Woldenberg (Neumark)   —  Flucht-Erlebnisbericht von G. Brauer III khd
Stand:  10.10.2012   (131. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Gert_Brauer_III_.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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Auf dieser Seite wird der 3. und letzte Teil der Erinnerungen von Gert Brauer an die lange Flucht per Pferd und Wagen vom Woldenberger „Birkenhof“ (Hochzeiter Chaussee) über die Oder bei Greifenhagen nach Vorpommern und später weiter nach Holstein präsentiert. Zwar hat Gert Brauer diese Flucht vor der Roten Armee mit dem „Birkenhof-Treck“ bereits 1999 in seinem Buch „Was vergangen, leuchtet lange noch zurück“ kurz beschrieben, aber inzwischen eine erheblich erweiterte und ergänzte Schilderung verfaßt (Manuskript von 107 Seiten von 2009), die hier (seit 2010) erstmals publiziert wird. Der Dank dafür geht an den Autor.

In dem Text wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], die Zwischentitel, Hyper-Links (Internet-Verweise) und einige Fotos sowie ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. [Translation-Service]

1945 — Flucht von Woldenberg gen Westen – Teil III



    Immer weiter, weiter . . .

Erlebnisbericht über die Flucht ins Ungewisse
27. Januar — 3. Mai 1945 
*

von

    GERT  BRAUER *
(* 1931)

   Mit 36 Abbildungen und vielen Links * **
[Teil I]  [Teil II]  [Teil III]



I n h a l t :


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter:   http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Gert_Brauer_III_.html



Die Flucht ins Ungewisse

Weiter gen Westen
(23.3. – 9.4.1945)

Aber wohin?

      Setzten wir uns nach der Trennung vom Birkenhof die Überquerung der Oder in kürzester Frist zum Nahziel, stand der intendierte Aufbruch nicht unter Zeitdruck. Trotzdem hingen über dem Entschluß, sich aus gefährdeten Gebieten zurückzuziehen, mehrere Imponderabilien. Bei der ersten Fluchtetappe war bekanntlich Anklam der amtlich festgelegte Aufnahmeort für Flüchtlinge aus dem Landkreis Friedeberg. Jetzt gab es keinen Räumungsbefehl und kein klares Fluchtziel. Der freie Wille zum Abbruch der Zelte ging einzig und allein auf die Initiative meiner besorgten Eltern zurück, denen Krien immer als eine Zwischenstation erschien. Das Problem, über das wir uns tagelang den Kopf zerbrachen, hatte Mutter in dem
zuvor zitierten Brief angeschnitten.

      Der springende Punkt bestand in dem "Wohin?" Da weder Verwandte — Tante Dores Wohnsitz in Marburg/Lahn lag wegen der riesengroßen Distanz für Pferdestärken im Reich der Phantasie — noch Freunde im Westen Deutschlands ansässig waren, mangelte es an einer Anlaufstelle und damit an einer Zielgeraden. Ohne gebundene Routenplanung diente das westliche Elbufer als Ziellinie. Der vorgesehene Zufluchtsraum schwankte zwischen Perleberg und Thüringen. So starteten wir mit einer vagen Streckenführung und unbekanntem Endziel. Auf Grund der pommerschen Sonderregelung zur Erfassung der 14-jährigen hielten wir es für besser, vom Territorium der Provinz Pommern schleunigst zu verschwinden.

Frühling ist gekommen

      Kaum war der mit den Habseligkeiten beladene Planwagen vom Hof auf die holprige, kopfsteingepflasterte Dorfstraße eingebogen, barst ein tragender Balken. Familie Lammeck fühlte sich bestätigt und triumphierte: „Sie sollen eben hier bleiben!“ Mit einer notdürftig befestigten Holzlatte wagten wir die Abfahrt in eine unsichere Zukunft. Vater eilte voraus zur Domäne Krien in der Absicht, bei der Suche nach einem zusätzlichen Leiterwagen oder Anhänger doch noch fündig zu werden. Vergebens! Vor dem alleinigen Wagen, den ich wie bisher als Treckfahrer lenkte, waren 3 Pferde gespannt. Die beiden anderen Pferde, die das Fuhrwerk im Wechsel zogen, nahm Johann vom rückwärtigen Sitzplatz ins Schlepptau.

      Altentreptow/Vorpommern -- Altes Stadttor
^   Das alte Stadttor von Altentreptow in Vorpommern, das an Friedeberg erinnerte.   (Repro: 2011 – khd)
      Nach Albinshof, Breest und Klempenow klärte sich der Himmel auf, und beiderseits der Straße entfaltete sich ein prächtiges Landschaftsbild. Der Lenz war gekommen. Soweit das Auge reichte, sprossen Knospen hervor, Sträucher und Obstbäume blühten. Hügel und Täler, Wiesen und Wälder kleideten sich in neues Grün. Die Sonne durchdrang die Zweige, und die Inhalation der frischen, reinen Luft des erwachenden Frühlings wirkte wie ein Abschütteln von Sorgen. Die liebliche Gegend konnte zu einem vorgezogenen „Osterspaziergang“ verleiten: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick ...“

Altentreptow in Sicht

      In Klatzow war das Tagespensum, das — abhängig vom Straßenzustand und von anderen nicht vorhersehbaren Faktoren — etwa 20 bis 30 km betrug, zurückgelegt. Die Pferde kamen in einen baufalligen Stall, wir nächtigten auf dem Planwagen im Freien. Am nächsten Morgen (24.3.1945) animierte die helle Sonne zum zügigen Start. Ein Nebenweg mündete in die Chaussee, die steil aufwärts führte. Der Gipfel bot einen weiten Ausblick auf Altentreptow. Gleichzeitig fiel ein prüfender Seitenblick auf das starke Gefalle. Bergabwärts konnten die Pferde von sich aus das Tempo des Gefahrts nicht drosseln. Vater erinnerte sich an einen altbewährten Kunstgriff: Ein Hinterrad durch eine Kette blockieren! Der elementare Mechanismus bremste die Eigenbeschleunigung ab. Dadurch konnte ich das Fuhrwerk in der Senke gefahrlos zum Halten bringen.

      In Altentreptow, wo Fritz Reuter als Zeichenlehrer und Stadtverordneter wirkte, pulsierten wie in friedlichen Zeiten das Leben und der Verkehr. Antiquierte und verschnörkelte Häuser zierten das Stadtbild. Die zugeteilten Rationen an Lebens- und Futtermitteln waren erhältlich. Eine ältere Dame wies die Richtung nach Stavenhagen. Von auffallender Liebenswürdigkeit fügte sie lächelnd hinzu: „Kommen Sie eine Tasse Kaffee bei mir trinken!“ Die freundliche Einladung nahmen wir gern an. Frau Bernsen kochte Kaffee und reichte Kleingebäck. Auf die peinliche Frage „Sie haben sicher eine weite Fahrt hinter sich?“ machte Mutter keinen Hehl aus der Wegstrecke: „Ach ja, von Klatzow!“ Eine Entfernung von 2 km! Vater und ich tauschten einen Blick der Befangenheit. Damenhaft verzog die nette Gastgeberin trotz begreiflicher Verlegenheit keine Miene.

Altentreptow/Vorpommern -- Hauptstraße um 1955
^   Altentreptow/Vorpommern – Ernst-Thälmann-Straße um 1955 (DDR). Auf dieser Hauptstraße zog Ende März 1945 der kleine Birkenhof-Treck aus Woldenberg gen Westen. [Mehr zum Birkenhof-Treck]   (Repro: 2011 – khd)

Panne zwang zur Pause

      Nach der friedlichen Kaffeepause sollte die versäumte Zeit wettgemacht werden. Doch daraus wurde nichts. Mit einer Panne blieben wir auf der rauen und schmalen Straße der Vorstadt liegen. Unter Krach zerbrach eine Leitersprosse. Mitten auf der Fahrbahn wurden wir zum Verkehrshindernis! Eine goldene Brücke baute Bauer Karl Kietzmann. Er schaffte Platz auf seinem beengten Anwesen. Die Reparatur an dem Wagen nahm ein Stellmacher vor, der sich bei der Ausbesserung nicht zerriss. Darum ruhte der Treck in Altentreptow für mehrere Tage, länger als veranschlagt. Wir kampierten in einer leeren Pferdebox. Bei einem anderen Bauern hielt Johann Wache über die Pferde. Das tägliche Mittagessen in der Stadt war ein nahrhaftes Nebenprodukt der unerwünschten Fahrtunterbrechung. Die Bäuerin ihrerseits offerierte Milch und Eier. Üblicherweise beendeten die Abendnachrichten das Tagesgeschehen, vereinzelt, wie in diesem Quartier, Meldungen eines Auslandssenders.

      Die ausländischen Nachrichten ließen die Gedanken vorübergehend von den offiziellen Bekanntmachungen zur Kriegslage — stets auf denselben Ton getrimmt — abschweifen. Die innere Kompassnadel zeigte heimwärts. Bei Nachrichtensendungen aus dem Ausland, besonders BBC London, mussten sich auf dem Birkenhof die Ohren eng an die Schallwand des Radios anlehnen, weil das Gerät, das aus der Weimarer Republik stammte, ein mäßiges Klangvolumen besaß. Ein einigermaßen störungsfreier Empfang setzte jedes Mal eine gezielte Berieselungsaktion voraus. Schon ein Krug Wasser, über die Außenantenne geschüttet, verwandelte den Rundfunk aus grauer Vorzeit — die Anschaffimg eines „Volksempfängers“ lehnten meine Eltern ab — kurzlebig in ein wahres Wunderwerk der Technik. Durch die künstliche Beregnung der Hauswand erreichten „feindliche Lageberichte“ ab und an den Birkenhof. Aus der momentanen Versunkenheit holten mich die laufenden Kriegsberichte in das Hier und Jetzt zurück.

Fluchtweg Teil 6 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Westen)
^   Fluchtweg Teil 6 des Woldenberger Birkenhof-Trecks. Richtung Westen: Von Krien über Altentreptow (noch in Pommern), Stavenhagen (schon in Mecklenburg) und Waren/Müritz nach Zierzow. Das Osterfest 1945 verbrachten die Brauers in Klockow bei Stavenhagen. Von Zierzow sollte die Flucht eigentlich über Röbel in Richtung Perleberg (Elbe) weitergehen, aber es kam anders... [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 12.4.2012 – khd-research)

Pferdeklau vermieden

      Von Altentreptow zogen wir am 28.3. ab. Zum „Lebewohl“ wischte sich Frau Kietzmann Tränen aus den Augen, bereitete doch die Familie ihre eigene Flucht vor. Der Treck führte über Reinberg nach Japzow zum Gutshof Woller. In einer Scheune stärkten sich die Pferde mit Grünfutter. Wir verbrachten die Nacht im Planwagen.

      Am folgenden Tag erschreckten uns Polizisten, die plötzlich aufkreuzten und nach „Musterungspferden“ Ausschau hielten. Nach einer Weile atemloser Stille Entwarnung. Der böse Kelch einer Konfiszierung war an uns vorübergegangen. Waren die überzähligen Pferde Luft für die Kontrolleure? Vater hatte zu einer List gegriffen. Um den Polizisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, gab er ihnen ,zu verstehen, daß der zweite Fluchtwagen in Waren bereitstände!

Mecklenburg erreicht

      Als am 29.3.1945 nach dem Dorf Wolde Pommern hinter uns lag und die Provinzialgrenze zum Mecklenburgischen Territorium überschritten war, folgte ein erleichtertes Aufatmen. Gänzlich befreit waren wir insgeheim von dem Albdruck nicht: Die mögliche Übernahme der pommerschen Regelung für 14-jährige durch den Gauleiter von Mecklenburg für den Fall einer Verschärfung der Lage!

      Bei dem starken Wind und nasskalten Aprilwetter, das selbst den alliierten Flugverkehr behinderte („Vom Süden kein Einflug wegen des schlechten Wetters“, KTB, 28.3.1945) fröstelte uns — die vorderen Sitzplätze auf dem Planwagen ohne Schutzdach waren allen Unbilden der Witterung unbeschirmt ausgesetzt. Wir machten uns Hoffnung, am Gründonnerstagabend [29.3.1945] im Trockenen zu sitzen. Allerdings weckten die kleinen Einfamilienhäuser des Dorfes Klockow Zweifel im Hinblick auf einen Unterstand für 5 Pferde. Aber siehe da! Gleich der erste Siedler, Ferdinand Rech, hatte zu unserer großen Überraschung eine Unterkunft für Pferde und Menschen. Und nicht nur das! Der Hauswirt lud uns in ein geräumiges Zimmer mit frisch überzogenen Betten ein! Herr und Frau Rech erfüllten sogar die Bitte, die Osterfeiertage in ihrem Haus zu verbringen, ohne Umschweife.

Goebbels Propaganda — Sender „Werwolf“

      Bereitwillig übte das Ehepaar Rech Gastfreundschaft. Beide, lustige und vergnügte Leutchen, stammten aus dem Rheinland. Sie hatten sich nach der Inflation in den 20er Jahren in Klockow angesiedelt. Abends hielten wir uns in ihrer Wohnküche auf. Spontan setzte eine lebhafte Unterhaltung ein. Eine Nachbarin gesellte sich dazu. Zentrales Gesprächsthema war naturgemäß die politische und militärische Nachrichtenlage. In der Runde wichen die Meinungen voneinander ab: Auf der einen Seite die Nachbarin und wir, auf der anderen Ferdinand Rech, der für Goebbels schwärmte.

      Seine Wogen der Begeisterung schlugen höher, als am Ostersonntag im Radio urplötzlich eine inbrünstige Stimme, umrahmt von Marschmusik, ertönte: „Hier ist der Sender Werwolf!“ Der „Werwolf“ [Autor: im Volksglauben ein Mensch, der sich zeitweise in einen Wolf verwandelt; Ende des Zweiten Weltkrieges entstand auf Befehl der nationalsozialistischen Machthaber die Freischärlerbewegung „Werwolf“, die aber wie der Volkssturm militärisch keine Bedeutung erlangte] inspirierte unseren vitalen Gastgeber. Bei dem Stichwort „Werwolf“ war er Feuer und Flamme, kauerte mit hochrotem Kopf und funkelnden Augen dicht am Rundfunk und lauschte blindgläubig den Lügenmärchen, die ihm Sand in die Augen streuten.

      Zu Ostern kam er nicht vom Radio los. Sobald sich der „Werwolf“ meldete, war er guter Dinge und sah die hoffnungslose Lage durch eine rosa Brille. Der Zuspruch aus der Propagandawerkstatt von Goebbels richtete ihn immer von neuem auf. Er klammerte sich an die Fata Morgana, legte den Zeigefinger auf den Mund, raffte sich hoch wie ein zum Herrchen spähendes Hündchen, das schön macht und schrie mit erregter Stimme: "Hier Werwolf!" In den elektrisierenden Worten, die er mit einer geradezu seherischen Zuversicht über die Lippen brachte, lag seine Gewissheit vom „Endsieg“. Das Schmunzeln der Gäste und ihre Einwände konnten seinen Enthusiasmus nicht erschüttern. Eine Szene voller Komik, die in Kontrast zu den bedrückenden Frontberichten stand.

      In den Tagen, als sich Ferdinand Rech sein eigenes Bild von der Zukunft machte, nahmen englische und amerikanische Truppen den Spessart in Besitz, näherten sich dem Thüringer Wald und marschierten in Kassel ein. Gleichwohl trübten die politischen Differenzen nicht das einträchtige Miteinander.

In der Reuterstadt Stavenhagen

      In Stavenhagen, Geburtsort des Schriftstellers Fritz Reuter, der bedeutendste Mundartdichter Mecklenburgs, trafen wir am 3.4. ein. Viele Häuser trugen Inschriften und Reliefs von
„Ut mine Stromtid“. Als der Marktplatz und Reuters Statue auftauchten, öffnete der Himmel seine Schleusen. Angehörige vom BDM liefen neben dem Wagen ein Stück die Landstraße entlang. Die „Arbeitsmaiden“ redeten über den in der Luft liegenden Zusammenbruch des Dritten Reiches frei von der Leber weg.

      Stavenhagen -- Fritz-Reuter-Eiche
^   Die Fritz-Reuter-Eiche in der Reuterstadt Stavenhagen in Mecklenburg.   (Repro: 2011 – khd)
      Bei dem Dauerregen übernachteten wir zusammen mit den Pferden in einer Scheune in
Jürgenstorf. Der Rechnungsführer, zugleich Bürgermeister, spielte auf dem Gut die erste Geige. Die Bitte um Kartoffeln für eine Mahlzeit ließ ihn völlig kalt. Zuvorkommender waren der Inspektor und seine Frau. Da das Schauerwetter anhielt und Vater kränkelte, blieben wir zwei Nächte auf dem Gutshof.

Elendstes Quartier in Waren

      Am 5.4.1945 führte der Treck über Kittendorf, Klein-Plasten nach Neu-Schloen. Im Verlauf der Fahrt quoll vorn Dampf hoch: Das rechte Vorderrad hatte sich so warm gelaufen, daß es qualmte. Eine Wässerung brachte das heiße Eisen richtig zum Zischen. Nach der Abkühlung und Einfettung war das Fuhrwerk wieder fahrtüchtig. Auf welligem Hügelland steuerten wir die mittelalterlich wirkende Stadt
Waren mit den verwinkelten Fachwerkhäusern an. Zusehends machten die Pferde vor Kräfteverschleiß schlapp.

      Die Treckleitung nannte als Unterkunft eine abseits gelegene Scheune. Mitten in dem desolaten Schuppen, der einer mit Binsen und Stroh gedeckten Hütte ähnelte, entstand eine Lagerstatt auf blankem Boden. Der miese Unterstand war eine der elendsten Quartiere. Mäuse und Ratten flitzten herum. Der Wind pfiff durch morsches und herunterhängendes Lattenholz. Ein paar Mal heulten die Sirenen: Luftalarm! Allseits verdächtige Geräusche! Mehr schlecht als recht schlugen wir uns die unruhige Nacht um die Ohren. In der frischen Morgenstunde war an einen Schluck aufmunternden Kaffee nicht zu denken. Die Wohnungsinhaber verlangten zuerst Brennholz! Johann, Hansdampf in allen Gassen, hatte eine Nahrungsquelle ausfindig gemacht. Im Hotel „Stadt Hamburg“ wurden Flüchtlinge mittags verköstigt. Erfolgreich gestaltete sich die Suche nach einem Ersatzwagen. Der Ortsbauernführer verkaufte einen litauischen Leiterwagen für 300,– RM.

Johann zieht von dannen

      Über Nacht gab Johann seine Absicht kund, sich um eine Stelle in der Landwirtschaft zu bemühen. Ihm ging es ausschließlich um eine bessere Verpflegung. Daher wandte er sich an das Arbeitsamt, das ihm zu einer Anstellung als Landarbeiter bei dem Bauern Alwin Schröder in Zislow/Kreis Waren [am Plauer See] verhalf. Die Aussicht, das Tagewerk ohne knurrenden Magen zu verrichten, stimmte ihn zunächst selig. Als wir uns am 9.4. auf den Weg machten, war Johann mit sich und der Welt zerfallen. Er zögerte, wurde kleinlaut und änderte seinen Entschluss. Vater sollte die Bewerbung beim Arbeitsamt widerrufen. Obwohl die Versorgung mit Lebensmitteln an enge Grenzen stieß, beabsichtigten meine Eltern nicht, ihm den Laufpass zu geben.

      Wir ließen ihn ungern von dannen ziehen, denn trotz menschlicher Schwächen hatte Johann einen aufrichtigen Charakter und ein treues Herz. Nach langem Hin und Her blieb es bei seinem ursprünglichen Vorhaben. Als Andenken vennachte er Vater, dem er ehrlich zugetan war, seine wertvolle Uhr, sein ganzer Stolz und einziges Erinnerungsstück an frühere Zeiten, das er in zuverlässigen Händen aufbewahrt wissen wollte. Wenngleich Johann den Typ des Sonderlings verkörperte und das Auftreten gelegentlich nicht der „feinen englischen Art“ entsprach, war er eine Seele von Mensch. Johann nahm Vater das Versprechen ab, ihn bei der Rückkehr in die Heimat, die als sicher galt, nicht zu vergessen. Am Bahnübergang in Waren sagte er adieu und lief auf und davon.

Weiter in Richtung Perleberg (Elbe)

      Die Strecke Richtung Röbel führte durch die vielgestaltige Mecklenburgische Seenplatte. Nach einem Waldabschnitt, in dem sich weit versteckt eine Munitionsfabrik verbarg, gelangten wir über Klink nach
Sietow, unweit der Müritz. Hier gönnten wir uns in der Mittagssonne eine Rast. Während die Pferde grasten, bereitete Mutter in einem Siedlungshaus ein frugales Mahl zu. Zwischenzeitlich sorgten wir uns über Lottes nachlassende Laufleistung. Der zuständige Ortsbauemführer verwies auf das Gut von Otto Glanz in Zierzow/Kreis Waren. Deshalb blieben wir auf dem wochenlangen Treck gen Westen unerwartet stecken und verfehlten die gesetzte Ziellinie, die Überquerung der Elbe: „Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet.“



Die Flucht ins Ungewisse

Pferdedrama in Zierzow/Waren-Müritz
(9.4. – 29.4.1945)

Krankes Pferd — Gottes Fügung

      Während die westalliierten Truppen den Harz durchquerten, lenkten wir die Gespanne am 9.4.1945 auf den Gutshof von Zierzow. Die Erkrankung von Lotte vereitelte den Plan, geradewegs nach Perleberg zu trecken. Andererseits kam der Zwangsaufenthalt in Zierzow einer „Wendung durch Gottes Führung“ gleich, weil die sowjetischen Truppen im Begriff standen, in den Raum Perleberg vorzudringen.

      Ein schneidiger Tierarzt aus Röbel untersuchte das geschwächte Pferd. Über die Art der Erkrankung herrschte Unklarheit. Vater stellte eine eigene Diagnose und wandte eine eigene Therapie an. Im Übrigen taten wir das Nötige, um das vertraute Tier gesund zu pflegen.

      Das Gut Zierzow umfasste 1.000 Morgen. Die Gebäude waren renovierungsbedürftig. Otto Glanz, der Eigentümer, schien sich nicht mit dem Betrieb zu identifizieren. Der Gutsherr zog mit einem Ochsenschieber auf dem Hof herum oder hantierte linkisch an Futtersilos. Er gab für die Bediensteten kein leuchtendes Vorbild. Und als Chef stand er auf verlorenem Posten.

      Das Zepter schwang der Verwalter, der gern eine Rolle spielte. Die straffe Leitung des Gutshofes lag bei Frau Glanz. Einst Mamsell auf dem Gut, etwas dünkelhaft, zugleich arbeitsam und emsig, kommandierte die Gutsherrin Haus und Hof und rackerte von früh bis spät. Otto Glanz, nominell Gutsherr, nahm die Direktiven seiner Frau gleichmütig entgegen. Bei der Frühjahrsbestellung der Felder kam auch unser Gespann zum Zuge. Als Pferdelenker und Fuhrmann half ich beim Pflügen, Säen und Eggen. Auf fremdem Grund und Boden dachte ich mit Wehmut an den Birkenhof.

Es wurde eng in der Kammer

      In Zierzow fanden zahllose Flüchtlinge und Evakuierte eine befristete Aufnahme. Ein Herr Eicken aus Reydt in Westfalen, zurückhaltend und unauffällig, machte sich im
herrschaftlichen Garten zu schaffen. Umso mehr Aufsehen erregten eine sechsköpfige Familie aus Stettin, fanatische „Volksgenossen“ und drei kecke Frauen aus Breslau. Der nicht enden wollende Strom der fliehenden Soldaten und Zivilisten brachte es mit sich, daß in unserer Kammer weitere Personen Unterschlupf suchten. Zwei regelrechte Weibsbilder, genauer Xanthippen, überboten sich gegenseitig durch ihre Streitsucht, Keiferei und Stoßerei, Wortgefechte, die praktisch die Nacht über andauerten. Die Giftnudeln waren zwei Nächte zu ertragen!

Tiefflieger werden zum Problem

      Nach wenigen Tagen hielt ein Löschzug der Luftwaffe Einzug auf den Gutshof. Die Fahrzeuge der Kompanie tarnten und verteilten sich an verschiedenen Ecken und Winkeln der Gebäude. Die Mannschaften schliefen in einer Scheune. Die unerwünschte Einmietung beunruhigte den Besitzer und die Bewohner des Gutshauses, weil die militärischen Objekte zur Zielscheibe für Tiefflieger werden konnten.

      Tiefflieger über Norddeutschland 1945
^   Ein typischer Tiefflieger (alliiertes Jagdflugzeug) über Norddeutschland — vermutlich im April 1945. Sie griffen auch Flüchtlings-Trecks an. [mehr]   (Repro: 2011 – khd)
      Tatsächlich flogen fortab Jagdflugzeuge die Landstraße entlang und feuerten auf stehende und fahrende Militärautos, die hektisch hin und her sausten, nachts und tagsüber, mal gen Westen, mal gen Osten. Mitunter war die Knallerei so heftig, daß die gesamte Belegschaft auf dem Hof in Deckung ging.

Endphase des Krieges beginnt

      Mittlerweile verdichteten sich die Hinweise, daß die relative Ruhe an der Oderfront, die der Vorbereitung zur Eroberung Berlins diente, dem Ende zuging. Das unüberhörbare, dumpfe Grollen von Salven aus der Elbgegend deutete den Beginn der Endphase des Krieges an. Die seit längerem erwartete sowjetische Großoffensive stand offenkundig unmittelbar bevor. Die letzten Eintragungen im KTB veranschaulichen die dramatische Situation:

      Am 20. April 1945 stellte Percy Ernst Schramm die Führung des Kriegstagebuches ein. Nachträglich kommen für Bezüge zur Entwicklung der militärischen Lage ausschließlich die Wehrmachtsberichte in Betracht.

Mörderischer Endkampf beginnt

      Wie im KTB vermerkt, begann am 16. April 1945 die Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges. Mit 7.000 Kampfflugzeugen, 6.000 Panzern und über 40.000 Geschützen eröffnete die Rote Armee ihren Sturmangriff gegen Berlin. Drei Millionen Soldaten rüsteten auf beiden Seiten zur Feldschlacht. Niemand konnte vor der sowjetischen Großoffensive Augen und Ohren verschließen.

      Trotz alarmierender Vorboten war an eine Fortsetzung der Flucht nicht zu denken, weil sich die Wiederherstellung von Lotte hinzog. Sollte das erkrankte Pferd zurückbleiben? Indirekt verfolgte uns der noch feme Kriegsschauplatz, wenn wir in der ehemaligen Ackerbürgerstadt Röbel Lebensmittel besorgten und Futter für die Pferde beschafften. Meistens ertönte Sirenengeheul, das vor Luftangriffen warnte: „Die feindliche Luftwaffe rückt jetzt schnell der Front nach, so daß zunehmender Einsatz zu erwarten ist“ (KTB, 17.2. [Ed: muß wohl 17.4.1945 heißen]). Auf dem Weg nach Röbel passierte man das kleine Fischerdorf Sietow am Müritz-See, ein Geheimtipp für Fischliebhaber. Demzufolge setzte Mutter möglichst viel Fisch auf die Speisekarte.

Höchste Zeit fürs Weiterflüchten

      Abends öffnete Frau Westfahl, die eine Postagentur leitete, die Tür, um die neuesten Nachrichten hören und Zeitungen lesen zu können. Zwischen den Zeilen wurde die militärische Lage in den schwärzesten Farben geschildert. Selbst professionelle Gesundbeter kehrten die Tatsache nicht unter den Teppich, daß der Krieg zur Neige ging. Sehnsüchtig wünschten wir die Genesung von Lotte herbei. Eigentlich hätte der Aufbruch um den 16.4.1945, dem Beginn der sowjetischen Frühjahrsoffensive, vonstatten gehen müssen. Dem stand das laufunfähige Pferd entgegen, das wir nicht im Stich lassen wollten. Indes wuchs die Gefahr stündlich.

Eine Katastrophe kommt dazwischen   *

      Als Vater in der Morgenfrühe des 18.4. die Pferde füttern wollte, bot sich ihm ein grauenhafter Anblick. Trixi und Vicky lagen miteinander verheddert und verkeilt im Stall und waren verendet. Beide Pferde hatten sich in den Seilen verfangen, offensichtlich nicht aus der Verwicklung lösen können, die Schlingen zugezogen und sich gegenseitig stranguliert. Eine Katastrophe. Lähmendes Entsetzen erfasste uns. Wir waren voll Kummer. Eine unglückliche Verkettung von Umständen hatte zwei Pferde, die das Ihre zum kilometerlangen Zug vom Birkenhof bis Zierzow beitrugen, in der Vollkraft ihrer Jahre auf tragische Weise dahingerafft.

      Trixi, das feurige und anmutige Zugpferd, das unterwegs wegen des blühenden Aussehens Kaufinteressenten fasziniert hatte, fiel mit der 4-jährigen Vicky auf der Stelle aus. Otto Glanz, zugleich Bürgermeister von Zierzow, bestätigte, „daß der Treckfahrer Brauer, welcher sich hier seit 14 Tagen aufhält, in der Nacht vom 17. – 18.4.1945 zwei Pferde durch Erhängen verloren hat. Ein Pferd ist noch krank von den 3 verbliebenen Pferden (18.4.1945).“ In der Erinnerung lebt ein schwarzer Tag, der den Verlust altvertrauter Tiere und eine schwere Einbuße an Pferdestärken mit sich brachte. Der ursprüngliche Bestand von 6 Zugtieren war halbiert.

Schon wieder Pferdemusterung   *

      Parallel zur Doppeltragödie von Trixi und Vicky traf ein Schreiben des Landrates von Waren- Müritz an Vater wie ein Pfeil: „Auf Grund des Reichsleistungsgesetzes fordere ich Sie auf, am Sonnabend, den 21. April 1945, 10.00 Uhr in Dambeck bei Röbel mit 2 Pferden und 1 Wagen, wie vom Bürgermeister bzw. Ortsbauernführer bestimmt, zu erscheinen. Im Falle des Nichterscheinens haben Sie Bestrafung und zwangsweise Vorführung zu gewärtigen (16.4.1945).“ Erneut wollte die NS-Führung „fürchterlich [Pferde] Musterung halten“ (Schiller), ein Begriff, der seit den Vorgängen in Krien Furcht erregende Assoziationen hervorrief. Sollten wir kurz vor dem Wegzug die letzten Pferde und wiederum einen Wagen hergeben müssen?

      Durch die Schreckensnachricht war unversehens die weitere Flucht in Frage gestellt. Um den Kreisbauernführer in Waren zu erweichen, traten wir ihm zu dritt gegenüber. Er hörte sich das Missgeschick mit den beiden toten Pferden an und nahm den geschwächten Zustand der anderen zur Kenntnis. Unverhofft zeigte er Verständnis und empfahl die Vorlage eines tierärztlichen Attestes bei der Musterung. Mit einer Heidenangst fuhren wir an dem besagten Stichtag nach Dambeck. Dank der ärztlichen Bescheinigung und eines guten Sternes wurden die Pferde als „zur Zeit untauglich“ zurückgestellt.

Die Front kommt näher

      Unterdessen schob sich die Hauptkampflinie, vernehmbar durch das grenzenlose Echo der Geschützrohre, immer näher heran. Die Wehrmachtsberichte nannten die umkämpften Frontabschnitte unverblümt:

      Die rückhaltlosen Formulierungen illustrieren, daß die sonst zur Glorifizierung tendierenden Wehrmachtsberichte die hoffnungslose Lage der deutschen Abwehrkräfte nicht mehr verschleiern konnten oder wollten. Wie bei dem Nahziel der Flucht, d. h. die Oder, gelangten bei der zweiten Fluchtetappe sowjetische Truppen ein weiteres Mal eher als wir an die gesteckte Zielvorgabe, d. h. die Elbe.

Höchste Zeit, Zierzow zu verlassen

      In das Bild passten die zahllosen Trecks, die seit Tagen den Gutshof anfuhren. Immerzu jagten Staffeln von Flugzeugen über Zierzow hinweg. Die Lautstärke der Kanonenschläge der heranrückenden Front schwoll von Tag zu Tag an, so dass unsere Alarmglocken schrillten. Eines Abends färbte sich der Himmel von der Feuersbrunst aus dem
Berliner Raum blutrot. BBC-London — das Abhören ausländischer „Feindsendern“ stand unter Todesstrafe — meldete, dass sich die vordersten Linien der deutschen Verteidigung in Auflösung befänden: „Pericolum in mora“ (Livius)! Es war höchste Zeit, Zierzow so schnell wie möglich zu verlassen.

Warum kein HJ-Treueschwur

      Halten wir einen Augenblick inne und reflektieren über ein Phänomen, das aus autobiographischer und historisch-politischer Perspektive Aufmerksamkeit verdient: Der NS-Staat, der das gesamte politische und gesellschaftliche Leben in toto mit Beschlag belegen und bis in alle Einzelheiten reglementieren wollte, stieß, wie ich am eigenen Leib erfahren habe, trotz rigoroser Kontrollmechanismen bei der Durchsetzung des totalitären Machtanspruches bisweilen an undefinierbare Grenzen.

      Auf Grund der obligatorischen Mitgliedschaft in der „Staatsjugend“ des „Dritten Reiches“ gehörte ich seit dem 1. März 1945 formal nicht mehr dem Deutschen Jungvolk, sondern laut „Gesetz über die Hitlerjugend“ von 1936 und der „Durchführungsverordnung“ von 1939 mit 14 Jahren der Hitlerjugend („Jugenddienstpflicht“) an.

      Zu unserem Erstaunen nahm die NS-Jugendorganisation in Krien (Anklam) und Zierzow (Waren/Röbel) von meiner Existenz keinerlei Notiz. Gab es bürokratisch-organisatorische Pannen oder überwog Desinteresse? War etwa das über das Reichsgebiet gespannte „totale“ Netz der Überwachung realiter doch nicht so engmaschig wie ideologisch und theoretisch gefordert? Anmeldepflichtig wurde ich jedenfalls nicht. Wie auch immer, dank Fortuna registrierten und rekrutierten mich die staatlichen Fangarme nicht.

      Für eine freiwillige Meldung fehlten jegliche Voraussetzungen: Von meinen regimekritischen Eltern und den frustrierenden Erlebnissen als Pimpf in Woldenberg ging kein Impetus aus. Unabhängig davon entfiel, weil die Furie des Krieges im Anzug war, das turnusmäßige Zeremoniell mit dem bombastischen Brimborium, das alljährlich reichsweit eine pathetische Verpflichtungsfeier am 19. April (Tag vor Hitlers Geburtstag) intonierte. Kurzum: Drei Faktoren bewahrten mich vor dem unbedingten Treueschwur auf den „Führer Adolf Hitler“, der als konstitutiver Akt die Zugehörigkeit zur Hitlerjugend (HJ) begründete: Erstens die Passivität bzw. Indifferenz der lokalen HJ-Führungen, zweitens das eigene Schweigen, drittens der wachsende Kampflärm.

Aufbruch in Richtung Schwerin

      Die sowjetischen Angriffsspitzen brachten die einst anvisierten Ziele — Perleberg und Thüringen — zu Fall. Eine geographische Neuorientierung war unumgänglich. Der innere Fluchtkompass zeigte einen direkten Weg in Richtung Elbregion über Schwerin. In Anbetracht der kritischen Konstellation warnte der Verwalter: „Wo wollt Ihr denn noch hin, Ihr kommt doch nirgends mehr unter!“

      Freilich ließen sich meine Eltern nach der Genesung von Lotte nicht in ihrem Entschluss beirren: „Immer weiter, weiter westwärts.“ Während sich die Rote Armee im Handumdrehen des Kreises Anklam bemächtigte, brannte uns der Boden unter den Füßen. Wiederholte sich der Wettlauf um Zeitgewinn? Ohne Verzug setzten wir uns zusammen mit dem Löschzug der Luftwaffe am 29. April 1945 um 10.00 Uhr von Zierzow ab.



Die Flucht ins Ungewisse

    Tieffliegerangriffe  *
(29.4. – 2.5.1945)

Angst vor Tieffliegern

      Die überfallartigen Attacken von Jagdbombern, die auch Zierzow zu spüren bekam, gaben eine ungefähre Vorstellung von den drohenden Gefahren auf der anstehenden Fluchtroute. Seit langem war es ein offenes Geheimnis, dass Tiefflieger ihre Waffensysteme aus heiterem Himmel den belebten Landstraßen entlang auf Fußgänger, Motorfahrzeuge und Trecks richten würden. Vor uns klaffte ein Abgrund von Risiken. Bestand andererseits in der konkreten Situation überhaupt eine realistische Alternative?

Fluchtweg Teil 7 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Westen)
^   Fluchtweg Teil 7 des Woldenberger Birkenhof-Trecks. Richtung Westen: Von Zierzow über Malchow und Goldberg nach Klosterdorf, das heute Zölkow heißt. Übrigens, die eingezeichnete Autobahn A19 (E55) gab es 1945 noch nicht. [Fortsetzung] [Liste der Orte]   (Grafik: 13.4.2012 – khd-research)

      Angesichts der erkennbaren Zangenbewegungen — mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anrollende sowjetische Panzer im Rücken und aller Voraussicht nach Bordwaffenbeschuss von vorn — bot sich kein Königsweg an, der ein Verhängnis allemal abwendete. Den Verlauf der Operationen in Zierzow abzuwarten hieß, der gefürchteten Roten Armee eines Tages auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein.

      Im durch und durch problematischen Abwägungsprozess war das Leitmotiv der Flucht, uns dem Zugriff der Sowjets nach Möglichkeit zu entziehen, das Zünglein an der Waage. Kurzum: Wir mussten ein weiteres Mal das Heil in der Flucht suchen, nunmehr unter Inkaufnahme des Damoklesschwertes von Tieffliegerangriffen. Inneren Halt verlieh mein zeitgebundener Konfirmationsspruch: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“

Verstopfte Landstraßen

      Fortan zogen 3 Pferde die beiden Leiterwagen: Hannchen lenkte Liese, die Zügel von Lotte und Lilo lagen in meiner Hand. Beim Einfädeln in den fließenden Verkehr der gedrängt vollen Landstraße stießen wir auf den Strom von Flüchtenden in Zivil und Uniform. Wenn nicht alle Zeichen trogen, konnte den sowjetischen Streitkräften nicht einmal mehr hinhaltender Widerstand geleistet werden. Wie es aussah, waren die sich auflösenden Kolonnen dabei, die weiße Fahne zu hissen. Der beschleunigte Abzug der aufgeriebenen Einheiten führte dem Augenschein nach geradewegs in die Kapitulation. Das düstere Mienenspiel der abgekämpften Soldaten verriet Resignation. Ein Hauch von Endzeitstimmung breitete sich aus.

‚Strafing‘ der Zivilbevölkerung

      Nach den Beobachtungen in Zierzow nahmen die aus westlicher Richtung nahenden und angreifenden Flugzeuge den Straßenverkehr ins Visier, so dass wir uns direkt in der Schusslinie der Tiefflieger bewegten. Unüberhörbar und unübersehbar waren die fatalen Wirkungen des modemen Waffenarsenals. Ehe die Jagdbomber sichtbar wurden, setzte der MG-Beschuß am helllichten Tag ungehindert ein. Diese unter dem Begriff „strafing“ bekannt gewordene Angriffstechnik, d. h. weder Fußgänger, Radfahrer, Bauern auf dem Felde noch Fuhrwerke und motorisierte Verkehrsmittel zu schonen, wurde vom Herbst 1944 bis Kriegsende fester Bestandteil des Luftkrieges. Vorsorglich fuhr Mutter wie ein Schießhund mit Argusaugen den Himmelsbogen ab, um unverzüglich das Auftauchen der blitzschnellen Jäger anzuzeigen.

Entlang der Mecklenburgischen Seenplatte

      Die Route führte über Sietow, die Inselstadt Malchow, Jürgenshof, Karow nach Finkenwerder [bei Goldberg]. Die Zugtiere trabten von morgens bis abends. Pflastermüde witterten sie einen Stall. Da Grundstückseigentümer Trecks wegen der Tieffliegergefahr kein Quartier gewährten, stellten wir die Wagen unter dem Schutz von Lindenbäumen an einem Gasthaus ab. Ein Bautrupp von der SS, der in der Nähe parkte, reichte warme Erbsensuppe. Die Nacht verbrachten wir auf den Planwagen. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Mögliche Tieffliegerangriffe und der ohrenbetäubende Lärm der Fahrzeuge ließen uns keinen Augenblick Ruhe. Doch wer trug nicht in jenen schwarzen Tagen die Spuren durchwachter Nächte?

      Am nächsten Morgen (30.4.1945) sprach uns ein Soldat vom nämlichen Bautrupp an. Es war Friedrich Schulz aus Woldenberg, der beim Wiederaufbau des Pferdestalls 1938 mitgewirkt hatte und bei Kriegsausbruch zum Militärdienst einberufen wurde. Gegen 8.00 Uhr spannten wir die Pferde an und rückten von Finkenwerder Richtung Goldberg ab. Beiderseits der Wegstrecke durch die Seenplatte hatten Tiefflieger den landschaftlichen Schönheiten, im Frieden für Urlaub und Erholung wie geschaffen, viele Wunden geschlagen. Der Krieg als „furchtbar wütend Schrecknis“ (Schiller) sparte die Natur nicht aus.

      Am Straßenrand schritt langsam und ohne fremde Hilfe eine ältere Dame dahin, mit verwehtem Haar, den Rucksack auf dem Rücken und in jeder Hand eine schwere Tasche. Beim Überholen meinte sie mit gelassenem Achselzucken: „Es ist nicht so einfach, mit 57 Jahren auf der Landstraße allein entlang zu wandern.“ Franziska Huisken, Ehefrau eines Zeichenlehrers aus Eberswalde, irrte ziellos westwärts. Meine Eltern luden die Not leidende Seele ein, uns zu begleiten. Freudestrahlend und dankbar kletterte sie auf Hannchens Wagen und fand mit dem bisschen Habe Platz im hinteren Teil auf einem Brett.

Ein neues Pferd muß her

      Unterdessen näherte sich das Städtchen Goldberg, Nebenresidenz mecklenburgischer Landesherren im 14. Jahrhundert, entzückend gelegen zwischen Dobbertiner und Goldberger See. Stadteinwärts kamen die dicht gedrängten Treck-Kolonnen zum Stillstand. Da die 3 Zugtiere mit den 2 Wagen überfordert waren, hielt Vater Ausschau nach einem Ersatzpferd.
Angehörige der SS unterbreiteten ein Angebot: Ein Pferd gegen 8 Zentner [400 kg] Hafer! Aus Mangel an Kraftfutter unterblieb das Handelsgeschäft. In der Zwischenzeit wälzten sich die Pferdewagen wie Schnecken durch die Hauptstraße. Immer wieder Halt in der endlosen Treckschlange oder neudeutsch Stop-and-go-Verkehr . . .

Fluchtweg Teil 8 des Woldenberger Birkenhof-Trecks (Richtung Westen)
^   Fluchtweg Teil 8 des Woldenberger Birkenhof-Trecks. Richtung Westen: Von Klosterdorf über Crivitz, Schwerin und Gadebusch zum südlich von Ratzeburg liegenden Forsthaus „Weißer Hirsch“. Hier endete m 3. Mai 1945 die Flucht von Woldenberg nach 96 Tagen. In dem zwischen Schwerin und Gadebusch mit Violett markierten Bereich wurden die Flüchtlingstrecks durch Tiefflieger der Westalliierten angegriffen. Viele Zivilisten überlebten diesen Wahnsinn kurz vor Ende des Kriegs nicht. [Liste der Orte]   (Grafik: 14.4.2012 – khd-research)

      Die längeren Pausen nutzten Vater und ich zu einem weiteren Versuch, irgendwie ein Pferd aufzutreiben. Holländer, die ein Panjepferd für 1.000,– RM loswerden wollten, führten ihr Roß vor. Da das Pferd, wie ein Probelauf ergab, zog und trabte, weder bockte noch sich bäumte, kam der Kaufvertrag zustande. Das Rößlein, genannt „Tatar“, war ein kleines, geschecktes, auf Grund der tigerähnlichen Farbkontraste schnittiges Tier. Nunmehr konnten die Habseligkeiten auf beiden Wagen entsprechend der Tragfähigkeit gleichmäßiger verteilt werden. Im Austausch von Lilo stand mir das robuste und zähe Pferd Liese, für den schwereren Wagen angemessener, wieder zur Verfügung. Allmählich verebbten Rückstau und Stockung. Der Zuwachs an Pferdestärken beschleunigte das Vorwärtskommen.

Zwischen zwei Fronten

      Lastkraftwagen, halb verdeckt und belegt mit Häftlingen aus Konzentrationslagern, eilten hastig davon. Hagere, abgemagerte Gestalten, mit eingefallenen Wangen und einer fahlen Blässe im Gesicht, manche nur noch Haut und Knochen und ein Schatten ihrer selbst, sagten mehr über das Dahinsiechen der jämmerlich aussehenden Menschen aus, als es Worte vermögen . . .

      Nach Techentin und
Mestlin nahte Klosterdorf, wo uns Herr Rösler, Vaters Kollege aus Schneidemühl, über den Weg lief. Unter den Schicksalsgefährten, mit denen wir in einer geräumigen Gutsscheune nächtigten, breitete sich infolge der militärischen Ereignisse Unruhe aus. Dem Vernehmen nach konnte man sich wegen der unberechenbaren und zielsicheren Tiefflieger auf das Wagnis einer Weiterfahrt lediglich im Morgengrauen einlassen. Vor Augen stand gleichsam das düstere Bild eines Zweifrontenkrieges.

      Die Rote Armee, die den Müritz-See mit Zierzow hinter sich gelassen hatte, saß uns im Nacken: „In Mecklenburg richtet sich der Hauptstoß der Bolschewisten gegen den Raum Müritz. Heftige Kämpfe sind hier im Gange“ (OKW, 1.5.1945). Im Klartext: Wir waren eingekeilt zwischen den praktisch permanent vorwärts stürmenden sowjetischen Divisionen von hinten und den westlichen Jagdbombern von vorne: „Feinde ringsum“ (Karl Gottlieb Kramer)! Bei der nahezu diabolisch anmutenden Einkesselung zwischen Skylla und Charybdis ging es ums nackte Überleben.

Weiter in Richtung Schwerin

      Dem Rat entsprechend machten wir uns bei klarem Himmel am 1.5. in aller Herrgottsfrühe (4.00 Uhr) auf die Beine und orientierten uns an der Markierung „Schwerin“. In dem Landstädtchen Crivitz waren beschädigte und zerstörte Fachwerkhäuser das Corpus Delicti von Luftangriffen. Breite, saubere Alleen, bunt schillernde Grünflächen und die abwechslungsreiche wellige Landschaft Westmecklenburgs lenkten vorübergehend vom Ernst der Lage ab. Im wunderschönen Monat Mai wollte eine Stimmung, passend zur Jahreszeit, „Die linden Lüfte sind erwacht, sie säuseln und weben Tag und Nacht“ (Uhland) nicht aufkommen.

      In der Feme kam schemenhaft der Schweriner See, der die malerische Residenzstadt einrahmt, zum Vorschein. Die Pferdewagen lenkten wir kreuz und quer durch die belebten, mit kleinen, glatten Steinen gepflasterten Straßen. Aus einem Lazarett schleppten sich mühsam bettlägerige Verwundete ins Freie. Arm- und Beinamputierte humpelten von dannen. Niemand kümmerte sich um die erschöpften Invaliden, von denen die wenigsten einem festen Ziel zustrebten. Es war erbärmlich und beschämend, wie die Soldaten, beinahe 6 Jahre für einen sinnlosen Krieg missbraucht und von der Führung in der Stunde der Not schmählich im Stich gelassen, mitleidlos der Landstraße überantwortet wurden. Soweit möglich, nahmen wir Versehrte ein gutes Stück des Weges mit.

Erster Tiefflieger-Angriff

      Mittlerweile war für die Zugtiere eine Stärkung überfällig. Stadtauswärts ließen wir die Pferde auf einer saftigen Wiese frische Luzerne fressen, ohne Zweifel ein Verstoß gegen das Eigentumsrecht. Aber die äußeren Umstände und das Gebot der Stunde — der spärliche Vorrat an Hafer ging allmählich aus — zerstreuten Bedenken hinsichtlich der Vertretbarkeit des Vorgehens. Alsbald rückte der Eigentümer der Weide an und forderte, von Zorn erfüllt, die sofortige Entfernung der Pferde. Das war nicht der erste und letzte Vorfall, der die Weisheit bestätigte: „Allgewaltige Not, sie kennet keine Gesetze.“ Realiter: Wäre bei der Beschaffung von Futtermitteln die Rechtslage einzig und allein Richtschnur des Handelns gewesen, hätten die durch Überanstrengungen geschwächten Pferde die Strapazen nicht überstanden.

      In Gegenrichtung rasselten über die Asphaltstraße 2 (!) deutsche Panzer. Im Nu ertönten, wie aus der Pistole geschossen, die pfeifenden Geräusche der feindlichen Jäger, die die Landstraße ins Fadenkreuz nahmen. Wir sprangen von den Wagen, liefen einen Abhang hinunter und vertrauten uns dem Schutz des Dickichts an. Unsere Weggefährtin trug schützend eine Fichte vor sich her. Nach der Attacke schritten die Pferde tüchtig aus, vorbei an Toten mit verglastem Blick, demolierten Treckwagen und qualvoll verendenden Tieren. Würden wir die heimtückischen Tieffliegerangriffe überleben?

Massiver MG-Beschuß

      Auf der Strecke nach Lützow setzte der lautstarke MG-Beschuß der Jagdbomber massiv ein. Die Nervosität stieg, wenn die Fuhrwerke zwischen Militärfahrzeuge gerieten, die nach unserer Einschätzung die eigentlichen Zielobjekte darstellen würden. Dem war nicht so. Die Piloten, die keine deutsche Flugabwehr zu fürchten brauchten, faßten im Tiefflug mit ihren Bordwaffen alles ins Visier, was sich bewegte. Sie übten keinerlei Rücksicht gegenüber wehrlosen Zivilisten und Trecks. Wann immer die Maschinengewehre knatterten, sprangen wir von den Planwagen und schlugen uns auf der Suche nach Deckung in das nächste Unterholz. Zum Anziehen der Zügel reichte die Zeit nicht. Schutzlos dem Kugelhagel ausgeliefert musste man „auf Tod und Leben laufen“.

      An Waldrändern rannten wir mit keuchender Brust unter Bäume, warfen uns nieder und krallten die Hände in die Erde. Dem ohrenbetäubenden Lärm der Flugzeuge folgte der Aufschlag der Granaten, verbunden mit einem fürchterlichen Krachen der Baumstämme. Durch das Gehölz und Buschwerk loderte hell das Feuer der in Brand geratenen Trecks. Zündelnde Stichflammen weit und breit. Mit uns bangten und flehten wildfremde Menschen um ihr Leben. Die Todesgefahr im Angesicht schüttelte Groß und Klein. Wer sprach nicht ein stilles Gebet um Gottes Hilfe? Seit jener Stunde wurden mir Dankgebete zur zweiten Natur. Schlafengehen ohne ein Nachtgebet im Sinne von Dietrich Bonhoeffer gleicht einem Zustand der Leere: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag!“

Überall Tote und Trümmer

      Nach den Feuerüberfällen hetzten wir zur Landstraße zurück, voller Sorge um die Fuhrwerke. In den kritischen Augenblicken der Luftangriffe mussten wir, weil es ums Überleben ging, das große Risiko in Kauf nehmen, daß sich die Gespanne durch das Hämmern der Bordwaffen losreißen und — gemäß der Pferdesprache — „durchgehen“ würden. Doch gottlob standen die Pferde matt vom Traben — starr und statuenhaft. Trotz starken Fuglärms, schießwütiger Bordschützen und aufschlagender Flammen. Minute auf Minute verging. Die Gefahr war nicht gebannt.

      Pfeilgeschwind drehten die Jagdbomber um. Erneut brach das MG-Feuer mit einem durch Mark und Beinen gehenden Getöse los. Nach jeder Angriffswelle richteten wir einen dankbaren Blick gen Himmel. Welche Schreckensbilanz: Leblose Körper und verunstaltete Pferde. Trecks und Fahrzeuge waren ein Raub der Flammen geworden. Zum Löschen oder Ersticken der Feuerstellen gab es weder Zeit noch Mittel. Die brutale Gewalt der Waffentechnik hatte Tote und Trümmerhaufen hinterlassen.

Noch abends Hetzjagd auf unschuldige Menschen

      Lange suchten wir in Lützow vergeblich nach einem Unterstand. Jenseits eines Gutsparkes entdeckten Mutter und ich eine leere Scheune, die allerdings wegen der ungünstigen Lage als Unterschlupf entfiel. Auf dem Rückweg trauten wir unseren Ohren nicht, denn selbst in der Abendstunde setzten die Jäger die reinste Hetzjagd auf verängstigte Menschen fort. Die MG-Garben verursachten einen Höllenlärm in dem großflächigen Gelände. In atemloser Hast rannten wir mit großen Sätzen durch den Park, von einem hohen Baum zum anderen. Die Feuerstöße und aufheulenden Motorengeräusche waren so Furcht einflößend, daß wir in geduckter Haltung auf ein Arbeiterhaus zuliefen.

      Als die Hausfrau uns zu Gesicht bekam, schlug sie uns die Tür vor der Nase zu. Unsere Kehlen waren wie zugeschnürt. Um Brecht zu zitieren: „Was für eine Kälte muß über die Leute gekommen sein.“ Ein Grund für die Kaltblütigkeit war nicht erkennbar. Inzwischen nahmen die Jagdbomber sogar die Dorfstraßen und Häuser unter Beschuß. Zu guter Letzt öffnete auf kniefälliges Bitten die Hausbewohnerin widerwillig den Eingang zum Unterstellen. Während des anhaltenden Trommelfeuers kauerten wir unter einem Fenster und schwebten in tausend Ängsten um Vater, Hannchen und die Fuhrwerke.

      Als die Flugzeuge nach einer halben Ewigkeit hinter dem Horizont verschwanden, eilten Mutter und ich zurück zu den Wagen. Schon kam Vater daher, der genauso in Sorge um uns war wie wir um ihn. Weithin schwarze Rauchwolken, Einschläge und Verwüstung. Verzweifelte Menschen irrten umher. Wiederum waren Trecks vernichtet. Ein Schauder erregender Anblick [Ed: und es war nicht die Rote Armee, die das angerichtet hat!]. Es war wie ein Wunder, daß der Kugelregen und Lärm unsere Pferde nicht scheu gemacht hatten. Am Ort des Schreckens hatten sie sich nicht von der Stelle gerührt.

Keine ‚Kollateral-Schäden‘!

      Zuvor hatte ein Polizist sein Auge auf unser Fahrrad, das er partout auf eigene Faust konfiszieren wollte, gerichtet. Da wir ihm die Stirn boten und gegen den Willkürakt Sturm liefen, nahm er von dem dreisten Ansinnen Abstand. Solange die Geschosse einschlugen, waren die Fuhrwerke gezwungenermaßen unbeaufsichtigt. Nach der Angriffswelle konnten wir dem Stahlross nur noch nachweinen. Hatte der „Ordnungshüter“ das Auftauchen der Tiefflieger als willkommenes Mittel zum Zweck, d. h. für die Inbesitznahme des Rades eiskalt genutzt?

      Die wie Treibjagden auf Menschen und Tiere zielenden Luftangriffe demoralisierten und zerrten an dem inneren Gleichgewicht. Zeitweise lähmte das Gefühl menschlicher Ohnmacht Geist und Körper. Eine „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing) ließ sich nicht erschließen. Der eigene Erfahrungshorizont bestätigte markige Formulierungen in den Wehrmachtsberichten: „Anglo-amerikanische Tiefflieger setzten den Terror gegen die Bevölkerung mit Bomben und Bordwaffen fort.“ Der Ausdruck „Terrorangriff“ traf die militärisch wertlosen Schläge haargenau, vorausgesetzt, unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder lagen im Fadenkreuz der Bordschützen. Die ungeschützten Flüchtlingstrecks machten inzwischen den Löwenanteil der Verkehrsteilnehmer aus. Bei den guten Sichtverhältnissen wäre der Vorwand von Erkennungsschwierigkeiten eine leere Schutzbehauptung. Wie wahr ist der Ausspruch: „Der Krieg zeigt die Menschen in der rohen Stärke aller Leidenschaften.“

Durch die Todeszone nach Gadebusch

      Die Stadt Lützow, Schnittpunkt von Durchgangsstraßen, schaltete fast pausenlos die Sirenen ein. Nicht einmal kurzfristig war die Luft rein. Der grelle Lärm der Flugzeuge ließ „keine Ruh bei Tag und Nacht“. Zuflucht fanden wir schließlich in einem Kindergarten, der seine Pforten für die Übernachtung öffnete. Die Pferde blieben ohne Unterstand im Freien auf dem Spielhof. Tatar, dessen geschecktes Fell hell leuchtete, wurde sorgfältig mit Decken getarnt. Im Wissen um die Tieffliegergefahr auf offenen, d. h. baumlosen Landstraßen lautete die Alternative: Entweder Verschiebung oder Fortsetzung des Trecks.

      Gadebusch/Mecklenburg -- Markt mit Rathaus 1940
^   Markt und Rathaus von Gadebusch in Mecklenburg um 1940. Die Gegend lag 1945 in der ‚Todeszone‘, wo sehr viele unschuldige Flüchtlinge von alliierten Tieffliegern erschossen worden sind. Bekannt ist auch, daß hier KZ-Häftlinge in weißen Bussen des Schwedischen (!) Roten Kreuzes von Tieffliegern erbarmunglos abgeknallt wurden. [mehr]   (Repro: 2011 – khd)
      Einheimische gaben den Rat, statt am Tage, sich nachts auf die Straße zu begeben. Tagsüber würden Jagdbomber, ohne auf die geringste Abwehr zu stoßen, die Strecke von Lützow nach Gadebusch [Ed: etwa 8 km] ohne Unterlaß beschießen. Niemand hätte eine Chance, dem Kesseltreiben zu entrinnen. Über Stunden hinweg haben wir gegrübelt und mit uns gerungen, was wir tun sollten. Mit seinem untrüglichen Instinkt für das Richtige und Notwendige, ein Gespür, das ihn — Gott sei Dank — seit dem 27. Januar leitete, plädierte Vater, auf dem die Schwere der Verantwortung lastete, für einen Aufbruch in aller Frühe.

      Während englische und kanadische Streitkräfte den Raum südlich von Lübeck besetzten und amerikanische Panzertruppen von Boizenburg kommend nach Schwerin vorstießen, spannten wir die Pferde am 2. Mai vor Sonnenaufgang an. Auf der baumlosen Chaussee, die Tiefflieger wegen der freien Flugbahn gewissermaßen in eine Todeszone verwandelten, hielten wir auf Gadebusch zu. An einer Straßenkreuzung stoppte die Polizei Hannchens Wagen und forderte die Mitnahme einer Familie mit Kleinkindern, angesichts der allgemeinen Not eine Selbstverständlichkeit. Links und rechts des Weges zeigten sich die deutlichen Spuren der wahnwitzigen MG-Einschläge, die keine strategisch bedeutsamen Objekte mehr ausfindig machen konnten. Die Folge: Tote Zivilisten, verletzte Pferde, zusammengeschossene Trecks sowie Überlebende auf der Suche nach Angehörigen oder übrig gebliebener Habe.

Und dann kamen sie, die todbringenden Tiefflieger . . .

      Mit einem Schlag wiederholten sich die furchtbaren Szenen in einer ähnlichen Konstellation. Mars regierte die Stunde. Tiefflieger, die nach Gutdünken tödliche Geschosse abfeuerten, waren auf einmal am Horizont, brummten und dröhnten abermals die Straße entlang. Um Gottes willen nicht noch jetzt, bei den letzten Zuckungen der erlöschenden Kriegsfackel, ein Opfer
blindwütiger Schießereien werden! Mit solchen Gedankensplittern sprangen wir von den Wagen herunter und liefen querfeldein zum Wald. Obwohl keine militärischen Einrichtungen weit und breit sichtbar waren, nahmen die Jäger den Forst unter Flächenbeschuß.

      Die Projektile verfolgten gnadenlos die fliehenden Menschen. Die Ohren zerreißenden Detonationen waren aufs Neue so gespenstisch, daß wir auf allen vieren immer tiefer in den Wald eindrangen, kriechend von Gestrüpp zu Gestrüpp, vortastend von Baum zu Baum, sich klammernd an Erdschollen. Es krachte und knallte unablässig. Das Herz drehte sich uns im Leibe um und ein Zittern ging durch unsere Körper. Das rohe und gewaltsame Kriegshandwerk hinterließ nochmals einen Tatort des Grauens: Ein Blutbad hier und da, dazu schwarze Rauchschwaden, die zum Himmel emporstiegen. Glücklicherweise waren unsere Fuhrwerke nicht von den Kugeln getroffen. Die abgehetzten Pferde harrten quasi in stoischer Gelassenheit aus.

      Nach wenigen Hundert Metern abermals die Tak-tak-Geräusche der MGs. Schon wieder flogen die Tiefflieger ihre mörderischen Einsätze. Allein der Sprung von der ungeschützten Chaussee ins Gehölz konnte begrenzte Sicherheit bringen. Legitimität verleiht den ethisch verwerflichen Luft-Überfällen auf Flüchtlingstrecks auch nicht ein geflügeltes Argument aus der Antike: „Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze“ (Cicero).
[
Westalliierte beschossen SRK-Konvoi]

. . . aber glücklich entkommen

      Alte VoIksschule in Roggendorf 2008
^   Das ist die VoIksschule in Roggendorf, in der wir am 2. Mai 1945 unser Quartier aufschlagen wollten. Aber 2 Nazi-Bonzen waren dagegen. Die beiden linken Fenster, vom Eingang gesehen, gehörten zu dem einst zunächst zugewiesenen Klassenraum. Damals standen an der Stelle, wo jetzt unser Auto parkt, die Pferdewagen.   (Foto: 18.6.2008 – g.brauer)
      Nach dem abermaligen Horrorszenario gerieten in Sichtweite hohe, belaubte Bäume, die den Bordschützen den Überblick über das Terrain raubten. Soweit es die ausgepumpten Pferde erlaubten, rumpelten die Wagen über die Landstraße unter Hochdruck. Begrünte Zweige, Äste und Büsche, die einen kleinen Schutzwall bildeten, ließen tief Luft holen. Die Flugzeuge waren am Horizont verschwunden.

      In der Stadt Gadebusch machte sich ein leises Gefühl von Sicherheit breit. Auf dem Marktplatz stieg die Familie, die sich uns bei Lützow angeschlossen hatte, vom Leiterwagen. Mutter kümmerte sich um den Erwerb von einem Brot. Nicht bezeugt werden kann die
Notiz bei Wikipedia: „Als am 2. Mai 1945 die British Army auf dem Weg nach Lübeck Gadebusch passierte, kam es zu einem Scharmützel.“ Jedenfalls gelangten wir ohne Feindberührung am frühen Nachmittag des 2. Mai 1945 von Gadebusch nach Roggendorf. Zeitgleich kapitulierten die Überreste der Wehrmacht in Berlin.

„Fahren Sie weiter spazieren!“

      Die Fuhrwerke parkten an einem Kastanienplatz. Die Pferde sollten in einer Scheune unterkommen, die Menschen auf Geheiß des ortsansässigen Lehrers in einem leeren Klassenraum der Volksschule. Abgekämpft und von trüben Gedanken geplagt, befiel uns ein dringendes Bedürfnis nach Ruhe unter einem schützenden Dach. Eine bleierne Schwere senkte sich über die schlafbedürftigen Augen. Als wir im Begriff standen, ein schlichtes Strohlager herzurichten, platzte der Dorfschullehrer herein und widerrief — bar jeglicher Begründung — seine soeben erteilte Einweisung. Der unvermutete Sinneswandel irritierte. Der Begleiterin Franziska Huisken blieb die Sprache weg.

      Obendrein kreuzte der Bürgermeister auf, um in dieselbe Kerbe zu schlagen, beide hundertfünfzigprozentige NS-Claqueure. Die Bösewichte, die allenfalls Bruchteile von Minuten am längeren Hebel saßen und ihren letzten Triumph ausspielten, fertigten uns kaltschnäuzig ab: „Packen Sie Ihren Trödel wieder ein und fahren Sie weiter spazieren!“ Die schneidende Order von Lokalmatadoren stammte — wie seinerzeit in Krien — aus dem Munde von Bonzen, die sich, als die Sterbestunde des Nationalsozialismus gekommen war, mit ihren Parteiabzeichen in Szene setzten.

      Bei solchen Erlebnissen konnte man den Boden unter den Füßen verlieren. Die seelischen Schwingungen sanken an diesem Tag noch mal auf einen Schwindel erregenden Tiefpunkt: „Gutes und Böses kommt unerwartet dem Menschen.“ Die hartherzige Abfuhr und der rüde Rausschmiss warfen uns zum Kastanienplatz zurück. Einer solchen Situation verleiht Goethe poetischen Ausdruck: „Wir richten uns immer häuslich ein, um wieder auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen und Willkür tun, so wirken Verhältnisse, Leidenschaften, Zufälle, Notwendigkeit und was nicht alles.“

Nachtrag von 2012 zu den Tieffliegerangriffen

      Am 5. Januar 2012 erschien in der Müritz-Zeitung (Nordkurier) ein Bericht mit dem Titel „Westalliierte beschossen DRK-Konvois“. Der Beitrag behandelt eine Operation des Schwedischen Roten Kreuzes, die eine Rettung von Häftlingen aus dem Außenlager Malchow des KZ-Ravensbrück beabsichtigte. Die humanitäre Aktion war durch Graf Folke Bernadotte, der eine geheime Abmachung mit Heinrich Himmler ohne Hitlers Wissen traf, eingeleitet worden.

      In dem o. a. Bericht über das riskante Rettungsunternehmen heißt es: „Die Fahrten gingen kreuz und quer durch das deutsche Kriegsgebiet. Vorsichtshalber gab man die wesentliche Routenplanung an die Alliierten durch. Wegen der Luftangriffe wurden viele Fahrten auf den späten Abend gelegt. Dennoch gerieten Konvois in Mecklenburg unter Tieffliegerbeschuß.

      Eine besondere Tragödie ereignete sich in unmittelbarer Nähe von Schwerin, als die Busse von Tieffliegern der Westalliierten beschossen wurden. Dies geschah, obwohl die Fahrzeuge deutlich weiß gekennzeichnet waren, das Rote Kreuz und die schwedische Flagge trugen. Am ganzen Weg (Landstraße Schwerin — Gadebusch, heutige B104) waren Spuren der gefürchteten Tiefflieger zu sehen, welche am Wege alles vernichteten. Besonders hinter Schwerin lagen zerschossene Fahrzeuge dicht an dicht, ein Teil noch brennend.“ Bei Angriffen habe die Kolonne „Schutz gesucht und als die Flugzeuge weg waren, setzte man die Fahrt fort. Gerade als der Fahrer den Motor gestartet hatte, kamen die Flugzeuge nochmals zurück und schossen die tödlichen Salven ab ...“




Die Flucht ins Ungewisse

Kriegsende
(3.5.1945)

Die Amerikaner kommen

      Der für uns letzte Wehrmachtsbericht vom 3. Mai 1945, der eine unselige Epoche abschloß, meldete kurz und bündig: „Die von Schwerin angreifenden Amerikaner drangen in den Raum Gadebusch vor.“ Eine grobe Skizzierung der Frontlinien, die sich mit der subjektiven Erfahrung deckte. Denn am späten Nachmittag des 2. Mai breitete sich in Roggendorf eine aufregende Neuigkeit, die keiner für sich behalten konnte und wollte, wie ein Lauffeuer aus. Die Amerikaner kommen! Einheimische, Flüchtlinge und Ausländer nahmen die Beine in die Hand, drängten zur Hauptdurchgangsstraße und platzten vor Neugier. Im gleichen Atemzug bremsten zwei amerikanische Kradmelder, umringt und bestaunt von Deutschen und einer Gruppe französischer Kriegsgefangener.

      Erste Amerikaner 1945
^   Nein, das sind nicht die ersten Amerikaner in Roggendorf, aber anderenorts, bestaunt – auch ihre Jeeps – von deutschen Kindern.   (Repro: 2011 – khd-research)
      Der langjährige Traum von Deutschen und Gegnern hatte sich endlich erfüllt: Unter „das wilde Geschick des all verderblichen Krieges, das die Welt zerstört und manches feste Gebäude schon aus dem Grunde gehoben“, konnte zunächst einmal ein Schlussstrich gezogen werden. Die verdammten Tiefflieger kehrten nicht wieder. Gott sei Lob und Dank, daß wir dem vielfältig drohenden Unheil mit knapper Mühe und Not unter dem Schutz und Schirm des Höchsten entrinnen konnten. An die Rettung aus tödlichen Gefahren werde ich mich zeit meines Lebens mit tiefer Dankbarkeit erinnern.

Historischer Umbruch ante portas

      „Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe“ verbrachten wir die Nacht vom 2. auf den 3. Mai auf den Planwagen, immer noch mit Herzklopfen nach den jüngsten Vorkommnissen. Ohnehin machte der heillose Wirrwarr die Nacht zum Tage. Zu unglaublich und verworren war die Vorstellung, am Beginn eines historischen Umbruchs zu stehen.

      Am 3.5. machte ich uns frühmorgens unter den blühenden Bäumen am Kastanienplatz auf einer selbst hergerichteten Feuerstelle einen Kaffee, der zwar rauchig schmeckte, aber die etwas steifen Gelenke nach der kurzen und kühlen Nacht erwärmte.

Ein letztes Mal geht’s weiter

      Da uns der Schulmeister und Bürgermeister den Stuhl vor die Tür setzte, mussten wir uns nach einer anderen Bleibe umsehen. Zeitgleich kursierten in der Flüsterpropaganda widersprüchliche Spekulationen über die von den Siegermächten längst beschlossene Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen. Verlässliche Informationen über die geplanten Demarkationslinien sickerten nicht durch. Immerhin wurde kolportiert, daß die Russen — die Begriffe Sowjets bzw. Sowjetunion und Russen bzw. Rußland wurden seinerzeit synonym gebraucht — demnächst ganz Mecklenburg (dazu gehörte Roggendorf) okkupieren würden [SBZ].

      Tatsächlich lösten sowjetische Besatzungstruppen die amerikanischen Einheiten im Sommer 1945 ab. Gemäß unserer Hoffnung, sowjetischer Willkürherrschaft zu entgehen, führten die hartnäckigen Gerüchte über die künftigen Besatzungszonen zu dem Entschluß, die Pferde anzuspannen und dem Credo zu folgen „Immer weiter, weiter“.

      Doch der unmittelbare Anlaß zum neuerlichen Aufbruch ging auf die brüske Weigerung der Roggendorfer Lokalmatadoren, eine Ecke im Klassenraum als Notquartier zu überlassen, zurück. Etwa 2 Monate später zeigte der amerikanisch- sowjetische Gebietsaustausch, daß sich die zugedachte Demütigung, uns wieder auf die Landstraße zu setzen, in ihr Gegenteil verkehrt hatte: Roggendorf wurde von den Sowjets besetzt, wir kamen unter englische Oberhoheit! Unter diesem Blickwinkel traf auf die beiden NS-Paladine das Sprichwort zu: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“

Bloß weg mit dem Nazi-Plunder

      Auf der Strecke von Roggendorf nach Ratzeburg vollzog sich im Laufe des 3. Mai 1945 der völlige Zusammenbruch des Dritten Reiches unmittelbar und hautnah. Ein historischer Augenblick. Furcht und Elend des NS-Regimes, dessen Uhr schließlich und endlich abgelaufen war, verdichteten sich vor unseren Augen. Deutsche Militärfahrzeuge hissten weiße Fahnen, Infanteristen entledigten sich ihrer Ausrüstung und stolzierten ohne Schwertstreich im Gänsemarsch in amerikanische Gefangenschaft.

      Die Straßenränder und -graben füllten sich mit Stahlhelmen, Uniformen, Gewehren, Gasmasken, Kriegskarten, Insignien jeglicher Dienstgrade, Hoheitszeichen der
SS, zerfetzten Hakenkreuzfahnen und zertretenen NS-Emblemen, kurzum Militaria jeder Art und Größe. Gepanzerte Kettenfahrzeuge der Alliierten beherrschten die Landstraße. Bei Mustin war die Provinzialgrenze von (Schleswig-) Holstein erreicht, ein Land, das einem Ondit zufolge nicht ein Teil der sowjetischen Besatzungszone werden sollte.

US-Panzer rollen gen Osten

      Nach Ziethen tauchte der Außenbezirk von Ratzeburg auf. Der Verkehr wuchs ständig und kam zeitweilig zum Erliegen. Landsleute und Fremde, Bewaffnete und Unbewaffnete trafen aufeinander: Jeeps, Soldaten verschiedener Nationalität, Polizei, Trecks, Fußgänger, Radfahrer, Einheimische voller Neugier. Immerhin auf keiner Seite Anzeichen einer Aggressivität oder Neigung zur Konfrontation.

      Je näher Ratzeburg rückte, desto größer wurde die Konfusion. Obwohl gerade an Straßenkreuzungen ein ziemliches Chaos herrschte, hatte andererseits eine „unsichtbare Hand“ alles einigermaßen sinnvoll geordnet. Man flüsterte, daß in Kürze amerikanische Truppen größeren Umfangs heranrücken würden. Um die Hauptverkehrsstraßen für die erfolgreiche Streitmacht zu räumen, durften keine Pferdewagen Ratzeburg durchqueren. Trecks, Karossen und sonstige Vehikel sollten Richtung Lauenburg [nach Süden] abbiegen.

      Mittlerweile war eine martialische Kulisse im Anrollen. Eine waffenstarrende Armada ratterte heran. Trecks mussten dicht am Straßenrand anhalten. Stundenlang donnerten uns die motorisierten Verbände verschiedener Waffengattungen in unverbrauchter Kampfkraft entgegen. Widerstand war längst aufgegeben. Kein Schuß fiel. Ohne Gegenwehr oder Auflehnung gegen das Unabänderliche ließen sich unsere Offiziere und Mannschaften Rangabzeichen, Koppelschlösser, Uhren und andere persönliche Wertgegenstände als Souvenirs abnehmen. Inmitten der militärischen Konvois und im Gewühl einer unübersehbaren Menschenmenge bewegten sich die Fuhrwerke im Schneckentempo fort.

Hin- und hergerissen

      Der Gemütszustand war zwiespältig. Einerseits rasselte über die Asphaltstraßen Kettenfahrzeug um Kettenfahrzeug, die Hitlers schändlichem Krieg den Todesstoß versetzt hatten. Verständlich, daß die Sieger die Nase hoch trugen und sich als Halbgötter fühlten. Siegestrunken schauten die stolzen und unnahbaren Krieger auf die geschlagenen Feinde herab, anfangs verächtlich, später gnädig: Vae Victis! Auf der anderen Seite das erschöpfte und gedemütigte deutsche Militär, das sich entweder in geschlossenen Abteilungen, aufgelösten Gruppen oder als versprengte Einzelgänger orientierungslos seinem Schicksal ergab.

      Nicht jeder konnte seine Haltung bewahren. Manche beugten sich dem Kommando der Triumphatoren in unwürdiger und devoter Form. Der Schauplatz konträrer Bilder — der Situation angemessene Verhaltensweisen wie blamable Szenen, z. B. das Betteln um einen Zigarettenstummel — spiegelte Teilaspekte der deutschen Tragödie wider, die auch patriotische Reflexe auslöste. Brachten die chaotischen Zeiten und desolaten Verhältnisse landauf, landab etliche Zivilisten und Soldaten aus der Balance zwischen der Bekundung der Genugtuung über den Untergang des Nationalsozialismus und der Wahrung der eigenen Würde und Selbstachtung?

„Tag der Kapitulation“ oder „Tag der Befreiung“?

      Nicht minder relevant ist die Frage nach dem Stellenwert des 3. bzw. 8. Mai 1945 im Besonderen und im Allgemeinen. Gewichtung und Wertung von einschneidenden Ereignissen hängen u. a. von den individuellen Lebensumständen, subjektiven Erfahrungen und dem Selbstverständnis des Betrachters ab. Familiengeschichtlich hat der 3. Mai 1945 eine Tragweite, die auf nationaler Ebene mit dem 8. Mai 1945 vergleichbar ist.

      Wie an anderer Stelle gestreift, regen sich im Zusammenhang mit der Besetzung Deutschlands durch die Siegermächte neuerdings in der Publizistik Stimmen, die den 8. Mai 1945 als „Tag der Kapitulation“ durch den Ausdruck „Tag der Befreiung“ ersetzen möchten. Im Gegensatz zu dem geschichtswissenschaftlich ohnehin fragwürdigen Begriff „Befreiung“ stand der für unser Dasein so denkwürdige Tag ganz unter dem Zeichen der Beendigung des Krieges. Mit dem 3. Mai 1945 hörte die panische Angst auf, von sowjetischen Panzerdivisionen eingeholt und erbarmungslos überrollt zu werden. Auch flogen die Jagdbomber nicht mehr die heimtückischen Angriffe. Diese beiden einschneidenden Ereignisse haben den Zeithorizont geprägt.

Entscheidend war, daß die Kriegs-Greuel vorbei waren

      Wer am 2. Mai 1945 von Panzern und Tieffliegern noch als Feind auf Leben und Tod bekämpft und gejagt wird, kann nicht wenige Stunden darauf den 3. Mai als „Tag der Befreiung“ ansehen und bejubeln. Eine derartige Betrachtungsweise käme für die Erlebnisgeneration einer Selbstverleugnung gleich, wäre widersinnig, geradezu absurd.

      Genauso unhistorisch ist der Denkansatz, politische Wünsche und Wertvorstellungen der Gegenwart in die Vergangenheit zu projizieren und als Maßstab für die Beurteilung geschichtlicher Sachverhalte zu nehmen. Als Grundlage der Urteilsbildung zählte die entscheidende Tatsache, daß mit dem 3. Mai 1945 die Schrecken und Greuel des Krieges gottlob vorbei waren: „Die Waffen ruhn, des Krieges Stürme schweigen“ (Schiller).

Die Stunde Null begann im „Weißen Hirsch“

      Während die Gedanken noch um die frischen Eindrücke und umstürzenden Veränderungen kreisten, ereignete sich ein Unfall. Als wir vor demolierten Autos und Schlaglöchern ausweichen mussten, überholte und rammte ein amerikanischer Armee-Lastwagen unser Fuhrwerk. Durch den Aufprall zersprangen Latten und Sprossen. Die linke Seitenleiter zerbrach und berührte Mutters Stirn. Zum Glück wurde sie nicht ernsthaft verletzt. Wir alle kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Nahe der Unfallstelle lagen Bretter, die als behelfsmäßige Stütze dienten. Doch mit der zerschrammten Leiter und dem verschobenen Unterbau war der Planwagen nicht mehr verkehrssicher.

      Gerade zur rechten Zeit hoben sich in der Waldeinsamkeit die Umrisse eines „Pfefferkuchenhäuschens“ ab. Die Zufluchtsstätte mit dem Wahrzeichen „Weißer Hirsch“ erwies sich als ein kleines und bescheidenes Forsthaus, gelegen an einer Kreuzung mit Richtungspfeilen nach Ratzeburg, Mölln, Sterley und Salem. Damit stand am Abend des 3. Mai 1945 die Flucht vor dem Abschluß.

      Schattenhaft deutete sich in der Stunde Null der deutschen Geschichte, als alles drunter und drüber ging, ein neuer Lebensabschnitt an. Freilich hatte die Zukunft noch lange nicht begonnen.



[ Editor-5.4.2012: Bleibt nachzutragen, daß sich die Deutsche Wehrmacht in Berlin bereits am Morgen des 2. Mai 1945 ergab. Am 8. Mai 1945 wurde dann in Berlin- Karlshorst die endgültige und bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet, womit in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Und alle, die diesen von Hitler angezettelten Wahnsinnskrieg überlebten, schworen sich: „Nie wieder Krieg!“ Dann begann die ganz schwierige Nachkriegszeit. ]



Nachwort(e) des Autors *

        G. Brauers Eltern 1967
^   Gert Brauers Eltern 1967 vorm „Weißen Hirsch“, der ihnen von Mai bis September 1945 Asyl bot.   (Foto: 21.8.1967 – g.brauer)



67 Jahre später in Dobiegniew

Was geblieben ist vom Birkenhof

Eine kleine Foto-Reportage,
entstanden in der Osterwoche 2012,
von G. STACH

Birkenhof 2012 -- Blick von Norden (Amalienhof)
^   Blick von Norden (Amalienhof) auf die Gegend an der früheren Hochzeiter Chaussee, wo einst bis 1945 der „Birkenhof“ stand. Es war ja schon bekannt, daß die Hofgebäude nicht mehr stehen. Und so ist heute dort alles zugewachsen... [Karte der Gegend]   (Foto: 5.4.2012 – g.stach-231)

      Am Ort des früheren Birkenhofs liegen noch Unmengen von Bruchziegelsteinen, aber kaum welche, die ganz geblieben sind. Alles ist mit sehr viel Laub abgedeckt — zum Teil mit sehr hellem Laub. Deutlich erkennbar sind noch die Fundamente der Gebäude des Hofes und auch Kellerwände.

Birkenhof 2012 -- Alles zugewachsen            
^   Alles zugewachsen – auch mit Birken.   (Foto: 1.4.2012 – g.stach-040)
Birkenhof 2012 -- Alter Zaunpfahl
^   Aber es gibt noch was – ein alter Zaunpfahl.   (Foto: 1.4.2012 – g.stach-034)

Birkenhof 2012 -- Ein roter Mauerstein            
^   Und sogar noch ein Mauerstein, ein roter märkischer Backstein liegt da.   (Foto: 1.4.2012 – g.stach-026)
Birkenhof 2012 -- Ein verwaistes Nest
^   Ein verwaistes Nest – Sinnbild für den hier untergegangenen Birkenhof.   (Foto: 1.4.2012 – g.stach-029)

      Im folgenden Foto sieht man in der Mitte rechts das Dach des Hauses vom früheren „Karolinenhof“. Dieses ist seit 2 Jahren unbewohnt und freiem Verfall überlassen. Seine letzte Besitzerin wohnt heute im Altenheim in Dobiegniew. Am Weg zwischen Amalienhof und Wolgast waren nach dem Krieg noch 2 Bauernhöfe erhalten geblieben. Die Landflucht, die Mechanisierung der Landwirtschaft und die demografische Entwicklung lassen auch im Lebuser Land, ähnlich wie in den neuen Bundesländern Deutchlands, viele alte Bauernhöfe unbewohnt werden.

Birkenhof 2012 -- Blick über den Linkow-See
^   Blick über den Linkow-See zur früheren Hochzeiter Chaussee. [Karte der Gegend]   (Foto: 1.4.2012 – g.stach-017)


Gedanken von Gert Brauer zu diesen Fotos:

      „Ihre textlichen und bildlichen Einfügungen runden das Bild des Manuskripts in plastischer Weise ab. Dazu trägt diese kleine Foto-Reportage am Ende des Manuskripts bei, die ich mit Freude und innerer Anspannung betrachtet und auf mich habe wirken lassen. Die Fotos führen die heutige Situation konkret vor Augen. Der Standort des Fotographen ist offensichtlich die Kirschen-Allee, die nun, seitdem das Gehöft von Nachbar Buchholz auch verwaist ist, ähnlich zuwachsen dürfte wie die Pflaumen-Allee. Die Aufnahme erfasst einen Teil der Acker- und Wiesenflächen des Birkenhofes.

      In meinen Aufzeichnungen habe ich erwähnt, dass ich seit dem Sommer 1940 abends nach Arbeitsschluß unsere französischen Kriegsgefangenen auf der Kirschen-Allee zum Gehöft von Nachbar Buchholz (Karolinenhof) begleiten mußte. Dort befand sich in einem Seitengebäude die Unterkunft von mehreren französischen Kriegsgefangenen. Unbeaufsichtigt und allein durften die beiden Soldaten den Weg nicht gehen! Als kleiner Junge war ich ihnen praktisch ausgeliefert. Aber niemand kam auf die Idee, dass mir ja auch etwas hätte zustoßen können. Ein Zeichen dafür, wie unproblematisch und angstfrei unser gegenseitiges Verhältnis war.“




Anmerkungen des Editors / Remarks by the Editor:     [Translation-Service]

1) ^  Am 23. März 1945 machte sich der kleine Birkenhof-Treck der Familie Brauer von Vorpommern — nach 43 Tagen der Einquartierung in Krien bei Anklam — auf den Weg weiter in Richtung Westen. Man wollte bis über die Elbe kommen. Ihre Route führte über die Orte: Neu-Krien** (Kreis Anklam) — Albinshof — Breest — Klempenow — Klatzow* — Altentreptow** — Reinberg — Japzow* — Wolde — Klockow** (Ostern 1945) — Stavenhagen — Jürgenstorf** — Kittendorf — Klein-Plasten — Neu-Schloen — Waren/Müritz** — Klink — Sietow — Zierzow** (20 Tage) — Sietow — Malchow — Jürgenshof — Karow — Finkenwerder* — Goldberg — Techentin — Mestlin — Klosterdorf* (heißt heute Zölkow) — Crivitz — Schwerin — Lützow* — GadebuschRoggendorf* — Mustin (Westgrenze von Mecklenburg, das später in der SBZ liegen wird) — Ziethen — Ratzeburg (Trecks durften nicht in die Stadt, deshalb ging’s etwas nach Süden) — Forsthaus „Weißer Hirsch“** (bis 26. September 1945). In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils ein Nachtquartier bezogen. In Orten mit ** wurde ein mehrtägiger Stop eingelegt. Mit ihrem ‚Asyl‘ südlich von Ratzeburg hatten die Brauers tatsächlich den ‚Westen‘ erreicht, denn dieser Ort lag dann in der Britischen (Besatzungs)-Zone. Bis Juni 1946 erhielten die Brauers Quartier in Poggensee bei Nusse im Kreis Lauenburg/Holstein, bevor sie mit Pferd und Wagen nach Niederscheden bei Hann. Münden weiterzogen.

2) ^  Der Autor hat außerdem im ANHANG des Manuskripts 13 „Fragmente“, wie er das nennt, beigefügt. Dabei handelt es sich um Faksimiles von Schriftstücken, die in diesem Zusammenhang eine Bedeutung haben. Leider sind die allermeisten dieser Abbildungen nicht geeignet, digitalisiert zu werden. Die Originale stehen (derzeit) nicht zum Scannen zur Verfügung. Deshalb wird mit der folgenden tabellarischen Übersicht zumindest mitgeteilt, um welche ‚Dokumente‘ es sich dabei im einzelnen handelt. Im Bericht sind Stellen mit * markiert, wo etwas zu diesen „Fragmenten“ mitgeteilt wird. Durch Klicken auf die Nr. erreicht man diese Orte.

Nr. Datum B e c h r e i b u n g Anm.
1. 1.01.1938 Genehmigung des Kreisschulrats in Friedeberg für Frau Brauer, ihre Kinder selbst zu unterrichten.  
2. 18.05.1938 Genehmigung des Regierungspräsidenten in Frankfurt/Oder, daß Gert Brauer vom Besuch der öffentlichen Schule befreit wird.  
3. 5.02.1942 Ablieferungsbescheinigung für Futter-Getreide: 200 kg (2 dz.) Futter- Hafer erbrachte einen Erlös von 34,40 RM. 1
4. 31.12.1944 Ablieferungsbescheinigung für Getreide: 1 Fuhre = 750 kg (7,5 dz.) Roggen erbrachte einen Erlös von 142,50 RM. 1) 
5. 9.02.1945 Anmeldebescheinigung von der Gemeinde Krien („Fl.-Abreise- bescheinigung“ genannt) für die 6 Personen des Birkenhof-Trecks.  
6. 20.02.1945 Bescheinigung des Ortsbauernführers, daß Landarbeiter Johann Lempe 1 Pferd [genesene „Vicky“] von Ferdinandshof nach Krien zum Flüchtling Hans Brauer überführt.  
7. 04.03.1945 Pfarramtliche Bescheinigung über die Konfirmation von Gert Brauer am 4.3.1945 in Krien. Konfirmations-Spruch (Psalm 46.1): „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ (Bescheinigt wurde das erst am 23.11.1945).  
8. 21.03.1945 Bescheinigung über die Abgabe eines Pferdes (Fuchsstute „Annette“) von Herrn Brauer an die Wehrmacht. Vereinbarter Preis: 1.605 RM, was aber nie bezahlt worden ist. [Ed: hm, steht die Bundesrepublik Deutschland nicht auch für alle Schulden des „Dritten Reichs“ ein?] 2
9. 00.03.1945 Bescheinigung der NSDAP – Amt für Volkswohlfahrt, daß Herr Brauer, Hans und 5 Personen Flüchtlinge sind und berechtigt seien, „in jeder Gaststätte gegen Abgabe von Marken und gegen Bezahlung Essen zu empfangen“.  
10. 12.04.1945 Vermerk des Bürgermeisters von Zierzow bei Waren, daß Hans Brauer Lebensmittelkarten für 4 Personen erhalten hat.  
11. 00.04.1945 Zettel mit Nachweisen für die Ausgabe von Futtermitteln, vor allem Hafer, durch die jeweiligen Ortsbauernführer.  
12. 16.04.1945 Aufforderung des Meckl. Landrats des Kreises Waren-Müritz, am 21. April 1945 zur Pferdemusterung in Dambeck bei Röbel mit 2 Pferden und 1 Wagen zu erscheinen. „Im Falle des Nichterscheinens haben Sie Bestrafung und zwangweise Vorführung zu gewärtigen“, heißt es in dem Schreiben an den Treckfahrer Brauer in Zierzow bei Waren.  
13. 18.04.1945 Bescheinigung des Bürgermeisters von Zierzow bei Waren: „Bescheinige hiermit, daß der Treckfahrer Brauer, welcher sich hier seit 14 Tagen aufhält, von seinen 5 Pferden jetzt in der Nacht vom 17. – 18.4.1945 2 Pferde verloren hat durch Erhängen. Ein Pferd ist hier noch krank von den 3 verbliebenen Pferden.“ 3
1) Diese Getreide-Verkäufe erledigte bereits Gert Brauer.
2) Gleichzeitig wurde der stabile Kastenwagen der Brauers beschlagnahmt — nach dem „Reichsleistungsgesetz“.
3) Die Pferde „Trixi“ und „Vicky“ hatten sich nachts in den Seilen total verheddert.

3) ^  BBC = British Broadcasting Corporation. Mit „Hier spricht London“ lieferte die BBC seit dem 29. März 1938 ein deutschprachiges Nachrichtenprogramm, das auch der Propaganda gegen Nazi-Deutschland diente. Dennoch war im Zweiten Weltkrieg dieser deutschsprachige BBC-Dienst eine ziemlich verläßliche und seriöse Informationsquelle. Allerdings war in Deutschland der Empfang dieses „Feindsenders“ streng verboten und unter Todesstrafe gestellt, weshalb man beim Abhören das Radio besonders leise stellte, damit es die Nachbarn nicht mitbekamen.
[Deutsches aus London: BBC]

4) ^  Tiefflieger — Viele Historiker halten Tiefflieger-Angrife auf die deutsche Zivil-Bevölkerung durch die US Air Force und/oder die britische Royal Air Force für nicht belegt. Bitteschön, hier ist der Bericht eines absolut glaubwürdigen Zeitzeugen (später selbst studierter Historiker), der das zumindest für die Schlußphase des Krieges belegt. Wir können also ganz sicher sein, daß noch um den 1. Mai 1945 im West-Mecklenburgischen solche mörderischen Jagdflugzeug-Angriffe geflogen worden sind, obwohl in der Gegend von Gadebusch weit und breit keine relevanten militärischen Ziele vorhanden waren. [mehr]
[Diskussion im Geschichtsforum]

5) ^  BDM = Bund Deutscher Mädel. Er war ein Teil der Hitler-Jugend (HJ).

6) ^  Werwolf — auch „Wehrwolf“ genannt. Das war eine von den Nazis (SS-Himmler) im September 1944 ins Leben gerufene Untergrundorganisation für den Partisanenkampf in den bereits besetzten Gebieten des Reiches. Am Ostersonntag, den 1. April 1945 wurde der Werwolf durch einen Rundfunkappell über einen Sender „Werwolf“ der deutschen Bevölkerung, als angeblich „spontane Untergrundbewegung“, bekanntgemacht: „Haß ist unser Gebet und Rache ist unser Feldgeschrei“, hieß es. Der Sender stellte erst am 24. April 1945 seinen Betrieb ein. Auf das reale Kriegsgeschehen hatte der Werwolf keinen Einfluß.

7) ^  RM = Reichsmark, die damals in Deutschland die gültige Währung war. Die RM galt bis zur Währungsreform im Juni 1948, wobei sie 10:1 abgewertet wurde.

8) ^  Morgen: Das ist ein Flächenmaß. 1 Morgen = 0,2553 Hektar (ha) ≈ 1/4 ha. 1 ha = 10.000 qm. [Preußische Maße]

9) ^  Volksgenossen: So bezeichneten die Nazis ‚ihre‘ (Staats-) Bürger.

10) ^  Was wurde aus den Pferden nach 1945? Mit den 6 Pferden Annette, Liese, Lilo, Lotte, Trixi und Vicky begann am 27.1.1945 die Flucht in Woldenberg. Aus dem Bericht wissen wir, daß Annette bereits in Krien von der Wehrmacht requiriert wurde und sich Trixi und Vicky in Zierzow selbst strangulierten, womit es nur noch 3 Pferde waren. Der Autor teilte auf Anfrage am 28.3.2012 mit: „Die restlichen 3 Pferde bekamen Zuwachs durch Kauf eines Panjepferdes von Holländern in Goldberg. Dazu erwarben wir im Sommer 1945 im "Weißen Hirsch" bei Ratzeburg ein Pferd aus ehemaligen Wehrmachtsbeständen. Diese 5 Pferde zogen uns dann weiter, erst nach Niederscheden bei Hann. Münden und Anfang 1948 nach Groß-Rhüden bei Seesen/Harz, Kreis Hildesheim-Marienburg. Dort gaben wir die Pferde in den Dienst von Bauern. Bis zu ihrem Ableben haben wir sie regelmäßig besucht.“

11) ^  Schlacht um die Seelower Höhen — Zu dieser Entscheidungschlacht des Zweiten Weltkriegs gibt es im Internet viele gute Informationen, beipielsweise die Dokumentation „1945 — Von Küstrin über Seelow“. Die Seelower Höhen sind aber auch der Ort, wo der damals 16-jährige Wolfgang Albrecht am 18. April 1945 von den Russen gefangengenommen wurde und dann ins Lager Woldenberg marschieren mußte. Seine Erinnerungen „In Woldenberg in Kriegsgefangenschaft“ wurden 2010 auf diesem Portal erstveröffentlicht.

12) ^  20. April 1945 — Ein Freitag und „Führers Geburtstag“. Die Gedanken des Herausgebers (Editor) dieser Seiten gehen zurück genau an diesen Tag: Denn die Alliierten präsentierten (ihm) am abendlichen Himmel über Berlin einen riesigen „Weihnachtsbaum“, der eines der schwersten Bombardements der Hauptstadt einläutete. Schon seit Tagen konnten wir Kinder in Berlin-Weißensee nicht mehr draußen etwas spielen — es gab dauernd Alarm. Nach dem 20. April ging nichts mehr, und es kamen dann ganz dramatische Ereignisse auf uns zu, über die 2001 bereits in „Was geschah 1945 beim Kampf um Berlin?“ berichtet worden ist. Und bei der Weiterflucht von Weißensee nach Berlin-Grunewald spielten auch Tiefflieger eine gefährliche Rolle.

      Tiefflieger-zerstörter DRK-Konvoi 1944
^   Ergebnis einer Strafing-Operation vom 23.9.1944 bei Arnheim: Durch Tiefflieger zerstörter DRK-Konvoi.   (Foto: 1944 – Bundesarchiv_Bild_101I-497-3515A-29A)
13) ^  Strafing — Diese englische Militär- Vokabel leitet sich vom deutschen Verb „strafen“ ab. Gemeint sind damit Tiefflieger- Angriffe mit automatischen Waffen wie Maschinengewehren (MG). Auf die Zivilbevölkerung wurde/wird dabei fast nie Rücksicht genommen. Besonders in der Schlußphase des Zweiten Weltkriegs wurde dieses perfide Strafing 1944/45 von den Westalliierten im großen Stil praktiziert. So auch im West- Mecklenburgischen, wie Gert Brauer ausführlich berichtet. [weiteres]

Und es stellt sich die Gretchen- Frage: Wofür eigentlich wollten die Amerikaner und/oder Briten die auf den Landstraßen Flüchtenden — einfach so und ohne Gerichtsurteil — mit dem Tod bestrafen? Etwa dafür, daß sich diese verzweifelten Menschen vor der Roten Armee in Sicherheit bringen wollten, oder etwa dafür, daß sie vielleicht einst die NSDAP gewählt haben? Oder saßen an den Steuerknüppeln der Jagdflieger nur etwas hirnlose, halbstarke Piloten, die sich am Mensch-und-Tier- Abballern ergötzten? Dieses Kapitel der Kriegsverbrechen mit Tieffliegern ist bis heute (2012) nicht aufgeklärt und aufgearbeitet worden, obwohl in den Militär-Archiven genügend Informationen dazu vorhanden sein werden. Warum nicht? Immerhin könnte doch daraus gelernt werden . . .

14) ^  SS = Schutz-Staffel der NSDAP. Das war eine paramilitärische Organisation dieser Nazi-Partei. Die SS war maßgeblich an der Ermordung der Juden (Holocaust) beteiligt und wurde nach 1945 als verbrecherische Organisation verboten. Im Zweiten Weltkriegs verübten Teile der SS — auch in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht — zahlreiche Kriegsverbrechen wie die Folterung und Ermordung von Kriegsgefangenen, Massentötungen von Zivilisten und die Vertreibung von Menschen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten.

15) ^  Kollateral-Schaden (Begleitschäden) — So bezeichnen neuerdings (verharmlosend) Militärs, daß es bei militärischen Operationen auch Zivilopfer gegeben hat. Das sei zwar „bedauerlich“, aber „nicht zu vermeiden“ gewesen, heißt es dann regelmäßig. So geschehen u. a. im Kosovo-Krieg (1998/99), im Irak-Krieg (2003) und auch in Afghanistan (seit 2001).

Im Kosovo zerbombte ein NATO-Flieger bei Grdelica sinnlos gleich einen ganzen Personenzug. Im Kosovo wurden auch 1998/99 wieder Flüchtlingstrecks angegriffen. In Afghanistan wurden am 4.9.2009 durch einen Luftangriff bei Kunduz um die 140 Zivilpersonen, darunter auch Kinder, sinnlos getötet oder verletzt. Schuld an diesem Desaster trägt die Bundeswehr, denn ein deutscher Offizier fühlte angeblich eine Bedrohung durch die Taliban und hatte deshalb den NATO-Angriff angefordert. Die Getöteten hingegen wollten sich lediglich etwas Benzin aus dort havarierten Tanklastwagen ‚organisieren‘. Keine dieser Vorkommnisse wurde bislang geahndet.

      Besatzungszonen 1945
^   Das restliche Deutschland wird 1945 in 4 Besatzungszonen geteilt.   (Grafik: 2010 – wikipedia)
16) ^  SBZ = Sowjetisch besetzte Zone. Aus dieser „Besatzungszone“ entstand dann zusammen mit dem Ost-Sektor Berlins am 7. Oktober 1949 die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR). Die DDR bezeichnete sich selbst als sozialistischen Staat, entwickelte sich aber nach und nach zu einer Diktatur sowjetischer Prägung. Und damit ihnen nicht die Bevölkerung in den Westen weglief, bauten sie im August 1961 eine Mauer um ihr Land, die erst 1989 überwunden werden konnte.

17) ^  Westalliierte beschossen SRK-Konvoi: 1945 in den letzten Kriegsmonaten gelang dem Schwedischen Roten Kreuz (SRK) die Rettung von KZ-Häftlingen — darunter auch Juden — aus dem Außenlager Malchow des KZ Ravensbrück. Aber nicht alle überlebten den Transport mit Bussen zum in Lübeck wartenden Schiff „Lillie Mathiesen“. In der Gegend von Gadebusch (westlich von Schwerin) schossen alliierte Tiefflieger auf den Konvoi, obwohl die neutralen Schweden den Alliierten den Transport angekündigt hatten.

In der „Müritz-Zeitung“ (Nordkurier) heißt es dazu am 5.1.2012: „Dies geschah, obwohl die Fahrzeuge deutlich weiß gekennzeichnet waren, das Rote Kreuz und die Schwedische Flagge trugen. Am ganzen Weg (Landstraße Schwerin — Gadebusch, heutige B104, waren die Spuren der gefürchteten Tiefflieger zu sehen, welche am Wege alles vernichteten. Besonders hinter Schwerin lagen die zerschossenen Fahrzeuge dicht an dicht, ein Teil noch brennend.“

18) ^  Gadebusch — Auf dieser Wikipedia-Seite (Stand: 5.4.2012) wird nur berichtet, daß in Gadebusch „lediglich 2 Bomben fielen, ohne nennenswerte Schäden anzurichten“. Es wird kein Wort über die vielen Toten unter den Flüchtlingen oder dem Schweden-Konvoi verloren, die 1945 in der „Gadebuscher-Todeszone“ durch das massive Strafing alliierter Tiefflieger zu beklagen sind.

19) ^  Die Familie Brauer verlebte die nächste Zukunft bis zum 26. September 1945 im „Weißen Hirsch“ (Forsthaus südlich von Ratzeburg) in der britischen Zone. Sie zogen dann etwas weiter westlich nach Poggensee im Kreis Lauenburg, wo sie bis Juni 1946 blieben. Aber wovon lebten die Brauers, wenn man Haus und Hof verloren hatte und damit keine Einnahmen mehr hatte? Auf Anfrage teilte dazu der Autor am 28.3.2012 mit: „Die Einnahmequellen nach der Flucht waren unterschiedlich: Sparbücher kamen in Frage, der Schwarzhandel und Tauschgeschäfte blühten, dazu landwirtschaftlicher Einsatz auf Bauernhöfen. Ab Sommer 1946 übte meine Mutter wieder ihren Beruf als Lehrerin aus und bezog ihr Gehalt. Mein Vater trat seinen Dienst als Lehrer im Herbst 1946 an. Damit waren die Grundlagen für das monatliche Einkommen gelegt.“

20) ^  Französische Kriegsgefangene wurden im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, denn die deutschen Landarbeiter waren zur Wehrmacht eingezogen worden. Ab Ende April 1945 wurden alle Franzosen aus der Region in Woldenberg zusammengezogen. In der Marienkirche am Markt feierten sie am 27. Mai 1945 eine Große Messe, wie wir aus den Überlieferungen von Ernst Prochnow wissen. Dieser berichtet auch, daß in den Tagen danach Tausende Franzosen Woldenberg in geschmückten Eisenbahnzügen in Richtung Heimat verlassen haben.




Woldenberger Fluchtberichte von 1945:
[Brauer I]  [Brauer II]  [Brauer III]
[Flucht mit der Eisenbahn]
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