Woldenberg (Neumark)   —  Erinnerungen von Wolfgang Albrecht khd
Stand:  6.10.2012   (44. Ed.)  –  File: WBG/Reports/Wbg_Wolfgang_Albrecht.html


Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf dieser Seite wird über etwas Besonderes berichtet, was bislang nicht so bekannt war: Das Leben im Woldenberger Lager im Jahr 1945. Die Russen hatten im Frühjahr 1945 das „OfLag II C“ in ein Kriegsgefangenen- Lager für deutsche Soldaten umfunktioniert.

Soldaten – das waren 1945 auch Kinder, wie der 16-jährige Wolfgang Albrecht. Er geriet am 18. April 1945 in der Gegend der Seelower Höhen im Beisein von NKFD-Leuten in russische Gefangenschaft. Von dort mußten die Gefangenen über Küstrin und Landsberg bis nach Woldenberg laufen. Sein Zeitzeugen- Bericht über die Gefangenschaft in Woldenberg wird hier erstmals veröffentlicht.

In dem Text wurden einige Anmerkungen [Ed: ...], Links und zu den Abbildungen ausführliche Bildlegenden sowie der „In-Memoriam-Kasten“ redaktionell hinzugefügt. Mit * sind belegende bzw. weiterführende Links angegeben. [Translation-Service]

Woldenberg — Erinnerungen an das russische Lager


In Woldenberg in Kriegsgefangenschaft 1

VON

  WOLFGANG ALBRECHT 2
(Jg. 1928)

  Mit 6 Abbildungen und Links 7

Brandmalerei von G. Schmidt 1945
^   Brandmalerei auf Sperrholz von G. Schmidt, die er im Sommer 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft im Lager Woldenberg mit Hilfe der Sonne anfertigte. Er schenkte das Bild seinem Mitgefangenen W. Albrecht, der es noch heute im Besitz hat. Originalgröße: 13 x 18 cm.   (Foto: 2010 – wolfalb)


I n h a l t :



Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter: http://www.woldenberg-neumark.eu/Reports/Wbg_Wolfgang_Albrecht.html



Der Marsch nach Woldenberg – die Endstation

      Wenige Tage nach der „Musterung“ im Gefangenenlager Landsberg/Warthe wurde eine Marschkolonne aus den Leuten mit einer „3“ und schlechter zusammengestellt. Alle wurden darauf hingewiesen, dass 2 Tagesmärsche von je 20 km bevorstanden. Wer sich nicht dazu fähig fühlte, wurde zurückgestellt. An einem verregneten Morgen setzte sich die bewachte Kolonne in Bewegung. Aus meiner Zeltplane hatte ich mir einen Umhang gegen den Regen geknüpft. Nach einigen Kilometern winkte mich ein Bewacher an den Straßenrand, hielt mir eine ungeknüpfte neue deutsche Zeltplane hin und forderte meinen Umhang. Er kannte offensichtlich nicht den Trick, aus einer Plane einen Umhang zu machen. Das war also
      Die ominöse „3“ bewahrte vor dem Schlimmsten
^   Die ominöse „blaue 3“, notiert auf einem Zettel. Sie bewahrte den 16-Jährigen vor dem Abtransport in Arbeitslager, gelegen in der UdSSR.   (Repro: 2010 – wolfalb)
gut gegangen. Schlechter traf es Kameraden, die gute deutsche Militärstiefel trugen. Wer Pech hatte, wurde an den Straßengraben gerufen, musste seine Stiefel ausziehen und bekam die abgetragenen, oft beschädigten russischen Stiefel des Wachsoldaten. Ob die Schuhgröße passte, spielte keine Rolle. Einige Kameraden hatten sich deshalb als Tarnung Bindfaden oder Lumpen um ihre Stiefel gewickelt. Das wirkte abschreckend.

      Die erste Etappe [von Landsberg an der Warthe] führte auf der Reichsstraße 1 in die Stadt Friedeberg, etwa 25 km entfernt. Hier mussten wir eine Schule ausräumen, um genügend Schlafplätze zu haben.

      Am nächsten Tag erreichten wir nach ca. 20 km den Stadtrand von Woldenberg/Nm. Eine kleine Stadt mit ca. 5000 Einwohnern (vor dem Krieg). Hier befand sich seit 1940 ein Gefangenenlager, das der nachfolgenden Text erläutert (aus dem
Internet):

In der „Liste der Kriegsgefangenenlager im 2. Weltkrieg“ wird die Eröffnung des „OfLag II C“ (Offizierslager für kriegsgefangene Offiziere) in Woldenberg mit Mai 1940 angegeben. Dieses große POW-Lager befand sich auf der Rohrsdorfer Seite der Friedeberger Chaussee, schräg gegenüber vom alten Wehrmachts-Standort (Barackenlager).

Im dem Lager waren rund 7000 POWs hinter Stacheldraht – vor allem polnische Offiziere – eingesperrt. Befreit wurde das Lager Ende Januar 1945 durch die Rote Armee. Heute steht dort die Gedenkstätte „OfLag II C Woldenberg“.

      Diese Beschreibung bezieht sich aber nur auf das Lager, in dem die Deutsche Wehrmacht kriegsgefangene polnische Offiziere untergebracht hatte. Als die Rote Armee im Januar 1945 bis nach Woldenberg vorrückte, wurde das Lager geräumt und muss später für die Aufnahme deutscher Kriegsgefangener hergerichtet worden sein. Die zuvor vorhandenen Einrichtungen in den Baracken gab es nicht mehr. Die Wasserversorgung bestand aus einigen Handpumpen. Die Toiletten waren demoliert und nur noch bedingt zu benutzen. Für die Rote Armee war nur wichtig, dass der doppelte Stacheldrahtzaun und die Wachtürme in Ordnung waren.

      Bei der Ankunft in Lager Woldenberg trafen wir auf viele Soldaten und auch Volkssturm-Männer, die schon vor uns hier her gebracht wurden. Am Lagertor erfolgte eine genaue Zählung. Dazu wurden Kompanien zu 100 Mann gebildet und ein Unteroffizier als Führer bestimmt. Solche Zählappelle dauerten oft sehr lange. Uns wurde eine Baracke zugewiesen. Die Schlafstellen waren durchgehende Pritschen, in zwei Etagen. Die Säulen waren rohe Baumstämme, die mit Äxten von Gefangenen zurechtgehauen wurden. Als Nägel wurden Drahtstücke verwendet. Man hatte ca. 60–80 cm Liegefläche auf Brettern. Matratzen oder andere Polster gab es nicht. Trotzdem war jeder froh, einen Schlafplatz zu haben und dass die endlosen Märsche ein Ende hatten.

Zur Organisation des Gefangenenlagers Woldenberg

      Lage des Woldenberger Lagers
^   Die Lage des 25 Hektar großen Lagers an der Friedeberger Chaussee. [Vergrößerung]  (Sat-Foto: 19.5.2009 – GoogleEarth)
      Das Lager war von einem doppelten Stacheldrahtzaun und etlichen Wachtürmen umgeben. Der Zaun wurde nachts beleuchtet [Ed: hm, woher hatten die den Strom?]. Zwischen den Zäunen, auf dem Sandstreifen, standen noch alten Warnschilder in Polnisch „Achtung! Es wird geschossen!“

      Im Lager selbst sah man nur zu den Zählappellen russische Soldaten und Offiziere. Dabei fiel uns auf, dass auch die Offiziere beim Betreten des Lagers ihre Pistolen abgeben mussten. In der Mitte des Lagers befand sich ein kleines Gebäude, was der deutsche Lagerkommandant als sein Büro nutzte. Dieser Mann gehörte auch zum Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und trug die entsprechende Uniform mit schwarz-weiß-roter Armbinde. Der Sprache nach war er Oberschlesier, wir Gefangenen schätzten ihn als recht unsympathisch ein.

      Einmal konnte ich beobachten, wie er zwei Mitgefangene nach Art eines preußischen Unteroffiziers mit Strafexerzieren (Hinlegen, Auf, Hinlegen...) quälte. Vielleicht hatte er es auch nicht leicht, zwischen den Russen und den Deutschen zu stehen. Außer diesem „Büro“ gab es noch eine Frisörstube, denn die Haare sollten weiterhin kurz bleiben. In größeren Abständen wurden wir kompanieweise zur Entlausung geschickt. Jetzt hatten wohl alle mit Läusen zu kämpfen. Wenn man nachts so dicht aneinander liegt, hatten die Tierchen kurze Wege. Zwischendurch ging man auch schon mal selbst auf Läusefang. In den Kleiderfalten wurde man meist fündig.

      Es gab auch einen größeren Raum, den sonntags die Kirchen nutzten und in der Woche bemühten sich hier einige begabte Leute um ein Unterhaltungsprogramm. Der russische Kommandant hatte aus der Stadt Woldenberg ein Klavier herbeischaffen lassen. Am Büro des Lagerchefs hingen später kleine Berliner Zeitungen aus. Daraus erfuhr ich von dem Atombombenabwurf der Amerikaner.

      Sollte sich ein Gefangener krank fühlen, wurde er in einer Krankenbaracke untersucht. Wer Fieber hatte, kam in das „Hospital“. Das waren Unterkünfte außerhalb des Lagers, auf der anderen Straßenseite. Hier betreuten deutsche und russische Ärzte die kranken Gefangenen. [Bericht vom Überlebenskampf dort]

Der Tagesablauf im Gefangenenlager

Der Morgen

      Eine Uhr besaß kein Gefangener mehr. Dafür gab es im Lager einen Trompeter, der zu den wichtigsten Tagesereignissen ein Signal gab. Der Tag begann damit, dass pro Mann ein Stück Brot und Kaffeeersatz durch den Kompanieführer ausgeteilt wurde. Ganz selten gab es auch einen Esslöffel Zucker dazu.

      Jeweils morgens und abends blies der Trompeter zum Zählappell. Das Wetter spielte keine Rolle, gezählt wurde immer. Alle Kompanien marschierten auf den Appellplatz und stellten sich auf. Jede Kompanie musste exakt aus 100 Gefangenen bestehen. Um Differenzen auszugleichen, gab es eine Restkompanie. Kein Gefangener durfte sich während des Zählens auf den Boden setzen. Für viele ältere Volkssturmmänner sicher eine Qual, denn oft dauerte der Appell sehr lange. Dann kontrollierten russische Soldaten, dass jede Kompanie genau 100 Mann zählte. War das gesichert, erschienen russische Offiziere und zählten umständlich die angetretenen Kompanien. Stimmte das Ergebnis, war der Appell vorbei. Gab es Differenzen, begann die Zählzeremonie erneut. – Am Abend wiederholte sich alles noch einmal.

Am Mittag

      Wachturm des Woldenberger Lagers
^   Ein hölzerner Wachturm des Woldenberger Lagers an der Friedeberger Chaussee. Davon hat es 8 Stück gegeben.  (Repro: 2004 – khd)
      Nach russischer Sitte war die Mittagszeit gegen 14 Uhr. Jetzt rückten die Essenholen aus, um an der Küchenbaracke Suppe für ganze Kompanie abzuholen. Dazu benutzten sie meist Holzfässer (in Woldenberg war eine Faßfabrik gewesen) oder andere große Gefäße. Der Kompanieführer teilte dann pro Gefangenen eine Schöpfkelle Suppe aus. Die Schöpfkellen waren meist 1-Liter-Blechbüchsen, die an einem Holzstiel befestigt war. Der Kompanieführer bemühte sich, das Essen gerecht zu verteilen. Jeder wollte natürlich die dickste Suppe vom Boden des Fasses. Aber am Ende hatte jeder etwas abbekommen. Blieb ein Rest im Faß, gab es einen Nachschlag, wobei die Empfänger sorgfältig abgewechselt wurden. Wer noch sein Wehrmachtskochgeschirr gerettet hatte, war gut dran. Andere Kameraden brachten zum Essenfassen die unterschiedlichsten Gefäße mit, nicht immer gut geeignete. Es gab auch Kameraden, die hatten keinen Löffel behalten können. Als Ersatz waren die unterschiedlichsten Dinge in Gebrauch.

      Nach dem Essen stellte man sich an einer der Wasserpumpen an, um sein Geschirr zu säubern. Jetzt war die beste Zeit, einen Mittagsschlaf einzulegen. Das sparte Kalorien und vertrieb die Langweile.

      Wie war die tägliche Suppe beschaffen? Kartoffeln brachte ein russisches Militärfahrzeug von den Mieten der umliegenden Kartoffelfelder ins Lager. Vor der Küchenbaracke saßen einige Kameraden, die auserwählt waren, Kartoffeln zu schälen. Diese Poster waren begehrt, denn danach gab es etwas Essen zusätzlich. Für die Suppe wurden auch Kartoffelflocken verwendet. Diese Kartoffelflocken bestanden aus ungeschälten, getrockneten Kartoffeln. Gedacht waren sie als Viehfutter. Wahrscheinlich wurden davon größere Mengen in einem Lager der Raiffeisen AG – Futtermittel – aufgefunden. Auch ein kleiner Anteil Fleisch war Bestandteil der Suppe. Nach einem Speiseplan brauchte man nicht zu fragen, denn in all den Monaten meiner Gefangenschaft in Woldenberg gab es nur diese Suppe – zu Mittag und zu Abend.

      Die Kartoffelschalen wurden auf einem offenen Fahrzeug abtransportiert. Um zu sichern, dass sich kein Fluchtwilliger unter den Kartoffelschalen verbarg, kletterte am Lagerausgang immer ein russischer Soldat auf das Fahrzeug und stieß mit einem langen Säbel mehrfach in den Abfall.

Am Abend

      Am Abend hörte man wieder den Trompeter und es wiederholten sich der Zählappell und die Essenausgabe. Danach ging man im Lager umher und versuchte Kameraden aus der Heimat zu finden. Dazu hatte es sich als nützlich erwiesen, wenn man an seiner Mütze mit einem weißen Faden den Heimatkreis –GOTHA– gestickt hatte. So fanden sich nach kurzer Zeit etliche Kameraden aus meiner Gegend. Natürlich kannte man nicht jeden, aber es stellte sich ein Heimatgefühl ein, man war unter sich.

      Die Gespräche drehten sich ständig um die Heimat und um die Frage, wann werden wir entlassen? Der Krieg war ja zu Ende. Auch traf ich auf Kameraden meiner Kompanie. Sie erzählten mir, dass sie beim Rückzug aus der Stellung nach rechts in den Wald auswichen. Dort sammelte sie am anderen Tag ein unvernünftiger Leutnant und versuchte mit ihnen einen Ausbruch aus dem Kessel [Ed: bei den
Seelower Höhen]. Dabei soll es erhebliche Verluste gegeben haben. Der Rest kam in Gefangenschaft und so traf man sich hier wieder.

      Wenn das Trompetensignal gegen 22 Uhr zum Zapfenstreich erschall, suchte jeder seine Baracke auf. Die Decke wurde ausgebreitet, Schuhe und Kochgeschirr kamen zur Sicherheit an das Kopfende und mit dem Mantel konnte man sich zudecken.

Kleine Abwechslung vom Lageralltag

      Steinbaracken des Woldenberger Lagers
^   Einige der Steinbaracken des Woldenberger Lagers, fotografiert im Sommer 2005. Das Woldenberger Lagers soll im Sommer 1945 mit mehreren Tausend deutscher Kriegsgefangenen belegt gewesen sein * . [Mehr Fotos vom Woldenberger Lager]  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol92)
      Kleine Abwechselungen vom Lageralltag boten Arbeitseinsätze. Es gab nur selten Gelegenheit, zu einem solchen Arbeitseinsatz eingeteilt zu werden. Dazu hielt man sich unmittelbar am Lagertor auf und wartete, bis ein kleines oder auch größeres Arbeitskommando zusammengestellt wurde. Meist waren es mehr Bewerber als benötigt wurden.

      Ich war wohl zweimal zu Erntearbeiten außerhalb des Lagers. Man führte uns unter Bewachung auf ein Feld, auf dem abgemähtes Getreide lag. Wir wurden angewiesen, die Halme aufzunehmen und zu einem Schober zu tragen. Hier sollte später eine Dreschmaschine das Getreide ausdreschen. Bei dieser Arbeit bot sich an, einige handvoll Körner in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Auf dem Weg zurück ins Lager kamen wir an einem Schuttplatz vorbei. Am Rande lag eine Waschschüssel aus Aluminium. Ich konnte diese unbemerkt mit ins Lager bringen. Jetzt konnte ich ein Hemd oder andere kleine Kleidungsstücke darin auswaschen. Die Schüssel wurde gern von Kameraden ausgeliehen.

      Zu einer ganz besonderen Dienstleistung wählte eines Morgens ein russischer Soldat mich und einen gleichaltrigen Kamerad aus. Er führte uns zu einem kleinen Haus in der Nähe des Lagers. Es war offensichtlich die Unterkunft von russischen Offizieren, die zum Lager gehörten. Hier wies er uns in einer gut möblierten Stube an, mit einer gefalteten Zeitung das Zimmer von den vielen Fliegen zu befreien. Sicher hatte er den Auftrag bekommen, aber er war findig und holte sich zwei Gefangene. Der Auftrag war bald zu seiner Zufriedenheit erledigt und er erwartete wohl seine Vorgesetzten zur Mittagspause. Wir mussten in den Keller des Hauses verschwinden, die Offiziere sollten uns nicht sehen. Im Keller zeigte er uns eine große Kanne mit Milch und schob uns auch eine Kiste mit altem Weißbrot zu. Wir sollten uns aber sehr ruhig verhalten. Nach der Mittagspause, wir hatten uns natürlich reichlich bedient, brachte er uns zum Lagertor zurück.

      Eine schöne, nahrhafte Abwechslung. Unsere Körper waren aber durch die lange einseitige Ernährung nicht in der Lage, die fette Milch zu verarbeiten. Die Folge war Durchfall am nächsten Tag.

„Spezialisten“ gesucht

      Oft wurden auch so genannte „Spezialisten“ für besondere Arbeiten gesucht. Was wir unter einem Fachmann verstanden, bezeichneten die Russen immer als „Spezialisten“. So war ein Funkmechaniker tagelang beschäftigt, eine Funkanlage zu reparieren. Diese Anlage war in ein großes Militärfahrzeug eingebaut. Wir sahen vom Lager aus die Sendeantenne. Gesucht wurden auch Seifensieder. Sicher haben sich einige Chemiker gemeldet. Ihre Aufgabe bestand darin, aus Knochen, Lauge und Kalk eine Seife herzustellen. Es muss gelungen sein, denn wir bekamen einmal pro Mann ein Stück einer grauen Masse zugeteilt. Das Stück war etwa 8x4x3 cm groß und hatte tatsächlich etwas mit Seife gemein. —

      Am Lagertor war auch eine Baracke, wo einige Schuhmacher mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln Schuhe und Stiefel reparierten. Meine Schuhe hat ein Schuster dort mit Sohlen aus Autoreifen ausgebessert. Der Andrang war in dieser Werkstatt natürlich groß, alles konnten die Leute nicht schaffen. Mein Vorzug war, dass ich einige Tabakblätter bieten konnte. Der Tabakanbau war in der Gegend um Woldenberg üblich. Aus einer Laune heraus, hatte ein russischer Offizier an unserer Kompanie solche Tabakblätter ausgeteilt. —

Die Hygiene

      Dieses Kapitel ist nicht für Leute mit empfindlichem Gemüt geeignet. Wenn man heute im Fernsehen einen Beitrag über Gefängnisse verfolgt, sieht man wie Strafgefangene untergebracht sind, mit Tisch und Stuhl, mit Waschtisch mit Fernsehgerät, aber eben eingesperrt. Wir waren 1945 keine Strafgefangene, sondern Kriegsgefangene. Heute fällt es schwer, sich die Verhältnisse, insbesondere die hygienischen in einem russischen Lager für Kriegsgefangene vorzustellen.

      Beim Eintreffen im Lager verfügten fast alle nur noch über ihre mehr oder weniger vollständige Uniform, evtl. eine Schlafdecke und einen Brotbeutel sowie das Kochgeschirr. Wäsche zum wechseln fehlte also. So trug man über Monate die gleiche Kleidung am Körper. Nachts legte man einiges ab, verstaute es unter dem Kopf, damit es am anderen Morgen noch verfügbar war. Wenigstens die Unterwäsche zu waschen gelang nur mit kaltem Wasser, ohne Waschmittel. Bis zum Trocknen in der Sonne trug man nur die Militärhose. Den Trockenplatz sollte man aber gut beaufsichtigen!

      Wer Glück hatte, verfügte noch über ein Handtuch für die Morgenwäsche. Eine Zahnbürste oder gar Zahnpasta? Fehlanzeige. Ein großer Mangel war vor allem, dass man über kein Toilettenpapier verfügte. Anfangs hatte man noch den einen oder anderen überflüssigen Zettel. Aber danach? Einen Lappen zum Auswaschen, Gras... Hier möchte ich abbrechen. Ich persönlich hatte Glück. Ein Kamerad war während eines Arbeitseinsatzes in der Nähe von einem Wohnhaus in Woldenberg. Er fand einen „Sprachbrockhaus“ und brachte ihn unbemerkt mit ins Lager. Wir entfernten den Buchdeckel und teilten uns den Buchblock. Erfreulich, dass das Buch nicht aus Kunstdruckpapier hergestellt war!

      Ein Vorteil war, dass der Brockhaus so viele Seiten hatte. Wenn man dann sein Geschäft verrichtete, durfte man seinen Papierreichtum nicht sehen lassen. Der Nachbar wollte bestimmt etwas abhaben. Las man die entsprechende Seite vor der Benutzung noch, war der Gang zum Abort sogar eine Bildungsreise.

      Vom Kontakt zu Kleiderläusen habe ich schon an anderer Stelle berichtet. Nicht minder unangenehm war meine Begegnung mit Bettwanzen. Umgangssprachlich nennt man diese nur Wanzen. Ich war zusammen mit anderen Kameraden vorübergehend in einer kleinen Baracke untergebracht. Darin standen Holzbetten ohne Matratzen. Wer konnte ahnen, dass des nachts aus allen Bretterritzen zahllose Wanzen ausschwärmten und über uns herfielen. Am morgen hatte man viele rote Flecken, wo die Wanzen gebissen hatten.

Kamerad G. Schmidt und die Brandmalerei

      Unter den Kameraden aus der Heimat traf ich auch auf den einzigen Ohrdrufer: G. Schmidt. Er trug die schwarze Uniform der Panzertruppe. In den Sommermonaten hatte er deshalb unter der Hitze zu leiden. Ein Mal trafen wir uns an einem Nachmittag und setzten uns an einen der wenigen Schattenplätze. Wir erinnerten uns, dass es der 20. oder 21. Mai sei, also Pfingsten. So drehte sich unser Gespräch bald um das Ohrdrufer Schützenfest. Dieses fand in den Jahren vor Kriegsbeginn zu Pfingsten statt. Auf dem Platz am Lindenhof standen Buden neben Buden und boten Glücksspiel, Zauberschauen oder Zuckerwerk an. Jetzt kam das Gespräch natürlich auf die Thüringer Rostbratwurst und auf ein Stutzhäuser Bier. Genüsse, die an diesem Tag für uns in unendlicher Ferne waren.

      G. Schmidt war älter als ich und hatte künstlerische Ambitionen. Er hatte ein Stück Sperrholz (13x18 cm) gefunden und mit einer Lupe und dem Sonnenlicht in das Holz
ein kleines Kunstwerk gebrannt. Dieses Bild schenkte er mir. Ich brachte es mit nach Hause und besitze diese Erinnerung noch heute.

Nachrichten an die Eltern

      Trotz Genfer Konvention und Internationalen Rotem Kreuz boten die Sowjets den Kriegsgefangenen keine Möglichkeit, eine Nachricht nach Hause zu geben [Ed: nicht nur die Sowjets handelten damals so]. Immerhin war der Krieg zu Ende und in Deutschland zogen nach und nach wieder normalere Verhältnisse ein. Post und Bahn funktionierten, wenn auch eingeschränkt.

      Als im Juli/August [1945] die ersten Gefangenen aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurden, versuchte jeder, ihnen eine Nachricht oder eine Adresse mitzugeben. So erfuhren meine Eltern über Willi Neuland, dass ich mich gesund in Woldenberg befinde. W. Neuland kannte ich, er war HJ-Führer in Gotha und hatte im Krieg bereits einen Arm verloren. Als Volkssturmmann geriet er in Berlin in Gefangenschaft. Eine weitere Nachricht erreichten meine Eltern am 9. August 1945 durch einen älteren Mann aus Gotha. Dieser Zettel muss wie ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk an meine Mutter (*8.8.1899) gewesen sein.

Ein dunkler, ja schwarzer Tag mit Sonnenfinsternis

      Am 9. Juli 1945 gegen 13 Uhr fand eine [partielle] Sonnenfinsternis statt, die auch in Deutschland sichtbar war. Im Lager wusste scheinbar niemand von dem Ereignis, oder man hatte kein Interesse. Gegen Mittag stellte sich ein graues Dämmerlicht ein, die Sonne selbst war nicht sichtbar. Vielleicht war auch hohe Bewölkung. Soweit das astronomische Ereignis.

      Am selben Tag geschah etwas viel tragischeres im Lager. Offensichtlich waren zwei deutsche Gefangene von russischen Wachen erschossen worden. Die zwei Toten lagen auf einem großen Handwagen und wurden vom Lagertor zu einem Appellplatz geschoben. Dazu wählte ein russischer Offizier willkürlich 4 junge Gefangene aus. Mir ist es heute noch rätselhaft, wie er auch auf mich stieß. Wahrscheinlich trifft der bekannte Satz „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ zu.

      Am Appellplatz versammelten sich befehlsgemäß einige Kompanien und der deutsche Lagerkommandant rief im Angesicht der toten Kameraden dazu auf, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Die Entlassung der Gefangenen in ihre Heimat sei nur eine Frage der Zeit. Gerade in dieser traurigen Stunde verdunkelte sich die Sonne. Ein billiger Roman könnte dieses Ereignis nicht besser beschreiben. Aber es war kein Roman, es war Wirklichkeit. Mich hatte der Anblick der Toten auf dem Handwagen so ergriffen, dass ich mich von dem Appellplatz verdrückte und noch lange Zeit brauchte, um das Geschehen dieses Tages zu verarbeiten.

      Über den Vorfall wurde natürlich im Lager geredet. Viele waren der Meinung, dass keine Flucht, sondern ein Streit mit den Bewachern während eines Arbeitseinsatzes außerhalb des Lagers der Auslöser sei. Vielleicht ging es dabei um eine Uhr oder um einen goldenen Ring? Bewiesen war nichts. Auch nicht, dass kein Fluchtversuch vorlag.

Das Hospital, die Sanitätsstelle des Gefangenenlagers

      Wer sich krank fühlte, meldete sich in der Sanitätsstelle des Lagers. Hier wurde zunächst Fieber gemessen und eine grobe Untersuchung vorgenommen. Wer auffällig krank war, wurde noch am selben Tag in das Hospital verlegt. Das Hospital bestand aus Baracken in einem gesonderten Lagerteil auf der anderen Seite der Friedeberger Chaussee. Hier waren wohl die Unterkünfte der Wehrmachtssoldaten gewesen, die bis 1945 die polnischen Offiziere bewachten. Die Ausstattung der Unterkünfte war wesentlich besser als im eigentlichen Gefangenenlager. Es gab kleine Stuben mit Betten. Die Verpflegung war etwas besser, wenn auch knapp, und russische und deutsche Ärzte sowie Sanitäter waren für die Kranken zuständig.

      Als ich eines Tages starke Kopfschmerzen bekam, wusste ich aus Erfahrung, dass ich eine Stirnhöhlenentzündung hatte. Ich meldete mich in der Sanitätsstelle. Das gemessene Fieber bestätigte meine Vermutung. Ich konnte meine Sachen packen und wurde zusammen mit anderen Erkrankten in das Hospital gebracht. Ein Arzt bestätigte meinen Verdacht und verordnete Schmerzmittel. Das war ein Pulver, eingefaltet in weißes Schreibpapier. Dazu sollte ich meine Stirne oft der Sonne aussetzen. Im Hospital gab es keinen Zählappell, und es war schön, wieder in einem Bett zu liegen. Neben mir lag ein Franzose. Er hatte gelähmte Beine und musste zur Toilette getragen werden. Mit Hilfe meines kleinen Taschenkalender- Wörterbuchs (Deutsch – Französisch) konnte ich ab und zu ein paar Worte wechseln, denn er verstand kein Deutsch.

Entlassungspapier vom September 1945
^   Der Tag war gekommen – am 2. September 1945. Endlich gab es den so lang ersehnten Entlassungsschein. Aber bis zur Heimat – bis zur Oder – war von Woldenberg noch ein gut 120 km langer Fußmarsch zu bewältigen. (Original: 21 x 12 cm, auf dünnes Papier gestempelt).   (Repro: 2010 – wolfalb)

      Sehr lustig wurde es, als ich ihm erklären wollte, dass man den Heimweg zu Fuß – also mit Laufen – bewältigen müsse. Mein Buch übersetzt: laufen = courir. Da bekam der Franzose einen kleinen Lachkrampf. Es stellte sich heraus, dass courir = rennen bedeutet. Ich hätte marcher = marschieren sagen sollen.

      Als es mir besser ging, rief mich der deutsche Arzt – ein Berliner namens Schulz – zu sich und befragte mich nach weiteren Leiden. Da ich keine sichtbaren Schäden hatte, einigten wir uns auf taub, gehörlos. Den Befund schrieb er auf einen Entlassungszettel und wünschte mir viel Glück. Natürlich war der Befund maßlos übertrieben; aus einer Mücke wurde eben ein Elefant. Wieder im großen Gefangenenlager wurden die Rückkehrer in einer separaten Baracke untergebracht. Später erfolgte eine Untersuchung durch einen russischen Arzt oder Sanitäter. Dieser besah sich meinen Zettel. Natürlich stellte ich mich bewusst recht ungeschickt an, wenn er mir Anweisungen geben wollte. Es muss auf ihn Eindruck gemacht haben, denn das Ergebnis diese Untersuchung schrieb er in eine Liste. Diese Liste ebnete etwas später den Weg zur Entlassung aus der russischen Gefangenschaft.

Die Entlassung

      Einige Tage vor den ersten Entlassungen wurden im Lager Stempelschneider-„Spezialisten“ gesucht. Das Ergebnis ihrer Arbeit war ein großer Stempel in kyrillischer Schrift mit denen die Entlassungscheine angefertigt wurden. Handschriftlich trug man noch die Namen ein [Ed: offensichtlich in russischer Schreibweise].

     
I n   M e m o r i a m
Wo sind die verstorbenen Gefangenen in Woldenberg begraben worden?

Angesichts der prächtigen Gedenkplatte für die (verstorbenen) polnischen Gefangenen des „OfLag II C“, fragt sich nicht nur der Autor, wo denn in Dobiegniew oder anderswo heute der in Woldenberg 1945 in russischer Gefangenschaft zu Tode gekommenen deutschen Wehrmachts- angehörigen erinnert wird.

Offensichtlich ist noch nicht einmal deren Beisetzungsort bekannt. Zwar ist auch die Anzahl unbekannt, aber angesichts der Tatsache, daß im Woldenberger Lager viele ältere Volkssturm- Männer und arbeitsunfähige Soldaten waren, werden es nicht nur Einzelne gewesen sein.

Im Juli 2010 teilte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit, daß die im Lager Woldenberg verstorbenen deutschen Soldaten in Massengräbern zwischen dem Lager und dem dortigen Schießplatz beerdigt worden seien. [mehr]

Gestorben sind im Kriegsgefangenenlager
(* = belegende Links):

  • Bartz, Günter, † 17.08.1945, *
  • Goehling, Gerhard, † 28.05.1945, *
  • NN, nn, † 09.07.1945, *
  • NN, nn, † 09.07.1945, *



  •  
          Zu den nächsten Tagen im Gefangenenlager habe ich eine kleine Lücke in meinen Erinnerungen. Ich erinnere mich aber, dass ich, als meine Heimkehr sicher war, überflüssige Dinge an zurückbleibende Kameraden weitergab. So wechselte u. a. die Aluschüssel und auch mein zweites Hemd den Besitzer.

          Am Morgen des 2. September 1945 versammelten sich alle zur Entlassung vorgesehenen Gefangenen. Ein russischer Offizier oder Feldwebel verlas die Namen. Mit Spannung wartete auch ich auf meinen Aufruf: „ALBRECHT, Wolfgang Friedrich“. Ich nahm einen
    Schein in Empfang und musste in einen anderen Block wechseln. Damit wurde gesichert, dass nur Leute mit Schein zum Abmarsch kamen. Dann wurde Brot und Kartoffelflocken verteilt, denn der Marsch würde mehrere Tage dauern. Wahrscheinlich waren ca. 120 Km zu bewältigen.

          Als die Zeremonie beendet war, traten alle noch Gefangenen wieder in Reih’ und Glied an und wir marschierten zum letzten Mal durch das Lagertor. Welch ein Gefühl! Wir sind bald frei!

          Begleitet wurde unsere Kolonne von einem russischen Offizier und einem Soldaten. Beide saßen in einer Pferdekutsche. In der Kutsche transportierten die beiden auch einen Nachschub an Brot für unterwegs.

          Alle dachten, unser Weg würde uns auf der alten Reichsstraße 1 direkt nach Küstrin und an die Oder führen. Aus Gründen, die mir unbekannt sind [Ed: vermutlich weil die Oderbrücken bei Küstrin gesprengt waren], bewegte sich unsere Kolonne jedoch auf Nebenstraßen in Richtung Nordwest durch kaum bevölkerte Dörfer. Größere Orte, die wir umgingen, müssten Arnswalde und Pyritz (alte deutsche Bezeichnung) gewesen sein. Die Marschordnung war jetzt aufgelöst. Jeder suchte sich sein Tempo und bemühte sich, den Anschluss nicht zu verlieren. Nach monatelanger körperlicher Untätigkeit war es nicht einfach, wieder richtig aktiv zu werden.

          Unterwegs kam ich ins Gespräch mit einem Kameraden, der nach Stützerbach in Thüringen wollte. Wir hatten bis Erfurt den gleichen Weg vor uns. So gingen wir ab jetzt gemeinsam. Der Kamerad Bartholome litt unter einer ausgeheilten Verwundung, die ihn noch zu schaffen machte. Am Ende des Tages bildeten wir oft das Ende der Kolonne. Mit gutem Zureden und der Hoffnung bald in Deutschland zu sein, erreichten wir das Tagesziel. Da wir nie allein waren, gab es auch kaum Schwierigkeiten mit den nach hier eingewanderten Polen. Einmal musste aber der uns begleitende Offizier eingreifen, um uns vor Übergriffen zu schützen.

          Geschlafen wurde an diesen Tagen im Freien. Das letzte Tagesziel in Polen war der Ort Bahn. Auch hier kam ich mit Kamerad Bartholome verspätet am Lagerplatz an. Dieser befand sich unmittelbar an einem See. Es war schon empfindlich kühl und die Dämmerung begann. Als wir ein leerstehendes Haus sahen, suchten wir uns dort einen Schlafplatz. Im Erdgeschoss hatten sich schon andere Kameraden eingerichtet und so stiegen wir treppauf und fanden ein leeres Zimmer. Als wir am anderen Morgen das Haus von außen besahen, wurde uns klar, dass wir recht gefährlich genächtigt hatten. Unser „Zimmer“ stand freihängend über zerschossenen Wänden.

          Der letzte Teil des Weges führte uns nach dem Ort Fiddichow [heute: Widuchowa, nordöstlich von Schwedt/Oder], unmittelbar an der Oder. Der uns begleitende Offizier musste lange mit den polnischen Soldaten verhandeln, die an dieser Stelle eine Behelfsbrücke über die Oder bewachten. Der mittlere Teil einer Art Pontonbrücke fehlte und musste jeweils eingeschwommen werden. Als das erreicht war, stand der russische Offizier auf dem erhöhten Oderufer und rief uns zu: „Vistra! — Vistra! — Da moi!“ (Schnell! — Schnell! — Nach Hause!).

          Wir überquerten die Brücke und waren in Deutschland — in der Heimat. Wir waren endlich frei!!



    [Editor: Die nun freien Ex-Gefangenen Albrecht und Bartholome schlugen sich von dort zusammen über Schwedt und Angermünde nach Berlin durch. Von hier erreichten sie mit der Eisenbahn ab Anhalter Bahnhof (ja, da fuhren damals schon wieder Züge) über Halle und Erfurt Mitte September 1945 wieder ihre Heimat Thüringen.

    In Erfurt trennten sich ihre Wege. Wolfgang Albrecht fuhr weiter mit der Eisenbahn über Gotha in sein Heimatdorf Ohrdruf, wo gerade eine ‚Razzia‘ durch eine russische Spezialeinheit stattfand. Diese war auf der Suche nach ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. Sein Entlassungsschein bewahrte ihn aber vor einer erneuten Festnahme. Die Rückkehr ins zivile Leben konnte beginnen. Nach Woldenberg, da wollte er nie wieder hin].



    Anmerkungen / Remarks of the Editor:     [Translation-Service]

    1) ^  Die hier dokumentierten Erinnerungen hat der Autor im Winter 2009/10 aufgeschrieben. Auch wenn sich der Autor noch gut an die dramatischen Ereignisse in seiner Jugend erinnert, ist nicht auszuschließen, daß seine Schilderung den einen oder anderen Fehler enthält.

    Der Autor war ab 1944 als Luftwaffenhelfer in einer speziellen Einheit aktiv. Diese setzte sich nur aus funktechnisch ausgebildeten Jungen wie Radiomechanikern und Radiobastlern zusammen. Ihre Aufgabe war, auf Flugplätzen den dortigen Soldaten zu helfen, die Funkgeräte und Ortungsgeräte der Flugzeuge zu reparieren. Im Januar 1945 wurden diese Luftwaffenhelfer entlassen und sofort in eine Luftnachrichten-Kompanie der Wehrmacht einberufen. Über Dresden, Potsdam und ein Dorf bei Bernau wurde diese Kompanie in einen Wald bei Neu-Hardenberg verlegt. Ohne gründliche Ausbildung wurde dort die Kompanie in die mörderische Schlacht um die Seelower Höhen (ab 16. April 1945) verwickelt und war schnell von der Roten Armee eingekreist.

    2) ^  Der Autor (Jahrgang 1928) lebt heute in Thüringen und ist für Anfragen und Nachfragen per E-Mail erreichbar unter: wolfalb (at) t-online.de (das „(at)“ muß durch @ ersetzt werden!).

    3) ^  NKFD = Nationalkomitee Freies Deutschland. Das war ein im 2. Weltkrieg von Moskau im April 1942 angeregter Zusammenschluß von Gegnern des Nationalsozialismus. Darin wirkten ab 1943 kriegsgefangene deutsche Soldaten und Offizieren mit, aber vor allem auch kommunistische deutsche Emigranten in der Sowjetunion wie Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht (später: Regierungschef der DDR) und Erich Weinert. Eine Haupttätigkeit des NKFD war die Überzeugungsarbeit an der Front mit dem Ziel, Wehrmachtsangehörige mit Versprechungen zum ‚Überlaufen‘ bzw. zur freiwilligen Gefangennahme zu bewegen. [mehr]

    4) ^  Some of those links point to Wikipedia articles in German. Those who like them in English should look at the left side of the Wikipedia pages. There you‘ll find a link to the English version.

    5) ^  Auch die Westmächte hielten sich nach Kriegsende 1945 zunächst nicht an die Genfer Konvention, nach der die Angehörigen eines Kriegsgefangenen umgehend über die Tatsache der Gefangenschaft schriftlich informiert werden müssen. Es gehörte zur psychologischen ‚Nachkriegsführung‘, die Angehörigen monatelang im Ungewissen über den Verbleib des Ehemanns, des Vaters, des Sohnes zu belassen.

    6) ^  In der Nacht zum 17. April 1945 wurden in Berlin ganz hektisch auch „Panzerjagdbrigaden“ der Hitlerjugend, ausgestattet mit der „Wunderwaffe Panzerfaust“, in Stadtbusse der BVG verfrachtet und an die wankende Front an der Oder – vor allem zu den Seelower Höhen – gebracht. Sie waren der Übermacht an T34-Panzern der Roten Armee nicht gewachsen, was absehbar war. Die meisten mußten ihr junges Leben lassen.

    7) ^  Einige Hinweise (Links), die interessieren könnten: 8) ^  Es gibt sogar Schätzungen anderer, die von 15 bis 17.000 deutschen Gefangenen ausgehen [noch mehr]. Stimmen solche Zahlen, dann müssen die Sowjets ein riesiges Logistik- Problem zu bewältigen gehabt haben. Denn das ist mehr als die doppelte Belegung des Woldenberger Lagers wie zu OfLag-IIC-Zeiten (1940–1945). Durch die Flucht der Deutschen Ende Januar 1945 war im Sommer 1945 auch die ganze Neumark fast menschenleer. Zu dieser Zeit lebten erst wenige Polen dort. Es ist bekannt, daß es mit der Ernte von Getreide, Kartoffeln und Grobgemüse wie Kohl und Rüben nicht sehr toll war. Denn die Felder konnten im Frühjahr nicht ordentlich bestellt werden, und bei der Ernte fehlte es dann auch an Arbeitern. Das macht auch verständlich, warum die Verpflegung der deutschen Gefangenen so äußerst kärglich ausfiel. Und vermutlich stammten die Kartoffeln in der ‚Suppe‘ noch aus Woldenberger Zeiten – von der Ernte im Herbst 1944, eingelagert in Mieten auf den Feldern. Wenn Militärs agieren, haben sie noch nie an alle Folgen gedacht...

    9) ^  Das Woldenberger Elektrizitäts-Werk am Abfluß des Fließes aus dem See war um den 30. Januar 1945 bei der Eroberung Woldenbergs durch die Rote Armee quasi zerstört worden. Es müßten also für die Lager-Beleuchtung Stromaggregate zum Einsatz gekommen sein. Vielleicht war aber auch das Woldenberger E-Werk schon wieder soweit notdürftig durch ‚Spezialisten‘ repariert worden, daß es den notwendigen Strom liefern konnte.

    10) ^  Auf Nachfrage gibt der Autor an, daß diese Entlassungs- Kolonne aus „ca. 100 Mann“ bestand. Diese Kolonne wurde Anfang September 1945 von Russen bis zur Oder begleitet. Aus einem anderen Bericht wissen wir, daß eine solche Begleitung offensichtlich nicht immer der Fall war. Diese in Woldenberg im August 1945 freigelassenen Gefangenen sollen sich selbst bis zur Oder durchgeschlagen haben.

    11) ^  Als sich Wolfgang Albrecht 1975 mit seinem ‚Trabbi‘ (Trabant, das DDR-Auto) doch noch mal nach Woldenberg (nun Dobiegniew) auf den Weg machte und er sich dem Lagergelände an der früheren Friedeberger Chaussee näherte, hörte er ein intensives Grunzen. Die Lager-Baracken hatten eine neue Nachnutzung erhalten: Die Schweinemast. Das erklärt nun auch die Rinnen, die im Boden der Baracke auf dem Foto von 2005 zu sehen sind. Das waren die Futtertröge für die Schweine. Warum in Dobiegniew diese Schweinemast wieder aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls war davon beim Besuch von Wolfgang Bredereck im Juni 2005 nichts mehr zu bemerken.

    12) ^  An andere Fluchtversuche aus dem Lager Woldenberg kann sich der Autor nicht erinnern. Vermutlich gab es auch keine, denn angesichts des Kriegsendes bestand für die Gefangenen die berechtigte Aussicht auf eine Entlassung. Deshalb wollte wohl niemand mehr ein Risiko auf sich nehmen.

          Volksbund-Brief, 23.7.2010
    ^   Volksbund: „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden.“
    13)
    ^  Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Kassel) teilte in seinem Schreiben am 23.7.2010 noch folgendes mit:
    „In unseren Karteiunterlagen für das russische Kriegsgefangenenlager Woldenberg sind 234 namentlich bekannte deutsche Soldaten verzeichnet. Die Zahl der dort tatsächlich verstorbenen Insassen dürfte aber wesentlieh höher sein, zumal uns Zahlen über verstorbene Zivilpersonen nicht vorliegen. (...) 14

    Im Frühjahr 2000 hat unser Umbettungsdienst in Dobiegniew Exhumierungen der noch zu bergenden Verstorbenen durchgeführt. Aus den oberirdisch nicht mehr erkennbaren Gräbern wurden die sterblichen Überreste von 282 Toten geborgen. Diese wurden auf den neuen deutschen Soldatenfriedhof Stare Czamowo/Neumark, bei Stettin, überführt und im Block 1 neu bestattet. (...)

    Die Namen der Verstorbenen wurden auf Natursteinstelen, die am Rande des Blocks aufgestellt wurden, verzeichnet.“
    Zu diesem neuen Soldatenfriedhof hält der Volksbund eine kleine Broschüre bereit, die per E-Mail bestellt werden kann.

    Der Volksbund ist bei seiner wertvollen Arbeit für den Frieden auf Spenden angewiesen. Spendenkonto: 3 222 999, Commerzbank Kassel, BLZ 520 400 21.

    14) ^  Manche schätzen, daß es durchaus um die 3.000 deutsche Soldaten und Volkssturmleute gewesen sein könnten, die 1945 im Woldenberger Lager verstorben sind. [weitere Schätzung]

    15) ^  Anfang Mai 2011 wurden zufällig die interessanten Kriegs-Erinnerungen „Als Pole bei der deutschen Wehrmacht“ von Stanislaw Spiczok-Brzezinski im Internet gefunden. Der polnische Autor (Jg. 1927) aus Glisno wurde als 17-jähriger zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Im März 1945 geriet er in russische Gefangenschaft, die ihn ins Kriegsgefangenen-Lager Woldenberg führte. Dort diente er als Aufpasser über die immer mehr werdenden deutschen Gefangenen. Er spricht davon, daß sogar zuletzt (Herbst 1945) rund 30.000 Gefangene im Lager gewesen sein sollen. Die meisten von ihnen wurden dann mit der Eisenbahn nach Posen gebracht, von wo sie nach Rußland (Sibirien) zur Zwangsarbeit deportiert wurden. Er hatte Glück und durfte nach Hause (Glisno) gehen.

    Da das so viele Deutsche waren, müßte es eigentlich einen genaueren Bericht über diesen Transport von Woldenberg nach Sibirien irgendwo geben. Also sei auch an dieser Stelle die bereits früher gestellte Frage wiederholt: Wo gibt es einen Zeitzeugen-Bericht eines deutschen Soldaten, der 1945 als Kriegsgefangener von den Russen aus dem Lager Woldenberg nach Sibirien deportiert wurde? [Zum Spiczok-Report]

    16) ^  Im Mai 2011 konnte dann mit Hilfe der Suchmaschinen von Google (verwendete Stichworte: „woldenberg“ + „lager“) noch ein weiterer Bericht von den Zuständen im Sommer 1945 im russischen Kriegsgefangenen-Lager ausfindig gemacht werden. Dieser schockierende Report vom Überlebenskampf eines 17-jährigen Gefangenen in Woldenberg war in einem Buch versteckt, dessen Titel „Spuren unter der Haut“ (ISBN: 3-8311-3742-0) überhaupt nicht darauf hindeutete, daß darin ein derartiger Bericht enthalten sein könnte.

    Das konnte nur deshalb gefunden werden, da der offensichtlich Internet-kompetente Verlag diesen Text als Leseprobe ins Netz stellte und zudem Suchrobotern nicht den Weg zum Volltext- Indizieren versperrte! Und so wird es einige weitere Käufer dieses interessanten Buches zur Zeitgeschichte geben. Damit diese Schilderung in diesem Kontext aber auf Dauer nicht verlorengeht, wurde das Kapitel inzwischen in den Woldenberg_Dies&Das_07.html gespiegelt und durch einige Illustrationen ergänzt. [Zum Bertram-Report]

    17) ^  Walter Stenzel spricht in seinem 1993 publizierten Zeitzeugen-Bericht sogar von „ca. 30.000 deutschen Kriegsgefangenen“, mit denen das Lager Woldenberg 1945 belegt war. Stenzel berichtet auch, daß ein Teil der Gefangenen zu Ernteeinsätzen in der Umgebung von Woldenberg herangezogen wurde.

    18) ^  „Es könnten schätzungsweise an die 1.000 Landser sein“, die im Lager gestorben sind und in Massengräbern am Rande des Woldenberger Geheges (nordwestlich der Friedeberger Chaussee) vergraben worden sind, schreibt Walter Stenzel in seinem Bericht. Es könnte also sein, daß dort noch heute (2012) Gebeine deutscher Soldaten begraben sind, da vom Volksbund nur 282 Tote zum neuen Friedhof bei Stettin überführt worden sind.




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