Woldenberg (Neumark)   —  Aufzeichnungen von Ernst Prochnow I khd
Stand:  18.6.2013   (124. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Ernst_Joh_Prochnow.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
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Auf dieser Seite wird über das Leben in Woldenberg im Jahr 1945 berichtet. Wir verdanken das den Tagebuch-Aufzeichnungen von Ernst Johann Prochnow (geb. 1887), dem das Hotel „Prinz von Preußen“ in der Woldenberger Richtstraße 47 gehörte.

Seine Aufzeichnungen sind im Archiv der Stiftung Haus Brandenburg überliefert. Sie wurden erstmals Ende Januar 2011 im Rahmen des Projekt „Zeitstimmen aus Brandenburg“ einem größeren Publikum präsentiert. Leider sind sie dort nur in Häppchen verteilt verfügbar, was das Lesen und Verstehen doch sehr erschwert, zumal auch noch die Links zum Weiterlesen oft nicht einwandfrei funktionieren.

   
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In dem Text wurden hier einige Anmerkungen [Ed: ...], Links und zu den Abbildungen ausführliche Bildlegenden redaktionell hinzugefügt. Mit * sind belegende bzw. weiterführende Links angegeben. Die Stellen mit [?] waren bereits für die Ersttranscriber unlesbar oder unklar. (xxx = das folgt demnächst). [Translation-Service]

1945 — Das Leben in Woldenberg und drumherum


 Woldenberg 1945 1

TAGEBUCH-AUFZEICHNUNGEN
VON

  ERNST J. PROCHNOW 2
(* 26.6.1887)

  Mit 4 Abbildungen und Links 3

I n h a l t :  


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter: http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Ernst_Joh_Prochnow.html


      Wochenlang zogen durch unser Städtchen schon Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen und weiter östlich her, zum Teil noch mit Kuh oder Ziege hinter den Wagen gebunden. Immer bedauerten wir die armen Menschen und halfen, wo es irgend ging, mit Unterkunft u. warmen Essen. Keiner der Flüchtlinge war froh, alles schimpfte auf die Regierung und auf die Evakuierungsmaßnahmen, aber alle hatten auch Angst vor den immer näher rückenden Russen. Von deutschen Soldaten bekamen wir wenig zu sehen.





21. Januar 1945 — Sonntag

      Ab Sonntag den 21. I. stand auch unser liebes Woldenberg in der Kriegszone direkt, und wir bekamen das Kriegsgeschehen zu spüren. Im
Offiziers-Gefangenenlager wurde nachts alarmiert, und nachts kommen auch schon Flüchtlinge aus Leslau und Bromberg, die im Treck auf dem Wege sind, die Menschen alle verängstigte Gesichter, die Pferde abgetrieben. Montag, Dienstag, Mittwoch bricht der Flüchtlingsstrom kaum noch ab.

      Im Hotel sind alle Zimmer dauernd belegt. In den Restaurationsräumen werden Strohlager für Durchreisende gemacht. Im Saal liegt eine Abteilung Luftwaffe — 80 Mann, 100 bei Ziebart, und alles ist froh, bei uns wenigstens warme Räume vorzufinden. Vom Bürgermeister Otto Hemp habe ich extra einen französischen Kriegsgef[angenen] zum Heizen bekommen, da täglich 100.000 Personen bei uns sind, wird nur noch Kaffee, Suppe und Eintopf gekocht.

      Die Kaufleute müssen ihre Vorräte rausgeben. In allen anderen Kneipen, Schule, Turnhalle sind aber auch Massenquartiere. Die Pferde werden bei den Bauern und meistens auf dem Rittergut untergebracht.

25. Januar 1945 — Donnerstag

      Am Donnerstag (unser 26-jähriger Hochzeitstag) 25. I. kamen dann die schlimmsten Alarmgerüchte! Russische Panzer in Schneidemühl, Filehne usw. Wir lassen uns leider wieder beruhigen und manche wollen an die russische Nähe noch nicht glauben, denken auch an die monatelang gebaute Pommernstellung!! Oh Hohn — ohne Soldaten. — Vielleicht Volkssturm — noch mehr Hohn!

      Ich laße unsere Mitarbeiter Elfriede Schnebel [Ed: Köchin des Hotels], Gertrud Stritzer [?], Frida Zeitz und [?] ihre Koffer packen. Jeder bekommt noch einen neuen Bettbezug und Handtuch geschenkt. Unsere Soldaten aus dem Saal ziehen ab, aber nicht nach Osten, sondern nach Stettin!! Wir haben soviel Arbeit im Hause, daß wir ganz den Krieg vergessen, dazu die Straßen voll von Flüchtenden.

26. Januar 1945 — Freitag

      26. I. Heute hört man auch schon Geschützdonner und ein unheimlicher Strom Flüchtlinge und Soldaten überfüllt die glatten Straßen. Verhaltungsmaßregeln für die Woldenberger werden bekanntgegeben.

      Unser Nachbar Willi Puhl bietet uns an, mit seinem Fuhrwerk mitzufahren. 2 von den Mädchen fahren nach Hause, Zeitz nach Marienwalde, [?] nach Langenfuhr. Elfriede und Gertrud wollen bei Herta bleiben. Ich will zu Hause bleiben!

      Alles ist in großer Aufregung. Endlich um 24 Uhr läuten unsere Kirchenglocken Sturm, das Signal zum Räumen der Stadt. In Scharen strömt alles zum Bahnhof und zum Sammelplatz Wutziger Straße. Familie Max Sann zieht auch an mir vorbei mit Koffern auf Handschlitten. Überall eiliger Abschied. Frau Nachbar Elli Krüger kommt auch zum Abschied.

      Der Bahnhof überfüllt, sodaß zunächst längst nicht alle mitkommen und weitere Züge aus Stargard abgewartet werden. Der Wagentreck wird auch unverständlicherweise wieder heimgeschickt und auf 7 Uhr bestellt. Herta kommt zurück, noch mal 2 Stunden schlafen. Bruno verabschiedet sich und bringt seinen Hund zum Töten.

      Herr Josef Hamann kommt, seine Frau ist schon fort und er bekommt Strümpfe und Oberhemd von mir. Inzwischen hatte ich Wasserleitung abgestellt, Heizungswasser abgelassen, Motoren abgestellt, Sicherungen aus der elektrischen Stromleitung entfernt usw. Denn auf Grund unserer Lügen-Nachrichten sollten wir ja nur vorübergehend flüchten.

27. Januar 1945 — Sonnabend

      Mit Otto Lissak, Otto Kassner und Rockstroh hatten wir Abmarsch 27. I. per Rad verabredet. Um 6 Uhr koche ich noch Kaffee und mit Herta und einigen Flüchtlingen aus Filehne, die ihren Treck verloren hatten, trinken wir am Büffet unseren letzten Abschiedskaffee und 1 Flasche Wein. Ich bringe Herta zum Wagen nach [der] Wutziger Straße und sage noch beim Abschied, wenn wir in 8 Tagen nicht wieder hier sind, dann ist die Heimat verloren. Der Treck fährt ab bei Kälte und hohem Schnee Richtung Kölzig [Karte] — Berlinchen mit dem Ziel Anklam, wo alle Woldenberger hin sollten.

      O. Kassner mit Wagen [bereits] ab[gefahren]. Als ich Rockstroh abholen will, ist auch er fort, gleich nach 1 Uhr, mit Auto getürmt. So bleibe ich zunächst noch in Woldenberg. Bruder Gustav [Prochnow] hatte in den letzten Tagen mit viel Aufregung den Verkehr in der Richtstraße regeln helfen. Er liegt nun zu Hause zusammengebrochen auf dem Bett. Die Stube voll Koffer und Pakete, warten sie auf ihren Fuhrmann W. K., der versprochen hatte, um 9 Uhr mit ihnen abzufahren, und es war 10 Uhr. Ich gehe für Gustav runter zu W. K. am Niedertor fragen, wann der Wagen kommt. Dort ist alles in Hochstimmung vom guten Abschiedsfrühstück und vom Alkohol und keiner kann Auskunft geben über Abfahrtszeit. Ich gehe wieder zurück. Die Straßen vollgestopft von Fahrzeugen, die in der Glätte nicht recht weiterkommen, und verabschiede mich von Gustav und Familie.

      Mein Fahrrad und Rucksack bringe ich zur Elysium-Niederlage [Ed: an der Wutziger Straße] auf den Hof und wieder zurück zur Stadt. An der Kreisleitung [Ed: der NSDAP am Kastanienplatz] werde ich von einem fremden SS-Führer angehalten. Alle Zivilisten will er bewaffnen zum Widerstand, welch ein Hohn!! Fehlberg hat schon ein Gewehr. Da dachte ich mir, nun ist es Zeit: Fort von hier! — Der Volkssturm war am Vortage nach Steinbusch gebracht und sollte wohl dort Krieg führen. In Gruppen und einzeln hatten die Männer aber glücklicherweise sich westwärts verkrümelt. W. K. mit Frau und Tochter haben sich später in ihrer Scheune erhängt!

  Dobiegniew -- Früheres Hotel Prochnow, Richtstraße 47
^   Das war das Hotel „Prinz von Preußen“ von Ernst Johann Prochnow in der Richtstraße. Das Foto entstand in Dobiegniew um 1955.   (Repro: 2007 – khd)
      In der Richtstraße treffe ich Rechtsanwalt Strempel als Leutnant. Er schwingt große Reden von einem siegreichen Gefecht bei Schneidemühl und wundert sich, daß Woldenberg räumt. Auf meine Frage, warum er nicht vorne ist und wo er hin will: Er müsse nach Küstrin zu einer neuen Division! Da dachte ich wieder, nun ist es Zeit — fort von hier! 11 Uhr. Ich will Willi Puhl abholen, aber dort ist der Laden voller Leute und kauft ohne Marken Fleisch und Wurst. In der Stube sitzt Herr Leutnant Strempel und futtert. Willi will noch nicht mit. Zu Hause schließe ich sämtliche Türen auf. Aus der Küche hole ich mir den letzten Kuchen und meinen Jagdhund Argo. An die Haustüre nagele ich einen Zettel „Komme gleich wieder“. Dann ziehen wir tiefbetrübt und erschüttert aus dem Hause, die Stätte unserer Lebensarbeit wird verlassen ohne große Hoffnung auf ein Wiedersehen.

      Am Postberg Abschied von Stadtinspektor Merris, in der Wutziger Straße von Heinz Rosengarten. Heinz fordert mich noch auf zu warten und abends mit dem Lastzug zu fahren. Ich danke aber. Walter Prochnow, der Fuhrunternehmer, hatte inzwischen das Krankenhaus geräumt und Kranke und Schwestern zum Bahnhof gefahren. Weiter geht es zu Otto Lissak und wir verlassen Woldenberg. Bei 8° Kälte und reichlich Schnee müssen wir unsere Räder meist schieben. Vom Bahnübergang Wutziger Straße noch einen langen Blick auf die Stadt. Kein Schornstein raucht. Wir wollten nun unseren Treck einholen, aber bis Kölzig, 10 km, brauchten wir 2 Stunden und waren mit unserer Last ziemlich erschöpft. Der ganze Weg ein Treck.

      In Kölzig [
Karte] hatten gerade die Fahrzeuge von Mehrenthin kurze Pause. Hier begrüße ich noch Hertas Cousine Lieselotte Persike mit ihren Kindern. Wir gehen zu Gastwirt Krüger und trinken Kaffee inmitten der vielen Flüchtlinge. Lissak fragt telefonisch bei Großbauer Gustav Knopsmeier, Albertshof, Kölziger Abbau an, ob wir eventuell dort bleiben können, und wir schieben weiter nach Albertshof, leider vom Wege ab durch hohen Schnee. Kurz vor dem Wald kam Willi Hohrn aus Rohrsdorf mit Trecker und Anhänger gefahren. Der mußte noch anhalten, weil von einem angehängten Schlitten die Betten runterrutschten. Leider nahm er uns nicht mit, obwohl er reichlich Platz hatte.

      Bei Knopsmeier [auf Gut Albertshof bei Kölzig] angekommen, klingelt zu meiner großen Freude dort Frau Herta aus Göhren an. In Göhren hat der Woldenberger Treck zu kurzer Rast gehalten. Frau Puhl sollte wieder zurück nach Woldenberg und damit waren die 3 Frauen mit ihrem Gepäck verlassen! Ich riet Herta auf W. Hohrns Wagen zu passen und dort vielleicht Anschluß zu finden. Gar zu gerne wäre ich nach Göhren (4 km) gefahren, jedoch die Überanstrengung der letzten Tage und Nächte und vor allem die letzten Kilometer Marsch im hohen Schnee hatte mich so erschöpft, daß ich bei Knopsmeier am Tisch gleich in tiefen Schlaf fiel. Auch Lissak konnte nicht mehr. Dann telefonierte Herta und A. Kassner noch einmal, aber nun kam ich nicht mehr in die nassen Strümpfe und Stiefel und gab es auf, nachzufahren. Gustav Knopsmeier ist auch sehr krank, zuckerkrank und Augenentzündung, so kamen wir denn frühzeitig ins Bett und ich konnte nach einer aufregenden Woche endlich mal ruhig schlafen. In den frühen Morgenstunden kamen dann aber die Gedanken — was nun tun. —

28. Januar 1945 — Sonntag

      28. I. Dem Treck nachfahren? Nach Hause fahren? Endlich kam ich zu dem Entschluß: nach Hause nach Woldenberg. Schon der Gedanke an unser Viehzeug, und wenn Frau Puhl zurück ist, kann ich auch wieder hin. Durch freundliches Entgegenkommen von einem Woldenberger Postbeamten bekam ich sogar um 9 Uhr noch telefonische Verbindung mit Puhl. Dort mußte ich aber von dem polnischen Hilfsarbeiter erfahren, Puhls sind in der Nacht auch beide abgefahren. Nach meiner Meinung konnte Puhl mit dem erschöpften Pferd noch nicht weit sein. Schnell machte ich mich auf den Weg, um Puhls eventuell abzufangen.

      Als erstes kam auf der Straße von Kölzig eine Kolonne im scharfen Trab gefahren, als wenn die Russen schon dicht hinter wären. Dann eine Abteilung Feldgendarme — ein Bild wie Napoleons Rückmarsch aus Rußland vor 100 Jahren! Fragen nach der nächsten Bahnstation. Dann traf ich den alten kleinen Molkereigehilfen aus Woldenberg mit einer Frau, einen kleinen Schlitten mit ihrer Habe ziehend. Sie wollen zum Bahnhof Marienwalde, in Woldenberg wären auch die Letzten beim Abmarsch.
Später treffe ich einen Wagen mit 2 Panjepferdchen: Auf der Deichsel stehend fährt Dentist Bornstädt* (* in Bernstein gestorben) bei einigem Schneesturm, im kleinen Wagen, der mit Hausrat vollgepackt ist, sitzt unser Volkssturmführer Lehrer Schauseil. Als Anhänger noch ein kleiner Schlitten mit Betten. Auf einem anderen Wagen liegt eine erfrorene Frau.

      In Kölzig angekommen, kann ich von Puhl nichts erfahren. Dort treffe ich Hugo Fritz beim Fleischer Zunk, dessen Pferde hatten vor dem überladenen Wagen schlappgemacht, und Fritz will zunächst in Kölzig bleiben. Ist am nächsten Tag als erster mit abgebrannt. Bis Mittag blieb ich suchend in Kölzig und ging dann über den See zurück nach Knopsmeier. Hier wurde erst aufgewärmt und ruhig Sonntag Nachmittag gehalten. Aber gegen Abend kommen wieder Alarmnachrichten. Auch die Nachricht, Züge sollen direkt von Marienwalde nach Anklam fahren. Knopsmeiers Tochter und Verwandte werden mit Lastwagen und Gepäck in wenigen Minuten verladen und zur Bahn gefahren.

      Lissak und ich wollen Knopsmeier weiter helfen, dieweil auch Fleischer schon ausgerissen sein soll. Sonntag abend spreche ich noch telefonisch mit Buchholz und Georg Witte, Wugarten. Dann soll es ruhig ins Bett gehen. Wo ist nun Herta, und Elfriede und Gertrud? Mit dem ruhig ins Bett gehen wurde es nichts. Am östlichen Himmel, Richtung Woldenberg und Bernsee, zeigt großer Feuerschein das herannahende Kriegsgeschehen. Der Wagen aus Marienwalde kommt zurück. Am Bahnhof sei alles überfüllt, ob überhaupt noch Züge fahren, weiß kein Mensch. Es gibt im Haus ein großes Durcheinander. Es soll noch gleich nachts mit Pferden und LKW losgefahren werden. Ich mahne zur Ruhe, um den frühen Morgen abzuwarten. Gustav Knopsmeier, sehr krank, ist auch dafür. —

      Zum Glück für uns alle, wir wären sonst in Schönrade in das furchtbare Schlamassel reingeraten. Dort waren einige Trecks zusammen halten geblieben, Wege verstopft und wurden von Panzerspitzen überrannt. Viel Tote und Verwundete. — Pferde werden gefüttert, Wagen fertiggemacht usw. Inzwischen kommen und gehen Leute von der Siedlung und wollen Rat und Hilfe haben und mit uns fahren. Man hört auch schon MG-Feuer. Um 3 Uhr früh hören wir dann auch auf der Straße, etwa 1 km vom Gehöft, die ersten russischen Panzer, von Marienwalde kommend, vorüberrollen. Ich liege auf dem Sofa und mahne zur Ruhe.

29. Januar 1945 — Montag

      29. I. In der Siedlung wird geschossen. 1 Mann tot. Panzer in Göhren, also schon an unserem Gehöft vorbei, schießen eine Scheune in Brand, auch sonst noch ein bißchen. Beim Rausholen der Feuerwehrspritze wird der Schmied Krüger verwundet. Unser Hof liegt ein bißchen abseits der Straße und war von Russen noch nicht gesehen.
Um 1/2 8 Uhr stehe ich endlich auf, um die Lage zu peilen! Sehe erst ein bißchen auf den Hof, wo langsam alles in den gewohnten Gang kommt. Dann an die Waldkante auf Beobachtungsposten. Auf der Straße — von Marienwalde kommend, ziehen jetzt schon russische Infanterie auf LKW und Geschütze aller Größen! Panzerspitzen, hat man uns vorgelogen! Telefon geht aber noch, nach Kölzig und Wugarten, wo alles noch ruhig ist. Bis Schönrade haben aber die Russen den Treck eingeholt und abgeschnitten. Bei uns natürlich alles in größter Spannung. Es sind jetzt schon 30 Personen im Hause und keiner traut sich recht, schlafen zu gehen. Mittlerweile verkrümelt sich aber alles. Licht wird nicht angemacht.

30. Januar 1945 — Dienstag

      30. I. Um 1/2 8 Uhr stehe ich auf und mache in der Küche Feuer an, bringe gerade das verstopfte Klo in Ordnung. Da wird plötzlich die Tür heftig aufgestoßen und vor mir steht, mit gespanntem Trommelrevolver, der erste russische Soldat! Oh Schreck! Ein kurzer Blick, er zeigt aufs Handgelenk, die Uhr ist mein, sagt er. — Schön — die gute Armbanduhr ab, verschwindet in seine Hosentasche. Ein Stoß mit dem Revolver an den Bauch, andere Uhr auch her. Schön — der gute Taschenwecker mit Kette ab, verschwindet auch in die russische Hosentasche. Ausgerechnet hatte ich mich mit dem neuen Apparat frisch rasiert, Stiefel schön geschmiert und im Schnee gewaschen, sodaß ich recht jung aussah und für einen Soldaten gehalten wurde. Ein zweiter Russe mit gespanntem Revolver kommt hinzu. Er hat inzwischen den anderen Männern die Uhr abgenommen, und im Schnee Spuren gesehen, die anscheinend von einem versprengten deutschen Soldaten stammten. Alles wurde mir durchsucht. Stiefel ausziehen, ob Sohlen genagelt usw. Dann wurde das Haus durchsucht.

      Trotz der schußbereiten Revolver waren die Soldaten aber sonst friedlich und zogen nach einer Stunde wieder ab. Da am Vortage der elektrische Strom aufhörte und auf dem Hofe keine Pumpe ist, hatte ich noch abends von den Knechten ein Loch in den See hauen lassen zum Wasser besorgen. Zum Glück! Denn mit dem Erscheinen der ersten russischen Soldaten waren alle Männer, Franzosen, Polen, Deutsche, vom Hofe verschwunden! Mit Lissak zog ich mit 2 Rodeln, 5 großen Milchkannen drauf, zum See — 300 Meter und hole Wasser für 5 Pferde, 16 Kühe und fürs Haus. Bald kommt wieder ein russischer Soldat auf den Hof, ein sehr netter, während wir beim Frühstück sitzen. Er erzählt uns: Stettin kaputt, Berlin kaputt, Hitler kaputt. Einem der verängstigten Kinder schenkt er einen Füllhalter und schoß mit seiner Pistole den Radio kaputt. Im Radio hatten wir Sonntag abend noch gehört, der Berliner Volkssturm wird in LKW und Omnibus nach Kreuz gefahren und dort eingesetzt, der größte Teil nimmt aber jede Gelegenheit wahr, um zu türmen.

      Wir zogen weiter nach Wasser. Mittags kommen wieder 7 Soldaten, 2 mit langen Säbeln, die sie sich irgendwo ausgesucht hatten. Im Hause wird alles durchsucht, Telefon vernichtet, Barometer zerschossen. Auch mein Rucksack und meine Tasche werden erleichtert. Lissak hatte sich hinter die Küche verkrümelt und ich mußte wieder mit ins Haus kommen. Leider hatten die Soldaten die von Herta fürsorglich eingepackte Flasche Weinbrand (90 Mark) gefunden und entleert. Die Folgen machten sich bald bemerkbar. Mit Mühe entging ich einigen Stock- und Säbelhieben und sollte mitgenommen werden, aber auch Lissak holen. Die Gelegenheit benutzte ich, in den Kuhstall durch die Knechtestube achtern in den Wald zu flüchten. Lissak blieb verschwunden. Im Hause spielte sich nun das erste Drama ab. Es waren noch 3 Soldaten zugekommen und alle Frauen, 16–56 Jahre alt, mußten dran glauben. Ich blieb gut getarnt am Waldrand und konnte den Hauseingang beobachten. Eine Patrouille von 4 Russen zog unweit vorbei. Ein Teckel vom Hofe wurde mir fast zum Verräter und ich mußt das arme Tier erst umbringen. Auch nicht so einfach, denn mein gutes Jagdmesser hatte jetzt der Säbelheld. Ein Happen Rosinenkuchen, von Woldenberg her noch in der Rocktasche, war meine Verpflegung. Wußte ich doch nicht, wie lange . . .

      Bei einbrechender Dunkelheit sah ich denn endlich einen Wagen abfahren. Knopsmeiers Autokutsche mit dem Schimmelhengst. Bald folgte auch der Jagdschlitten mit 2 Pferden vor. Ein Soldat mühte sich mit dem schönen Fohlen ab, saß aber doch bald drauf, ein Reiter aus Kölzig kam noch hinzu und alles zog ab. Ich fror auf meinem Posten sehr, zumal auch von oben Schnee in die Stiefel gekommen war, und wollte nicht im Walde übernachten. Vielleicht zu G. Hickstein nach Kölzig gehen, obwohl in Kölzig auch schon verschiedene Häuser brannten. Es waren aber 7 Schüsse gefallen und wollte ich erst sehen, was im Hause los ist, und auch Lissak mitnehmen. Die Soldaten waren alle fort, vorsichtigerweise blieb nämlich in der ersten Zeit nachts keiner (von den Soldaten) im Hause, sonst war alles in großer Aufregung und hatten auch schon mich aufgegeben, weil auch draußen einige Schüsse fielen. Knopsmeier lag krank im Bett und Mutter Knopsmeier machte das verspätete Mittag fertig um 19 Uhr. Von der Siedlung kommen mehr Leute, so sind wir schon 38 Pers[onen] im Hause. Schlafen wollte erst keiner, aber die Natur fordert ihr Recht, und so wurden Sessel, Stühle und Fußboden verteilt. Lissak und ich bekommen die [?] und um 21 Uhr war ich fest eingeschlafen.

31. Januar 1945 — Mittwoch

      31. I. Da mit dem anbrechenden Tag wieder mit Russenbesuch zu rechnen war und Frau Pomrehn, die Tochter von Knopsmeier, dem aus dem Wege gehen wollte, zogen wir um 1/2 6 Uhr auf den Heuboden, ich schlief dort auch gleich wieder ein, bis Lissak uns zur Frühstückssuppe um 9 Uhr rief. Da inzwischen ein paar 40 Personen bei Knopsmeier sind, wollen Lissak und ich abwandern. Knopsmeier bittet zu bleiben. Um 10 Uhr Gewehrfeuer, Geschützfeuer, Fliegerbomben und Beschuß in der Gegend. Wir bekommen noch mal Hoffnung auf Befreiung und bleiben. Kühe füttern, Heuboden wohnbar machen, Schrot durchsieben für Vollkornbrot, Knopsmeiers Schreibtisch ausräumen sind unsere Beschäftigung. Russische Panzer in langer Kette rollen weiter vor, auch andere Fahrzeuge. Dazwischen auch wieder einige Flieger, aber deutsche nur wenig. Gegen Abend sieht man in Kölzig und allenthalben große Brände. Wo ist Herta usw.?

1. Februar 1945 — Donnerstag

      1. II. Um 6 Uhr wieder mit Frau Pomrehn zum Heuboden, schlafen. Kühl und gesund. Wir räumen unsere Rucksäcke wieder mal um. 1/2 10 Uhr Frühstückssuppe, dann mit Fleischer ein Schwein geschlachtet. Lissak läuft dabei fort. Mittags wieder ein paar Flieger und Schießen. In Kölzig neue Brände. Wir beschäftigen uns weiter auf dem Hof. In den Stuben sitzt alles in langer Erwartung. Um 16 Uhr erscheinen wieder 2 Russen. Wie auf einem Hühnerhof ist im Nu alles verkrümelt. Mit affenartiger Geschwindigkeit klettern einige Herrschaften, die sonst kaum auf einen Stuhl steigen konnten, den sehr unbequemen Heubodenaufstieg empor. Der deutsche Sport macht sich bemerkbar. Der alte Julokek, ein Flüchtling aus Lytz, als Dolmetscher, und Frau Knopsmeier fangen den Sturm auf. Die Soldaten sind aber ruhig und ziehen mit ein paar Flaschen Most nach 3/4 Std. wieder ab. Langsam erscheint wieder alles aus den Verstecken und der Stamm sitzt um Knopsmeier in der großen Stube im Dunkeln. Einzeln holt sich jeder seine Stulle und Kaffee, bis um 20 Uhr wird noch geklönt und langsam begibt sich alles zur Ruhe. Ich gehe seit W[oldenberg] zum ersten Mal wieder barfuß zu Bett.

2. Februar 1945 — Freitag

      2. II. +5°. Um 6 Uhr kommt wieder Frau Grete Pomrehn und wir türmen wieder auf den Heuboden. Auf Schlaf wird aber verzichtet. Ich fange bald an, den Hof vor dem Kuhstall zu fegen. Noch nie ist der Hof und die Stallgänge so oft gefegt worden.

      Um 8 Uhr kommt der Pole Anton, welcher vordem auf Hartungs Schneide-Mühle beschäftigt war, in Begleitung eines Russen und suchen den Treckerführer Wizek. W. ist aber auch gleich Dienstag früh fortgelaufen. Der Trecker wird besichtigt und um 9 Uhr vom Milchfahrer abgeholt. Dazu der große für die Flucht fertiggemachte Gummiwagen. Fleischer und ich nehmen noch schnell die Koffer runter und reißen einige Teppiche, welche als Plandach aufgenagelt waren, ab. Kühe getränkt, dann gibt es endlich Frühstück.

      Anschließend wird das Schweinefleisch verstaut. Lissak ist Wasser holen. Da kommt ein Soldat aufgeritten. Alles stiebt wieder fort, diesmal auch ich auf den obersten Heuboden hinterm Schornstein. Groß Palaver mit dem Opa Julokek. Sofort Stiefel besorgen, sonst wird geschossen. 2 alte Männer, Schiefelbein und Mark, werden ihre Stiefel los, bald sitzt der Russe auf seinem schönen Grauschimmel und reitet ab. Lissak und ich beschäftigen uns mit Holzhauen. Da kommt wieder ein Jüngling aufgeritten, auf einem schweren Fohlen. Der will aber nur sein Pferd gefüttert haben und wir haben uns gut unterhalten. Von einem Abmarsch ohne Ausweis rät er uns aber ab. Weitere 3 Mann kommen, welche die Lichtleitungen nachsehen. Fragen um den Weg nach Geilenfelde und ziehen weiter.

      Kurz vor Dämmerung kommen noch mal 5 Mann. Der Hof wieder blitzschnell leer von Menschen. Aber es waren nette junge Leute, haben am Tisch Wasser getrunken und sich Zigaretten gedreht. Dann saßen wir wieder alle im Dunkeln und hoffen auf einen ruhigen Abend. Aber leider — Schüsse auf dem Hof künden Besuch an und herein stürzen 3 Mann, stark bewaffnet, und wollen alles Mögliche haben. Meine schönen dicken Handschuhe, Hundeleine, Brieftasche, Tabaksbeutel ade! Dann auf den Heuboden. Mit Frau Knopsmeier hatte ich Wurst und Spießbrüste in die Kammer gehängt zum Nachräuchern. Alles in einen Bettbezug gepackt und ab gingen die Herrschaften. Nachtlager werden verteilt, bis 20 Uhr noch geklönt. Und dann Gute Nacht. Wo ist Herta nun?

3. Februar 1945 — Sonnabend

      3. II. Ab 7 Uhr auf dem Hof ein bißchen rumgefegt. Kühe tränken. Endlich mal im Pferdestall mit Seife gründlich gewaschen. Um 1/2 10 Uhr Frühstück und auch mal der erste Besuch von der Nachbarschaft. Gutsbesitzer Müller, Göhren [
Karte], ist auf Suche nach seinen Kühen und erzählt uns einige Erlebnisse. Treck Klosterfelde hatte in Göhren kehrtgemacht, als die Russen kamen. Eine Frau Schröder hat sich dabei tapfer gewehrt. Leider auf ihrem Wagen 1 tot, 1 verwundet.

      Lissak und ich räumen wieder auf und holen bis 12 Uhr Wasser vom See. Es brennt wieder in Kölzig und Göhren. Bis 14 1/2 Uhr schippen wir noch Weizen in Säcke. Dann ist Mittag und Ruhetag. Wir sitzen still zusammen und jeder denkt seine Sache. Um 16 Uhr kommt noch mal Herr Müller und bringt Bericht aus Göhren, wenig Gutes. Er geht nach Kölzig und ich bitte ihn, wegen Passierschein nach Woldenberg zu erkundigen. Bis 20 Uhr sitzen wir wieder ohne Licht zusammen, dann krümelt sich jeder auf sein Lager.

4. Februar 1945 — Sonntag

      4. II. –2°. Klares Wetter. Kühe tränken, waschen, Frühstück! Da kein Brot, gibt es Grützwurst, Sauerkraut und Pellkartoffeln. Dann wieder mit Lissak Wasser holen bis 12 Uhr. Für 16 Kühe und über 40 Menschen wird eine Menge Wasser verbraucht. Dazwischen kommen wieder Leute von der Siedlung und erzählen auch, daß viele Pferde auf der Straße herumlaufen. Horst Fleischer (16 Jahre alt) wird auf Pferdefang geschickt. Er bringt auch erst einen alten, dann einen jungen Braunen an. Somit sind wieder Pferde auf dem Hof. — Wie lang?

      Gegen 13 Uhr kommt der alte Fischer F. aus Kölzig. Er freut sich, trotz der Schießerei uns alle lebend zu sehen, und auch daß die große Standuhr noch vorhanden ist. F. hat viel Leid erlebt. Sohn und Schwiegertochter Pulsader — Frau und Tochter geschlagen usw. Er tröstet den kranken Knopsmeier ein bißchen. Um 15 Uhr kommen wieder Frauen aus der Siedlung, haben Sachen aus ihrer Wohnung geholt. 16 Uhr gibt es Mittag, dann ist Sonntagsruhe. Bis 21.30 Uhr sitzen wir wieder im Dunkeln zusammen.

5. Februar 1945 — Montag

      5. II. +1°. Trübe und nebelig. Mit Lissak erst wieder unser Gepäck umsetzen, dann Wasser holen. Dann unter Knopsmeiers Leitung die landwirtschaftlichen Maschinen aus Schuppen und Scheune auf die Koppel geschoben, wegen Feuergefahr. 1 russischer Soldat kommt aufgeritten. Wasser holen. Ich bekomme Magenschmerzen und wir sitzen wieder im Dunkeln. 18 Uhr kommen noch 2 Reiter aufgeritten. Alles verkrümelt sich, in der Stube bleibt alleine Opa und ich. Ich hatte nun auch schon einen kleinen weißen Vollbart. Die Soldaten suchen aber nur Frauen, schossen dabei 2 Mal auf dem Hof und schließlich ging auch in der Stube aus der Maschinen-Pistole ein Schuß los. Großes Geschrei vom großen Nachbarzimmer, wo die ganzen 14 Kinder und 16 Frauen zusammensitzen. Alles wird aber bald beruhigt und um 20 Uhr ziehen die Soldaten befriedigt! Ab. Bis 21 Uhr wird noch geklönt und dann ins Bett. Wo ist nun Herta usw.?

6. Februar 1945 — Dienstag

      6. II. +2°. Trübe und nebelig. Herr Fleischer weckt um 7 Uhr und es wird ein bißchen rumgemurkst. Dann Wasser holen. In der Siedlung ist heute alles ruhig und der größte Teil der Frauen geht hin und holt sich Sachen aus ihren Wohnungen, soweit dieselben nicht zerstört sind.
Nördlich hört man viel Geschützfeuer, der Kampf um Arnswalde! Alle sitzen wir im Ungewissen. Lissak ist Weizen mahlen — mit Kaffeemühle! Ich habe Schmerzen in der Hüfte und sitze in der Stube. In allen Richtungen sieht man Brände. — Die Fackeln des Krieges leuchten. — Ich denke an einen Heimmarsch nach Woldenberg, aber alles rät ab. Dauernd rollt wieder Nachschub auf der Straße, kein Besuch auf dem Hof.

7. Februar 1945 — Mittwoch

      7. II. +4°. Mit dickem Nebel, später Aufklärung. Mit Lissak Wasser holen. Beim Frühstück kommt wieder Herr Müller. Wenig Neues. Auf dem See liegen 3 Kühe, die auf dem Eise ausgerutscht sind und nicht hoch können. Fleischer, Lissak und ich machen uns auf, die armen Tiere an Land zu ziehen, damit sie wieder aufstehen und weiterirren können. Dann wird mit viel Mühe Weizen gemahlen, dieweil kein Brot und Mehl mehr vorhanden ist. Alle Kaffeemühlen sind aufgetrieben und es geht an die mühsame Arbeit. Sogar Herr Tersmann hilft. Horst Fleischer hat inzwischen ein Pferdegeschirr besorgt und nun wird mit Pferd Wasser geholt. Mittag essen. Huhn mit Graupen, und dann wird in der Stube gesessen und trüben Gedanken nachgehangen. Wo sind die Frauen, was mag in Woldenberg sein. Um 21 Uhr geht alles schlafen.

8. Februar 1945 — Donnerstag

      8. II. Morgengymnastik – 30 Eimer Wasser schöpfen für die Kühe aus dem Hofjauchetümpel. Wasser holen für Haus und Küche, waschen im Pferdestall, Frühstück, dann geht es wieder an die Müllerei mit vielen Kräften. Um 11 Uhr kommen 2 Russen. Wir bleiben still auf dem Kornboden. Ein Einspänner kommt noch auf den Hof und holt sich ein neues Pferd. Um 14 Uhr kommt ein Zweispänner, 2 Offiziere und ein Bursche beritten. Sehr nette Herren. Wir essen um 16 Uhr alle Mittag und müssen auch mit den Herren Schnaps trinken. Da die Russen über Nacht bleiben wollen, verdrücken Lissak und ich uns und suchen uns ein ander Quartier. Polenstube. Schlafen dann aber doch auf freundliche Einladung bei Frau Ziebart in der Hausmannswohnung. 8 Frauen, 2 Kinder und wir zwei in einer Stube. Habe aber gut geschlafen.

9. Februar 1945 — Freitag

      9. II. Um 1/2 8 Uhr auf und die übliche Frühgymnastik. Wasser schöpfen. Die russischen Herren bleiben noch. Ich frage wegen Passierschein nach Woldenberg. Der Kapitän meint, ich könnte ruhig nach Woldenberg gehen, es ist aber viel kaputt. Da es für heute zu spät ist, wird auf morgen — Samstag — Marsch nach Woldenberg beschlossen. Nachmittags wird noch die Kutscherstube aufgeräumt und wohnbar gemacht für Knopsmeier, Lissak und mich. Dabei dann auch wieder meine Brille gefunden.

10. Februar 1945 — Sonnabend

      10. II. +3°. Klares Wetter. Frühsport, Frühstück und um 8.30 Uhr alleine ab nach Woldenberg, das wir vor 14 Tagen verlassen hatten [Ed:
Was dort in dieser Zeit geschah]. Voller Hoffnung! Lissak sagt noch, du gehst erst zu August Rämme ran und läßt dir ein paar Hosen geben. — Oh Enttäuschung — . Ich bin kaum 400 Meter vom Hof, kommt ein Reiter — Halt! Rucksack und Taschen werden durchsucht und nichts gefunden. Aber, mein vorletzter Stolz, meine schönen Stiefel mußte ich ausziehen und bekam dafür seine Stiefel. Größe 45! An 4 Stellen kaputt und schon mit Stroh ausgelegt! In Kölzig am dritten Haus — Ortswache — wieder Kontrolle. Rucksack und Taschen ausgepackt. Einem Herrn gefällt meine Lesebrille. Brille ade — futsch. Alles wieder eingepackt und weiter durch Brandsheide. Überall viel Fahrverkehr. Nachschub hin, Verwundete zurück. Wutzig wieder Kontrolle. Meine letzte Wegzehrung, ein Stück Wurst noch von Woldenberg her, geht verschütt.

  1945 -- Wo war das alles?
^   Wo liegen die Orte, wo sich das 1945 alles abspielte? Das Gut Albertshof ist hier nicht eingezeichnet, liegt aber in der Nähe des Dorfes Kölzig.

Übrigens, alle Flüchtenden, die in Kölzig nach Norden in Richtung Arnswalde abbogen, kamen damals heil bis zur Oder durch und konnten diese bei Greifenhagen queren. Der große Woldenberg-Treck zog hier aber in westlicher Richtung nach Berlinchen weiter, wo er von den russischen Panzern am 29.1.1945 überrollt wurde.
[Bericht von Bürgermeister Hemp]   (Grafik: 2011 – khd)
      In Wutzig treffe ich noch Gohlke aus Krügergrund und 5 andere Männer. Sie sind auf dem Wege nach Schwachenwalde, um von dort ihre Frauen und Sachen zurückzuholen. Ich versuche in Wutzig noch zu Frau Schnebel zu kommen, um dort vielleicht Nachricht von den Frauen zu hören. Aber alles liegt dort voll Soldaten, die anscheinend reichlich Schnaps hatten. Mit Hallo und Gesang werde ich begrüßt. Ich wende eiligst meine Schritte links ab nach Woldenberg. An vielen Spuren des Krieges vorbei.
Auf den Koppeln und Wiesen sind Hunderte Kühe zusammengetrieben, die meistens nicht gemolken sind. Hinter der Wutziger Brücke kommt von Lauchstadt her eine Streife geritten. 1 Offizier, 5 Mann. Ich werde angerufen und an der Wegecke durchsucht. Ich hatte unter der Lederhose noch eine Tasche mit Geld angebunden. Kapitalist, hieß es und nun sollte es aus sein mit meiner Erdenlaufbahn! Meine Angaben: nach Woldenberg rabatter (arbeiten) gehen, wurden angezweifelt. Dazu war im Rucksack noch der Kopfschützer gefunden — aus war es. Angesichts der großen Pistole sagte ich noch zu dem Offizier — warum — du hast doch sicher auch Frau und Kinder. Aber zittern und bitten wollte ich auch nicht. Der dramatische Augenblick. Ich sollte an den Obstbaum gehen. In Strümpfen und Unterhosen! Hier findet mich kein Mensch, denke ich noch! Plötzlich wohl eine weiche Regung des Herrn, dazu mein 14 Tage alter weißer Vollbart. Ich konnte mich wieder anziehen und mit Dank ab weiter nach Woldenberg.

      An der Schäferei viel Soldaten und große Flakstellungen. Aber unbehelligt komme ich weiter. Am Bahnübergang, Wärterhaus und Wohnhaus Trümmerhaufen, wieder ein Schuß, aber harmlos. Wutziger Straße! Oh welche Enttäuschung. Ich wollte zu Rämme gehen und mir Schuhe besorgen! Was haben wir uns nur vom Kriege vorgestellt. Hamanns Haus und die rechte Straßenseite alles Trümmer, und alles voller Fahrzeuge und Soldaten. In Ahnefelds neuen Häusern sind Lazarette. Am Kastanienplatz werde ich festgehalten und zur Kommandantur gebracht, in Rücks Haus. Dort ist Hochbetrieb und noch keine Zeit für mich. Ich werde draußen an Kassners Autorampe gestellt zum Warten. Dort hörte ich dann wenig Gutes von einem Dolmetschermädchen, da versuche ich einfach über Aulichs Trümmerfeld den Postberg runterzukommen.

      Durch eine gerade vom Kastanienplatz abrückende größere Abteilung war nämlich der Posten abgelenkt. Werde aber wieder festgehalten und zur Kommandantur gebracht. Noch keine Zeit. Warten an der Rampe. Mein letztes Stück Schokolade wird aufgegessen, und auch die Tagebuch- Aufzeichnungen, die im Rucksack verstaut waren, werden langsam aufgekaut. Sicher ist besser, dachte ich mir. In der oberen Richtstraße steht nur das Haus von A. Seifert [Richtstraße 2] und so konnte ich über alle Trümmer hinweg mein Hotel ganz stehen sehen. Nach 1 1/2 Stunden kommt ein Kapitän und gibt mir Zeichen zum Fortgehen! Bringt mich sogar noch um Beiers Hausruine.

      Ich sah ein, daß ich bei dem heutigen Hochbetrieb doch nicht in die Stadt komme, zudem waren die Füße in den herrlichen Stiefeln auch schon durchgelaufen, naß und kalt, also Rückmarsch. Trümmer hatte ich genug gesehen. In Wutzig holte ich noch ein den Bauer Kühl aus Brandsheide. Er war auch am Platz festgehalten worden, konnte aber ein bißchen russisch sprechen und wurde laufen gelassen. Kühl war 8 Tage bei Schmied Menzel in Woldenberg. Dort mußten nun die Häuser plötzlich geräumt werden, weil alles zu Lazarett gebraucht wird und er wollte nun nach Hause. Ich konnte ihm nun gleich berichten, daß seine Wirtschaft auch abgebrannt ist. Bis Brandsheide gingen wir nun zusammen. In Kölzig manchmal Kontrolle und endlich im Schummer müde, hungrig mit durchgelaufenen Füßen treffe ich bei Knopsmeier ein. Bei Gustav Knopsmeier am Krankenbett erst erzählt und etwas erholt. Bekomme dann noch warm Abendessen und um 20 Uhr zu Zieglers. Dort natürlich mit Lissak alles erzählt und die Füße verbunden. Nachts denn dort auch noch Besuch von Russen. Frau — komm — !

11. Februar 1945 — Sonntag

      11. II. Ein Sonntag war es, hell und klar, das schönste Frühlingswetter. Erst mal Füße waschen und verbinden. Denn beschäftigten wir uns auf dem Holzplatz, weil dauernd Besuch von Russen, die sich ein Schwein geschlachtet haben und nun auf dem Hof in Strohfeuer absengen. Dann wird die Bude geheizt und ein paar Holzsandalen verpaßt, denn in den Stiefeln kann ich nicht laufen. Von Honig und Weizenschrot knete ich mir eine Süßspeise als zusätzliches Essen. Um 1/2 16 Uhr Mittag essen, dann Sonntag. Grübelnd bis 20 Uhr in der Stube gesessen und dann zu Zieglers schlafen. Wo mag Herta sein?

12. Februar 1945 — Montag

      12. II. Schnee ist wieder gefallen, –2°. Also ist es aus mit meinen Holzsandalen, und es geht auf Suche nach Schuhen. Von ein paar guten Stiefeln werden die Schäfte abgeschnitten und besäumt, um meine guten Halbschuhe im Koffer zu schonen! Umsonst!!! Bis Mittag sind auch die verschwunden mit allem, was noch mein Hab und Gut war. Oberhemd, Strümpfe, Unterwäsche, der gute Jägeranzug, alles, alles abgeräumt vom Versteck auf dem oberen Kornboden. Dazu auch Sachen von Lissak. Der Großbetrieb im Abräumen auf dem Gehöft hält weiter an. Wir, Lissak und ich, sitzen in der warmen Polenstube und denken: Wo sind die Frauen, was kommt nun noch?

13. Februar 1945 — Dienstag

      13. II. Mit den Stiefeln ist kein Laufen. Opa aus Lytz opfert ein Paar gute Schnürschuhe aus seiner Kiste. Ich will erst das Opfer nicht annehmen, aber die nächsten Russen könnten die Schuhe doch brauchen und so nehme ich sie. Heute wenig Besuch. Brennholz wird aus dem Walde geholt, eine Patrouille Russen gibt uns etwas Tabak für die Pip [...] Abends kommt dann aber wieder großer Ausländerbesuch!

14. Februar 1945 — Mittwoch

      14. II. +2°. Bürgermeister Sauermann kommt aus Kölzig. Alle Bewohner von Albertshof, 53 Personen, werden zusammengerufen und Sauermann verliest die ersten Bekanntmachungen. Alle männlichen Personen haben sich zur Arbeit zu melden. Alle Radios und Waffen sind abzuliefern usw.

      Inzwischen hatte sich eine Autokolonne auf dem Berge hinter unserm Gehöft in Lehm und Schnee festgefahren, die Besatzung besucht uns reichlich. Wir werden genau durchsucht. Bei mir fällt mein Hausschlüssel auf, der von Woldenberg her noch in der Gesäßtasche steckt. Ich soll durchaus die dazu passende Stube aufschließen. Pistole ins Kreuz gestoßen usw. Alle Männer müssen raus, Schnee wegschippen für die Autos. Inzwischen räumt die Besatzung sehr reichlich aus. Ich werde noch mal vom Schippen fortgeholt, wegen des Schlüssels! Ein bißchen sehr grob, so daß die Genossen mich schon wieder aufgeben. Inzwischen kommt ein Offizier aufgefahren, der schon vor einigen Tagen bei uns übernachtete. Die ersten rücken nun schnell ab, reichlich beladen. Aber wir sind alle froh. Nachts gab es wieder Besuch.

15. Februar 1945 — Donnerstag

      15. II. +3°. Horst Fleischer und ich fahren die Radios und Waffen nach Kölzig zu Gustav Hickstein. Auf der Straße großer Betrieb vorrückender Soldaten. Schwere Zugmaschinen mit Geschützen, aber auch große Abteilungen mit Pferden.

      Um 15 1/2 Uhr gibt es Mittag. Dann bekommen wir Besuch. Aber Landsleute, aus Schwachenwalde Rückwandernde! 22 Personen aus Driesen, 2 aus Wiesenthal. Frau Fischer Briesen [?] und andere Bekannte vom Turnverein. Wiedersehen war etwas erschütternd. Aber alles wird abgefüttert und übernachtet. Am nächsten Morgen noch Frühstück, dann ziehen sie weiter — der Heimat zu. Die Russen haben uns noch mit LKW den besten Hammel fortgeholt.

16. Februar 1945 — Freitag

      16. II. Frühlingswetter. Um 1/2 8 Uhr schlachten Fleischer und ich einen Hammel. Dann wird noch ein Steg in den See gebaut zum Wasserholen. Dieweil Eis weggetaut. Dazwischen dauernd Besuch von Russen. Ich bekomme ein Paket Tabak geschenkt und habe nette Unterhaltung mit einigen Soldaten. Sie haben neue russische Zeitungen und lesen uns vor. Grünberg — Sommerfeld — Glogau wieder von Russen geräumt. An unserer Lage ändert das nichts. 2 Hammel und Geflügel verschwinden wieder mit einem Kutschwagen. Horst Fleischer und ich versuchen, einen großen Schafbock, der schon halb wild auf dem Felde herumläuft, auf den Hof zu kehren, aber vergeblich. Am Abend wird der Betrieb immer größer. Dabei hören wir großen Gefechtslärm und sehen auch viel Flieger. Ein schwacher Hoffnungsschimmer glimmt auf. In der Polenstube liegen jetzt die Kranken, Frauen und Mädchen. Ich heize ihnen die Bude noch warm und verschwinde zu Zieglers. Tee trinken und um 20 Uhr aufs Lager.

17. Februar 1945 — Sonnabend

      17. II. –3°. Alles wieder ruhig. Mittags kommen 1 Offizier und 2 Soldaten aufgefahren. — Der Kommandant von Göhren. Alle Bewohner werden zusammengerufen. 3 Mann und 7 Frauen werden zur Arbeit nach Göhren befohlen. Um 7 Uhr früh hin, um 18 Uhr zurück. Dort ist ein Meiereibetrieb eingerichtet. Soldaten suchen inzwischen Hof und Ställe ab, und zum Schluß auch den Heuboden.

      Nun wäre es beinahe wieder dramatisch geworden, weil Herr Tessmann aus Bromberg, der Schwager von Knopsmeier, sich dort versteckt hatte. Wir beobachten aus dem Wohnzimmer die Festnahme und befürchten das Schlimmste. Durch sehr verständiges Entgegenkommen des Offiziers wird alles aufgeklärt und Frieden gemacht. Auf meine höfliche Bitte bekommen wir sogar unser Brot zurück, welches die Soldaten aufgeladen hatten. Zur allgemeinen Freude, denn Brot war immer knapp. Abends wieder großer Budenzauber im Hause. Bei Ziegler aber Ruhe. Pferd und Wagen sind wieder mal fort. Auch der letzte alte Kutschwagen wird abgeholt.

18. Februar 1945 — Sonntag

      18. II. –3°. Klares Wetter. Um 1/2 8 Uhr rücken unsere Leute mit Handwagen und Milchkannen ab nach Göhren. Mit einigen Kindern schaffe ich Wasser vom See herauf. Dann — oh herrliche Wohltat — wird in der Futterküche ein heißes Fußbad genommen. Russen holen Hafer. Dann wird wieder Sonntag gehalten. 2 Stunden bei Gustav Knopsmeier gesessen. — Die Gedanken sind bei Herta, Gustav, Scheuers, B. Hemp usw.

19. Februar 1945 — Montag

      19. II. –4°. Frühsport, dann Holz sägen. Den ganzen Tag großer Russenbesuch. Auf den Höhen bauen die Russen Stellungen, im Hause Telefon und Nachrichtenabteilung bleiben im Quartier. Bei Zieglers, wo wir schon mit 12 schlafen, kommen auch 8 Mann Einquartierung. 4 in die Stube, 3 mit mir in die Küche auf Strohlager. 1 Mann wacht immer! Alles nette Jungen. Abends noch Musik, Gesang und Tanz gemacht. Morgens zeitig alle fort.

20. Februar 1945 — Dienstag

      20. II. +1° bis +4°. Schönstes Frühlingswetter. Meine Unterwäsche, die schon etwas dunkel schimmert, ausgezogen, geseift und eingeweicht zum Waschen. Russen holen Weizen. Lissak mit 12 von unseren Leuten nach Göhren, trotzdem immer noch 16 Kinder und 16 Erwachsene zu Tisch. Um 20 Uhr erleben wir bei Zieglers „den Schreck in der Abendstunde“. Ein russischer Offizier wußte nicht, was er wollte. Wir sollten aufstehen, wenn er Tür aufmacht, und blieben still auf unserem Lager. Da schoß er ein paar Löcher in die Decke. Lissak fliegt vor Schreck aus dem Bett, und ich muß viel lachen. Offizier wütend ab.

21. Februar 1945 — Mittwoch

      21. II. Unsere Arbeitsabteilung zieht um 8 Uhr ab nach Göhren. Meine Unterwäsche gewaschen und aufgehängt, bleibe aus Furcht vor Erkältung im Zimmer. Trotzdem erkältet.

22. Februar 1945 — Donnerstag

      22. II. Frühlingswetter. Von einem kleinen aufgefundenen Kutschwagen wird ein Gebrauchswagen gebaut. Voll Spannung warte ich auf Lissak, der heute mit dem Kommandanten von Göhren nach Woldenberg fahren sollte, um eventuell ein Auto zu holen. Aus der Fahrt wurde aber nichts. Den ganzen Tag rege Gefechtstätigkeit zu hören aus Richtung
Arnswalde.

23. Februar 1945 — Freitag

      23. II. Gefechtslärm ist wieder verstummt. Ein Wagen wird noch gesucht. Nach Frühstück wird mit Pferd und Wagen Brennholz geholt. Aus der abgebrannten Oberförsterei.

24. Februar 1945 — Sonnabend

      24. II. Waschtag für die Frauen. Viel Wasser wird geholt. Die Nacht im Traum ein paar Zeilen von
Herta gesehen: Danach sind sie fort vom großen Trupp, Richtung heimwärts. Ein Herr hat sich angeschlossen.* (* ist wirklich geschehen — Herta, Gertrud, Elfriede waren abgewandert. Herr Hamann hatte sich angeschlossen). Weiter Holz fahren, Pferd verunglückt. Im Walde verhungern 2 Pferde. Abends mit Lissak wieder Pläne gemacht, Montag wollen wir nach Woldenberg.

25. Februar 1945 — Sonntag

      25. II. Leichter Frost. Nachts war noch ein Russe gekommen. Zieht aber um 8 Uhr wieder weiter und nimmt sich unser Pferd mit. Von unserem großen Geflügelhof: 8 Puten, 6 Enten, 5 Gänse, etwa 70 Hühner, ist als Rest eine verschüchterte Zwerghenne auf dem großen Hof. Die Russen schießen nun immer nach Tauben, aber ohne Erfolg. Unsere Arbeitsabt[eilung] bringt Brot und massig Fleisch mit aus Göhren. Mittags kommt Bürgermeister Sauermann aus Kölzig. Personenstandsaufnahme wegen Verpflegung und Arbeit. Er sagt mir, daß Otto Pauli mit Familie und Gustav Haase in Kölzig eingetroffen sind.

      Nach dem Mittagessen — Münchhausen-Buletten — ich nach Kölzig zu Mutter Pauli, wohnen bei Wilke. — Gustav Wilke ist erschossen. — 14 Personen in einer Stube. Das halbe Wohnhaus ist abgebrannt. Überraschung und Freude ist groß, zumal ich mit meinem langen weißen Vollbart zuerst nicht erkannt werde. Ich rede für einen Abmarsch nach Woldenberg. Alles ist dafür. Bei gutem Wetter soll es morgen — Montag — losgehen. Gustav Haase mit Frau und Tochter auch mit.

26. Februar 1945 — Montag

      26. II. Sturm und Regen vereiteln den Heimmarsch. Schon wegen der Frauen und Kinder müssen wir besser Wetter abwarten. Mein neues Fahrrad wird unterm Stroh vorgeholt und zerlegt und versteckt. Wasser holen. Dann bei Gustav Knopsmeier gesessen. Geht ihm heute schlecht. Ich hole Eis vom See, ihm den Kopf zu kühlen. Regen den ganzen Tag. Bis 17.30 Uhr lese ich im Wohnzimmer, dann zu Zieglers. Nachts schöne Überraschung und Russenbesuch.

27. Februar 1945 — Dienstag

      27. II. Frühlingswetter bis +10°. Um 15 Uhr „der Schreck in der Mittagsstunde“. Ein Soldat will von Knopsmeier und mir noch Uhren haben. Mit viel Lärm und Drohen. Da wir keine Uhr vorzaubern können, müssen wir auf den Hof kommen. Knopsmeier aus dem Krankenbett. Durch in die Luft schießen will er uns graulich machen. Mutter Knopsmeier stürzt sich mit viel Lärm dazwischen. Soldat zieht ab.

      Seit gestern wollen die russischen Massen rückwärts Richtung Marienwalde, Bernsee! Wieder ein Hoffnungsschimmer! Aber der wahre Grund wird später bekannt. Ich gehe nach Kölzig zu Pauli. Wir wollen die veränderte Lage abwarten und den Rückmarsch aufschieben. Für Knopsmeier noch zwei Flaschen Pumpenwasser mitgebracht. Herr Tessmann krank, schweren Durchfall. Mittags sind wieder 4 Russen da, die etwas ausräumen.

28. Februar 1945 — Mittwoch

      28. II. Bis +10°. Wieder einen Wagen gebaut. 2 Kühe und Schweine werden abgeholt. Der Hof bekommt 3 Mann Besatzung. Nachmittag mit Horst Fl[eischer] in den Wald auf Pferdesuche, ohne Erfolg. Wir werden von einer Patrouille heimgeschickt und dann dauernd beobachtet — wegen versprengter deutscher Soldaten!

1. März 1945 — Donnerstag

      1. III. Frühlingssturmwetter. Durch die rückziehenden Russen dauernd Besuch auf dem Hof. Lämmer werden fortgeholt. 2 Pölke [?] totgeschossen und abgesengt, und überall abgeräumt. Meine Absicht, nach Kölzig zu gehen, wird fallen gelassen. Abends großer Budenzauber mit Russen bei Zieglers.

2. März 1945 — Freitag

      2. III. Weiter Sturm und Schneegestöber, so daß an Heimmarsch nicht gedacht wird. Wasser holen. Brot und Fleisch im Dreschkasten verstecken. Nach Knopsmeier gesehen. Dann sitze ich bei Lissak in der Stube und lese. Blödsinn. Dauernd die russische Hofbesatzung bei mir.

3. März 1945 — Sonnabend

      3. III. Ab nach Kölzig zum Marsch nach Woldenberg. Leider wurde im vorgenommenen Sinne nichts daraus. Auf Anraten des sehr guten [Kommandanten], der auch deutsch spricht. Er sagt uns, daß in Woldenberg das zivile Leben noch nicht im Gange ist und wir sollten noch warten. Fahre aber freiwillig im LKW mit Arbeitskommando nach Woldenberg, in der Hoffnung, dabei in die Stadt zu kommen.

      Gegen Mittag sind wir vor dem Postamt [Ed: in der Bahnhofstraße]. Truppe wird eingeteilt zu Aufräumungsarbeiten in der Bahnhofstraße. Pauli, Fräulein Merris, ich und 5 Fremde bleiben leider auf der Post und machen den Garten sauber. 10 Rindsköpfe, 1 Reh und viele Kadaver werden eingegraben. Um 16 Uhr gibt es 1/6 Körnerbrot, weil man versäumt hatte, uns zum Mittag zu rufen. Wir haben reichlich Zeit, die Trümmer und Brandruinen zu besichtigen. Kruschel, R. Haase, Grünwald, Kranichs Vorderhaus — alles in Trümmern. Aber in die Stadt kommen wir noch nicht weiter. Um 19 Uhr geht es zurück nach Kölzig. Dort bekommen wir noch Fleisch, Brot und Zwieback. Ich schlafe bei Pauli im Massenlager.

4. März 1945 — Sonntag

      4. III. Sonntag gehe ich wieder zu Knopsmeier. Der Sturm hatte dort dem Herrn Schievelbein, der immer Kühe fütterte, eine Scheunentür ins Kreuz geschlagen. Ich helfe an seiner Stelle Kühe füttern. Gegen Mittag kommen unsere Leute aus Göhren zurück, haben heute Sonntag frei bekommen. Lissak und Frau Stürmer bringen mir Nachricht von Fritz F. — Fischer aus Kölzig, der jetzt bei den Russen Kutscher ist und viel herumfährt.

      Frau
Herta sei in Pehlitz! Schon 10 Tage. Die Freude und Aufregung ist groß, ich marschiere sofort ab nach Pehlitz, 8 km. Wegen Dolmetscher und Passierschein gehe ich in Kölzig noch zu Gustav Hickstein mit ran. Bekomme dort noch ein herrliches Mittag mit Speise und vor allem die neue Nachricht: Herta, Elfriede und Gertrud sind in Hermsdorf, 4 km. Gut gegessen, froh gelaunt, gut gelaufen nach Hermsdorf.

      Um 1/2 16 Uhr in Hermsdorf. Am Dorfeingang kommen nach und nach etwa 20 Frauen auf mich zu mit allerlei Fragen. Frau Hans Mielke, Frau Grellmann usw. Ich zunächst mal weiter zu Frau Schulz und richtig getippelt. Dort in der Küche sitzen die 3 Damen. Herzliche Begrüßung mit Herta. Ein trauriges Wiedersehen nach 5 Wochen. Aber Mut nicht verloren: Hab Sonne im Herzen, verlier nicht den Mut. Ein Lied auf den Lippen und alles ist gut!

      Frau Schnebel und Frau Schulz begrüßt. Erlebnisse werden ausgetauscht und beim Erzählen vergehen die Stunden, und ich bleibe die Nacht in Hermsdorf. 8 Frauen, 2 Kinder und ich schlafen in einer Stube. Die 3 Alten in Betten, wir auf dem Teppichlager. Herta, Gertrud, Elfriede erzählen noch von ihren Erlebnissen: Panzerüberfall in Berlinchen [Ed: am 29.1.1945]. Gemeinschaftslager in der Pflugfabrik, Rückmarsch mit Herrn Josef Hamann: Krining — Gerzlow — Waldübernachtung — Pehlitz — Hermsdorf [Ed: Reihenfolge der Orte hier korrigiert].

5. März 1945 — Montag

      5. III. Um den Anschluß an Knopsmeier zu behalten, soll es Montag früh zurück nach Kölzig. Frau St. mit 2 Kindern will sich anschließen und zu Hartung (Kölzig Siedlung). Durch die törichte Angst von Frau St. komme ich wieder mal in Lebensgefahr. Ich überhörte den Anruf eines Postens und wurde beschossen. Wir müßten zurück ins Dorf. Ich gehe nachmittags allein und komme gut nach Kölzig-Abbau. Große Freude usw. Pferde wieder fort.

6. März 1945 — Dienstag

      6. III. Frühlingswetter und Schneeschauer. Wasser holen. Dann wieder bei Knopsmeier gesessen und erzählt. Da wird gemeldet: 1 Mann und 2 Frauen kommen auf den Hof zu! Herr Kaufmann — der letzte Inspektor von Hermsdorf, jetzt Bürgermeister —, Schwester Annemarie, Stütze bei Frau von Brand und Herta kommen! Kaufmann war in Brandsheide zur Personenstandsaufnahme und hatte die Frauen mitgenommen, um mich zu besuchen. Nach freundlichem Erzählen und Erwägen beschließe ich auf Einladung von Kaufmann, mein Zelt in Kölzig abzubrechen und mit nach Hermsdorf zu wandern. Ich bleibe damit in Fühlung mit Herta, Herrn Kaufmann und mit Woldenberg, weil Kölzig zum Kreis Arnswalde gehört.

      Großer Abschied von allen. In Kölzig noch zu Hickstein und Pauli, und dann zur ausgebrannten Försterei. Hier hatten von Brand zuletzt gewohnt und noch Syrup [Ed: Kreude!] stehen! 2 junge deutsche Soldaten liegen am Haus, schon angefressen. Dann mit großem Syruptopf ohne Zwischenfall nach Hermsdorf. In die neue Hausgemeinschaft bei Schulz-Schnebel aufgenommen, soll ich mich erstmal am Kühe füttern beteiligen.

7. März 1945 — Mittwoch

      7. III. Bürgermeister Kaufmann kommt. Mit der Arbeit ist nichts, weil gestern fast alle
Kühe fortgeholt wurden. Ich helfe beim Bauern Hemp erstmal Heu aufladen. Mittags kommen Polen, die neuen Posten, und wollen etwas ausräumen. Wir sitzen in der Küche und sehen erstmal Fritz Jucks [?] karierte Winterjoppe und dann, oh Schwester, meinen guten grünen Jagdmantel aus Woldenberg in polnischem Besitz. Nachmittags besuchen wir Beetz und Schmidt aus Wolgast [Ed: Dorf östlich von Woldenberg]. Abends alles ruhig.

8. März 1945 — Donnerstag

      8. III. Um 8 Uhr alle Einwohner antreten zur Arbeitseinteilung. Beck und ich — beide mit Vollbart — schaffen mit 8 Jungens und 1 Ochsengespann Heeresgut von Gutshof zum Spritzenhaus. Die Polen sortieren aber für sich erst aus. Damit vergeht der Vormittag und dann ist Ruhe bei uns. Bei Kaufmann Käsler sind alle 40 [?] Bienenstöcke zerstört. Zum Frühstück am 9. III. suche ich mir noch Wabenhonig im Garten aus!

[Editor-2011: Ab hier gibt es nicht mehr tägliche Berichte].

12. März 1945 — Montag

      12. III. Ein Teil der Wolgaster marschiert ab nach Hause. 10 Mädchen, dabei auch Elfriede Schnebel, müssen die Schafe nach Mehrenthin treiben (10 km), kommen aber spät abends zurück. Mittags erscheint Willi Löffler — erschüttert —, er hat Auftrag vom Bürgermeister Woldenberg, zur Zeit Herr Botke, 10 junge Leute zur Arbeit nach Woldenberg zu holen. Ich war inzwischen mit Sack aus Wutzig Schreiber auf dem Bürgermeisteramt geworden und konnte gleich Leute zuteilen. Willi spendiert noch eine Pip Palast [?] und bekommt gut Mittag bei uns.

13. März 1945 — Dienstag

      13. III. Abends gibt es zum ersten Mal etwas Mehl für die arbeitenden Männer und Frauen.

15. März 1945 — Donnerstag

      15. III. 2 Bataillone polnischer Soldaten kommen ins Dorf [Ed: Hermsdorf]. Angenehme und saubere Leute, alles zu Fuß. Unser Büro muß geräumt werden für den polnischen Kommandeur.

18. März 1945 — Sonntag

      18. III. Getrud [Stritzer?] siedelt vorübergehend nach Kölzig.

19. März 1945 — Montag

      19. III. Frauen werden durch Aufruf zur ärztlichen Untersuchung nach Woldenberg beordert. Alles nur Formsache. Sind um 14 1/2 Uhr schon wieder zurück. In Woldenberg ist nun auch schon ein polnischer Bürgermeister, aber ziviles Leben noch im Anfang. [
Von den Anfängen polnischer Verwaltung]

20. März 1945 — Dienstag

      20. III. Die polnischen Soldaten rücken ab zur Front. Zum Schluß aber überall noch abgeräumt. Bei uns vom Heuboden auch 2 Säcke, in denen die Frauen ihre ganzen Sommerkleider hatten. Leider [haben sie] auch von mir noch einige Sachen gefunden.

21. März 1945 — Mittwoch

      21. III. Zum Bürgermeister-Amt gehören noch Wutzig, Lauchstädt, Dolgen. Heute mit Bürgermeister Kaufmann bei herrlichem Frühlingswetter über
Klavierbrücke nach Dolgen marschiert. Freischütz und Dolgen ist ganz zerstört. Hier waren im Februar heftige Kämpfe. Der alte Förster Fiebing leitet die Beerdigung der Gefallenen und wir holen die Erkennungsmarken ab. Von 22 Marken sind nur 2 von einem Truppenteil!

22. März 1945 — Donnerstag

      22. III. Gertrud kommt wieder zurück. Alles ist jetzt immer zur Arbeit. Dreschen helfen, Säcke flicken, Korn fortfahren [Editor-2011: hm, und wer pflügte und bestellte die Felder...].

25. März 1945 — Palm-Sonntag

      25. III. Kaufmann ist nach Woldenberg beordert. Bei schönstem Sommerwetter marschieren wir um 1/2 6 Uhr los. Es ist heute Palmsonntag und man könnte heulen auf diesem schönen Marsch, wenn man die Verwüstungen überall sieht. Vor Woldenberg treffen wir viel Russen, die vom Lazarett aus rumlaufen oder sich mit Radfahren vergnügen.

      In Woldenberg auf dem Amt — das letzte Haus Moltkestraße ein trauriges Wiedersehen. Oberschreiber ist Kfm. Wilhelm Gurkasch. Sonstige Schreibhilfen Fräulein Fritsch, Fräulein Gurkasch, Frau Beier, Frau Lemke. Kregel kommt und spendiert eine Zigarette. Ich versuche die ganze Gesellschaft etwas aufzuheitern durch Erzählen meiner Erlebnisse. Um 11 Uhr kommt endlich Kaufmann. Wir schmieren uns noch 1/2 Brot und gehen in die Stadt Papier besorgen im Sparkassen-Keller [Ed: am Markt Ecke Richtstraße].

  Woldenberg/Dobiegniew -- Das zerstörte Zentrum um 1955
^   Alles zerstört! Woldenbergs Zentrum nach dem Krieg. Im März 1945 standen noch die vielen Ruinen. Mitte der 1950er-Jahre ist nun alles abgeräumt. Im Zentrum stehen nur noch die Kirche und 2 Häuser an der Brunnenstraße sowie links das ruinierte Prochnow-Hotel an der Richtstraße. Der Trampelpfad rechts ist die frühere Schulstraße.   (Repro: 2011 – khd)
      Keine Soldaten, keine Menschen, es ist unheimlich, in dem stillen Trümmerhaufen zu wandern. Das Hotel [in der Richtstraße] steht, aber innen nur Schutthaufen. Einrichtung nebst Heizkörper ist alles fort. In den Zimmern [im] 1., 2. und 3. Stockwerk ist auf Stroh geschlafen und auf Behelfsöfen gekocht worden. Saal ist eingestürzt. Meterhoch liegt der Schutt in Stuben und Küche. Im Saalvorraum steht meine Zeichentruhe [?]! Der Bodeneinsatz ist beim Plündern übersehen worden. Spaten gesucht und aufgebrochen. Ich freue mich wie ein Kind zu finden: Meine 20-Mark-Hose, gutes Oberhemd, Hertas Pullover und Badeanzug, Schnürsenkel und vor allem Zwirn und Stopfseide. Alles in einen Sack gepackt und zu [?].

      Hof voll Trümmer. Garagen sind ganz geblieben und [?] gewesen. Fort sind alle Möbel von M. Krause, Di. Laffert, R. [?] Steigs. Haus Neue Straße 1 zusammengestürzt, 1 Meter. Hoch auch Trümmer. Einen Blick nach dem Grabe meiner Habe, weiter geht es die Neue Straße runter. Kein Haus steht. Die Straße ganz aufgefahren.
Der erste Russenverkehr ging über die Behelfsbrücke die Neue Straße hoch!

      Kein Mensch zu sehen, rauf zum Markt. Hier fahren gerade 16 LKW die Richtstraße hoch. Sonst kein Mensch zu sehen, nur zerstörte Häuser. Sparkassenhaus steht, wir über Schutt und Trümmer in den reichlich umgewühlten Keller und suchen uns Papier. Dann weiter Richtstraße runter, hier steht noch das Haus von Dallmann und Fensko, nichts weiter. Bei Karl Kruschel auf dem Hof [Ed: Am Niedertor 4] sind Paul Rosengarten, in schwarzem Gehrock und Gummistiefel, Riemer und Franz Braatz und hängen Stellnetze auf zum Trocknen.

      Begrüßung und rein zu Frau Kruschel. Dort erstmal die neuerworbene Hemd und Hose untergezogen, damit auf dem Rückmarsch nicht wieder weggenommen werden. Frau Kruschel tauscht gegen Schnürsenkel einen schönen Topp Kaffee mit Milch, wir essen unser Brot dazu. Derweil kommt Karl Kruschel und Max Krüger vom Fische-Abliefern, und wir erzählen ein Weilchen. Max Kruschel, Fr. Schmidt, Fräulein Schuster erschossen bei Berlinchen. Hans Neuendorf, M. Werth ersch[ossen] in Gramsfelde. Dazu kommt noch Else Neuendorf. Gärtner Hendel, Ernst Gnade und Frau werden noch begrüßt. Dann müssen wir heimwandern. Unbehelligt können wir bei herrlichem Sommerwetter unsere Palmsonntags-Wanderung beenden. In Hermsdorf natürlich wieder auserzählen, Hunger stillen und bald geht es aufs Lager.

26. März 1945 — Montag

      26. III. Um 6 Uhr müssen die Frauen raus zum Runkelrübenputzen. Um 7 Uhr kommt Kaufmann. Abmarsch nach Lauchstädt über Klavierbrücke wieder bei schönem Wetter. Am zerstörten Forsthaus wird gerade ein deutscher Soldat beerdigt. In Lauchstädt auch fast alles zerstört und fast alles Vieh in den Gutsställen verbrannt! Ein furchtbarer Anblick. Die Aufräumungstruppe aus Hermsdorf werden besucht. Immer etwa 10 Frauen haben Mühe, eine Kuh aus den Trümmern zu ziehen und zu vergraben. Nach einer geruhsamen Mittagsstunde in der Schneidemühle geht es wieder heim. Ein Trupp ca. 200 deutsche Gefangene zieht singend Richtung Friedeberg. Abends noch Antreten aller Arbeiter vor der Kommandantur. 20 Mädchen werden ausgesucht zur Arbeit nach Woldenberg.

27. März 1945 — Dienstag

      27. III. Eine Verwirrung um Kaufmann entsteht durch Redereien und Partisanenangst. Kaufmann wird ziemlich grob verhört und abgesetzt. 70 Kühe kommen wieder ins Dorf. Wie lange?

28. März 1945 — Mittwoch

      28. III. Sack aus Wutzig wird Bürgermeister. Nachmittags zerteilen wir eine Kuh in 1*2*3*Stücke! Abends wird an 240 Arbeiter je 1 Pfund Fleisch und 12 Pfund Mehl, auch Milch, verteilt.

29. März 1945 — Donnerstag

      29. III. Woldenberg verlangt jetzt täglichen Arbeitsbericht, und so müssen wir die Arbeiter kontrollieren. Aufräumtrupp nach Lauchstädt, Gartenarbeiter, Syrupkocher, Kartoffelmehlhersteller, Dreschkommando, Säckeflicker und wieder einige nach Woldenberg auf der Schäferei Mieten abdecken.

30. März 1945 — Kar-Freitag

      30. III. Milchscheine werden von mir angefertigt und ausgeschrieben für Kinder und Alte über 65 Jahre. Regenwetter. Karfreitag. Lissak schickt uns nette Grüße aus Göhren.

31. März 1945 — Sonnabend

      31. III. Etwas Arbeit auf Büro, dann Garten graben.

1. April 1945 — Oster-Sonntag

      1. IV. Ostersonntag, trübe und regnerisch, leider! Zumal heute das erste Mal für alle arbeitsfrei ist! Osterbesuche werden gemacht, natürlich nur im Dorf. Verpflegung hat Elfriede den ganzen Tag festlich gestaltet. Nach Kaffee mit Mohnküchel wird geruhsam Dämmerstunde gehalten.

2. April 1945 — Oster-Montag

      2. IV. 2ter Ostertag. Für alle Arbeitstag. Kalt, trübe, stürmisch. Ab 1/4 7 Uhr im Büro. Nachmittags Garten graben. Als Überblick für das bisher Geschriebene muß bemerkt werden, wie der Russeneinfall sich unter dem größten Teil der Bevölkerung erschreckend auswirkt. Alle Achtung für fremdes Eigentum und alle Moral ist gefallen — Frei nach Schiller:
Da werden Weiber zu Hyänen und
treiben mit Entsetzen Scherz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
sich alle Bande frommer Scheu.
Der Gute räumt den Platz dem Bösen
und alle Laster werden frei!

3. April 1945 — Dienstag

      3. IV. Regenwetter. Wieder Geschützdonner zu hören. Um 10 Uhr beerdigen wir den 6-jährigen Jungen Neuendorf. Ich als Redner! Sonst weiter Arbeit im Büro.

6. April 1945 — Freitag

      6. IV. Von der russisch-polnischen Amtsleitung werden jetzt mit List und Gewalt alle Leute zu Feld- und Gartenarbeit geholt. Dabei aber noch große Mengen Syrup gekocht und Kartoffelmehl gemacht, für Lazarett in Woldenberg.

7. April 1945 — Sonnabend

      7. IV. Vormittags Anni W., 17 Jahr, beerdigt, war in der Nacht durch Freitod abgeschieden. Auf dem schönen Bergfriedhof am See habe ich denn wieder gesprochen und die Angehörigen getröstet. — Nachts komme ich noch in schmerzhafte persönliche Berührung mit dem Kom[mandanten], weil ich auf sein nächtliches Klopfen die Haustür nicht schnell genug aufmachte.

9. April 1945 — Montag

      9. IV. Zum ersten Mal mit aufs Feld, Mieten abräumen und Kartoffeln sortieren. Nun ist das keine große Arbeit, denn es wird von allen furchtbar gebummelt. Etwa 50 Menschen murksen dabei herum, wo sonst 15 wirkten. Allerdings die meisten bei trocken Brot und vor allem immer abends, bis es schummrig wird. Aber wehmütige Erinnerungen kommen. Noch im Herbst 1944 wurden wir mit Kutschwagen hier als Gast zur Enten- und Hasenjagd hergefahren.

      Lissak kommt mit Russen vorbeigefahren und bringt mir, wie herrlich, ein Brot. Noch mit Reinhold Haase geteilt. Einige Unstimmigkeiten im Haushalt, wie bei den verschiedenen Personen von 1/2 Jahr bis 70 Jahr nicht ausbleiben, läßt den Entschluß reifen, uns zu verändern. Aber wie? Der Zufall hilft wieder.

10. April 1945 — Dienstag

      10. IV. Dienstag früh beim Antreten zur Arbeitseinteilung hieß es: Lauchstädter und Woldenberger können nach Hause und dort arbeiten. Erst natürlich alles hocherfreut, aber bald kommt die Uneinigkeit. Einige wollen fort, andere haben Angst vor Hunger oder Verschleppung. Bald kommt auch andere Panik [?].

      Herr Grabowski, ein Tischlergeselle, bisher polnischer Bürgermeister von Hermsdorf, wird Verwalter vom Rittergut Woldenberg und sucht sich 50 Leute zur Arbeit aus. Zunächst wir Woldenberger 12 Personen dann 38 aus Hermsdorf und Lauchstädt, dazu 15 Kinder und 5 Kühe. In 1 Stunde mit Sack und Pack antreten. Es wurden allerdings 4 Stunden, bis alles am Dorfausgang versammelt war.

      Elfriede hatte noch den Handwagen geholt und nun konnten wir unsere Sachen (3 Personen) auf dem Wagen ziehen und brauchten nicht schleppen wie die meisten. Es war wieder ein erschütterndes Bild, den Abmarsch mit anzusehen. Beetz und R. Haase zogen einen hoch mit Betten usw. bepackten Karren. Kaufmann und Frau desgleichen, noch 5 kleine Handwagen. Die Übrigen tragen ihre Habe in großen Bündeln auf dem Rücken. Hochanständig war der Transportführer Grabowski. Alle 3 km war eine reichliche Pause. Gegen 15 Uhr in Woldenberg! Auf dem Rittergut. Das Gutshaus wird freigegeben und jeder sucht sich sein Unterkommen. Die ersten Stunden haben aber alle zu tun, Berge von Schutt und Mist aus den Zimmern zu schaffen.

11. April 1945 — Mittwoch

      Auch am 11. IV. wird weiter ausgeräumt und saubergemacht. Wir machen unsere Stube gleich nett wohnlich. Bettstellen und Matratzen besorgt. Tür schließbar gemacht usw.

12. April 1945 — Donnerstag

      12. IV. Ging dann für alle die Arbeit an. Grabowski schafft erst mal ran. Viehfutter, Sämereien, Kunstdünger usw. Die Speicher in der Stadt werden gründlich ausgeräumt und alles auf unseren Kornboden. 2 alte Männer und ich hatten 100te von Säcken auf den Speicher zu schleppen. Abends war man todmüde und schlief herrlich. Nur denken durfte man nicht. Wie oft war ich gerne [?] in den letzten Jahren von diesem Hof aus zur Jagd gefahren? Zum Glück hatten wir durch gute Verbindung mit der Küche sehr gute Verpflegung. Unsere jahrelange Köchin vom Hotel, Elfriede Schnebel, hatte auch hier die Küche.

15. April 1945 — Sonntag

      15. IV. Bei der Arbeitseinteilung werde ich zum „Gerste säen“ mit eingeteilt, mit 5 alten Landwirten! Es ist köstlich.

      Abends höre ich dann, Pauli mit Familie ist eingetroffen, nimmt die Gärtnerei [am Postberg] in Betrieb und hat uns als Hilfskräfte angefordert. Der Abschied vom Rittergut wird nicht leicht, weil wir hier sehr gute Wohnung und Verpflegung mit Ungewissem vertauschen müssen. Aber der Zusammenhalt der alten Woldenberger soll vorgehen.

      So ziehen wir denn, diesmal schon mit 2 Handwagen, [am] 16. IV. zum Postberg 1. Friedchen Paul und E. Ruggert wohnen da. Ich werde mit meinem langen weißen Vollbart nicht erkannt. Sie müssen die Wohnung räumen und wir richten uns mit viel Mühe und weniger Platz ein zur neuen Hausgemeinschaft. Die Häuser an der Nordmauer sind noch als Lazarett voller Russen.

[Editor-2011: Am 16. April 1945 um 3 Uhr beginnt die Rote Armee an der mittleren Oder mit der Schlußoffensive, die in 14 Tagen zur Eroberung Berlins und der Beseitigung der Nazi-Diktatur Hitlers führen wird].

18. April 1945 — Mittwoch

      18. IV. Mit 10 Frauen, meist Lauchstädter, ziehe ich zur Arbeit. Spargelbeete aufarbeiten, Mieten abdecken.

19. April 1945 — Donnerstag

      19. IV. Pauli bekommt 2 Panjepferde und so geht der Wagenbau wieder los.

20. April 1945 — Freitag

      20. IV. Mit Hermann Kranich wird Wasserleitung gebaut. Ein artesischer Brunnen vom Brauereigrundstück [Ed: am Postberg], welches auch reichlich verbrannt und zertrümmert ist, wird zum Garten rübergeleitet. Damit ist denn wenigstens die Wasserkalamität behoben. Inzwischen wird immer wieder in den Trümmern Gerät eingekauft, um den Betrieb und Haushalt mehr einzurichten. Letzten Endes auch selbst mal ein Hemd, Hose und Schuhzeug gesucht.

24. April 1945 — Dienstag

      24. IV. Berlin soll eingenommen sein? Russen ziehen ab, bis auf eine kleine Kommandantur in der Bismarckstraße. Reichlich wird in Eile noch allerhand Hausgerät auf dem Bahnhof verladen. Die Scheunen sind vollgestopft mit Möbeln, Nähmaschinen und Kutschwagen.

[Editor-2011: In meiner chronologischen Darstellung „Was geschah 1945 beim Kampf um Berlin?“ wird beschrieben, wie in Berlin der Zweite Weltkrieg zu Ende ging].

25. April 1945 — Mittwoch

      25. IV. Franzosen, bis dahin unsere Kriegsgefangenen, werden in Woldenberg zusammengezogen zum späteren Abtransport. Es sollen im Ganzen 4.000 Mann herkommen. Aus allen Richtungen kommen kleine Trupps mit allen möglichen Fahrzeugen angewandert und beziehen in Bahnhofstraße und
Schönblick Quartier. Im Verkehr mit uns sind sie sehr angenehm. Nur geht nun wieder das Suchen in Häusern und Ruinen los nach Einrichtungs- und Wirtschaftsgegenständen, auf den Feldern werden die Mieten geplündert und Gärten, da ja alle Hausgemeinschaften einzeln kochen.

28. April 1945 — Sonnabend

      28. IV. Wir bekommen vom polnischen Oberbürgermeister einen Passierschein nach Hermsdorf und wollen von dort unsere letzten Wäschestücke und Holzpantinen holen. Frohen Mutes zogen wir ab, um evtl. zu Mittag wieder in Woldenberg zu sein. Leider kam es anders.

      In Hermsdorf wurden wir von unserem Bekannten überaus herzlich begrüßt und zum Mittag eingeladen. Nur der russische Kommandant ärgert sich, daß wir nicht arbeiten, und kurzerhand hat er uns um 1/2 11 Uhr rufen lassen und einfach eingesperrt; im Torfgefängnis, einem ausgeräumten Hühnerstall. Da standen wir nun drin und wußten nicht, warum. Etwa um 16 Uhr kam ein russischer Offizier Und besichtigte uns. Die Tür wird wieder zugeschlagen und wir stehen weiter. Dunkel wird es und fängt an zu regnen. So um 20 Uhr werden wir von 2 russischen Frauen und 1 polnischen Posten zum Verhör ins Haus geholt.

      Ein reichlich trunkener russischer Offizier wollte von uns Auskunft über Waffen und Partisanen haben. Wir konnten natürlich keine Auskunft geben. Nach 1/2 Std. sollte uns eine von den Frauen, die als Dolmetscher wirkten, wieder einschließen. Es war finster und regnete reichlich und kein Posten war in Sicht. Ich hatte einen schlechten Plan mit dem Fräulein im Sinn. Diese blieb einen Moment auf der Haustürtreppe stehen. Da sagt die Madame Herta: Ernst, komm! Jetzt ist es Zeit! Und schon laufen wir vom Gehöft. Die Flucht war zunächst geglückt. Aber gleich waren auch die Posten alarmiert und alles hinter uns her. Wir warfen uns hinter einen Holzstall und ließen die Posten, die planlos in die Finsternis schossen, vorbeilaufen. Auf Umwegen dann aus Hermsdorf, durch die Mönchsheide nach Woldenberg durch Sumpf und Lehm.

      Gegen Mitternacht waren wir bei Pauli, zum Glück die Stube schön warm. Erschöpft wie wir waren, kam bald der Schlaf. Aber die Aufregung wirkte am nächsten Tage noch nach. Um nicht so schnell erkannt zu werden, ließ ich mir von Spielvogel den schönen Bart abnehmen.

30. April 1945 — Montag

      30. IV. Zur großen Maifeier der Russen und Polen müssen wir 2.000 Stiefmütterchen liefern und vor der Komm[andantur] Sterne pflanzen. Dabei hören wir von den Russen: Deutschland hat sich bedingungslos ergeben!?!

1. Mai 1945 — Dienstag

      1. V. Wegen Maifeier ist arbeitsfrei. Um 7 Uhr fahren wir (4 Personen) zum Mitteltanger, Spargel stechen. 15 Pfund [7,5 kg] und haben wenigstens ein Festtagmittag, wenn auch ohne Fleisch [Ed: hm, braune Butter wird’s wohl auch nicht gegeben haben]. Nachmittags waren Herta und ich im Hotel [in der Richtstraße] mit Pike und Schippe und wollten noch etwas suchen, aber vergebliche Mühe. Es war gründlich ausgeräumt worden und wir mußten nur staunen, wo in der Stadt überall Geschirr aus „Prochnows Hotel“ zu finden war. Zur Abendstunde noch ein paar Fische geangelt.

2. Mai 1945 — Mittwoch

      2. V. Franzosen erzählen uns nun auch, daß Waffenstillstand geschlossen ist!

[Editor-2011: So ganz noch nicht. Nur die Hauptstadt Berlin kapituliert in den Morgenstunden des 2. Mai 1945. Schon seit dem Abend des 1. Mai schwiegen hier die Waffen. Die Gesamt-Kapitulation Deutschlands dauerte noch einige Tage, wollte/sollte sie doch recht in Szene gesetzt werden].

3. Mai 1945 — Donnerstag

      3. V.
Schönblick wird von den letzten Russen geräumt. Wir noch schnell in Mutters Wohnung und retten einige Kleinigkeiten. Die Franzosen suchen unsere Gärten auf und ernten für sich Spargel, Spinat, Rhabarber, Kartoffeln. Polen ziehen ab und schleppen alle Maschinen und Geräte und Pferde mit fort!

5. Mai 1945 — Sonnabend

      5. V. Die Gerüchte vom Frieden mehren sich, wir sind aber ohne jede amtliche Nachricht. Franzosen, Russen, Polen, jeder erzählt es anders. Goebbels und Hitler sollen sich erschossen haben. In Sachsen und Bayern soll noch gekämpft werden, so schwirren die Gerüchte umher. Wir machen weiter unsere Arbeit. Wir besorgen uns Kartoffeln, Holz und Kohlen. Ich habe bei Stalin einen Herd und Ofen gekauft.

6. Mai 1945 — Sonntag

      6. V. Sonntag ist es. Aber für alle Deutschen Arbeitstag. Es rücken jetzt täglich einige Woldenberger ein. Nachmittags Herta und ich zum Plan [?] raus, um vielleicht für Scheuers noch etwas zu retten. Aber vergeblich. Auf den Feldern und Wiesen sehen wir unter Bewachung große Kuhherden weiden. Bei Jädicke [auf Abbau] ist Wohnhaus und Scheune abgebrannt. Auf dem Achterhof sind Russen, spielen Karten und machen Schießübungen. Bei Scheuers ist zwar nur die große Scheune ab- und ausgebrannt. Aber sonst sehr gründlich ausgeräumt. Nicht ein Fahrzeug oder Gerät auf dem Hofe. Aus der Küche sogar der Herd fortgeschafft. Betrübt ziehen wir heimwärts.

      Hans [?]? Wochenendhaus im Glambeck ist auch abgebrannt. Dort ziehe ich mich zum Sonnenbad aus und mache die erste Entlausung. 21!! hat Herta getötet. Dann geht es rüber zum Glambeck-Spargelfeld. 2 Franzosen sind schon beim Selbsternten. Wir einigen uns freundlichst und fangen am anderen Ende an mit Spargelstechen. Die Franzosen haben bald genug, graben sich noch ein Karnickel aus und ziehen heim. Mit 14 Pfund [7 kg] Spargel gehen auch wir bald heim. Wir sehen den ersten Junghasen. Sabinchen, unser Teckel, hinterher. Zum Gemüse-Abendbrot haben wir noch Herrn Kranich zu Gast. Um 20 Uhr kommt der polnische Oberpolizist. Er war im Kriege bei A. Doye [Ed: Modehaus in der Richtstraße 6] als Schneider tätig. Er gibt auf dem Hof einen Schuß ab und fragt freundlichst, ob alles zu Hause ist! Zapfenstreich!

7. Mai 1945 — Montag

      7. V. Um 6 Uhr zu Frohmeier, Schuhe aus Reparatur holen, leider nicht fertig. Frau Fr. verpaßt mir 2 gute Halbschuh, links Salamander, rechts C. Tack, aber passen. Die Stadt füllt sich immer mehr mit Franzosen. Akazienstraße, Junkerstraße, alles voller Franzosen. Dazwischen wieder Polen auf Heimreise. Woldenberg ist international geworden.

8. Mai 1945 — Dienstag

      8. V. Fräulein Lena Hemp ist gekommen zu Fuß von Hohengrape bei Bernstein, 40 km, und bringt
Nachricht von Otto Hemp [Ed: früherer Bürgermeister von Woldenberg] und von Schwester Else und Erna.

9. Mai 1945 — Mittwoch

      9. V. 1945. — Frieden — im Weltkrieg. Um 10 Uhr kommen Boten: Sofort Arbeit einstellen, heute ist Feiertag. Seit einigen Stunden ist wirklich Waffenstillstand. Alle Deutschen werden zu 13–14 Uhr zu Ziebarths Garten bestellt. Herrliches Maiwetter und schönster Frieden in der Natur.

      Frisch gewaschen wandern wir nachmittags rauf zum altbekannten Konzertgarten. Die Gebäude dort sind auch zertrümmert. Im Garten wird noch gesäubert, gebaut und geschmückt. Wir müssen draußen warten und können uns erstmal alle wieder begrüßen. Etwa 200 Woldenberger sind da.

      Gegen 15 Uhr beginnt die Friedensverkündigungsfeier. In den Garten marschieren 1 Bataillon Russen, 13 Mann polnische Polizeiwache, 10 Mann in alten Feuerwehruniformen. Etwa 2.000 Franzosen, diese in bester Ordnung. Zum Schluß dürfen auch die Deutschen in den Garten. Ich verzichte und gehe fort. Statt Wein und Sekt, den ich für die Friedensfeier in unseren Keller gelegt hatte, hole ich bei Bergmann aus dem Keller 2 Flaschen Altheider Brunnen und wandere zurück. Inzwischen wurden im Garten die Waffenstillstandsbedingungen verlesen. Russisch — französisch — deutsch. Russisches und französisches Nationallied gespielt und aus war die Feier. Von Polen nichts erwähnt.

      Bemerkung zur Aufklärung: Die oberste Macht in Woldenberg ist zur Zeit der russische Kommandant. Ein Offizier, sehr nett und freundlich, der sich aber wenig um uns kümmert. Dann kommt ein polnischer Oberbürgermeister, der viel für sich tut. Pferde verhandelt und auf Hamanns Hof — Amalienhof — wirtschaftet. Dann kommt der polnische Bürgermeister, der mit der Polizei den Arbeitseinsatz und Verkehr mit Leuten regelt. Im Büro hat er jetzt nur Polen. Ihm zur Seite steht der letzte Woldenberger Bürgermeister Herr Bothe, manchmal Berater, meistens Laufbote, und die Wohnungskommission: Kfm. Lemke, H. Kranich, E. J. Prochnow, die Bürger unterzubringen. Geld für Arbeit kennen wir nicht. Die Arbeitenden bekommen nur eine Brotkarte und darauf meist alle 5 Tage 1 Brot. Selten mal Fleisch oder Fisch. Alles andere muß man sich — besorgen.

      Die Polen stehen noch im Ungewissen, weil noch kein Mensch weiß, wie weit ihr Gebiet eingeteilt wird. Uns Deutschen gegenüber sind es aber die Herren. Ein großer Strom aus Polen, aus Pommern usw. zieht jetzt tagelang durch die Stadt, rückwandernde polnische Arbeiter und Kriegsgefangene. Die Wagen vollbeladen mit Wirtschaftsgütern. Zum Teil werden sie aber von Russen streng kontrolliert. [
Von den Anfängen polnischer Verwaltung]

10. Mai 1945 — Donnerstag = Himmelfahrt

      10. V. Wilde Gerüchte über den Frieden werden laut. — Abwarten. Bei der Brotverteilung gibt es heute 1/2 Aal! Himmelfahrtstag. Die Wanderung ging zu den Spargelfeldern, 4 Stunden Spargel stechen.

11. Mai 1945 — Freitag

      11. V. Der Tag verläuft mit üblichen Gärtnerarbeiten. Spargel stechen, Kartoffeln pflanzen usw. In Woldenberg sind nun auch noch Italiener und Belgier eingezogen. Der Strom der rückwandernden Polen hält an, auf allen möglichen Fahrzeugen, wobei auch leider wieder am Postberg Pferde totgequält werden.

13. Mai 1945 — Sonntag

      13. V. Ein herrlicher Maiensonntag. Mit Gesang geht es um 6 Uhr raus zum Spargelfeld mit 3 Frauen. 60 Pfund [30 kg] Spargel geerntet. Gegen Mittag geht es heim und dann Sonntagsruhe. Nähen, schreiben, baden, angeln.

16. Mai 1945 — Mittwoch

      16. V. Um 23 Uhr werden wir alle geweckt. Sofort zur Kommandantur kommen. Rätselraten — was mag nun wieder sein? Auf der Kommmandantur wartet schon der Bürgermeister. Ein Zug ist eingefahren und soll sofort mit Kartoffeln beladen werden. Die Polen 5 Waggon, die Deutschen 8 Waggon. Auf der Ladestraße liegen 1000de Zentner Kartoffeln. In der Dunkelheit sucht sich jeder etwas — Forke, Schippe, Kiepe, Eimer und schon geht es los. Wieviel Menschen arbeiten, ist in der Nacht nicht festzustellen. Aber gegen 4 Uhr kann der Zug abrollen [Ed: hm, wohin mögen die gebracht worden sein?]. Dafür dürfen wir vormittags schlafen. Die Kartoffeln werden sonst bei Tage von deutschen Kriegsgefangenen verladen. Im
Lager am Waldrande sind jetzt etwa 20.000 Kriegsgefangene.

19. Mai 1945 — Sonnabend

      19. V. Auf meinem Land an der Chaussee Kartoffeln gepflanzt. Ich bekomme von einem französischen Offizier einen guten neuen Rasierapparat geschenkt. Vermittlung Fräulein Borkenhagen.


22. Mai 1945 — Dienstag

      22. V. Kommt Hamann in unsere Hausgemeinschaft und bringt, oh Wunder, von Witte [aus] Wugarten Speck und Schinken mit.

23. Mai 1945 — Mittwoch

      23. V. Frau Börge kommt aus Reierort und bringt uns auch von Erdmann, meinem lieben früheren Jagdgehilfen, ein Stück Schinken mit. So haben wir mal was aufs Brot!
Alfred Doye erscheint. Mit seinen Erzählungen voll Phantasie macht er einen etwas gestörten Eindruck. Frau Hemp marschiert wieder nach Hohengrape und bekommt Brief an Else und Erna mit.

27. Mai 1945 — Sonntag

      27. V. Mit Herta vormittags zur Kirche zur großen Messe der Franzosen. Die Kirche ist wieder schön sauber gemacht und mit Blumen geschmückt von Franzosen.

31. Mai 1945 — Donnerstag

      29. + 30. + 31. V. Die Franzosen werden abtransportiert. In schön mit Birkengrün und Schneeballen geschmückten Zügen verlassen sie die Stadt. Ein Strom von Einheimischen stürzt in die leergewordenen Quartiere und kauft ein. Die Franzosen waren schon mit reichlich Gepäck und Wagen gekommen, hatten dann hier alles mögliche requiriert. Betten — Öfen — Herde — Möbel — Geschirr. Auch in Mengen Syrup gekocht. Jetzt durften sie nur 20 kg Gepäck mitnehmen. Auf den Rest stürzte sich die Volksmenge. Unsere Nachbarn, Franzosen, kamen extra zum Abschied zu uns. Ich gab noch einen Brief für Herrn Kammerer, Konstanz, mit. Möge er sein Ziel erreichen.

3. Juni 1945 — Sonntag

      3. VI. Sonntagsruhe. Lissak ist zu Mittag bei uns. Anschließend halten wir Mittagsruhe im Brauereigarten. Da kommt die Nachricht. Rike, Mutter und W. Jädicke sind angekommen. Schwester Rike erscheint auch bald und spricht sich aus. Sie bleiben vorläufig auf
Schönblick bei Frau Riemer wohnen.

5. Juni 1945 — Dienstag

      5. VI. Am Dienstag rollen auch Else und Erna an und werden bei uns erst mal erholt! Der Anblick der Stadt wirkt natürlich bei allen erschütternd. Aber W. Jädicke bringt auch Nachricht von Karl Scheuer und ist alles etwas beruhigt.

9. Juni 1945 — Sonnabend

      9. VI. Für die Schwestern und Mutter wird [in] Nordmauer 14 eine Stube gefunden und ich helfe ein bißchen einrichten.

10. Juni 1945 — Sonntag

      10. VI. Bei schönem Wetter halten wir im Garten am See eine geruhsame Sonntagsfamilienkaffeestunde mit Stachelbeeren. Ich baue Betten (2 übereinander) für die Schwestern und wir bleiben auch bis Abend zusammen im Garten mit dem schönen Blick auf den stillen See. Auf meiner Arbeitsstelle habe ich angefangen mähen lernen und Sense klopfen! Leider fehlt noch immer jede Nachricht über Krieg und Frieden. Auch fehlt jetzt Nahrungsmittelzuteilung, so daß es zu Krankheiten kommt.

13. Juni 1945 — Mittwoch

      13. VI. Zwischendurch sind immer mehr Woldenberger heimgekehrt und haben schwer enttäuscht die Heimat vorgefunden. Alles wird von den Polen sofort zur Arbeit geholt. Lebensmittel?? Zur Abwechslung sind auch wieder russische Soldaten hier in Quartier gegangen. Es ist wenig gemütlich. Otto Hohmuth mit Familie ist eingetroffen, seine Enttäuschung ist sehr groß.

      Nachts werden Geschirre und Geräte vom Hof gestohlen. Um 1/2 4 Uhr sollte auch der Wagen verschwinden. Otto Pauli durchs Fenster schnell zur russischen Kommmandantur und eine 4 Mann starke Wache rettet unseren Wagen zurück. Bei Tage wird im Treibhaus eingebrochen und sämtliche Gurken gestohlen. Auf der großen Wiese [Ed: Trockenplatz?] liegen die Russen im Biwak. 50 Fahrzeuge, Pferde und Soldaten. Abends mit den vielen Kochstellenfeuern ein herrliches Bild. Leider haben sie uns über 200 Treibhausfenster mit verbaut, die wir später abräumen müssen.

16. Juni 1945 — Sonnabend

      16. VI. Immer mehr Woldenberger kehren in die Heimat zurück und alle sind furchtbar enttäuscht. Otto Hohmuth bekommt durch Zufall ein Pferd zum Schlachten und kann Fleisch verteilen. Aber auch vom B[ürgermeister]amt gibt es Fleisch. Dafür wird aber von den Polen die Arbeit noch mehr überwacht.

22. Juni 1945 — Freitag

      Am 22. VI. kommt Stellmacher Emil Gericke mit seiner lahmen Frau zu Fuß aus Liegnitz! 3 Wochen unterwegs! Den größten Teil des Weges die Frau auf einem Sackkarren geschoben. Sein Grundstück [Ed: in der Neuen Straße 44 ein] Trümmerhaufen.

24. Juni 1945 — Sonntag

      Am 24. VI. machen Herta und ich noch eine schöne Sonntagswanderung nach Kölzig. Leider auf dem Hinweg etwas verlaufen. Alle Gefährten aus der „
Panzerspitzenzeit“ besucht und viel Freude gehabt. Bei Mutter Knopsmeier zum Kaffee und Butterbrot usw. Abends um 11 Uhr reichlich müde wieder in Woldenberg gelandet.

25. Juni 1945 — Montag

      25. VI. Ich lerne weiter mähen und Gras schneiden zum Heu machen, bei schönstem Sommerwetter, aber Regen fehlt. Heute mein 57. Lebensjahr vollendet. Bei einem Rückblick in stiller Abendstunde kommen einem doch wehmütige Gedanken: Wenn man bedenkt, was wir alles geschafft haben und schließlich auch angefangen haben, die Früchte unserer Arbeit zu genießen. Und nun in wenigen Tagen alles verloren, vom Hausgrundstück bis zum letzen Kragenknopf. Aber Arbeit von früh bis spät hilft auch über trübe Gedanken fort. Überlaß es der Zeit! . . .

26. Juni 1945 — Dienstag

      26. Juni 1945. Mein 58. Geburtstag. 3/4 Tag Wiese mähen! Abends mit Herta und Else, Erna, Rike zusammen im Seegarten an der Nordmauer zu einer netten ruhigen Kaffeestunde. Es gab als große Überraschung sogar Stachelbeertorte und 3 Zigarren. 3 große Sträuße weiße Nelken, rote Nelken und Rosen. Auch unsere früheren Mitarbeiter Gertrud Stricker und Elfriede Schnebel kamen noch. Bis 11 Uhr saßen wir zusammen, wobei Schwester Erna in altgewohnter Weise wieder einschlief.

27. Juni 1945 — Mittwoch

      27. VI. Wilde Gerüchte über Friedensbedingungen schwirren umher. Bleibt der Pole bis hier oder muß er weiter zurück. Leider bleiben wir ohne jede richtige Nachricht. Alle Pferde werden zur Musterung zur polnischen Kom[mmandantur] bestellt und den Besitzern einfach abgenommen.

28. Juni 1945 — Donnerstag

      28. VI. Die Maßnahme entpuppt sich als Vorsichtsmaßregel. Die Deutschen sollen räumen und deshalb werden die Pferde sichergestellt.

[Editor-2011: Und das heißt, die Deutschen sollten nicht etwa per Pferd und Wagen von Nun-Polen nach dem Rest-Deutschland westlich der Oder fahren, sondern dorthin laufen].

29. Juni 1945 — Freitag

      Am 29. VI. erfahren wir als sicher, der Pole bekommt das Gebiet bis zur Oder. Handwagen, die in Mengen
noch von den Franzosen hier sind, werden in Ordnung gemacht und mit notwendiger Habe bepackt. Offiziellen Bescheid haben wir noch nicht, aber die Handwerker werden befragt, wer freiwillig hierbleiben will. Da sich zu wenige melden, werden am 30. VI. 10 Handwerker bestimmt. Ab. Zellg. Insp [?] Dietrich wird noch arg verhauen. Bei Kranich wird eingebrochen, K[ranich] auch verhauen.

1. Juli 1945 — Sonntag

      Am Sonntag früh, den 1. Juli 1945, werden die Handwerker im Amtsgericht [Ed: in der Bahnhofstraße] festgesetzt. E. Gericke [Stellmacher], H. Kranich [Brunnenbauer], K. Kruschel [Fischer], O. Hohmuth [?], B. Wender [?], Schaede [Tischler], Spielvogel [Maler] und andere. Damit wird unsere Abreise gewiß. Nachricht haben wir noch keine. Alles packt aber die Wagen fertig. Mittagessen! Mittagsruhe!

      Um 14 Uhr heißt es mit einmal, es soll losgehen. Wenige Minuten später stürzen auch schon 4 Polen schwer bewaffnet durch den Garten: Was macht ihr denn noch hier, ihr deutschen Schweine. Wir laufen an unsere Wagen, werden aber erst noch durchsucht, Messer usw. abgenommen. Ins Haus, wo Frau Pauli Brot liegen hat, dürfen wir nicht mehr.

      Also ab zum Marktplatz. Ahnungsvoll haben Herta und ich vormittags einen Abschiedsrundgang durch Kirche, Friedhof und Stadt gemacht. Auf dem Markt sammelten sich etwa 200 Handwagen und 400 Personen. Einige wurden hier schon etwas geplündert. Etwa um 15 Uhr geht es in einem traurigen Zuge die Kirchstraße hoch raus aus der Heimat. In der Kirchstraße wurde noch unser Hund fortgenommen.

      Kastanienplatz kurzer Halt. Es kommen erst Russenkolonnen durch. Dann weiter durch das arg verwüstete Gehege. Lauchstädt ist schon Freitag geräumt. So rollt der etwa 2 km lange Zug bis Lichtenow. Begleitet von polnischen Soldaten. Gutshof erstes Nachtlager. Wagen in die Scheunen und Ställe gebracht. Alles fängt an, auf primitiven Biwakfeuern Abendbrot zu kochen. Bei uns gibt es Griesbrei mit Syrup und Tee. Dann aufs Nachtlager, etwa 60 Pers[onen] im Schafstall, große
Fliegenplage. [Der Weg bis zur Oder]

[Fortsetzung im Teil II]



Ein Nachwort

[Editor-30.4.2011: Das sind insgesamt 107 interessante und aufschlußreiche Tagesberichte mit einer Fülle von Informationen über das Leben in Woldenberg und Umgebung nach dem Einfall der Russen Ende Januar 1945.

Beendet wurde das Leben in der alten Heimat urplötzlich Anfang Juli 1945 durch die — vor allem von den Polen betriebene — Vertreibung der noch verbliebenen Deutschen aus dem früheren Ost-Deutschland jenseits von Oder und Neiße. Die Alliierten hatten bereits auf der
Konferenz von Jalta im Februar 1945 eine Westverschiebung Polens vereinbart, wovon aber damals in Deutschland nichts bekannt war.

Und so mußten auch die Prochnows Woldenberg mit wenig Habe verlassen — per Fuß. In 7 anstrengenden Tagesmärschen erreichten Hunderte Woldenberger am 7. Juli 1945 die Oder bei Fiddichow. Über diesen Handwagen-Treck wird im Teil II berichtet. Am westlichen Ufer der Oder angekommen, begann dann für die meisten Flüchtlinge eine Odyssee durchs Nachkriegs- Deutschland, um irgendwo eine neue Heimat zu finden. Auch davon berichtet Ernst J. Prochnow, der mit Familie zunächst im Mecklenburgischen (Penzlin) landete, im Teil II].


Anmerkungen / Remarks of the Editor:     [Translation-Service]

      EJP-Manuskript
^  Prochnow-Manuskript.
1) ^  Die hier dokumentierten Tagesberichte hat der Autor aufgrund seiner Tagesnotizen um 1948 aufgeschrieben, wobei er die mit einem * markierten Stellen hinzugefügt hat. Der Autor führte seit xxx als Inhaber das Woldenberger Hotel „Prinz von Preußen“ in der Richtstraße Nr. 47. Das Hotel galt als erstes Haus am Platze.

2) ^  Der Autor (Jahrgang 1887) lebt leider nicht mehr. Und so können wir ihn nicht mehr nach weiteren Einzelheiten befragen.

3) ^  Diese Abbildungen und Links wurden für diese Veröffentlichung redaktionell ausgewählt und hinzugefügt. Im Original sind sie nicht enthalten.

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Korrigiert wurden hier auch eindeutige Fehler in der Schreibweise von Namen und Ortsnamen, ohne daß das besonders markiert wurde. Beispielsweise muß es „Filehne“ statt falsch „Tilehne“ oder „Pomränke“ statt unvollständig „Pomrän“ heißen. Alle Abkürzungen wurden aufgelöst.

Durch einen qualifizierten Leser-Hinweis im Forum vom 22.1.2012 ist nun klar, daß die korrekte Schreibweise des Familiennamens „Pomrän“ nicht „Pomränke“ sondern „Pomrehn“ ist. Deshalb wurde das überall ab der 118. Ed. vom 23.1.2012 nachträglich korrigiert. Durch diesen Hinweis ist nun auch sicher, daß der Hof der Knopsmeier „Albertshof“ hieß.

4Einige Hinweise (Links), die interessieren könnten: 5) ^  Herta (geb. Löffler) ist die Ehefrau von Ernst Johann Prochnow. Sie fuhr mit dem großen Woldenberg-Treck, der bereits am 29. Januar 1945 in Berlinchen ‚strandete‘. Sie überlebte den russischen Panzerüberfall und trat dann mit anderen per Fuß den Heimweg an: Berlinchen — Krining — Gerzlow — Waldübernachtung — Pehlitz — Hermsdorf, wo sie Ernst Prochnow am 4. März 1945 wiedertraf.

6) ^  Otto Lissa(c)k war in Woldenberg Fahrzeughändler und wohnte in der Richtstraße 50, also in der Nähe des Prochnow-Hotels [Foto vom Geschäft]. Die korrekte Schreibweise des Familiennamens ist ohne „ck“ – also Lissak, wie aus diesem Foto hervorgeht. Deshalb wurde die Schreibweise im gesamten Text ab der 113. Ed. vom 17.10.2011 nachträglich korrigiert.

7) ^  Dieser Gutshof bei Kölzig im Kreis Arnswalde wird im Prochnow-Text mit „Albrechtshof“ bezeichnet, was sehr wahrscheinlich falsch ist. Denn im Kreis-Adreßbuch Arnswalde von 1925/26 wird der Hof mit „Albershof“ genannt. Mit einer 3. Quelle (z. B. mit Niekammer’s Adreßbücher der Landwirtschaft) wäre noch zu klären, wie der Gutshof bei Kölzig wirklich hieß. Er könnte ja auch „Albertshof“ (mit „t“!) geheißen haben.

So war es. Durch einen weiteren Hinweis von K.-H. Pomrehn im Forum vom 30.1.2012 (K.-H. Pomrehn ist ein Enkel von Gustav Knopsmeier) ist nun völlig klar, daß die korrekte Schreibweise des Knopsmeier-Hofes bei Kölzig „Albertshof“ war. Deshalb wurde das überall ab der 119. Ed. vom 31.1.2012 nachträglich korrigiert. Auch die Abschrift des Adressbuchs wird demnächst entsprechend korrigiert werden.

8) ^  Es ist derzeit noch unklar, um welchen See es sich dabei handeln könnte. Dieser See war nur rund 300 Meter vom Knopsmeier-Gutshof („Albertshof“) entfernt. Eine genauere Karte muß her. Aber aufgrund der Mitteilung von K.-H. Pomrehn wissen wir nun, daß dieser See, der sich in Richtung Marienwalde erstreckte, „Der Krumme See“ hieß. Ein kleinerer Teil des Sees wurde „Mittel-See“ genannt.

9) ^  Dentist Bornstädt: Das ist der Vater von Wolfgang Bornstädt, der es 2010 in Premnitz (Brandenburg) schaffte, daß es dort einen nach Woldenberg benannten Platz gibt. Die Bornstädt wohnten in Woldenberg in der Eisenbahnstraße.

10) ^  Eine solche Zeitangabe wie „1/2 8 Uhr“ (Halbacht) ist typisch für die Neumark – wohl für ganz Brandenburg (einschließlich Berlin). Sie wird anderswo kaum verstanden. „1/2 8 Uhr“ bedeutet nichts anderes als 7.30 Uhr. Und „1/4 8 Uhr“ wäre also 7.15 Uhr — alles klar?

11) ^  Die Nazis hatten Anfang Februar 1945 die Kreisstadt Arnswalde zur „Festung“ erklärt, d. h. Arnswalde sollte bis zum letzten gegen den Ansturm der Roten Armee verteidigt werden. Dennoch wird Arnswalde von den Sowjets eingeschlossen. Deshalb war von dort immer wieder starker Gefechtslärm zu hören.

12) ^  Größeres Vieh wie Kühe und Schafe wurde damals von den einzelnen Gehöften auf Koppeln zusammengetrieben. Später im Frühjahr wurde dann das Vieh in großen Herden vom eroberten Ostdeutschland über die Straßen nach Rußland getrieben. Von dieser Art der Reparation werden viele gar nichts wissen. Also ich (Editor) erfuhr erstmals im Sommer 2010 durch einen zufälligen Entrag im Gästebuch überhaupt davon.

13) ^  Entweder wurde die im Zuge der Richtstraße liegende Niedertor-Brücke über das Mehrenthiner Fließ kurz vor dem Panzervorstoß der Russen noch gesprengt, oder sie brach beim ersten Panzer halbseitig zusammen. Die Russen bauten sich deshalb weiter seewärts aus Schutt eine Furt durchs Fließ, die direkt in die Neue Straße führte. Hierüber rollte dann der Nachschub. [mehr]

14) ^  Dieses „Schönblick“ lag nördlich der Wutziger Straße. Dort standen relativ neue Wohnhäuser mit herrlichem Blick auf die Feuchtwiesen-Landschaft und den Forst „Mönch-Heide“.

15) ^  Von Otto Hemp, dem früheren Bürgermeister von Woldenberg, gibt es einen 1950 verfaßten Bericht über das Schicksal des Woldenberg-Trecks.

16) ^  Die Vertreibung der Deutschen aus Woldenberg begann am 1. Juli 1945. Sie mußten alle bis zur Oder laufen, obwohl ein Abtransport per Bahn möglich gewesen wäre. Der Fußmarsch führte von Woldenberg (Marktplatz) über Kirchstraße — Kastanienplatz — Woldenberger Gehege — Lauchstädt — Dolgen — Lichtenow* — Friedeberg — Zanzthal — Stolzenberg* — Landsberg — Beyersdorf* — Marwitz — Lichtefleck (Forst) — Schöneberg* — Soldin — Rufen* — Neuendorf — Bahn — Liebenow* — Fiddichow/Oder* in 1 Woche zur Oder, die am 7. Juli erreicht und am 8. Juli 1945 überquert wurde. In den mit einem * markierten Orten wurde jeweils eine Übernachtungspause eingelegt. Der Treck wurde bis zur Oder von polnischen Posten begleitet, vermutlich um sicherzustellen, daß niemand ‚verlorengeht‘.

17) ^  Auch Heinz Mohnhaupt (Jahrgang 1930) beschreibt im 2. Band seiner Trilogie „Auf steinigen Wegen“ von 2004 das Leben im besetzten Woldenberg ab Mitte Mai 1945. Der Schwerpunkt seiner Schilderung liegt dabei auf dem Leben auf dem Land bei Woldenberg (Bayers Hof und Neu-Mühle). Die Mohnhaupts gehörten zu den Woldenbergern, die Ende Januar 1945 nach Vorpommern flüchteten, aber Mitte Mai 1945 in die Heimat zurückkehrten. Das traurige Wiedersehen mit dem zerstörten Woldenberg beschreibt Mohnhaupt im Band 2 mit dem Untertitel „Wege ins Ungewisse“ so (Seite 90):

„Einige Tage voller Strapazen und Entbehrungen waren vergangen, als wir uns der Heimat näherten. Je näher wir dem Städtchen Woldenberg kamen, um so mehr mutmaßten wir über den Zustand des Ortes. In der Ortschaft Klosterfelde [Ed: nördlich von Woldenberg] sah ich mit Bedauern, daß die Mühle, in der ich vor 6 Wochen meine Lehre hätte beginnen sollen, nicht mehr existierte.

    Inzwischen befanden wir uns etwa 3 Kilometer vor der Stadt und nahmen zu unserer Freude wahr, daß uns der weithin sichtbare Kirchturm in seiner ganzen Größe begrüßte. In freudiger Erwartung wurden unsere Schritte immer eiliger. Doch als wir den Postberg hinter uns gelassen hatten, sahen wir mit Entsetzen das wahre Ausmaß der Zerstörung.

    Am Hohen Tor warf ich einen Blick nach rechts in die zur Hälfte zerstörte Storchennestmauer, und ich dachte wehmütig an die oft schönen vergangenen Stunden, die ich dort [bei Tante Minna und Onkel Heinrich Kutz] erlebt hatte. Weiter ging es die Richtstraße hinunter, deren Häuser zum größten Teil in Schutt und Asche lagen.

    In der Brauhausstraße [hinter dem Marktplatz] suchte ich vergeblich das alte Haus, in dem wir trotz aller Armut eine glückliche Zeit verbracht hatten. Lediglich das Haus, aus dem früher durch eine Dachluke Frau Göshel das Geschehen in der Umgebung verfolgt hatte, schien unversehrt.

    Da es auf den Abend zuging, mußten wir uns sputen, die letzten 5 Kilometer bis zum Ziel [Hof der Wenzel und Bayers Hof] zurückzulegen. Auf der sandigen, teils holperigen Strecke, mußten wir alle unsere Kraft noch einmal zusammennehmen.“
Dort angekommen, fanden sie Wenzels Hof zerstört vor, nur die Waschküche war erhalten geblieben. Auf Bayers Hof standen alle Gebäude noch, waren aber in einem chaotischen Zustand und alle Wege waren mit „mit hohem Unkraut überwuchert“.

18) ^  Diese Handwerker mußten dann noch Jahre für die Polen arbeiten. Etwa um 1950 wurde diese Zwangsarbeit beendet und die Zurückgehaltenen nach Deutschland ausgewiesen. Ob sie für ihre Arbeit eine Entlohnung erhielten, ist derzeit unbekannt.




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