Gefunden in:
Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam,
22. Juni 2010, Seite xx (Lokales) von BERND GESKE.
[
Original]
PREMNITZ. Als achtjähriger Junge kam er mit seiner Mutter, zwei kleinen Brüdern und rund
450 weiteren Woldenbergern am 28. Januar 1945 mit dem Zug in Premnitz [Ed: liegt südlich von
Rathenow an der Havel] an. Heute ist Wolfgang Bornstädt 73 Jahre und hat nicht vergessen, woher er
einstmals kam. Er ist der Mann, der die Debatte in Gang gebracht hat, die die Stadt
Premnitz heute beschäftigt. Soll die
Leninstraße am Dachsberg in Woldenberger Straße umbenannt werden? So lautet die Frage, die
übermorgen von den Stadtverordneten entschieden werden soll.
Den entsprechenden Antrag hat die Wählergemeinschaft Döberitz-Mögelin-Premnitz
gestellt, die CDU und Bürgermeister Roy Wallenta haben Zustimmung signalisiert. Doch da sich Linke
und SPD bisher eher gegenteilig aussprachen, sieht es so aus, als wenn es für die Umbenennung der
Leninstraße keine Mehrheit geben wird.
Es ist nie der Wunsch von Wolfgang Bornstädt gewesen, die Leninstraße zur Woldenberger
Straße zu machen. Ihm hätte es am besten gefallen, den noch immer namenlosen Platz vor dem
neuen Rathaus so zu benennen. Aber dieser Platz vor dem Rathaus liegt vielen wohl zu zentral,
sagt er heute und räumt ein, er würde auch mit einem weniger repräsentativ liegenden Ort
einverstanden sein. Der Streit um die Leninstraße ist ihm sehr unangenehm. Wolfgang Bornstädt
sagt: Die Würde der Betroffenen geht auf diese Weise total verloren.
Woldenberg lag in der Neumark, die seinerzeit
ein Teil der Mark Brandenburg war und hatte rund 5500 Einwohner. Seit dem Kriegsende heißt die
Stadt Dobiegniew, gehört zur Republik Polen
und hat heute ungefähr 3000 Einwohner. Als die Ostfront näher rückte, wurde in Woldenberg
um 0 Uhr am 27. Januar 1945 der Räumungsbefehl gegeben. Vier Züge hatten Verwundete von der
Front holen sollen, waren aber nicht mehr durchgekommen. Kurzerhand wurde mit ihnen Woldenberg evakuiert.
Drei Züge gelangten nach Anklam, wie es geplant war [Ed: nee, der erste Zug ging nach Berlin,
Stettiner Bahnhof, wie in meinem
Fluchtbericht beschrieben]. Weil es aber Kampfhandlungen gab, wurde ein Zug nach Premnitz umgeleitet
und seine Insassen mussten dort aussteigen.
Alles, was er kriegen konnte, hat Wolfgang Bornstädt über seine frühere Heimat gesammelt.
Berichte, Fotos und Postkarten füllen zwei dicke Ordner. Er besitzt eine geschichtliche Schrift
700 Jahre Woldenberg von 1998, eine Chronik von 1895 und nicht zuletzt den Mitschnitt einer
NDR-Sendung über Woldenberg und seine Vergangenheit. Er sagt, er fühle sich zu 80 Prozent als
Premnitzer, zu 20 Prozent als Woldenberger und zu 100 Prozent als Brandenburger. Woldenberg ist
mein Geburtsort, den ich liebe, blickt er zurück und ergänzt: Was wir
Heimatvertriebenen mitgemacht haben, kann nur verstehen, wer erlebt hat, was wir erlebt haben. Um
an die historischen Ereignisse zu erinnern und auch um den Beitrag aller Flüchtlinge und
Vertriebenen zum Gedeihen der Stadt Premnitz und ihres großen Werkes zu würdigen, soll eine
Woldenberger Straße geschaffen werden.
1967 ist Wolfgang Bornstädt zusammen mit seiner Frau, seiner Mutter, einem Bruder und einem Sohn
erstmals wieder seit dem Kriegsende nach Dobiegniew/Woldenberg gefahren. Es war ihm endlich gelungen, die
Einladung eines polnischen Bürgers zu bekommen, ohne die er sonst nie eine Ausreisebescheinigung
[aus der DDR] bekommen hätte. Von da an reiste er so ziemlich jedes Jahr einmal in seine alte
Heimat, die übrigens rein landschaftlich dem Havelland sehr ähnlich ist.
Zusammen mit seiner Frau wird er sich in der nächsten Woche wieder einmal auf die Reise machen.
Gebiets- und Eigentumsrückforderungen liegen Wolfgang Bornstädt vollständig fern.
Ich möchte einfach nur in meine Geburtsstadt fahren können, so wie ich nach Berlin oder
Potsdam fahren kann, stellt er fest. Und dieser Wunsch sei für ihn ja erfüllt, nachdem
Polen 2004 in die EU aufgenommen worden ist. Wenn er seitdem über die Grenze fährt, muss er
nicht einmal mehr seinen Ausweis vorzeigen.
Nachtrag 30.6.2010 (khd). Es kam, wie es wohl kommen mußte: Diese
Straßen-Umbenennung in Premnitz ist vom Tisch. Aus der Leninstraße wird nicht die
Woldenberger Straße. Die
Märkische Allgemeine
berichtet gestern, daß die Antragsteller [Wählergemeinschaft
Döberitz-Mögelin-Premnitz (DMP)] ihren Namensantrag in der Stadtverordnetenversammlung
zurückgezogen haben. Da sich darum ein enormen Streit zwischen den Parteien anbahnte, habe ein
Vertreter der Woldenberger die DMP-Fraktion darum gebeten, heißt es.
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