleichen Alarmbefehl. Das Stichwort wurde den in Frage kommenden Behörden durchgegeben, der Zivilbevölkerung vorschriftsmäßig jedoch nicht bekanntgegeben.

      Am Montag, den 22. Januar 1945, fand in Falkenburg bei dem Herrn Reichsverteidigungskommissar eine Besprechung wegen der Räumung statt, die bis zum späten Nachmittag währte. In der Sitzung wurde eine Räumung nur als theoretisch möglich, nicht aber als unmittelbar bevorstehend behandelt. Trotzdem war von der Kreisleitung bereits vormittags um 11 Uhr an meine Behörde der Räumungsbefehl durch Auslösung des Stichwortes „Hagel“ gegeben worden.

Der Kreisleiter gab dem Sachbearbeiter folgende schriftliche Weisung:
„Dt.-Krone, den 22. Januar 1945.
An alle Ortsgruppenleiter.
1. Stichwort „Hagel“.
2. Die befohlene Räumungsaktion beschränkt sich zunächst auf die Rückführung der Umquartierten und auf die einheimischen Frauen und Kinder. Aufnahmekreis ist für uns Kreis Demmin/Vorpommern.

Ortsgruppenleiter sind verantworlich, daß die obengenannten Trecks auf dem kürzesten Wege sich westlich der Pommernstellung einfinden. Alles sofort in Marsch setzen.

Die Treckführer sind anzuweisen, sich in Demmin einzufinden.

Der Kreisleiter
gez. Quast.“

      Diese Anordnung wurde nach 10 Minuten zurückgezogen. Kurz darauf wurde von der Kreisleitung am gleichen Tag die Räumung von Umquartierten mit Müttern und Kindern bis 6 Jahren angeordnet und gleichfalls wieder zurückgenommen. Die betreffende 2. Weisung lautet wie folgt:
„Durchsage von der Befehlsstelle des Gauleiters.
Montag, den 22. Januar 1945. 2. Weisung.

An alle Kreisleiter, Kreisamtsleiter der NSV., Kreisfrauenschaftsleiterin, Bannmädelführerin und den Herrn Landräten und Kreisbauernführern zur Kenntnisnahme. Auf Befehl des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars sind sofort folgende Gebiete von Umquartierten und Müttern mit Kindern der bodenständigen Bevölkerung zu räumen und in die entsprechenden Bergungskreise zu leiten. Alle Gebiete östlich der Pommernstellung und zwar in den Kreisen Arnswalde, Friedeberg, Netzekreis, Schneidemühl, Dt. Krone, Neustettin und Flatow.

Bei den Bergungsstellen auf den Bahnhöfen und an den Durchgangsstraßen sind neben ausreichender Verpflegung für Erwachsene, Kleinkinder und Säuglinge auch Heißgetränke bereitzustellen.

gez. Hube, Oberbereichsleiter.“

      Beide Befehle kamen über den Kreis meiner Behörden nicht hinaus. Inwieweit die Befehle von der Kreisleitung an andere Stellen gegeben wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls machte sich von Tag zu Tag eine wachsende Nervosität bemerkbar.

      Als ich abends von der Tagung in Falkenburg nach Deutsch Krone kam, wurde mir gemeldet, daß der Reichsführer-SS [Himmler] mit seinem Sonderzug in Dt. Krone sei und mich zu sprechen wünsche. Ich meldete mich und wurde von dem persönlichen Referenten, SS-Brigadeführer, Ministerialrat Dr. Brandt, empfangen. Er teilte mir mit, daß der Reichsführer-SS den Befehl über die Weichselarmee übernommen habe, daß die entsprechenden Truppen bereits mit ihren Spitzen einträfen, und daß eine Räumung unseres Gebietes wohl kaum in Frage käme. Im übrigen habe der Reichsführer-SS sich vorbehalten, jeden Räumungsbefehl persönlich zu geben. Keine andere Stelle sei daher mehr berechtigt, in Bezug auf die Räumung etwas anzuordnen.

      Ministerialrat Dr. Brandt suchte mich zusammen mit dem Ministerialrat Bode am nächsten Morgen in meinem Dienstzimmer auf und gab gleichfalls nochmals beruhigende Erklärungen ab.

      Ab Mittwoch, den 24. Januar 1945, ca. 21 Uhr, erfolgte die Anordnung zum Abtransport Umquartierter und Mütter mit Kindern bis 6 Jahren aus frontnahen Orten, d. h. vor der Pommernstellung und in der Pommernstellung sollten diese Bevölkerungskreise fortgeschafft werden. Der Abtransport ging am Donnerstag, Freitag und Sonnabend weiter vor sich.

      In der Nacht von Donnerstag zu Freitag hatte das Postamt in Schleppe geräumt. Es war also an diesem Tag nicht mehr möglich, von Schleppe aus Postverbindung zu bekommen. Die Sparkassennebenstelle in Schleppe war ohne Geld und konnte keine Auszahlungen mehr vornehmen. Ich fuhr selbst mit einer entsprechenden Geldsendung nach Schloppe. Als ich ankam, wurde mir berichtet, daß der Gauleiter da gewesen sei und befohlen habe, daß das Postamt Schloppe sofort wieder besetzt würde. Er habe im übrigen eine öffentliche Versammlung auf dem Markt in Schloppe abgehalten, die Bevölkerung beruhigt und erklärt, sie solle wieder auspacken, an eine Räumung dächte niemand. Freitagnachmittag waren aber bereits russische Panzer in Schönlanke. Die Netze war in breiter Front überschritten und abends um 22 Uhr wurde das Stichwort „Hagel“ ausgelöst und damit die Räumung befohlen.

      Ich erhielt den Räumungsbefehl von dem stellvertretenden Gauleiter Pg. Simon persönlich [Ed: Pg = Parteigenosse]. Er rief mich an und sagte etwa wie folgt:

„Der Reichsführer-SS hat mich beauftragt, die Räumung für ein Gebiet, welches 30 km von der Gaugrenze entfernt liegt, zu befehlen. Ich tue das hiermit. Für weitere 30 km wird die „Auflockerung“ angeordnet.“

      Ich nahm die Karte zur Hand und stellte fest, daß der Kreis, soweit er in und vor der Pommernstellung liegt, zu räumen und daß der Rest des Kreises aufzulockern sei. Ich begab mich zum Kreisleiter, um mit ihm die Sache zu besprechen. Wir waren uns einig, daß unter anderem sämtliche Städte des Kreises Deutsch Krone mit Ausnahme von Mark.-Friedland zu räumen seien. Der Netzekreis war ganz zu räumen.

      Da der Abtransport der Bevölkerung erst am nächsten Morgen erfolgen konnte, da erst dann der 1. Zug zu erwarten sei, wurde der Räumungsbefehl an die Städte erst in den Morgenstunden gegeben, um eine unnötige Beunruhigung in der Bevölkerung zu vermeiden. Die ländlichen Gemeinden wurden sofort benachrichtigt. Eine Verbindung mit Schönlanke und Kreuz, die sofort versucht wurde, kam nicht mehr zustande.

      Die befohlene Räumung des Kreises Deutsch Krone wurde von Sonnabend ab ordnungsgemäß durchgeführt. Besonders gefährdete Gebiete haben die Räumung bereits in der Freitagnacht durchgeführt. Nur vereinzelt wurde die Räumung der Gemeinden durch feindliche Einwirkung gestört 
*.

      Die Räumung der mir unterstellten Behörden erfolgte ordnungsgemäß im Laufe des Sonnabends und Sonntags. Für die Behörden in Deutsch Krone gelang es, 6 Waggons von der Eisenbahn gestellt zu erhalten, mit denen das Landratsamt mit den unterstellten Behörden und die Stadtverwaltung ihre Akten bergen konnten. So wurden insbesondere das wertvolle Material der Sparkasse, der Reichsbahn und die wichtigsten Akten der sonstigen Behörden gerettet. Leider wurde ein Waggon später in Dramburg ausgeladen. Dadurch haben die Krankenkassen und die Volksbank etc. ihre Sachen nicht herausbekommen.

      Die entbehrlichen Gefolgschaftsmitglieder benutzten ebenfalls diese Waggons zur Fahrt in das Bergungsgebiet. Der Rest des Bergungsgutes der Verwaltung wurde auf einen Lastkraftwagen gepackt und verließ am Sonntagmittag [28.1.1945] Dt. Krone, nachdem die Panzer 5 km vor Dt. Krone standen. Der Rest der Gefolgschaft (12 Personen) mit ihren Familienangehörigen (ca. 30 Personen) fanden gleichfalls auf dem Wagen Platz. Ich schloß mich diesen Lastkraftwagen an, nachdem ich mich vorher mit dem Kreisleiter entsprechend in Verbindung gesetzt hatte.

      Es war zuerst beabsichtigt, für die Gemeinden um Märk.-Friedland, die nicht geräumt werden sollten, eine Restverwaltung in Alt Lobitz einzurichten. Nachdem aber dieser Teil des Kreises auch geräumt wurde und die Panzer bei Hochzeit durchgebrochen waren und eine Umfassung drohte, wurde dieser Plan als zwecklos aufgegeben. Nach fünftägiger Fahrt bei eisigem Wetter und starkem Schneesturm kam der mit dem Lastkraftwagen beförderte Teil der Verwaltung im Bergungsort Demmin an. Der mit der Bahn beförderte Teil war bereits am 30. Januar 1945 eingetroffen. Damit hatte der Kreis Dt. Krone als einziger ostpommerscher Kreis die Räumung nahezu vorschriftsmäßig durchgeführt.

Die militärischen Ereignisse hatten sich inzwischen wie folgt entwickelt:

      Am Mittwoch [24.1.1945] und Donnerstag lag Kreuz unter Artilleriebeschuß. Am Freitag [26.1.1945] waren Panzer in Schönlanke und Borkendorf. Die Russen waren in Usch und überschritten die Netze in breiter Front. Schneidemühl lag unter Artilleriebeschuß. Sonnabend waren Panzer in Arnsfelde, Eichfier 
* und Rose. Die Panzer standen damit 10 km westlich von Dt. Krone.

      Wesentlich anders spielte sich die Absetzung im Netzekreis ab. Der Netzekreis wurde völlig unvorbereitet von den Russen überrascht. Er hat nur teilweise räumen können. Zum großen Teil ist die Bevölkerung nicht mehr herausgekommen. Soweit sie fliehen konnte, ist sie zu Fuß geflüchtet. Russische Panzer fuhren bereits am Freitag, während noch die Zivilbevölkerung da war, in die Stadt Schönlanke ein, und nur dem Umstand, daß ein Panzer abgeschossen wurde, ist es zu verdanken, daß ein großer Teil von der Bevölkerung aus Schönlanke noch herausgekommen ist. Denn die Russen drehten nach dem Abschuß des Panzers ab und kamen erst am nächsten Tage wieder nach Schönlanke. Inzwischen konnte die Bevölkerung, allerdings zu Fuß, flüchten.

      Ich selbst war zuletzt am Donnerstag in Schönlanke und hatte von Freitag ab keine Verbindung mehr mit dem Netzekreis. Denn das Telefon versagte, weil die Postverwaltung bereits geräumt hatte. Dagegen wurde ich von Schönlanke in der Nacht angerufen – der Anruf erfolgte wahrscheinlich über die Bahnverwaltung – und um Hilfe für das Säuglingsheim gebeten. Die Säuglinge waren bei dem Panzerbeschuß in die Keller gebracht worden. Eine Möglichkeit zum Abtransport bestand nicht. Ich wandte mich an den Reichsführer-SS [Himmler], der es möglich machte, einen Autobus am nächsten Morgen nach Schönlanke zu schicken. Die Kinder wurden in dem Autobus untergebracht und abtransportiert. Leider starben auf dem Transport von etwa über 100 Kindern 41.

Im einzelnen berichtet Kreisoberinspektor Marcks wie folgt:

„Nachdem am 20. Januar ds. Js. das Stichwort „Regen“ mitgeteilt worden war, wurden die Räumungsvorbereitungen getroffen und das Behördengut, das zur Ausweichstelle mitgenommen werden sollte, gepackt und zum Abtransport bereitgestellt. Die erforderlichen Waggons für die Beförderung zur Ausweichstelle wurden bei der Ortsguppenleitung angemeldet. Die Gestellung von Wagen zur Beförderung zur Bahn wurde vom Fahrbereitschaftsleiter zugesagt. Die Maßnahmen, die für die Zurückführung der Bevölkerung erforderlich waren, wurden mit der Kreisbauernschaft und der Ortsgruppenleitung besprochen und von dieser Stelle vorbereitet.

      Am Dienstag, den 23. Januar, wurde bekannt, daß in den Kreis Scharnikau, im Gau Wartheland, dem Nachbarkreis des Netzekreises, feindliche Panzer eingedrungen waren. Am Mittwoch, den 24. Januar, wurde bereits die Brücke in Scharnikau, die über die Netze in den Netzekreis führte, gesprengt. Die Nähe der Feindpanzer verursachte größte Beunruhigung unter der Bevölkerung und hatte zur Folge, daß sie, insbesondere die in dem Netzekreis Umquartierten, die Kreisstadt und den Kreis massenweise räumte, um mit den wenigen Zügen, die noch verkehrten, westwärts zu kommen.

      Am Donnerstag, den 25. Januar, kam der Gauleiter nach Schönlanke und fand sich zu einer Besprechung im Rathaus ein, zu der täglich die Ortsgruppenleitung mit den Vertretern des Kreises und der Stadtverwaltung zusammenkamen. Dem Gauleiter wurde berichtet, daß die Bevölkerung fluchtartig den Kreis verlasse, worauf er sagte, daß kein Anlaß zur Beunruhigung vorliege und der Netzekreis nicht geräumt werde. Das Bekanntwerden dieser Anordnung wirkte beruhigend. Die Umquartierten versuchten aber nach wir vor, nach ihrer Heimat zu kommen. Auch viele Kreiseingesessene, besonders Mütter mit kleinen oder kranken Kindern, benutzten die westwärts fahrenden Züge zur Flucht.

      Am Freitag, den 26. Januar, kurz nach Mittag, wurde durch die Sirenen das Signal „Panzerwarnung“ gegeben, und zwischen 15 und 16 Uhr drangen 6 russische Panzer auf der Chaussee von Scharnikau in die Stadt ein. Nachdem der erste von ihnen durch Panzerfaust getroffen wurde und brannte, machten die übrigen 5 Panzer kehrt und verließen die Stadt. Vorher war es den Panzern gelungen, das Stellwerk des Bahnhofs so zu beschießen, daß die Bahnstrecke von Schneidemühl blockiert war.

      Auch ein zur Abfahrt bereitstehender Zug wurde beschossen. Dieser fuhr trotzdem noch ab, kam aber nur bis Stieglitz, da auch dort die Bahnstrecke durch von Putzig vorgedrungene Panzer gesprengt war. Der Zug wurde hier von Panzern beschossen. Ein Teil der Flüchtlinge verließ den Zug in Stieglitz und versuchte zu Fuß nordwärts weiterzukommen. Der größte Teil blieb im Zuge, der gegen 24 Uhr nach Schönlanke zurückkehrte. Hier schlossen sich die Flüchtlinge der die Stadt verlassenden Bevölkerung an. Diese versuchte, auf Rodelschlitten und Handwagen das Notwendigste mitführend zu Fuß nordwärts zu entkommen, da inzwischen bekannt geworden war, daß der Bahnverkehr unterbunden war. Auf diese Weise haben Tausende von Flüchtlingen die Stadt verlassen.

      Auf der Kreisverwaltung wurde der Dienst am Freitag, den 26. Januar, bis Dienstschluß aufrecht erhalten. Als der Anmarsch der feindlichen Panzer gemeldet wurde, wurden die Geheimsachen verbrannt.

      Ein Teil der Gefolgschaft wurde schon vorher beurlaubt, um den eigenen Familien beim Abtransport behilflich zu sein. Ich blieb im Büro. Gegen 8 Uhr ging ich in das Rathaus zu der üblichen Besprechung. Diese fiel jedoch aus. Ich traf dort aber den Ortsgruppenleiter und den Beauftragten der Ortsgruppe, dem der Fahrbereitschaftsdienst übertragen war, Pg. Sachs. Dieser sagte mir in Gegenwart des Ortsgruppenleiters zu, das Behördengut mit seinem Trecker abzutransportieren. Er kam aber nicht mehr. Als ich ihn in Grimmen nach dem Grund dafür fragte, sagte er mir, daß sein Trecker von einem russischen Panzer beschossen und nicht mehr fahrfähig war.

      Ein Räumungsbefehl war noch nicht ergangen. Es mußte aber nach Lage der Sache und weil die Postverwaltung bereits am Nachmittag Schönlanke verlassen hatte, mit einem solchen gerechnet werden. Telefonisch war nichts festzustellen, da das Postamt nicht mehr besetzt war und deshalb Ferngespräche nicht geführt werden konnten. Ich schickte deshalb um 22 Uhr zwei Beamte mit dem Kraftwagen nach Dt. Krone, um dort festzustellen, ob die Alarmstufe 2 bereits angeordnet sei. Infolge starker Schneeverwehungen kam das Auto nur bis 2 km hinter Niekosken und blieb dort im Schnee liegen. Ein Beamter ging nach Arnsfelde und erfuhr durch Telefonanruf von einer Wehrmachtsdienststelle aus von Herrn Landrat Dr. Knabe, daß die Alarmstufe 2 für den Netzekreis bereits angeordnet war.

      Inzwischen war in Schönlanke durch die Wehrmacht bekannt geworden, daß mit feindlichem Artilleriebeschuß zu rechnen sei. Darauf hatte die Ortskommandantur die Räumung angeordnet, was durch die Ortsgruppenleitung telefonisch gegen 24 Uhr mitgeteilt wurde. Ich beabsichtigte, die Rückkehr der beiden nach Dt. Krone gesandten Beamten abzuwarten. Als aber später noch ein Wehrmachtsangehöriger im Kreishaus erschien und mitteilte, daß die Bevölkerung in Scharen Schönlanke verlasse, sagte ich dem Hausmeister und der Familie des Kraftfahrers, die auf dem Kreisgrundstück wohnten, daß wir gemeinsam nach Niekosken, nördlich von Schönlanke, wollten. Dort wollte ich die Mitteilung von Dt. Krone abwarten.

      Am Sonnabend, den 27. Januar, gegen 4 Uhr morgens, verließ ich Schönlanke und traf unterwegs die beiden oben erwähnten Beamten, die mir mitteilten, daß die Alarmstufe 2 für den Netzekreis bereits angeordnet war. Wir zogen nun gemeinsam nach Dt. Krone weiter, wurden zwischen Niekosken und Arnsfelde von einem feindlichen Tiefflieger beschossen und in Arnsfelde von russischen Panzern überholt. Am Sonntag, den 28. Januar, vormittags trafen wir in Dt. Krone ein. Von hier wurden wir von dem Lastkraftwagen der Kreisverwaltung Dt. Krone bis Neubrandenburg mitgenommen und fuhren von hier mit der Bahn nach Grimmen, wo wir am 1. Februar abends eintrafen. Am 2. Februar meldete ich mich beim Landratsamt Grimmen und wurde sofort zur Bearbeitung von Flüchtlingssachen eingestellt.

      Der größte Teil der Gefolgschaft hat sich nicht gemeldet. Es ist anzunehmen, daß ein großer Teil infolge der rasch vorgedrungenen Panzer nicht mehr fortkam. So ging es auch dem größten Teil der ländlichen Bevölkerung, von der schätzungsweise nur 25 % entkommen sind. Aus einigen Dörfern haben sich Flüchtlinge überhaupt nicht gemeldet, weder hier noch bei der Kreisbauernschaft. Eine Ausnahme bildet die Stadt Kreuz. Infolge rechtzeitiger und ausreichender Waggongestellung hat die städtische Bevölkerung, bis auf einige Hundert, Kreuz rechtzeitig verlassen. Die bäuerliche Bevölkerung hat in Trecks Kreuz ebenfalls rechtzeitig verlassen können.“

      Besonders erschwerend war bei der Räumung, daß außerordentliche Kälte und ein sehr starker Schneesturm herrschte. Viele Dörfer waren völlig von der Außenwelt abgeschlossen und hatten bei den starken Schneeverwehungen keine Möglichkeit herauszukommen. So fehlt u. a. von den Dörfern Knackendorf, Marthe und Dolfusbruch jede Spur.

Aus den Vorgängen ergeben sich folgende Erfahrungen:

[Bem. der Herausgeber von 1954: Vf. behauptet zunächst, daß die Räumung von den Behörden der Provinzialverwaltung sorgfältiger geplant und vorbereitet worden wäre. Aber]:

      Die Räumung lag nicht in den Händen der staatlichen Behörden sondern in den Händen der Partei. Ein genauer Räumungskalender fehlte. Nur ganz allgemein wurde gesagt, daß z. B. für den Kreis Dt. Krone zur Räumung des Getreides 1.700 Waggons und zur Räumung der Kartoffeln 10.000 Waggons nötig seien. Ob die Eisenbahn derartige Waggons stellen konnte,war mit ihr nicht verabredet. Auch standen die Verladestellen nicht fest. Die Räumung kam auch mitten in die Vorbereitungen hinein. Der von der Kreisleitung aufgestellte sogenannte „Räumungskalender“ wurde mir am 20. Januar 1945 abends 18 Uhr zur Weitergabe an den Reichsverteidigungskommissar übergeben. Ich habe den Kalender auftragsgemäß in der Tagung am 22. Januar 1945 an Oberregierungsrat Bischof abgegeben.

      Wie bereits erwähnt, fand noch am Montag, den 22. Januar, eine entsprechende Besprechung in Falkenburg statt. Auswirkungen konnte diese Besprechung nicht mehr haben, da sich alles überstürzte.

      Auch die Wirtschaftsräumung war nicht genügend vorbereitet. So verlangte die Firma Merseburger aus Jastrow noch während der Räumung Waggons, um 1/2 Million Zigarillos und 30.000 kg Rohtabak zu verladen. Es forderte auch die Militärverwaltung Gr. Born noch während der Räumung 440 Waggons an, um militärisches Gut zu bergen.

      Es ist weiter festzustellen, daß im Ernstfalle die Verbindungen zwischen der Kreisverwaltung und den unterstellten Behörden nicht mehr aufrecht zu erhalten waren.

      Die Post schnitt rücksichtslos die Telefonverbindungen ab, um für das Militär Leitungen frei zu haben. Hierbei ist allerdings zu bemerken, daß in Dt. Krone sehr viel Stäbe waren, die viele Leitungen brauchten. Es befand sich hier der Gauführungsstab, der Führungsstab des Reichsführers-SS und der Stäbe von anderen höheren militärischen Stellen. Von Tag zu Tag nahm die Möglichkeit, mit den Bürgermeistern auf dem Lande, der Gendarmerie etc. und sogar mit den Bürgermeistern in den Städten telefonische Verbindung zu erhalten, ab, bis etwa von Freitag ab überhaupt keine Möglichkeit zu telefonieren bestand. Ich war im wesentlichen auf die Verbindungen augewiesen, die auf der Kreisleitung noch vorhanden waren.

      Auch jede weitere Verbindung versagte mehr und mehr. Der Zugverkehr fiel aus. Das gleiche galt für den Autoverkehr. Benzin war nicht vorhanden, so daß man nicht mehr fahren konnte, und im übrigen verhinderten auch die starken Schneeverwehungen die Benutzung von Autos.

[Anm. der Herausgeber von 1954: Abschließend geht Vf. auf verwaltungstechnische Schwierigkeiten während der Räumung ein].


Links — Hinweise zu weiteren Fluchtberichten


Im Internet werden immer mehr Berichte über die Flucht und Vertreibung veröffentlicht. Darunter gibt es manche besonders interessante Berichte, die hier nicht alle wiedergegeben werden können. Deshalb soll im folgenden mit kurzen Hinweisen und Links auf solche lesenswerten Berichte hingewiesen werden.





Anmerkungen des Editors:    

1) ^  Dieser Fluchtbericht ist auch insofern interessant, da sich der bei Hochzeit sammelnde Panzerverband der Roten Armee in der Nacht (?) zum 29.1.1945 bei Wolgast aufteilte. Der Hauptvorstoß auf dem Weg zur Oder erfolgte nördlich des Woldenberger Sees über Lämmersdorf und Klostefelde in Richtung Marienwalde. Nur ein kleiner Teil der russischen Panzer stieß auf der Reichsstraße 1 in Richtung Woldenberg vor. [mehr]

2) ^  Einige Hinweise (Links), die in diesem Zusammenhang interessieren könnten: 3) ^  Aus diesem Bericht wird auch die total chaotische Situation deutlich. Man war nicht auf die Notwendigkeit von schnellen Räumungen vorbereitet. Weder der Befehlshaber Himmler noch die NSDAP hatte noch einen Durchblick, was wirklich passierte. Im Bericht von Dr. Knabe wird das noch sehr viel deutlicher.

4) ^  Und andere „Bestien“ ermordeten in extra dafür gebauten Lagern Millionen jüdischer Mitbürger.

5) ^  Dieser wichtige Bericht ist ein Schlüssel zum Verständnis der Situation, die Ende Januar 1945 in Pommern nach der Offensive der Roten Armee herrschte. Militär und (Partei-)Behörden hatten den Überblick über die Lage total verloren. Der Autor Dr. Knabe (Landrat) monierte im April 1945 sogar in Klartext: „Die Räumung lag nicht in den Händen der staatlichen Behörden, sondern in den Händen der Partei.“ Ob die Behörden es besser gemacht hätten, muß – angesichts der allmächtigen Nazi-Partei – bezweifelt werden. Es lag eindeutig an der ideologischen Verblendung, die keinen Platz mehr bei den handelnden Figuren für rationales Denken ließ, daß sie die normale Bevölkerung nicht vor den schrecklichen Auswirkungen eines willkürlich vom Zaum gebrochenen Krieges bewahrten.




Woldenberger Fluchtberichte von 1945:
[Brauer I]  [Brauer II]  [Brauer III]
[Flucht mit der Eisenbahn]
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