Woldenberg (Neumark)   —  Aufzeichnungen von Ernst Prochnow II khd
Stand:  28.8.2011   (102. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Ernst_Joh_Prochnow_II_.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopsädie.
 
In diesem 2. Teil wird über die dramatische Vetreibung aus Woldenberg im Jahr 1945 durch die Polen berichtet. Wir verdanken das den Tagebuch-Aufzeichnungen von Ernst Johann Prochnow (geb. 1887), dem das Hotel „Prinz von Preußen“ in der der Woldenberger Richtstraße 47 gehörte. [Zum Teil I]

Seine Aufzeichnungen sind im Archiv der Stiftung Haus Brandenburg überliefert. Sie wurden erstmals Ende Januar 2011 im Rahmen des Projekt „Zeitstimmen aus Brandenburg“ einem größeren Publikum präsentiert. Leider sind sie dort nur in Häppchen verteilt verfügbar, was das Lesen und Verstehen doch sehr erschwert, zumal auch noch die Links zum Weiterlesen oft nicht einwandfrei funktionieren und Fehler in der Reihenfolge vorliegen.

   
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In dem Text wurden hier einige Erläuterungen und Anmerkungen [Ed: ...] sowie Links und zu den Abbildungen ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. Mit * sind belegende bzw. weiterführende Links angegeben. Die Stellen mit [?] waren bereits für die Ersttranscriber unlesbar oder unklar. (xxx = das folgt demnächst). [Translation-Service]

1945 — Per Fuß von Nun-Polen nach Deutschland


 Vertreibung aus Woldenberg 1945 1

ZWEITER TEIL DER TAGEBUCH-AUFZEICHNUNGEN
VON

  ERNST J. PROCHNOW 2
(* 26.6.1887)

  Mit 6 Abbildungen und Links 3
[Zum Teil I]

I n h a l t :  


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter: http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Ernst_Joh_Prochnow_II_.html





1. Juli 1945 — Sonntag

      Am Sonntag früh, den 1. Juli 1945, werden die Handwerker im Amtsgericht [Ed: in der Bahnhofstraße] festgesetzt. E. Gericke [Stellmacher], H. Kranich [Brunnenbauer], K. Kruschel [Fischer], O. Hohmuth [?], B. Wender [?], Schaede [Tischler], Spielvogel [Maler] und andere. Damit wird unsere Abreise gewiß. Nachricht haben wir noch keine. Alles packt aber die Wagen fertig. Mittagessen! Mittagsruhe!

      Um 14 Uhr heißt es mit einmal, es soll losgehen. Wenige Minuten später stürzen auch schon 4 Polen schwer bewaffnet durch den Garten: Was macht ihr denn noch hier, ihr deutschen Schweine. Wir laufen an unsere Wagen, werden aber erst noch durchsucht, Messer usw. abgenommen. Ins Haus, wo Frau Pauli Brot liegen hat, dürfen wir nicht mehr.

      Also ab zum Marktplatz. Ahnungsvoll haben Herta und ich vormittags einen Abschiedsrundgang durch Kirche, Friedhof und Stadt gemacht. Auf dem Markt sammelten sich etwa 200 Handwagen und 400 Personen. Einige wurden hier schon etwas geplündert. Etwa um 15 Uhr geht es in einem traurigen Zuge die Kirchstraße hoch raus aus der Heimat. In der Kirchstraße wurde noch unser Hund fortgenommen.

      Kastanienplatz kurzer Halt. Es kommen erst Russenkolonnen durch. Dann weiter durch das arg verwüstete Gehege. Lauchstädt ist schon Freitag geräumt [Ed: und Bayers Hof war wohl schon am Mittwoch (27. Juni) dran]. So rollt der etwa 2 km lange Zug bis Lichtenow. Begleitet von polnischen Soldaten. Gutshof erstes Nachtlager. Wagen in die Scheunen und Ställe gebracht. Alles fängt an, auf primitiven Biwakfeuern Abendbrot zu kochen. Bei uns gibt es Griesbrei mit Syrup und Tee. Dann aufs Nachtlager, etwa 60 Pers[onen] im Schafstall, große Fliegenplage. [Der Weg des Trecks bis zur Oder]

Weg des Woldenberger Handwagen-Trecks der Ausgewiesenen zur Oder im Juli 1945      
^   Der 140 km lange Weg des Handwagen-Trecks von Woldenberg bis zur Oder, den Anfang Juli 1945 die von den Polen ausgewiesenen 500 bis 600 Woldenberger, Mehrenthiner und Wolgaster zurücklegen mußten. In anstrengenden 7 Tagesmärschen wurde damals die Oder bei Fiddichow/Pm erreicht, wo es über eine Ponton-Behelfsbrücke rüber in die sowjetische Besatzungszone des Nachkriegs-Deutschlands ging. Von dort an mußte jeder selbst sehen, wo er blieb. Es gab keinerlei Fürsorge. [Liste aller Orte] [Vertreibung von Bayers Hof]

In den mit blauen Punkten markierten Orten wurde jeweils übernachtet. Durch Klicken auf die Grafik wird in einem zweiten Fenster die Basis-Karte in starker Vergrößerung angezeigt (2,4 MByte, ohne Wegmarkierung), so daß man sich im einzelnen orientieren kann.   (Grafik: 5.2011 – khd-research)

[Editor-2011: Am 1. Juli 1945 rückten US-Truppen in Berlin ein und übernahmen den ihnen im Südwesten der Stadt zugedachten Besatzungssektor. Einige Tage später kamen dann auch britische Truppen nach Berlin und besetzten die westlichen Bezirke. Die Franzosen rückten erst am 12. August ein und übernahmen die Bezirke im Nordwesten von Berlin. Die Sowjets behielten den gesamten Ostteil der Stadt, womit die Viersektoren-Stadt real wurde].

2. Juli 1945 — Montag

      2. VII. Um 4 Uhr auf und den Wagen der Schwestern in Ordnung gemacht. Kaffee kochen und um 7 Uhr geht der traurige Zug weiter. Grapow, Wolgast, Gramsfelde ist noch zugekommen. Die polnische Begleitung ist noch sehr ordentlich und rücksichtsvoll. Durch das auch reichlich zerschossene Friedeberg. Die langen Berge bei Herrengrund und Zanzthal machen uns allen viel Pein und wir sind froh, daß in Stolzenberg Halt gemacht wird.

      Jeder rennt nun erst nach Quartier. Wir sind noch zusammen in einer Scheune mit schlechter Auffahrt. Wagen werden geschmiert. Herta hat in einem Haus für uns beide Abendbrot gekocht. Die letzte Zigarre wird verraucht. Ich sitze vor der Scheune und habe 1 Stunde Unterhaltung mit einem jungen polnischen Offizier und bekomme die ersten Nachrichten über die politische Lage, recht trostlos!

3. Juli 1945 — Dienstag

      3. VII. 7 Uhr wieder Abmarsch. Kein Mensch weiß, wohin. Vor Landsberg sehen wir viele 1000 Kriegsgefangene im Lager. Landsberg wird passiert. In den Geschäften sitzen schon teilweise Polen. Dann kommt der 2 km lange Berg rauf nach Beyersdorf. Schlechtes Pflaster und Hitze. Große Kol[onne] Russen mit 100ten von Kühen und Pferden begegnen uns.

      Kurz vor Beyersdorf hat Frau Lisa Scheuer (Stadtziegelei Woldenberg) Radbruch an ihrem Wagen und scheidet aus. Schade, sie hat sich tapfer gehalten mit ihren 2 Kindern. Da auch der größte Teil der Menschen erschöpft ist, wird in Beyersdorf Halt gemacht. Die sonderbarsten Quartiere sucht sich jeder. Koll[ege] Pauli und wir kommen in den Kalkschuppen auf einem großen Holzplatz. Stroh wird besorgt zum Lager. Kartoffeln und Holz rangeschafft. Frauen kochen Mittag. Jede Familie ihren Topf!

      Kartoffeln und Karotten gibt es bei uns. Mittagsruhe und zum Hamstern und Tauschen ins Dorf. Man ist froh, wenn man ein bißchen Milch bekommt. Frida bekommt für Grütze ein herrliches Stück Speck von Warthegauleuten, die neben uns liegen. Zum Glück haben wir bisher gut Wetter für unsere „Kraft durch Freude“-Fahrt. Wohin?

4. Juli 1945 — Mittwoch

      4. VII. 6 Uhr Abmarsch. Marwitz — Lichtefleck — Schöneberg, 10 km vor Soldin. In flottem Tempo haben wir 20 km geschafft und im Dorf wird Halt gemacht. Auf den zum Teil sehr schlechten Straßen konnte man in den Kurven mal den ganzen Zug sehen (2–3 km lang).

      Bei einer größeren Tagesrast, alles legt sich dabei meist zu kurzem Schlaf in den Straßengraben, suchen sich die polnischen Posten Schuhzeug! Herr Hamann wird seine guten Jagdschuhe los. Meine von Franzosen geschenkten Nagelschnürschuhe sind ihnen zu klein. In Schöneberg Quartiersuche. Wir kommen auf einen sehr sauberen Hof, dessen Besitzer scheinbar gestern abgezogen sind. In dem hellen sauberen Kuhstall machen wir Schlafsaal. Mittag kochen usw.

5. Juli 1945 — Donnerstag

      5. VII. Wegen schweren Regens verzögert sich der Abmarsch auf 8 Uhr. Dann geht es los. 11 km furchtbares Pflaster, viele Wagen gehen kaputt, bis Rufen, wo schlechtes Quartier gemacht wird. Mittag kochen, Wagen schmieren usw.

6. Juli 1945 — Freitag

      6. VII. 7 Uhr Abmarsch. Durch Soldin. Überall haben die Polen schon Besitz ergriffen. Die Ortschaften sind aber auch meist mit russischen Soldaten besetzt und die Freundschaft Russen — Polen ist nicht!!! Vor Neuendorf wird uns zunächst der Durchmarsch verweigert. Angeblich weil die Russen einen Polen-Treck in uns vermuteten!

      Wir sollten zur Dorfumgehung über einen vom Regen aufgeweichten Kleeberg und Kartoffelacker ziehen. Die fürchterlichste Strecke unseres ganzen Weges. Da aber trotz gegenseitiger Hilfeleistung das meiste schon im fußtiefen Lehm steckenblieb, konnten wir dann doch durchs Dorf ziehen.

      Wir kommen durch die wunderschöne Ortschaft Bahn. Hier sieht man viele Spuren schwerer Kämpfe. 4 russische Panzer liegen am Dorfeingang. Gegen 1/2 16 Uhr erreichen wir Liebenow. Zum Teil von Polen besetzt und mit russischem Militär belegt. Schwer und schlecht[es] Quartier.

      Zum Glück bessert sich das Wetter und es gibt noch mal eine schöne Familienmittagstafel! 2 Feuerstellen hat E. J. P. gemacht und Holz besorgt, bevor die anderen anfangen. Gemüse + Kartoffeln von Stalin, dazu Kotelette von Frau Hammermeister. Woldenberg Abbau! Dafür bekam Frau H[ammermeister] unsere Feuerstelle und ihren Wagen geschmiert. Leider werden von Zivilpolen die Wagen durchwühlt und leichter gemacht. Morgen sollen wir nun an die Oder kommen.

7. Juli 1945 — Sonnabend

      7. VII. 6 Uhr Abmarsch. Alles eilt, weil jeder denkt: Heut geht es raus aus Polen. Auf der Landstraße werden wir in der ersten Pause erst mal von unserer Bewachung geplündert. Später soll der Treck einen Landweg ziehen und von Zivilpolen geplündert werden. Die Spitze, meist Mehrenthiner, ist in ihrer Eile auch schon drauf reingefallen. Dank Fräulein Baske aus Woldenberg, die den Weg kennt, wird der Zug vor dem Schicksal bewahrt. Sie ruft vorbeifahrende Russen an, und russische Soldaten helfen uns vor unserer Bewachung!

      Gegen Mittag endlich durch Fiddichow und runter zur Oder. Alles atmet Freiheit, aber leider geht es noch nicht über die Brücke, sondern in ein Lager hinter Draht unter freiem Himmel. Es wird erstmal abgekocht und die meisten schlafen bei ihren Wagen. Unsere Polenwache ist abgelöst und die neuen Polen plündern langsam weiter. Einige junge Männer werden von Russen rausgesucht, verhört und zur Arbeit festgehalten.

8. Juli 1945 — Sonntag

      8. VII., Sonntag. Bange Fragen: Was nun? Endlich um 9 Uhr soll es losgehen über die Oder. Am Lagerausgang erst noch gründliche Revision unserer Wagen und Sachen. Mein schönes Oberhemd und letzte Jackett mit Papieren und Geld werde ich los. Dann raus und auf der Schwimmbrücke über die Oder, einen etwas über 8 km langen, fürchterlich zerfahrenen und zum Teil aufgeweichten Knüppeldamm entlang. Die Polen sind verschwunden und an schwierigen Wegstellen helfen häufig Russen die Wagen schieben.

      Es geht zum nächsten völlig zerschossenen Ort — Friedrichsthal [Ed: das westlich der Oder in der von den Sowjets besetzten Zone liegt]. Alles ist erschöpft und macht Rast und schläft im Freien. Wir liegen, 10 Frauen und ich, in einer alten Garage mit halbem Dach. Auf dem Kirchhof ist die einzige brauchbare Pumpe, wo sich fast alles wäscht. Verschiedene Trecks sind nun schon durcheinandergekommen und es gibt Verwirrung. Einige wollen auch hier erst einen Tag rasten usw. Baatz, auch ich, übernehmen die Führung bis Schwedt.


1945 — Die Flüchtlings-Odyssee durch Deutschland beginnt

9. Juli 1945 — Montag

      9. VII. Um 7 Uhr Abmarsch. Weg und Wetter prima. Russen treiben wieder viel Kühe an uns vorüber. Vor Schwedt wird Halt gemacht, weil der Zug nicht in die Stadt darf. Von einem aufgestellten Stadtbeamten bekommen wir die Auskunft, daß an Fürsorge von einer Stelle nicht zu denken ist.

      Jeder kann ziehen, wohin er will, und sich zu essen suchen. Bothe, Schuber, Frau Schäfer, Frau Strutz [?] und ich gehen aber zu Beruhigung der Menschen in die Stadt, zur russischen Komm[andantur], wo man uns abweist. Dann zum Bürgermeisteramt, wo man uns auch abwimmelt. Für Alte und Kranke, die unterwegs liegen, gibt es noch keine Fürsorge.

      Diese Nachrichten müssen wir nun dem Treck übermitteln! Wir müssen nun aus dem großen Haufen raus und uns alleine weitermachen. Zuerst bleiben wir aber noch zusammen: 5 Wagen, Schubert (2 Personen), Schnebel (5 Personen) und Prochnow (6 Personen). Wir fahren weiter, 7 km bis Heinersdorf [Ed: etwas nordwestlich von Schwedt/Oder]. Auf einem Wagen Mutter. Mutter, Else und Erna werden auf Stroh gepackt, um erst mal zu ruhen, nach der Aufregung, Anstrengung und Enttäuschung der letzten 8 Tage. In einer luftigen Tabakscheune machen wir unser Lager, kochen in der Küche bei der sehr netten und eignen Frau. Zur Abendsuppe bekommen wir sogar Milch von Frau Steinweg.

11. Juli 1945 — Mittwoch

      Das Wetter ist herrlich [am] 11. VII. und wir machen in Heinersdorf einen Ruhetag. Baden, Wäsche machen, Brot backen usw. Paulis hier verloren.

12. Juli 1945 — Donnerstag

      12. VII. Nach einem schönen stillen Ruhetag geht es um 6 Uhr ab nach Gramzow, 21 km [Ed: wohl etwa 32 km nordwestlich von Heinersdorf]. Dort wollen wir die schwerkranke Mutter bei der Schwiegertochter absetzen, denn für die Handwagenreise wird die Belastung zu groß. Aber auch Frau Erna Scheuer fängt an zu versagen. Füße werden dick usw. Die Straßen sind voll von „Ausgewiesenen“ und keine Stelle oder Behörde, die irgendwie hilft.

      In Gramzow: Mutter und Schwester werden abgesetzt bei Meister Baatz und sehr freundlich aufgenommen. Wir anderen finden Quartier im leeren Hause [der] Maschinenfabrik O. Zürner. Vom Bürgermeister bekommen wir 2 Pfund [1 kg] Bulettenfleisch. Mittag und Abendessen bei Baatz. Quartier gut, nur fürchterlich viel Fliegen und wir machen wieder einen Ruhetag. Mit Rike gehe ich baden, mit Schubert Honig besorgen, mit Herta besichtige ich die wunderschöne Kirche und laden einige Wintersachen vom Wagen, um dieselben bei Baatz zu lassen. Schubert bekommt Anstellung als Stadtförster.

13. Juli 1945 — Freitag

      Freitag, den 13. VII. 8 Uhr ab nach Angermünde. Mit weniger Gepäck und Anhang geht es leichter und schneller. Um 15 Uhr sind wir in Angermünde, 25 km. Wir treffen auch gleich Bekannte, Frau von Konrad Könsig, früher mal in Woldenberg. Unseren Wagen können wir dort unterbringen und sogar in Betten schlafen!

      Auf dem Landratsamt bekomme ich sogar eine gute Windjacke verkauft, 4,00 M[ark]. Auf der Straße treffen wir Familie O[tto] Hemp und Hamann vor einem großen Karren. Die sind bei Küstrin über die Oder und wollen zu Verwandten nach Biesenbrow [Ed: nördlich von Angermünde]. Gertrud Stricker bekommt durch Zufall Nachricht, daß ihre Mutter ganz in der Nähe auf Steinhöfel untergebracht ist. Sie nimmt rührend Abschied von uns. Abends tausche ich unseren großen Wagen gegen einen kleineren mit Rahn [aus] Wugarten. Willi Unglaube, auf der Suche nach seiner Frau, erscheint.

      Nach herrlichem Schlaf in Betten und Frühstück bei den freundlichen Dörges kommt Otto Hemp nochmal. Wir gehen zum Bahnhof, wegen Züge erkundigen. Auf dem Wege treffen wir Rosengartens [Ed: Fischer aus Woldenberg]. Der alte Paul im Rollstuhl kann nicht mehr. Abschied für immer! Fräulein Fritsch, Frau Riemer auf Wiedersehen? 9.30 Uhr wieder zum Bahnhof. Da unsere Knochen auch schon anfangen weich zu werden, wollen wir versuchen, mit der Bahn nach Berlin zu kommen.

      Auf dem Bahnhof 100te von Menschen mit allen möglichen Fahrzeugen und keiner weiß recht, wohin. Einige liegen schon 48 Stunden hier. Fräulein Karkowski bekommt 40,– M[ark] geliehen und gibt mir Tabak. Um 11 Uhr fährt ein Zug durch, überfüllt. Willi Unglaube ist bei uns.

      Überall wird wieder auf 2 oder 3 Steinen Feuer gemacht und gekocht. Auch wir kochen Mittag. Herta läuft noch schnell zu einer Verpflegungsstelle in der Stadt und bringt Suppe, so daß wir 3 recht satt werden. Ohne Gepäck kommt Willi U[nglaube] noch auf einen Zug raufgeklettert.

      Um 17 Uhr verlassen wir den Ort und ziehen weiter nach Serrin [?], 10 km. Jetzt nur noch 2 Wagen, 5 Pers[onen]. Hier ist schon Ordnung im Dorf. Beim Bürgermeister gibt es Quartierschein. Wir kommen zum Fischer Kaatz in Quartier und haben noch mal Glück. Prima Weißkäse zum Abend. Milchsuppe zum Frühstück und Milch für einen großen Topf Grießbrei unterwegs. Schnebels wohnen bei Bauer Hindenburg.

15. Juli 1945 — Sonntag

      15. VII. Sonntag 7 Uhr Abmarsch nach Eberswalde. Schnebels sind schon fort! Ohne Abschied! Leider. Gleich am Waldeingang werden wir von 2 Russenbengels überfallen und mir das letzte Wertstück, Hertas goldene Uhr geraubt. Amri ja mungo! [Ähnl. Swahili, Es ist Gottes Wille].

      Es ist richtige Juli-Hitze, deshalb machen wir am großen Stadtsee in einem verwüsteten Sommerlokal große Pause. Essen unseren Grießbrei und Butterbrot und genießen die Sonntagsruhe. Aber — ohne Uhrzeit. Wir müssen weiter trotz Sonnenbrand und Hitze. Kurz vor Eberswalde treffen wir unsere Jagdfreundschaft aus Wugarten, Frau Geikowski. Ein Jammerbild. 2 Frauen, 8 kl[eine] Kinder! 1/2 Stunde Erzählen, dann weiter. In Eberswalde ist wenigstens etwas für Flüchtlinge gesorgt. Gemeinschaftsquartiere, ärztliche Betreuung, Rote-Kreuz-Schwestern, aber keine Verpflegung!

      Wir kommen in die „Harmonie“, ein Vergnügungslokal, und sichern uns im großen Saal ein paar harte Pritschen, aber besser wie verlaustes Stroh. An ein 100 Wagen mit Genossen sind schon im Garten. Aus einer Bombenruine in der Nachbarschaft wird Holz besorgt und ein großer Topf Kaffee gebrüht. Die letzten Küchlein aus Woldenberg dazu verzehrt und Abendessen aufgesetzt. Dabei kommt Behlke aus Woldenberg zum Kaffeebesuch. Er ist mit Treck aus Berlinchen bei Reitwein [Ed: südlich von Küstrin] über die Oder und will nach Mecklenburg. Trotz der Hitze gehe ich noch zum Bahnhof. Bekannte zu besuchen sind wir zu müde. Dann wird Abendessen gefuttert und aufs harte Lager.

16. Juli 1945 — Montag

      16. VII. Wieder wollen wir versuchen, mit Bahn nach Berlin zu kommen. Im Garten sind schon viele Kaffeefeuer im Gange und so wird auch unser Kaffee bald fertig und Tagebuch geschrieben. Um 9 Uhr ab zum Bahnhof. Auf dem Vorplatz sind 100te von Wagen und 2.000 Menschen. An einigen Stellen wird abgekocht. Ein Bild des Jammers.

      Dazwischen suchen die Russen immer wieder Männer raus zum Arbeiten. Etwa 13 Uhr kommt ein Personenzug. Nur Leute ohne Wagen dürfen mit, und einige 100 finden noch auf den Wagendächern Platz. Um 16 Uhr Nachricht: Ein Güterzug wird zusammengestellt. Alles wird auf den Bahnsteig gelassen und bald verladen. Wir kommen auf eine glatte Pritschenlore. 14 Wagen und 48 Menschen. Bald fährt der Zug los in Sonnenbrand und Juli-Hitze, Richtung Berlin.

      Leider heißt es nach etwa 1 Stunde Fahrt bei Buch [Ed: schon dicht bei Berlin, im Nordosten]: Alles absteigen, Zug fährt nicht weiter. Ein großes Gewimmel entsteht. Mit viel gegenseitiger Hilfe werden die großen und kleinen Wagen von den Loren gehoben und über die vielen Gleise und die vollbepackte Ladestraße gebracht. Keiner weiß auch recht, wohin. Da hier alles voll Lazarettinsassen und Soldaten liegt, heißt es vor allem — fort von hier! —

      Wir finden bald die Straße nach Berlin und tippeln noch bis Buchholz [Ed: Berliner Vorort im Nordosten der Stadt]. Mit viel Mühe bekommen wir bei einem Gartenbauern Quartier, sogar Milch zur
Abendsuppe, aber Teppichlager. Seit Januar auch wieder das erste elektr[ische] Licht, Wasserleitung, Radio.

17. Juli 1945 — Dienstag

      Um 7 Uhr früh am 17. VII. geht es weiter nach [Berlin-]Pankow. Im Auffanglager Kissinger Straße treffen wir Tante Olga. Sie gibt uns Nachricht, daß Hertas Vater alle Leiden überstanden hat, am 14.7.1945 in Pankow beerdigt ist! Aus. — Menschenschicksal.

      Tante Olga zieht gerade mit einem Zug ab nach Tegel, aber wir wollen versuchen, einige Bekannte in Berlin, Er. Trettin [?] usw. [zu treffen]. Alles vergeblich. Ausgebombt, verzogen? usw. Auf der Straße treffen wir Frau Nerching. Der Mann war in Woldenberg Kommandeur vom Bez[irks]komm[ando] und ist als Oberst gefallen. Tränenreiches erschütterndes Wiedersehen.

      Auf zu Willi Unglaube bei Frau Schaale — Florapromenade 22. Nach vielem Klopfen und Rufen werden wir von Mutter Grimm eingelassen und finden überaus herzlich Aufnahme. Heißes Bad, Wäsche waschen, Tabak, Zeitung, Radio, Essen an gedecktem Tisch. Eine köstliche Erholung.

[Editor-2011: Am 17. Juli 1945 beginnt in Potsdam bei Berlin die Konferenz der Alliierten (Gipfeltreffen von: Truman, Stalin und Churchill bzw. Nachfolger Attlee sowie den Außenministern Byrnes, Molotow und Eden bzw. Bevin). Die Siegermächte beschlossen hier bis zum 2. August 1945, die Grenzziehungen und wie es mit Deutschland weitergehen soll.

Zu den wichtigsten Beschlüssen zählen die Legitimierung des „geordneten und humanen Transfers“ deutscher „Bevölkerungsteile“ Polens, der Tschechoslowakei und Ungarn und die Stellung der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie unter die vorläufige Verwaltung Polens. Die Grenze zwischen Polen und Deutschland soll einem Friedensvertrag mit Deutschland vorbehalten bleiben].

18. Juli 1945 — Mittwoch

  Berlin 1945 -- Zerstörte Innenstadt
^   Berlin 1945 – Kriegszerstörungen in der Innenstadt. Die alte Hauptstadt war 1945 kaum ein Ort, um ein neues Leben zu beginnen. Denn rund 30 Quadratkilometer des Stadtgebiets lagen in Trümmern.   (Repro: 2011 – khd)
      Nach Rücksprache mit dem Bezirksobmann können wir aber nicht bleiben und darum schweren Herzens weiter, am 18. VII. um 9 Uhr zum Lager Kissinger Straße, mit Schupobegleitung zum Lager Reinickendorf- Wittenau. Ärztliche Untersuchung. Suppe. Ein großes Durcheinander unds ein furchtbarer Dreck! Übernachten menschenunwürdig!

      Um 16 Uhr soll ein Transport nach Neuruppin [Ed: nordwestlich von Berlin] abgefertigt werden, 200 Pers[onen]. Wir beschließen, schnell dort mit[zufahren]. Im Lager treffen wir noch den Hausmeister vom Finanzamt Brossen, Krause und Frau. Erinnerungen über Georg werden ausgetauscht. Wir bekommen Marschverpflegung! Hohn! 100 Gramm Brot — aus!!

      Und dann ab durch Berlins Trümmer und Ruinen. Durch russische, amerikanische, englische Militärzone [Ed: gemeint sind die Sektoren, in die Berlin nach 1945 eingeteilt worden war] geht es über Wedding zum Hamburg-Lehrter Güterbahnhof [Ed: in Moabit], 10 km. Hier werden wir, 54 Wagen und 210 Personen, in 4 Güterwagen verstaut und denken, es soll bald los gehen. Denken! Vielleicht morgen früh, kommt der Bescheid. Überall auf dem Riesenbahnhof wird gekocht. Auch wir besorgen uns Holz und Wasser und kochen Kaffee und Abendessen — Mohrrüben und Kartoffeln. Dann versuchen wir in dem Gedränge zu schlafen.

19. Juli 1945 — Donnerstag

      19. VII. Frühmorgens flammen wieder überall die Kochfeuer auf. Es füllen sich weiter Züge. 100te sitzen auf den Wagendächern und wir werden rangiert. Es soll nach Neuruppin gehen. Leider nein. Der Zugführer hatte keinen Bescheid bekommen, wegen Wagen abhängen in Neustadt-Dosse, und behält uns im Zuge. Neustadt, Wittenberge, Ludwigslust. Hier endlich werden wir gegen Abend abgehängt und wieder mal unserm Schicksal überlassen.

      100 Menschen fangen an zu schimpfen. Eine Abordnung geht in die Stadt zum Bürgermeister wegen Verpflegung usw. und wird kurz abgewiesen. Herta hat derweil Kirschen, Karotten und Kartoffeln gekauft und Abendbrot, prima Kartoffelsalat, im Lazarett bei den Schwestern erbettelt! Für Herta noch mitgebracht. Dazu kochen wir eine schöne Kirschsuppe und Kirschgrießbrei für morgen.

      Im Waggon konnte man vor Fülle und Gestank nicht schlafen. Mit Bäcker Lange aus Brand-Vordamm gehen wir zum nächsten Gehöft 10 Minuten und können dort auf Stroh schlafen. Im Stroh ging noch mein Gebiß verloren, aber zum Glück morgens bald wiedergefunden.

20. Juli 1945 — Freitag

      20. VII. Freitag früh war ein Gewitter mit viel Regen. Auf den Bahnsteigen sitzen und liegen die Schläfer direkt im Wasser. Wir holen uns noch mal Kaffee im Lazarett. Über unseren Abtransport noch nichts bekannt. Deshalb trennen wir uns ab und fahren nach Wittenberge. Im Ort versuchen wir Mittag zu bekommen?

      Über die Elbe zu wandern wird uns leider abgeraten. So beschließen wir schweren Herzens nach Penzlin [Ed: in Mecklenburg], wo Karl Scheuer sein soll, zu ziehen. Um 19 Uhr ein Zug nach Perleberg. Wegen Quartier zur Polizei und Wirtschaftsamt. 2 Mal. Für Kino, Kaffee, Tanz ist hier schon gesorgt. Flüchtlinge – – – ?

      Ich bekomme aber selbst ein Quartier bei Gärtnerei Förster. Sehr freundlich, sauber und hilfsbereit, sogar Feldbettstellen werden noch aufgestellt. Obwohl schon 9 Flüchtlinge aus dem Netzebruch, Familie Stolz und Grützmacher, einige Tage dort sind! Unser Abendbrot kochen wir und dann wieder mal aufs Bett.


1945 — In Mecklenburg ein erstes Heim gefunden

21. Juli 1945 — Sonnabend

      21. VII. Frau Förster hat uns ein Brot besorgt, und weiter geht es um 7 Uhr zum Bahnhof. Wagen verstaut im vollen Gepäckwagen und ab fährt der Zug 8.20 Uhr — Richtung Neu-Strelitz. Überall an der Bahn liegen riesige Mengen Kriegsmaterial. Geschütze, Panzer, Munition, Autos. Auf den Bahnhöfen werden Fahrräder vom Zuge gestohlen, so daß uns um den Fußmarsch schon bang wird.

      Durch Neu-Strelitz. Wehmütig packen uns die Erinnerungen, wie wir hier vor Jahren mit Fräulein Fritsch und Georg auf unserm schönen „Wanderer-Auto“ durchfuhren. Am Ortsausgang Kontrolle durch russischen Posten und weiter nach Penzlin, 16 km. Im letzten Dorf vor Penzlin bekommen wir Milch und Butter für Zündhölzer eingetauscht und stärken uns erstmal.

      In Penzlin [Ed: liegt zwischen Neu-Strelitz und Neu-Brandenburg in Mecklenburg] waren die Amtsstellen schon geschlossen. Russische Kom[mandantur] jagt uns fort. So zogen wir denn zu Familie Scheuer, um Quartier zu finden. Herta geht vor. Tante Agnes und Karl Scheuer kommen mir dann noch entgegen. Ein trauriges Wiedersehen. Else und Erna sind auch erst vor 2 Tagen gekommen. Die Hausfrau Fräulein Gisela Scheuer und alle werden begrüßt. Aber wir sind zu müde. Bald gibt es Abendessen und wir fallen ins Bett.

22. Juli 1945 — Sonntag

      22. VII. Sonntag früh 4 Uhr gleich mit Karl auf den See gefahren, Reusen und Stellnetze nachsehen. Anschließend bei schönstem Sommerwetter Bad im See und Ruhe. Nachmittags bemüht sich Tante Agnes liebenswürdigerweise um Wohnung für uns. Wir bekommen auch zunächst Veranda in einer sauberen Villa 300 Meter weiter bei Frau Beck und Frau Benzin [?], Am See 4. Inzwischen ist bei Scheuers noch Frau Lisa mit ihren 2 Kindern eingetrudelt [Ed: ihr Handwagen ging
am 3. Juli bei Beyersdorf kaputt] und wir ziehen noch sofort um.

23. Juli 1945 — Montag

      23. VII. Montag rudere ich wieder mit auf den See. Anmeldung usw. besorgt Herta und Walter Scheuer. Bei gutem Schlaf hoffen wir bald wieder menschlich zu werden.

24. Juli 1945 — Dienstag

      24. VII. Nachmittags geht Karl zum Krukow-See, 3 km. Ich wandere mit, 21.30 Uhr zu Hause.

25. Juli 1945 — Mittwoch

      25. VII. Mit Walter Scheuer, Grünberg nach Groß-Muchow, helfen dort für Russen den kleinen See abfischen. Wir bekommen anschließend Mittag und je ein Brot.

[Editor-2011: Mit der Einkehr von Alltag am neuen Wohnort in Penzlin berichtet nun Ernst J. Prochnow nicht mehr täglich über die Ereignisse im Nachkriegselend].

1. August 1945 — Mittwoch

      1. VIII. Mit viel Mühe und wenig Erfolg versuche ich nun in der Fischerei zu helfen. Sehr störend bei der Arbeit wirkt sich jetzt mein Gehörfehler aus. Zumal ausschließlich alles Mecklenburger Plattdeutsch spricht. Auf den Straßen immer noch Flüchtlinge auf Suche nach Unterkunft.

3. August 1945 — Freitag

      3. VIII. Frau Herta hat reichlich zu laufen und für Einkauf zu sorgen, um an der —
Haushaltskarte — nichts zu verpassen. Heute gab es 1/8 Pfund [62,5 g] Zucker und 1 Schachtel Zünder, für uns die erste Zuteilung seit 27. Januar 45. *

12. August 1945 — Sonntag

      12. VIII. 3 Tage mit Herta und Karl zum Ernteeinsatz auf Gut Neuhof, 2 km, gewesen. Arbeit von 7 bis 23 Uhr! Vergütung: 2x Essen! Wir bekommen jetzt statt der Veranda ein nettes Zimmer zum Schlafen und richten uns ein bißchen gemütlich ein.

15. August 1945 — Mittwoch

      15. VIII. Vom Ernteeinsatz befreit, ganz in der Fischerei tätig. Auf den Heimwegen immer Holz gesammelt für unseren Haushalt.

20. August 1945 — Montag

      20. VIII. Karl Scheuer und Erna und Else ziehen auch zu uns, und es ist die Familie bei den Mahlzeiten zusammen. Herta betätigt sich als Landarbeiterin.

30. August 1945 — Donnerstag

      30. VIII. Wir werden im Ort etwas bekannt und kommen hier und da mal zu Lebensmitteln. Die Fischerei wird auch abwechslungsreicher. Aalschnüre, Netzfischerei, Nachtfischerei usw. Herrlich, den ganzen Tag im Freien zu schaffen, wenn auch die Netzfischerei manchmal etwas schwer ist.

5. September 1945 — Mittwoch

      5. IX. Frau Lisl Lange erscheint überraschend aus Potsdam und will ihre Schwiegermutter, Schwester Else, abholen.

7. September 1945 — Freitag

      7. IX. Langes reisen ab nach Potsdam.

9. September 1945 — Sonntag

      9. IX. Sonntag Vormittag mit Karl per Kahn zum Brennholz werben. Bei herrlichem Wetter ein schöner Ausflug. Herta tritt heute im Krankenhaus (Typhus-Station) Stellung als Wirtschaftshilfe an. Tante Agnes gestern Abend das Zeitliche gesegnet. Langsam fängt der Postverkehr an und wir bekommen und schrieben viel Post.

14. September 1945 — Freitag

      14. IX. Mit LKW nach Waren gefahren um Nachforschungen nach Georg anzubahnen. Vergebliche Mühe, ein Büro ist wohl da, aber – – –  *

30. September 1945 — Sonntag

      30. IX. Besuchen uns Wilhelm und Lotte Reichen aus Neu-Brandenburg.

4. Oktober 1945 — Donnerstag

      4. - 10. X. Fahrt nach Gramzow,
unsere Sachen holen. Auf dem Rückwege kommt Rike [Ed: Schwester von E. J. Prochnow] mit, um ein paar Tage bei uns zu bleiben. Es wurden 3 Wochen und Rike war uns ein angenehmer Gast.

31. Oktober 1945 — Mittwoch

      Am 31. X. fährt Rike ab, leider ohne Fische und ohne Kino ab nach Ribnitz, ihre Sachen holen.

3. November 1945 — Sonnabend

      3. XI. Fräulein Gisela Scheuer heute Hochzeit mit Werner Oberländer. Ich koche Hochzeitsessen für 20 Pers[onen]. Lisa Scheuer sorgt für Kuchen. [Ed: schade, daß uns Ernst Prochnow nicht mitteilt, was es zum Essen gab].

12. Dezember 1945 — Mittwoch

      12. XII. Beim Holz kleinmachen linkes Auge verletzt.

22. Dezember 1945 — Sonnabend

      22. XII. Es gibt Sonderzuteilung: 1 Pfund Mehl [500 g], 1/2 Pfund Zucker [250 g], 100 Gramm Butter. So können wir sogar einen Weihnachtskuchen backen.

24. Dezember 1945 — Montag

      24. XII. Das erste Weihnachten im Frieden. Wir haben es uns anders vorgestellt. Und doch wurden wir riesig erfreut durch Päckchen von Schillers und von Langes und kleine Geschenke. Nach der Christpredigt in unserm Zimmer kleiner Baum mit Festbeleuchtung von 2 Lichtern aus Potsdam. Abendessen mit Holunder-Punsch und sogar
Mohnstriezel!

28. Dezember 1945 — Freitag

      28. XII. Den kleinen Stadtsee abgefischt nach Silvesterfische.

29. Dezember 1945 — Sonnabend

      29. XII. Und dann ist es aus mit Fischerei. Silvester mit Familie Schulz, einem Kollegen aus Groß-Born, zusammen verlebt.

31. Januar 1946 — Donnerstag

      1946 Januar. Da wir noch keine Arbeit haben, wird mit Karl fleißig Holz ranbesorgt und kleingemacht. Leider wird Herta ernstlich krank und liegt den ganzen Januar zu Hause fest. Also auch noch ein bißchen Krankenpflege. Wir bekommen jetzt mehr Lebensmittel und auch viel Post, so daß auch wir viel schreiben müssen.

28. Februar 1946 — Donnerstag

      1946 Februar. Vom Arbeitsamt zur Arbeit beordert. Auf russischer Komm[andantur] werden Ställe ausgeräumt, mit viel Erfolg für unsere Hauswirtschaft. 14 Tage Holz kleinmachen für Schule. Dann viele 100 Zentner Roggen einsacken. Beim Holzhauen hatte ich einen Möbelhändler Bischonski aus Danzig zum Partner. Beim Roggen den abgebauten Rektor Behrens von der Stadtschule.

Im Februar mußte Herta dann noch mal ins Krankenhaus für 7 Wochen. Mitte Februar hatten wir die Freude, Ernst von der Marine 4 Tage auf Urlaub hier zu haben.

17. März 1946 — Sonntag

      1946 März. Am 17. III. mit 140 Mann zur Arbeit nach Malchow [Ed: in Mecklenburg, westlich von Penzlin] beordert. Dort wird für Russen ein großes Munitionswerk demontiert. Quartier schlecht. Verpflegung knapp. Die meisten Arbeiter türmen. Nachts Truppreise heimwärts. Der Rest, etwa 50 Mann, am Samstag, 23. III.

25. März 1946 — Montag

      Ab 25. III. gehe ich wieder Korn verladen mit Erich Vogel aus Berlin-Wilmersdorf, Mainzer Str. 23 II [?]. Leider gleich am ersten Tag verunglückt. Mit schwerer Weichteilequetschung 3 Wochen zu Hause geblieben. Die anderen mußten am 1. IV. wieder nach Malchow. Selbst mit Gartenarbeit beschäftigt.


1946 — Die Prochnows wollen nach Süddeutschland

24. April 1946 — Mittwoch

      1946 April. Bis 24. April krankgeschrieben. Dann wieder bei der Genossenschaft in Arbeit, aber noch nicht
gut bekommen. Inzwischen 2-mal nach Waren gewesen [Ed: liegt westlich von Penzlin am Müritz-See], wegen Reiseerlaubnis nach Süddeutschland. Aber ohne Erfolg. In Waren Lehmann aus Woldenberg und Kuthner aus Friedeberg getroffen.


31. Mai 1946 — Freitag

      1946 Mai. Die Arbeit bei der Genossenschaft aufgegeben und bei der städtischen Feuerwache als Wachmann angestellt. Ein angenehmer Posten. 12 Stunden Wachdienst, 24 Stunden frei. Die Freizeit wird fleißig mit Gartenarbeit und Angeln ausgefüllt. Zumal im Wachdienst gar keine Arbeit ist und der Nachtdienst dabei noch verschlafen wird. Vom 22.–28. Mai war Herta in Berlin und für unsere Umsiedlung tätig, mit gutem Erfolg. Lisl Lange sehr für uns aufgeopfert.

18. Juni 1946 — Dienstag

      1946 Juni. Langsam wird jetzt auf die Umsiedlung hingearbeitet. Am 14. VI. kommt [?]nachricht von Lisl Lange und für 18. VI. wird die Abreise beschlossen. [?] erst mal durch Panne vom Auto versetzt. Mittags ab Neustrelitz — Berlin [per Eisenbahn], 20 Uhr in Potsdam-Rehbrücke. Ein schöner Rasttag, der uns auch schon allerlei Kleidung [?] einbringt. [?] besorgt [Fahr-]Karten nach Leipzig.

20. Juni 1946 — Donnerstag

      Am 20. VI. früh ab nach Leipzig. Erst in ein falsches Umsiedlerlager, dann Lager Hermannstraße
[?]. Hier Nachricht, daß französische Zone vorläufig gesperrt ist.

22. Juni 1946 — Sonnabend

      Am 22. VI. ab nach [?]. Im Lager werden wir erst gar nicht aufgenommen, weil Transport nur frei aus Zone [Ed: hm, es unklar, was der Autor damit meint].

  Hof -- Lager Moschendorf
^   Lager Moschendorf bei Hof/Saale – Dieses von den Nazis als KZ gebaute Lager wurde nach 1945 als Durchgangslager für Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus der SBZ (DDR) verwendet. Erst 1957 wurde das „Tor zur Freiheit“ nicht mehr benötigt und abgerissen.   (Repro: 2010 – khd)

23. Juni 1946 — Sonntag

      Privat gewohnt und am 23. VI. in den Transport eingeschmuggelt. 1500 Menschen mit riesigen Gepäckmengen. Bei der ersten Kontrolle werden mir schon die Papiere abgenommen. Nun [?] erst recht weiter. Gut verstaut passieren wir die nächsten Kontrollen und kommen glücklich zum Lager Hof-Moschendorf [Ed: das liegt schon in der amerikanischen Zone, also im Westen].

      Ab hier finden wir immer freundliche, hilfsbereite Menschen, die für unsere Lage Verständnis haben. [?]
Herta zu allem Pech [?] vorübergehend ihre Papiere loswird.

27. Juni 1946 — Donnerstag

      26. VI. ab nach München-Untermenzing. Überaus liebevolle Aufnahme bei Petermüller und bei Frau Schuster. Französische [?] Zonenkontrolle glimpflich überstanden. Von Barenburg [?] aus [am] 27.6.46 nach Weingarten zu Walter Rockstroh [Ed: Woldenberger, der in Woldenberg Bierverleger war und das „Hotel Kaiserhof“ in der Kirchstraße betrieben hatte].


1946 — Die Prochnows sind in Konstanz angekommen

1. Juli 1946 — Montag

      1. VII. 46. Unterkunft in Konstanz — abgespannt + ohne Habe.

      27. VI. nach Weingarten zu Familie Rockstroh. Hier fanden wir auch herrliche freundliche Aufnahme und mußten 3 Tage bleiben. Gut gepflegt, gut verpflegt, reich beschenkt konnten wir uns von den Anstrengungen mit dem vielen Gepäck und von den Enttäuschungen auf der Reise wenigstens etwas erholen und am 1. Juli weiter nach Friedrichshafen, von dort zu Schiff nach Konstanz.

      Etwas abgerissen und landstreichermäßig kamen wir nachmittags hier an. Aber die liebevolle Begrüßung und herzliche Aufnahme ließ uns manchen Kummer bald vergessen.

      1. Juli 1945 Abschied von Woldenberg Neumark — 1. Juli 1946 Ankunft in Konstanz. Möge es uns eine neue Heimat werden. Erst mal Ruhe und Erholung. Unter rührender Fürsorge von Kammerers und Mutter Ziebart.

Konstanz am Bodensee
^   Konstanz – So sahen die Prochnows am 1. Juli 1946 die Stadt vom Bodensee aus auf sich zukommen, die ihre neue Heimat werden sollte. Ob das gelang, wissen wir nicht. Immerhin war Konstanz eine der wenigen deutschen Städte, die im Zweiten Weltkrieg keine Zerstörungen erlitt. Wegen der nahen Schweiz verzichteten die Alliierten auf Luftangriffe. Und irgendwie erinnert diese Ansicht von Konstanz an Woldenberg mit dem Großen See, wenn auch der Turm dieser Kirche etwas anders aussieht und der See viel viel größer ist.   (Repro: 2010 – khd)


31. Dezember 1946 — Dienstag

      Im September vertrete ich einen Koch und bin 14 Tage Koch beim französischen Armeegeneral Koeltz in Stockach [Ed: nordwestlich von Konstanz].

      Im September kommt unser Ernst von der Minensuchabteilung 3 Wochen auf Urlaub. Eine schöne Freunde. Bald kam aber auch Leid. Herta, die alle Strapazen und Widerwärtigkeiten gut durchgehalten, bekommt ein quälendes Darmleiden und muß zur Operation ins Krankenhaus. 6 Wochen wurden draus und doch keine Heilung.

      Inzwischen versehe ich im Betrieb [Ed: der Kammerers] einen Hausdienerposten und habe häufig Gelegenheit zum Obst und Gemüse beschaffen mit LKW in die Gegend zu kommen. Montags treffen wir uns häufig mit Rockstroh in Immenstaad und genießen Strandbad.

      Durch die Hausbesitzerin vom „Adler“, Frau W. Riesler, werden wir auch mit einigen Sachen bedacht. Diese wirklich rührende Fürsorge pflegt, nach dem Ableben der alten Dame zu Weihnachten 1946, die Tochter Gertrud weiter, und hilft uns, manches Leid leichter ertragen.

      Weihnachten [1946]: Wir werden der Traurigkeit unserer Lage ganz entrissen, durch die viele Liebe und Fürsorge, die uns Kammerers, Frau Else Nägler, Fräulein Riesler und Ziebarts angedeihen lassen.

31. Januar 1947 — Freitag

      Am 4. Januar auch noch die Rockstrohs in Weingarten [besucht und] weitergefeiert unterm Tannenbaum, den Lydia R[ockstroh] besonders für uns stehen ließ.

      [?] ein Jahr der Ungewißheit, und für uns „auf der Stelle getreten“? Januar noch nett Geburtstag gefeiert. Herta und Hermann K[ammerer] am 20. I. [1947].

30. September 1947 — Dienstag

      22. III. [1947] waren wir bei Rockstroh [zur] Einsegnung von Segi [?]. Es war eine feierliche Angelegenheit für uns Ortsfremde [?]. Pfingsten waren Brederecks und Hainisch aus Dänemark nach Baden verzogen (Kiebingen bei Tübingen) und 3 Tage hier zu Besuch zum freudigen Wiedersehen. Im
September noch mal [...] Hans Bredereck mit Frau.

      Am 30. August [1947] wurde der Betrieb = Rest. Post. [?] von Kammerer abgegeben. Dafür kam die Bewirtung der badischen Bodenseeschiffe. Abwechslungsreiche Arbeit brachte das Einfahren [?] der Schiffsbetriebe für uns.

      Nebenbei fanden wir auch Anschluß bei einer freundlichen Garten- und Hausbesitzerin Frau Schambach auf der Friedrichshöhe. Wo wir in froher Freizeitarbeit gegenseitige Freude auslösen konnten. Nette Sonntagswanderungen brachten uns Bekanntschaft mit Land und Leuten. Die Hauswirtschaft und Garderobe wird um manches Stück bereichert.

31. Dezember 1948 — Freitag

      [...]

      Zum ersten Mal im Leben ganz privat zu Haus. Um Mitternacht waren wir auf dem Hausdach, sahen die beleuchteten nahen Dörfer der Schweiz und hörten viele viele Glocken das Jahr 1948 einläuten. Was wird es uns und dem deutschen Volke bringen?

[
Zum Teil I]



Ein Nachwort

[Editor-20.5.2011: 1948 bildete sich im Westen Deutschlands aus der bereits seit Anfang 1947 bestehenden Bizone die Trizone. Und am 23. Mai 1949 wurde daraus dann die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Daraufhin wurde am 7. Oktober 1949 aus der von den Sowjets besetzten Zone die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Deutschland war geteilt und dem „kalten Krieg“ ausgeliefert. Diese Strafe dauerte 41 Jahre. Am 3. Oktober 1990 wurden beide Teile Deutschlands unter dem Dach der BRD wieder vereint. „Nun wächst zusammen, was zusammengehört“, stellte Alt-Kanzler Willy Brand damals fest.

Mit insgesamt 164 interessanten und aufschlußreichen Tagesberichte hat Ernst J. Prochnow uns — und für viele Leserinnen und Leser sicher erstmals — Einblick in den Alltag der Woldenberger „
Panzerspitzenzeit“ sowie die chaotischen ersten Nachkriegs-Monate gegeben, als es nach dem mörderischen Krieg ums Überleben ging.

Natürlich wünschte man sich, daß der Autor noch von mehr Ecken im zerstörten Woldenberg berichtet hätte. Nach der Lektüre drängen sich auch neue Fragen auf, wie zum Beispiel: Wann sind wieder Eisenbahnen gefahren, was ist aus der zerstörten Fließbrücke geworden, wo waren denn diese Woldenberger Spargel-Anbaugebiete, oder warum wurde später das Sparkassengebäude am Marktplatz doch noch abgerissen?

Aber es gibt auch eine Menge Neues in den Berichten, beispielsweise: In der Woldenberger Kirche fand bereits Ende Mai 1945 wieder ein Gottesdienst statt, bis Anfang Juli 1945 gab es jedenfalls noch nicht wieder elektrischen Strom, Woldenberger Handwerker wurden von den Polen gezwungen, dort zu bleiben. Das wichtigste Wort in diesen wirren Zeiten war „ausräumen“ — sprich: beklauen oder ausrauben der Deutschen durch die Russen oder Polen. Sieger dürfen so etwas eben.

Leider ist über das weitere Leben des Autors nichts bekannt. Im Internet gibt es eine Seite „http://prochnowtreffen.de/“, die sich mit der Familiengeschichte der Prochnows beschäftigt. Leider konnte auch hier bislang nicht festgestellt werden, wann und wo Ernst Joh. Prochnow gestorben ist.].


Anmerkungen / Remarks of the Editor:     [Translation-Service]

      EJP-Manuskript
^  Prochnow-Manuskript.
1) ^  Die hier dokumentierten Tagesberichte hat der Autor aufgrund seiner Tagesnotizen um 1948 aufgeschrieben, wobei er die mit einem * markierten Stellen hinzugefügt hat. Der Autor führte seit xxx als Inhaber das Woldenberger Hotel „Prinz von Preußen“ in der Richtstraße Nr. 47. Das Hotel galt als erstes Haus am Platze.

2) ^  Der Autor (Jahrgang 1887) lebt leider nicht mehr. Und so können wir ihn nicht mehr nach weiteren Einzelheiten befragen.

3) ^  Diese Abbildungen und Links wurden für diese Veröffentlichung redaktionell ausgewählt und hinzugefügt. Im Original sind sie nicht enthalten.

Some of those links point to Wikipedia articles in German. Those who like them in English should look at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English version.

Korrigiert wurden hier auch eindeutige Fehler in der Schreibweise von Namen und Ortsnamen, ohne daß das besonders markiert wurde. Beispielsweise muß es „Beyersdorf“ statt falsch „Beiersdorf“ heißen. So steht es in der amtlichen Landkarte. Alle Abkürzungen wurden aufgelöst, und die Angabe „klm“ wurde überall durch „km“ ersetzt.

4Einige Hinweise (Links), die interessieren könnten: 5) ^  Herta ist die Ehefrau von Ernst Johann Prochnow. Sie fuhr mit dem großen Woldenberg-Treck, der bereits am 29. Januar 1945 in Berlinchen ‚strandete‘. Sie überlebte den russischen Panzerüberfall und trat dann mit anderen per Fuß den Heimweg an: Berlinchen — Krining — Gerzlow — Waldübernachtung — Pehlitz — Hermsdorf, wo sie Ernst Prochnow am 4. März 1945 wiedertraf.

6) ^  Eine solche Zeitangabe wie etwa „1/2 8 Uhr“ (Halbacht) ist typisch für die Neumark – wohl für ganz Brandenburg (einschließlich Berlin). Sie wird anderswo kaum verstanden. „1/2 8 Uhr“ bedeutet nichts anderes als 7.30 Uhr. Und „1/4 8 Uhr“ wäre also 7.15 Uhr — alles klar?

7) ^  Von Otto Hemp, dem früheren Bürgermeister von Woldenberg, gibt es einen 1950 verfaßten Bericht über das Schicksal des Woldenberg-Trecks.

8) ^  Die Vertreibung der Deutschen aus Woldenberg begann am 1. Juli 1945. Sie mußten alle bis zur Oder laufen, obwohl ein Abtransport per Bahn möglich gewesen wäre. Der Fußmarsch führte von Woldenberg (Marktplatz) über Kirchstraße — Kastanienplatz — Woldenberger Gehege — Lauchstädt — Dolgen — Lichtenow* — Friedeberg — Zanzthal — Stolzenberg* — Landsberg — Beyersdorf* — Marwitz — Lichtefleck (Forst) — Schöneberg* — Soldin — Rufen* — Neuendorf — Bahn — Liebenow* — Fiddichow/Oder* in 1 Woche zur Oder, die am 7. Juli erreicht und am 8. Juli 1945 überquert wurde. In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils eine Übernachtungspause eingelegt. Der Treck wurde bis zur Oder von polnischen Posten begleitet, vermutlich um sicherzustellen, daß niemand ‚verlorengeht‘.

9) ^  Größeres Vieh wie Kühe und Schafe wurde damals von den einzelnen Gehöften auf Koppeln zusammengetrieben. Später im Frühjahr wurde dann das Vieh in großen Herden vom eroberten Deutschland über die Straßen nach Rußland getrieben. Von dieser Art der Reparation werden viele gar nichts wissen. Also ich (Editor) erfuhr erstmals im Sommer 2010 durch einen zufälligen Entrag im Gästebuch überhaupt davon.

10) ^  Also hat es in Woldenberg tatsächlich von Ende Januar bis zumindest Ende Juni 1945 keinen elektrischen Strom mehr gegeben. Und so bleibt unklar, womit die Russen den Zaun des Woldenberger Kriegsgefangenen- Lagers beleuchtet haben, wie das Wolfgang Albrecht berichtete.

11) ^  Penzlin In Mecklenburg lag in der von den Sowjets besetzen Zone (SBZ). Aus dieser Besatzungszone entstand dann zusammen mit dem Ost-Sektor Berlins am 7. Oktober 1949 die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR). Die DDR bezeichnete sich selbst als sozialistischen Staat, entwickelte sich aber nach und nach zu einer Diktatur sowjetischer Prägung. Und damit ihnen nicht die Bevölkerung in den Westen weglief, bauten sie im August 1961 eine Mauer um ihr Land.

12) ^  Die Odyssee der Prochnows durchs Nachkriegs- Deutschland ist typisch für Hundertausende Flüchtlinge aus Ost-Deutschland, die 1945 nicht wußten, wo nun hin? Nach der Oder-Querung bei Fiddichow am 8. Juli 1945 wurden die Prochnows an folgende Orte geführt: Friedrichsthal — Schwedt — Heinersdorf — Gramzow — Angermünde — Serrin [?] — Eberswalde — Buch — Buchholz — Berlin — Ludwigslust — Wittenberge — Perleberg — Neu-Strelitz — Penzlin (bis 18.6.1946) — Neu-Strelitz — Potsdam — Berlin — Leipzig — xxx — Hof-Moschendorf — München-Untermenzing — Barenburg [?] — Weingarten — Friedrichshafen — Konstanz am Bodensee (1.7.1946).

13) ^  „Kraft durch Freude“ (KdF), das war ein Ablenkungsprogramm der Nazis, das die Bevölkerung u. a. mit Veranstaltungen, Unterhaltung und Reisen zu günstigen Preisen versorgte. Es gab sogar KdF-Kreuzfahrtschiffe. Und für den geplanten ersten Volkswagen (Auto) konnte man zu Nazi-Zeiten vom KdF eine Art Zuteilungspapier kaufen, was dann nach 1945 wertlos wurde.

14) ^  Kein Wunder! Zwar wußten die Polen 1945 noch kaum etwas vom Massaker „Katyn“, das die Russen im Frühjahr 1940 an Tausenden polnischer Offiziere im damaligen Ostpolen angerichtet hatten, aber die Machenschaften von Stalin und Hitler waren bereits im Ansatz bekannt. Im „Hitler-Stalin-Pakt“ vom August 1939 hatten Hitler und Stalin auch die 4. Teilung Polens vereinbart. Und noch heute (2011) stehen die Polen ihren östlichen Nachbarn höchst skeptisch gegenüber. Das war auch für Polen der Hauptgrund dafür, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks möglichst schnell in das westliche Verteidigungsbündnis NATO (Beitritt 1999) und in die EU (Beitritt 1. Mai 2004) aufgenommen zu werden.

15) ^  Hm, so ganz unwahrscheinlich war das nicht. Denn um diese Zeit begann auch die Vertreibung der polnischen Bevölkerung aus den Regionen Ostpolens. [Grafik Westverschiebung Polens]
[Die Zwangsumsiedlung der Polen]

16) ^  Das war nicht Schikane. Die Noch-immer-Millionen-Stadt Berlin hatte damals ein riesiges Versorgungsproblem der Bevölkerung. Deshalb wurden 1945 und auch noch Jahre danach kaum Zuzüge geduldet.

17) ^  Aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße kamen 14 Millionen Flüchtlinge in die Besatzungszonen des Rest-Deutschlands. Etwa 2 Millionen davon überlebten die Flucht bzw. Vertreibung nicht. Zwar gelang die Integration der zwangsweise ‚Eingewanderten‘ über die Nachkriegsjahre, aber die allermeisten Flüchtlinge waren in den ersten Jahren bei der einheimischen Bevölkerung nicht gern gesehen.

      Besatzungszonen 1945
^   Das restliche Deutschland wird 1945 in 4 Besatzungszonen geteilt.   (Grafik: 2010 – wikipedia)
18) ^  Leider berichtet E. J. Prochnow nicht über die Gründe, warum ihnen von der Elbe-Querung abgeraten wurde. Immerhin wären sie dort in die britische Besatzungszone gelangt, die sich demnächst (zum 1. Januar 1947) mit der amerikanischen Besatzungszone zur „Bizone“ zusammenschließen sollte und damit die Basis für die Gründung der „Bundesrepublik Deutschland“ (BRD) am 23. Mai 1949 darstellt.

19) ^  Dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) kam in der Nachkriegszeit eine große Bedeutung zu, um Familienangehörige, Verwandte und Bekannte wiederzufinden. Noch jahrelang – bis weit in die 1950er-Jahre – wurden im Radio täglich Suchmeldungen gesendet. Aber im Sommer 1945 war dieser Suchdienst erst im Aufbau.

20) ^  Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln war 1945 eine einzige Katastrophe. Zwar wurde die Zwangbewirtschaftung mit Lebensmittel-Karten fortgesetzt, aber wenn kaum etwas zu verteilen ist, dann hilft das auch wenig. Man spricht auch von den „Hungerjahren“, die bis Anfang der 1950er-Jahre anhielten. In der DDR dauerte das wg. der Planwirtschaft sogar noch länger. Erst 1958 schaffte die DDR die Lebensmittel-Karten ab. Besonders schlimm war es in den Städten. Auf dem Lande konnte immerhin manches an Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln, Mehl, Milch und Gemüse selbst produziert werden, was Städter zu „Hamsterfahrten“ einlud.

21) ^  Briefpost war in den Nachkriegsjahren das wichtigste Kommunikations-Mittel. Es wurde allerorten sehr viel hin- und her-geschrieben, um Informationen über den Verbleib und das Ergehen von Angehörigen, Verwandten und Bekannten zu erfahren. Heute greift man zum schnelleren Telefon oder sogar zum mobilen Handy. 1945 und danach war das aber noch nicht möglich, denn die allermeisten hatten gar keinen Telefon-Anschluß, auch war vielerorts das Telefon-Netz zerstört. Zudem waren Ferngespräche damals sehr sehr teuer, mußten sie doch per Hand vom Fernamt vermittelt werden.

22) ^  Die Menschen waren nach dem Krieg Freiwild für die Allmächtigen (Besatzungsmacht + deutsche Verwaltung). Sie konnten jederzeit zu jeglicher Arbeit abkommandiert werden — vor allem zu Demontagen. Besonders schlimm war das in der SBZ (spätere DDR). Übrigens, jede Gesellschaft braucht offensichtlich ihre ‚underdogs‘. Und dabei fallen einem sofort heutige Hartz-IV-Empfänger ein, deren bürgerliche Freiheiten auch erheblich eingeschränkt sind (Residenzpflicht, Arbeitspflicht usw.).

23) ^  Zu vermuten ist, daß auch die Prochnows schon Anfang 1946 mitgekriegt hatten, es kann unter der sowjetischen Besatzungsmacht keine Zukunft geben. Deshalb wollten sie nach dem Westen umsiedeln. Aber so einfach war das damals gar nicht, denn es gab keine Reisefreiheit. Alle Fernreisen mußten genehmigt werden, und in den Eisenbahnzügen wurden die Papiere sehr streng kontrolliert.

24) ^  Das Ziel der Prochnows war Konstanz am Bodensee, das damals in der französischen Besatzungszone lag. Hier wohnten bereits gute Bekannte aus Woldenberger Zeiten (Kammerer und Ziebart). Es verwundert schon, warum der Zuzug in die französische Zone damals gesperrt war. Unterm Strich wurden in der französischen Zone insgesamt nur wenige Ost-Flüchtlinge aufgenommen. In den anderen 3 Zonen wurden jeweils über 3 Mio. Flüchtlinge angesiedelt.

25) ^  Im Prochnow-Bericht bleibt unklar, was die Kammerers in Konstanz für einen Betrieb hatten. Offensichtlich war das ein Restaurant (evtl. mit Hotel). Aus den spärlichen Informationen darf wohl geschlossen werden, daß dieser Betrieb den Namen „Zum Adler“ trug. Somit wäre E. J. Prochnow in einem Bereich tätig gewesen, der halbwegs seinem Beruf (Hotel-Manager) entsprach.

26) ^  Ob dieser Hans Bredereck der Vater vom Wolfgang Bredereck ist, der heute (2011) in Australien lebt, und uns mit den vielen alten und neuen Fotos aus Woldenberg versorgte, ist derzeit unklar. Sicher werden wir es bald erfahren.

27) ^  Bereits am 27. Juni 1945 wurden die Bewohner von Bayers Hof bei Woldenberg von den Polen brutal vertrieben, wie das Heinz Mohnhaupt (Jahrgang 1930) im 2. Band seiner Trilogie „Auf steinigen Wegen“ von 2004 eindrucksvoll ab Seite 120 beschreibt. Die Mitnahme von Handwagen wurde den Ausgewiesenen verwehrt. Sie mußten ihre wenige Habe tragen.

Der kleine Treck, dem sich noch andere anschlossen, wurde nur bis Friedeberg von polnischen Soldaten bewacht. Sie marschierten dann über Landsberg nach Küstrin, wo aber alle Brücken über die Oder zerstört waren. Etwas südlich von Küstrin gelangten sie bei Göritz über eine Behelfsbrücke dann doch noch ans westliche Ufer der Oder. Die körperlichen Strapazen des Fußmarsches waren so groß, daß kurz darauf Mohnhaupts 42-jährige Mutter Emma an Auszehrung starb und bei Reitwein beerdigt werden mußte. Die Mohnhaupts schlugen sich dann mühsam vom Oderbruch bis nach Anklam durch.




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