Woldenberg (Neumark)   —  Erinnerungen von W. Bornstädt khd
Stand:  21.6.2013   (30. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Wolfgang_Bornstaedt.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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Auf dieser Seite wird über einen gebürtigen Woldenberger (Jahrgang 1936) berichtet, der als Kind in der Nacht zum 27. Januar 1945 zusammen mit seiner Mutter und Geschwistern mit einem Eisenbahnzug aus Woldenberg vor den Russen flüchtete. Nach einer ‚Irrfahrt‘ über Stargard, Stettin und einem Zwischenstop mit Bunker-Übernachtung in Berlin landete er schließlich am 28. Januar zusammen mit etwa 450 Woldenbergern in der kleinen Stadt Premnitz bei Rathenow im Havelland. [4]

Wolfgang Bornstädt, über den bereits auf der Seite der Woldenberger berichtet wurde, lebt noch heute in dieser brandenburgischen Stadt westlich von Berlin. Er liebt aber seine Geburtsstadt so sehr, daß er seit 1967 fast jedes Jahr Dobiegniew, das frühere Woldenberg, besucht hat und vieles über seine Geburtsstadt gesammelt hat.

Seit einigen Jahren bemühte er sich darum, daß zur Erinnerung an die vielen ‚zugezogenen‘ Woldenberger und deren Leistung eine Straße oder Platz in Premnitz nach Woldenberg genannt werden sollte. Das scheiterte aber zunächst an uneinsichtiger Politik. Aber am 12. November 2010 erhielt in Premnitz dann doch noch ein bislang unbenannter Platz den Namen „Woldenberger Platz“. [7]

Dokumentiert sind hier einige Zeitungsartikel, die Bornstädts Anliegen und den Premnitzer Streit um die Straßenumbennung beschreiben, sowie ein Gespräch mit Wolfgang Bornstädt, das die „Märkische Allgemeine Zeitung“ im November 2010 mit ihm führte. In den Texten wurden einige Anmerkungen [Ed: ...] sowie Links redaktionell hinzugefügt.

I n d e x :


Woldenberg — Erinnerung in Premnitz (Havelland)



Erinnerung an die Namenlosen

Wolfgang Bornstädt hatte die Idee, dass Premnitz eine Woldenberger Straße bekommen soll 2 / [Ed: übrigens, diese Namenlosen sind nicht so ganz namenlos]

Gefunden in: Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam, 22. Juni 2010, Seite xx (Havelland) von BERND GESKE. [Original]

PREMNITZ. Als achtjähriger Junge kam er mit seiner Mutter, zwei kleinen Brüdern und rund 450 weiteren Woldenbergern am 28. Januar 1945 mit dem Zug in Premnitz [Ed: liegt südlich von Rathenow an der Havel] an. Heute ist Wolfgang Bornstädt 73 Jahre und hat nicht vergessen, woher er einstmals kam. Er ist der Mann, der die Debatte in Gang gebracht hat, die die Stadt Premnitz heute beschäftigt. Soll die Leninstraße am Dachsberg in Woldenberger Straße umbenannt werden? So lautet die Frage, die übermorgen von den Stadtverordneten entschieden werden soll.

      Den entsprechenden Antrag hat die Wählergemeinschaft Döberitz-Mögelin-Premnitz gestellt, die CDU und Bürgermeister Roy Wallenta haben Zustimmung signalisiert. Doch da sich Linke und SPD bisher eher gegenteilig aussprachen, sieht es so aus, als wenn es für die Umbenennung der Leninstraße keine Mehrheit geben wird.

      Es ist nie der Wunsch von Wolfgang Bornstädt gewesen, die Leninstraße zur Woldenberger Straße zu machen. Ihm hätte es am besten gefallen, den noch immer namenlosen Platz vor dem neuen Rathaus so zu benennen. „Aber dieser Platz vor dem Rathaus liegt vielen wohl zu zentral“, sagt er heute und räumt ein, er würde auch mit einem weniger repräsentativ liegenden Ort einverstanden sein. Der Streit um die Leninstraße ist ihm sehr unangenehm. Wolfgang Bornstädt sagt: „Die Würde der Betroffenen geht auf diese Weise total verloren.“

      Woldenberg lag in der Neumark, die seinerzeit ein Teil der Mark Brandenburg war und hatte rund 5500 Einwohner. Seit dem Kriegsende heißt die Stadt Dobiegniew, gehört zur Republik Polen und hat heute ungefähr 3000 Einwohner. Als die Ostfront näher rückte, wurde in Woldenberg um 0 Uhr am 27. Januar 1945 der Räumungsbefehl gegeben. Vier Züge hatten Verwundete von der Front holen sollen, waren aber nicht mehr durchgekommen. Kurzerhand wurde mit ihnen Woldenberg evakuiert. Drei Züge gelangten nach Anklam, wie es geplant war [Ed: nee, der erste Zug ging nach Berlin, Stettiner Bahnhof, wie in meinem Fluchtbericht beschrieben]. Weil es aber Kampfhandlungen gab, wurde ein Zug nach Premnitz umgeleitet – und seine Insassen mussten dort aussteigen.

      Alles, was er kriegen konnte, hat Wolfgang Bornstädt über seine frühere Heimat gesammelt. Berichte, Fotos und Postkarten füllen zwei dicke Ordner. Er besitzt eine geschichtliche Schrift „700 Jahre Woldenberg“ von 1998, eine Chronik von 1895 und nicht zuletzt den Mitschnitt einer NDR-Sendung über Woldenberg und seine Vergangenheit. Er sagt, er fühle sich zu 80 Prozent als Premnitzer, zu 20 Prozent als Woldenberger und zu 100 Prozent als Brandenburger. „Woldenberg ist mein Geburtsort, den ich liebe“, blickt er zurück und ergänzt: „Was wir Heimatvertriebenen mitgemacht haben, kann nur verstehen, wer erlebt hat, was wir erlebt haben.“ Um an die historischen Ereignisse zu erinnern und auch um den Beitrag aller Flüchtlinge und Vertriebenen zum Gedeihen der Stadt Premnitz und ihres großen Werkes zu würdigen, soll eine Woldenberger Straße geschaffen werden.

      1967 ist Wolfgang Bornstädt zusammen mit seiner Frau, seiner Mutter, einem Bruder und einem Sohn erstmals wieder seit dem Kriegsende nach Dobiegniew/Woldenberg gefahren. Es war ihm endlich gelungen, die Einladung eines polnischen Bürgers zu bekommen, ohne die er sonst nie eine Ausreisebescheinigung [aus der DDR] bekommen hätte. Von da an reiste er so ziemlich jedes Jahr einmal in seine alte Heimat, die übrigens rein landschaftlich dem Havelland sehr ähnlich ist.

      Zusammen mit seiner Frau wird er sich in der nächsten Woche wieder einmal auf die Reise machen. Gebiets- und Eigentumsrückforderungen liegen Wolfgang Bornstädt vollständig fern. „Ich möchte einfach nur in meine Geburtsstadt fahren können, so wie ich nach Berlin oder Potsdam fahren kann“, stellt er fest. Und dieser Wunsch sei für ihn ja erfüllt, nachdem Polen 2004 in die EU aufgenommen worden ist. Wenn er seitdem über die Grenze fährt, muss er nicht einmal mehr seinen Ausweis vorzeigen.

Nachtrag – 30.6.2010 (khd). Es kam, wie es wohl kommen mußte: Diese Straßen-Umbenennung in Premnitz ist vom Tisch. Aus der Leninstraße wird nicht die Woldenberger Straße. Die Märkische Allgemeine berichtet gestern, daß die Antragsteller [Wählergemeinschaft Döberitz-Mögelin-Premnitz (DMP)] ihren Namensantrag in der Stadtverordnetenversammlung zurückgezogen haben. Da sich darum ein enormen Streit zwischen den Parteien anbahnte, habe ein Vertreter der Woldenberger die DMP-Fraktion darum gebeten, heißt es. [mehr]

[16.06.2010: Antrag mit schlechten Chancen]  (Märkische Allgmeine Zeitung)
[29.06.2010: Thema Lenin ist verschoben]  (Märkische Allgmeine Zeitung)
[07.07.2010: Woldenberger Platz wäre besser]  (Wolfgang Bornstädt)
[02.09.2010: Woldenberger Platz scheint gefunden]  (Märkische Allgmeine Zeitung)




Woldenberger Platz ist eingeweiht

Als erster Ort der Region erinnert Premnitz mit einem städtischen Namen an Flucht und Vertreibung

Gefunden in: Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam, 13. November 2010, Seite xx (Havelland). [Original]

PREMNITZ. „Da standen sie nun, unsere Mütter mit ihren zwei, drei, vier, fünf und sechs Kindern. Alles, was sie hatten, trugen sie am Körper.“ Wolfgang Bornstädt, der in der nächsten Woche 74 wird, war ein achtjähriger Junge, als er zusammen mit seiner Mutter und zwei kleineren Brüdern im Januar 1945 in Premnitz eintraf. Zusammen mit weiteren 450 Frauen und Kindern aus der Stadt Woldenberg hatte man sie nach einem Räumungsbefehl vor der heranrückenden Ostfront evakuiert. Damals lag Woldenberg in der Neumark und zählte zu Deutschland, heute gehört die Kleinstadt zur Republik Polen.

      Premnitz -- Woldenberger Platz 2010
^   Premnitz – Woldenberger Platz.
Am 12. November 2010 war es dann endlich soweit: Bürgermeister Wallenta und Wolfgang Bornstädt (2. von links) können das Straßenschild für den Woldenberger Platz enthüllen.
 (Foto: 12.11.2010 – d-m-o)

Auf dem Erläuterungschild ist zu lesen:
Woldenberg/Neumark heute Dobiegniew
(Republik Polen). 12–14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Angehörige verschiedener Staaten wurden im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Auch in Premnitz fanden viele Vertriebene eine neue Heimat. Vertreibungen von Menschen sind ein Unrecht, das bis heute in vielen Teilen der Welt geschieht.“
      Wolfgang Bornstädt hat in Premnitz etwas erreicht, das es noch in keiner Stadt oder Gemeinde des Westhavellandes gegeben hat: Im Stadtbild wird mit einer Ortsbezeichnung an Flucht und Vertreibung erinnert. Ein Zusatzschild gleich unter dem Namensschild erklärt kurz etwas über Woldenberg, heute Dobiegniew genannt, erinnert an die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und macht darauf aufmerksam, dass Flucht und Vertreibung ein Unrecht sind, das auch heute noch in vielen Teilen der Welt geschieht.

      Mehr als 3 Jahre hatte es gedauert, nachdem Wolfgang Bornstädt seinen Wunsch im August 2007 erstmals dem Bürgermeister vorgetragen hatte, bis dieser dann in Erfüllung ging. Einstimmig haben die Stadtverordneten auf ihrer Septembersitzung den Beschluss gefasst.

      Bürgermeister Roy Wallenta war freudig überrascht, als er sich gestern von unerwartet vielen Menschen umringt sah. Mehr als 80 Personen waren gekommen. Er erinnerte an die enorme Aufbauleistung, die die Premnitzer nach 1945 vollbracht hatten, und daran, dass es in der DDR nicht gewollt war, an Flucht und Vertreibung als Unrecht zu erinnern. Es gebe keine Zahlen, sagte Roy Wallenta, doch nach seinem gefühlten Erleben hätten bis zu 30 Prozent der Premnitzer einen persönlichen Hintergrund, der auf Flucht und Vertreibung zurück geht.

      Eine kurze Ansprache hielt Herbert Kapahnke, Vorsitzender des Gebietsverbandes Rathenow vom Bund der Vertriebenen. „Wir würden uns sehr freuen“, sagte er, „wenn ein so feierlicher und würdiger Anlass auch in anderen Orten als Erinnerung an das schwere Schicksal von Flucht und Vertreibung stattfinden würde.“ Es sprach auch Werner Bader aus Görne, der über 15 Jahre lang Vorsitzender der Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg war. Woldenberger waren auch Mitglieder in dieser Landsmannschaft. „Der ist in tiefster Seele treu“, zitierte Werner Bader den Dichter Theodor Fontane, „wer die Heimat liebt, wie Du.“

      Wolfgang Bornstädt erinnerte daran, dass die 450 Woldenberger die erste und größte Gruppe von Vertriebenen waren, die nach Premnitz kamen. Später seien Menschen aus allen östlichen und südöstlichen Teilen Deutschlands eingetroffen. Viele hätten in größter Armut in Baracken gewohnt. Diese hätten unter anderem auch dort gestanden, wo sich jetzt der Woldenberger Platz befindet.



Premnitz -- Woldenberger Platz 1      
^   Premnitz – Woldenberger Platz (Westansicht).   (Foto: 2012 – W.Bornstädt)
Premnitz -- Woldenberger Platz 2
^   Premnitz – Woldenberger Platz (Ostansicht).   (Foto: 2012 – W.Bornstädt)

Premnitz -- Woldenberger Platz 3      
^   Premnitz – Woldenberger Platz (Nordansicht).   (Foto: 2012 – W.Bornstädt)
Premnitz -- Woldenberger Platz 4
^   Premnitz – Woldenberger Platz (Südtansicht).   (Foto: 2012 – W.Bornstädt)



Woldenberg — Ein Gespräch mit Wolfgang Bornstädt



„Hier waren wir nur die Flüchtlinge“

Ein Gespräch mit Wolfgang Bornstädt 5, durch den Premnitz einen Woldenberger Platz erhielt.

Gefunden in: Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ), Potsdam, 16. November 2010, Seite xx (Lokales). [Original]

Premnitz ist der erste Ort im Westhavelland, in dem ein städtischer Name an Flucht und Vertreibung erinnert. Am Freitag [12.11.2010] wurde dort der Woldenberger Platz eingeweiht. Dass es zu dieser Namensgabe kam, ist dem Premnitzer Wolfgang Bornstädt (73 Jahre) zu verdanken. Mit ihm sprach Bernd Geske.

MAZ: Herr Bornstädt, unerwartet viele Menschen kamen zur Platzeinweihung am Freitag. Es waren um die 80. Hatten sie das erwartet?

Wolfgang Bornstädt: Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Die meisten Anwesenden waren damals Kinder, die 1945 und 1946 als Vertriebene mit ihren Müttern nach Premnitz kamen.

MAZ: Ist Ihnen bewusst, dass hier erstmals im Westhavelland mit einem städtischen Namen an Flucht und Vertreibung erinnert wird?

Bornstädt: Selbstverständlich. Ich weiß aber von Woldenbergern und anderen Vertriebenen, die in den alten Bundesländern wohnen, dass dort fast überall mit Ortsbezeichnungen an das Schicksal der Heimatvertriebenen erinnert wird. Das war für mich der Anlass, so etwas auch in Premnitz zu versuchen.

      Wolfgang Bornstädt (Jg. 1936)
^   Wolfgang Bornstädt (geb. 1936 in Woldenberg) ist nicht nur Woldenberg-Fan sondern auch ein Fan alter Motorräder, wie das „eJournal 360-Grad“ der Premnitzer WBG 2009 berichtete.  (Repro: 2010 – khd)
MAZ: Und was war der eigentliche Grund?

Bornstädt: Es hat mich schon immer gestört, dass dem Thema Flucht und Vertreibung in der Öffentlichkeit zu wenig Platz eingeräumt wird.

MAZ: Würden Sie es gut finden, wenn auch in anderen Orten der Region solche Namen vergeben werden?

Bornstädt: Auf alle Fälle. Es muss aber auch der entsprechende historische Hintergrund da sein. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht einfach ist, so etwas durchzusetzen. Über die Vergangenheit ist oft ein ganz falsches Bild entstanden.

MAZ: Wie meinen Sie das?

Bornstädt: Zum Beispiel hat die Neumark, in der Woldenberg lag, seit 1250 zur Mark Brandenburg gehört. Das sind Dinge, die den Menschen heute oft nicht mehr bewusst sind. So etwas zu vermitteln ist mir eine Herzenssache.

MAZ: Immerhin hat es auch drei Jahre gedauert, bis in Premnitz Ihr Anliegen verwirklicht wurde . . .

Bornstädt: Bereits im August 2007 hatte ich meinen Wunsch der Verwaltung übergeben, eine Woldenberger Straße oder einen Woldenberger Platz zu benennen.

MAZ: Wenn die Wählergemeinschaft Döberitz-Mögelin-Premnitz nicht eine entsprechende Beschlussvorlage eingebracht hätte, wäre es vielleicht heute noch nicht so weit.

Bornstädt: Es ist nicht so richtig in Gang gekommen, aber ich bin dran geblieben.

MAZ: Als Sie damals mit Ihrer Mutter und den beiden jüngeren Brüdern in Premnitz ankamen — so sehr gerne waren Vertriebene und Flüchtlinge eigentlich nicht gesehen.

Bornstädt: Zuerst sollten wir in der Villa des Werksdirektors Zetsche untergebracht werden. Doch als wir dort hinkamen, rief Frau Zetsche schon aus dem Fenster: „Hier kommen keine Flüchtlinge rein!“ Wir haben dann ein anderes Quartier bekommen. Es gab eben Menschen, die uns nicht haben wollten. Ich muss aber auch ganz klar sagen: Es gab genauso viele Familien, die uns geholfen haben.

MAZ: Was ist eigentlich aus Ihrem Vater geworden?

Bornstädt: Er hat uns am 27. Januar 1945 zum Bahnhof [in Woldenberg] gebracht, und danach haben wir ihn nie wieder gesehen. Die Männer mussten damals in Woldenberg bleiben. Er musste zum Volkssturm und ist ums Leben gekommen. Wie wir Jahre später erfahren haben, soll er durch Misshandlungen zu Tode gekommen sein. Es gibt aber darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen mehr.

MAZ: Haben Sie heute Kontakt nach Woldenberg?

Bornstädt: Mittlerweile sehr viele. Nach 1945 war es uns [in der DDR] zunächst verboten, nach Polen zu reisen. Im Juni 1967, nachdem ich meinen ersten Pkw, einen Saporoshez, gekauft hatte, sind wir das erste Mal wieder nach Woldenberg, nunmehr Dobiegniew, gefahren.

MAZ: Da war es dann erlaubt?

Bornstädt: Man musste eine Einladung aus Polen haben, um dorthin reisen zu können. Zufällig hatten Nachbarn einige Zeit vorher Besuch aus Polen gehabt. Einen Mann habe ich darum gebeten, mich einzuladen. Das hat er dann gemacht, ohne dass er das Ziel hatte, dass ich auch wirklich zu ihm komme.

MAZ: Haben Sie dort noch Menschen getroffen, die Sie von früher kannten?

Bornstädt: Ich habe nach und nach drei deutsche Frauen kennen gelernt, die dort geblieben sind und polnische Männer geheiratet hatten.

MAZ: Haben Sie Ihr einstiges Wohnhaus gefunden? Steht es überhaupt noch?

Bornstädt: Ja, es steht heute noch. In der Eisenbahn-Straße 5 haben wir gewohnt.

MAZ: Wie oft sind Sie seit 1967 nach Dobiegniew gefahren?

Bornstädt: Wir sind von da an fast jedes Jahr nach Polen gefahren. Einmal waren wir sogar 17 Leute!

MAZ: Warum fahren Sie so oft dorthin?

Bornstädt: Das ist ganz schwer zu erklären. Hier in Premnitz waren wir die Flüchtlinge. Wir sahen ja auch schlimm aus, hatten Krankheiten, waren heruntergekommen und unterernährt. Ich kann mich bis heute noch gut daran erinnern, was damals ein Lehrer in der Schule zu meinem kleinen Bruder sagte: „Dann wollen wir mal sehen, was der Flüchtlingsbengel weiß.“

MAZ: Fahren Sie wegen der schönen Erinnerungen?

Bornstädt: Ich liebe diese Landschaft. Woldenberg liegt an drei großen Seen. Es gibt dort Wälder mit kleinen Hügeln. Wissen Sie, die Woldenberger, die im Westen Deutschlands leben, haben diese Verbindungen immer gepflegt. Jedes Jahr, wenn wir nach Woldenberg kommen, sind immer auch andere Woldenberger da.

MAZ: Was sagt Ihre Familie zu diesen ständigen Reisen nach Polen und den immer präsenten Erinnerungen an die verlorene Heimat?

Bornstädt: Meine Frau, die aus Milow ist, hat mich immer unterstützt. Auch meine drei Kinder sowie 10 Enkel und Urenkel haben eine Beziehung zu dieser Vergangenheit.

MAZ: Waren Sie dieses Jahr schon in Dobiegniew?

Bornstädt: Ja, Ende Juni eine Woche. Der erste Teil meiner Kindheit dort war sehr schön. Und dann musste ich von einem Tag auf den anderen erwachsen werden.



Anmerkungen des Editors:    

1) ^  Wolfgang Bornstädt ist leider nicht per E-Mail erreichbar. Sucht man aber bei Google mit den Suchbegriffen „"Wolfgang Bornstädt"“ (unbedingt die " vor und nach dem Namen verwenden!) und „Premnitz“, dann wird man seine Anschrift und auch die Telefon-Nummer herausfinden.

2) ^  Übrigens, auch im großen, weltoffenen Berlin gibt es heute (2010) keine „Woldenberger Straße“ mehr, auch wenn sehr viele Woldenberger 1945 in Berlin ihre neue Heimat fanden. Aber zumindest bis 1956/57 gab es in NO 55 in der Nähe der Greifswalder und Danziger Straße eine „Woldenberger Straße“. Diese wurde noch zu DDR-Zeiten in „Bonhoeffer-Straße“ umbenannt, und dabei blieb es bis heute. Sollte damit der Widerstandskämpfer geehrt werden, dann hätte dieser durchaus eine prominentere Straßenlage verdient. Immerhin gibt es dort in Prenzlauer Berg auch heute noch den „Arnswalder Platz“.

3) ^  Einige Hinweise (Links), die in diesem Zusammenhang interessieren könnten: 4) ^  Eigentlich war von den Nazis der Kreis Anklam in Vorpommern als Aufnahmegebiet für die Woldenberger Flüchtlinge vorgesehen. Aber der erste Fluchtzug aus Woldenberg gelangte dort nicht hin. Er wurde nach Berlin (Stettiner Bahnhof) umgeleitet, wie in meiner Flucht-Report beschrieben. Warum das geschah, ist (mir) bis heute unklar geblieben. Am nächsten Tag (28.1.1945) wurden die meisten Flüchtlinge mit einem neuen Zug von Berlin nach Premnitz gebracht, wo sie am Nachmittag eintrafen.

5) ^  In einem gut 90-minütigen Telefonat mit Wolfgang Bornstädt, das ich (Editor dieser Woldenberg/Dobiegniew-Seiten) am 19. November 2010 mit ihm führte, erfuhr ich weitere Einzelheiten seiner Erinnerungen an Woldenberg und Dobiegniew. Diese fanden Eingang an verschiedenen Stellen dieser Internet-Präsentation – angefangen bei den Woldenberger Lehrern, übers Dobiegniew-Panorama bis hin zur Beantwortung einiger noch offen gebliebener Fragen.

6) ^  Gesammelt hat Herr Bornstädt auch zahlreiche Fluchtberichte, die vermutlich in den 1950er-Jahren von nun in der DDR lebenden ‚Neumärkern‘ zu Papier gebracht wurden. Diese rund 250 Berichte sind bislang nicht veröffentlicht worden. Zu DDR-Zeiten (also bis 1990) war sowieso alles im Zusammenhang mit „Flucht und Vertreibung“ ein großes Tabu-Thema. So auch solche Fluchtberichte, zumal darin meist auch Kriegsverbrechen der Rotarmisten beschrieben sind. Es wird einmal Aufgabe von Historikern sein, auch dieses Material zu sichten und zu bewerten.

7) ^  Für sein Engagement, die Erinnerung an die aus Woldenberg Vetriebenen wachzuhalten, ist Wolfgang Bornstädt Anfang Oktober 2011 vom Bund der Vertriebenen (BdV) die silberne Ehrennadel verliehen worden.




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