Premnitz ist der erste Ort im Westhavelland, in dem ein städtischer Name an Flucht und Vertreibung
erinnert. Am Freitag [12.11.2010] wurde dort der Woldenberger Platz eingeweiht. Dass es zu dieser
Namensgabe kam, ist dem Premnitzer Wolfgang Bornstädt (73 Jahre) zu verdanken. Mit ihm sprach Bernd
Geske.
MAZ: Herr Bornstädt, unerwartet viele Menschen kamen zur Platzeinweihung am Freitag. Es
waren um die 80. Hatten sie das erwartet?
Wolfgang Bornstädt: Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Die meisten Anwesenden waren
damals Kinder, die 1945 und 1946 als Vertriebene mit ihren Müttern nach Premnitz kamen.
MAZ: Ist Ihnen bewusst, dass hier erstmals im Westhavelland mit einem städtischen Namen an
Flucht und Vertreibung erinnert wird?
Bornstädt: Selbstverständlich. Ich weiß aber von Woldenbergern und anderen
Vertriebenen, die in den alten Bundesländern wohnen, dass dort fast überall mit
Ortsbezeichnungen an das Schicksal der Heimatvertriebenen erinnert wird. Das war für mich der
Anlass, so etwas auch in Premnitz zu versuchen.
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Wolfgang Bornstädt (geb. 1936 in Woldenberg) ist nicht nur Woldenberg-Fan sondern auch ein
Fan alter Motorräder, wie das eJournal 360-Grad der Premnitzer WBG
2009 berichtete.
(Repro: 2010 khd)
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MAZ: Und was war der eigentliche Grund?
Bornstädt: Es hat mich schon immer gestört, dass dem Thema Flucht und Vertreibung in der
Öffentlichkeit zu wenig Platz eingeräumt wird.
MAZ: Würden Sie es gut finden, wenn auch in anderen Orten der Region solche Namen vergeben
werden?
Bornstädt: Auf alle Fälle. Es muss aber auch der entsprechende historische Hintergrund
da sein. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht einfach ist, so etwas durchzusetzen.
Über die Vergangenheit ist oft ein ganz falsches Bild entstanden.
MAZ: Wie meinen Sie das?
Bornstädt: Zum Beispiel hat die Neumark, in der Woldenberg lag, seit 1250 zur Mark
Brandenburg gehört. Das sind Dinge, die den Menschen heute oft nicht mehr bewusst sind. So etwas zu
vermitteln ist mir eine Herzenssache.
MAZ: Immerhin hat es auch drei Jahre gedauert, bis in Premnitz Ihr Anliegen verwirklicht wurde
. . .
Bornstädt: Bereits im August 2007 hatte ich meinen Wunsch der Verwaltung übergeben, eine
Woldenberger Straße oder einen Woldenberger Platz zu benennen.
MAZ: Wenn die Wählergemeinschaft Döberitz-Mögelin-Premnitz nicht eine
entsprechende Beschlussvorlage eingebracht hätte, wäre es vielleicht heute noch nicht so
weit.
Bornstädt: Es ist nicht so richtig in Gang gekommen, aber ich bin dran geblieben.
MAZ: Als Sie damals mit Ihrer Mutter und den beiden jüngeren Brüdern in Premnitz
ankamen so sehr gerne waren Vertriebene und Flüchtlinge eigentlich nicht gesehen.
Bornstädt: Zuerst sollten wir in der Villa des Werksdirektors Zetsche untergebracht werden.
Doch als wir dort hinkamen, rief Frau Zetsche schon aus dem Fenster: Hier kommen keine
Flüchtlinge rein! Wir haben dann ein anderes Quartier bekommen. Es gab eben Menschen, die uns
nicht haben wollten. Ich muss aber auch ganz klar sagen: Es gab genauso viele Familien, die uns geholfen
haben.
MAZ: Was ist eigentlich aus Ihrem Vater geworden?
Bornstädt: Er hat uns am 27. Januar 1945 zum Bahnhof [in Woldenberg] gebracht, und danach
haben wir ihn nie wieder gesehen. Die Männer mussten damals in Woldenberg bleiben. Er musste zum
Volkssturm und ist ums Leben gekommen. Wie wir Jahre später erfahren haben, soll er durch
Misshandlungen zu Tode gekommen sein. Es gibt aber darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen
mehr.
MAZ: Haben Sie heute Kontakt nach Woldenberg?
Bornstädt: Mittlerweile sehr viele. Nach 1945 war es uns [in der DDR] zunächst verboten,
nach Polen zu reisen. Im Juni 1967, nachdem ich meinen ersten Pkw, einen Saporoshez, gekauft hatte, sind
wir das erste Mal wieder nach Woldenberg, nunmehr Dobiegniew, gefahren.
MAZ: Da war es dann erlaubt?
Bornstädt: Man musste eine Einladung aus Polen haben, um dorthin reisen zu können.
Zufällig hatten Nachbarn einige Zeit vorher Besuch aus Polen gehabt. Einen Mann habe ich darum
gebeten, mich einzuladen. Das hat er dann gemacht, ohne dass er das Ziel hatte, dass ich auch wirklich zu
ihm komme.
MAZ: Haben Sie dort noch Menschen getroffen, die Sie von früher kannten?
Bornstädt: Ich habe nach und nach drei deutsche Frauen kennen gelernt, die dort geblieben
sind und polnische Männer geheiratet hatten.
MAZ: Haben Sie Ihr einstiges Wohnhaus gefunden? Steht es überhaupt noch?
Bornstädt: Ja, es steht heute noch. In der Eisenbahn-Straße 5 haben wir gewohnt.
MAZ: Wie oft sind Sie seit 1967 nach Dobiegniew gefahren?
Bornstädt: Wir sind von da an fast jedes Jahr nach Polen gefahren. Einmal waren wir sogar 17
Leute!
MAZ: Warum fahren Sie so oft dorthin?
Bornstädt: Das ist ganz schwer zu erklären. Hier in Premnitz waren wir die
Flüchtlinge. Wir sahen ja auch schlimm aus, hatten Krankheiten, waren heruntergekommen und
unterernährt. Ich kann mich bis heute noch gut daran erinnern, was damals ein Lehrer in der Schule
zu meinem kleinen Bruder sagte: Dann wollen wir mal sehen, was der Flüchtlingsbengel
weiß.
MAZ: Fahren Sie wegen der schönen Erinnerungen?
Bornstädt: Ich liebe diese Landschaft. Woldenberg liegt an drei großen Seen. Es gibt
dort Wälder mit kleinen Hügeln. Wissen Sie, die Woldenberger, die im Westen Deutschlands leben,
haben diese Verbindungen immer gepflegt. Jedes Jahr, wenn wir nach Woldenberg kommen, sind immer auch
andere Woldenberger da.
MAZ: Was sagt Ihre Familie zu diesen ständigen Reisen nach Polen und den immer
präsenten Erinnerungen an die verlorene Heimat?
Bornstädt: Meine Frau, die aus Milow ist, hat mich immer unterstützt. Auch meine drei
Kinder sowie 10 Enkel und Urenkel haben eine Beziehung zu dieser Vergangenheit.
MAZ: Waren Sie dieses Jahr schon in Dobiegniew?
Bornstädt: Ja, Ende Juni eine Woche. Der erste Teil meiner Kindheit dort war sehr schön.
Und dann musste ich von einem Tag auf den anderen erwachsen werden.