Woldenberg (Neumark)   —  Dies & Das – Teil 7 khd
Stand:  12.9.2011   (21. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_Dies&Das_07.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sind kleine Geschichten, Berichte und Fakten aus der Geschichte der Kleinstadt Woldenberg sowie der Neumark dokumentiert. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


1939 — Woldenberger Stadtansichten


Unser Woldenberger Schützenplatz

Wie der „Katzenst(i)eg“ entstand

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 43–44). Der folgende Text ist offensichtlich 1939 entstanden. Der Autor ist unbekannt.

Woldenberg -- Alter Schützenplatz am Mehrenthiner-Fließ
^   Woldenberg/Neumark – Der alte Schützenplatz (rechts) am Mehrenthiner-Fließ mit der Holzbrücke zur Getzlaffschen Wiese am Hang des Eberbergs. Am Horizont der Bahndamm in Richtung Kreuz (nach links) [Das Schützenfest]   (Repro: 2007 – khd)

      Ich meine natürlich den alten, den sogenannten „Alten Schützenplatz“, mit seinem lieblichen Tal und dem still dahin ziehenden Fließ, mit seinen Steilhängen, seinen grünen Wiesen und den schattigen Kastanien. Wirklich, es ist kein Wunder, daß die lokalpatriotischen Woldenberger ihre Gäste, die das Städtchen noch nicht kennen, zuerst den Katzenstieg entlang führen, um sich an den überraschten Ausrufen zu weiden.

      Da liegt das Städtchen, überragt vom wuchtigen Bau der Marienkirche, eingebettet ins Grün der gerade bei uns so reichen Parkanlagen und Zierbäume. Aber der Schützenplatz! Quelle vieler feuchten Fröhlichkeit, Platz schallenden Büchsenlärms und bierehrlicher Lieder. Ort manch schöner Jugenderinnerung, sei es vom Taubenwurf her oder vom Rodelschlitten.

      Ursprünglich war die Schußbahn eine andere, aber die, deren Verlauf man noch in einem tiefen Grabenstück sieht. Die Schützen schossen vor hundert und mehr Jahren nach dem Bahndamm zu. Damals gab es natürlich noch keine Bahn, aber der Hügel war doch schon da. Die Schußbahn – in deren Richtung noch die alten Kastanien stehn, – war nicht lang, hoffentlich trafen dafür die Schützen besser.

      Später, als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Eisenbahnlinie nach Kreuz gebaut wurde, verbot sich das Ballern in dieser Richtung von selbst. So wurde ein Graben ausgehoben und ein Schießhäuschen gebaut, die beide viele Jahre ihren Dienst erfüllten. Sicherheitsmaßnahmen wie heute kannte man damals nicht, die Kugeln flogen wohl auch nicht weit.

      Immerhin meldete sich eines Tages der Totengräber mit der entrüsteten Behauptung, es seien ihm bei seiner nützlichen Arbeit Kugeln um die Ohren geflogen. Man ging seiner Beschwerde nach, stellte jedoch fest, daß um die Zeit keiner geschossen habe, also müsse er geträumt haben oder es seien ihm vielleicht „Brummer“ am Kopfe vorbeigesummt. Ob dieser offenbare Hohn den Braven gekränkt hat, wissen wir nicht, er schwieg.

      Und so mußte auch dieser Stand geräumt werden, und man zog zu Losch [am Bahnhof]. Hier war eine zeitgemäßere Anlage, und hier ist – nach dem Kriege [Ed: 1914–1918] – mancher gute Schuß abgegeben, manche „kühle Blonde“ vertilgt worden. Aber das Rechte war das doch nicht. Der Schießstand und namentlich die Halle genügte dem damals mächtig aufblühenden Schützenwesen nicht – es hatte sich gar eine Jungschützengilde gebildet mit eigener Schieß- und Königskette aus echtem, altem Silbergeld – und so wurde unter Aufbringung großer Mittel im Gehege eine große Schießhalle mit vielen Ständen gebaut und eine Bahn, die sicher und geschützt war gegen jede abirrende Kugel.

      Das große Bundestreffen der Schützen im Jahre 1930 konnte dort schon abgehalten werden. Doch wieder zurück zum alten Schützenplatz. Er lag nun schon viele Jahre vereinsamt und war doch jedem eingesessenen Bürger lieb durch so viel frohe Kindheitserinnerungen. Wie oft ist hier der alte Turnlehrer Futterlieb – er weilt heute noch unter uns und erzählt es selbst, zum Schützenplatz in Bratenrock und Zylinder mit seinen Jungen zum Taubenwurf und frohem Spiel hinausgezogen, denn damals feierte man das Schützen- und Kinderfest als ein wahres Volksfest gemeinsam.

      Da klang in das Krachen der Gewehre, das Schreien der Jungen über einen gelungenen Wurf, der Singsang der Mädchen beim fröhlichen Reigen. Am Fließ entlang waren die Buden aufgebaut, von denen die süße von Tautz bei Jung und Alt besonders beliebt war. Die Männer allerdings zogen mehr die Bierzelte vor, und es soll vorgekommen sein, daß dieser oder jener rückwärts durch die Leinwand ins Wasser purzelte und unfreiwillig so ein kühles Bad nahm. Das tat der Stimmung aber gewiß keinen Abbruch. Die Kapelle spielte ihre fröhlichen Weisen und gar mancher schußfeste Schütze mußte – da er nicht ebenso alkoholfest war – mit schleifenden Beinen den steilen Berg hinauf gezogen werden und manchmal fand sich auch die sorgsame Hausfrau mit einem Bögelchen ein.

      Wie gesagt, – danach ward’s lange still auf dem schönen Stückchen Erde. Nur Liebespärchen und der Frühaufsteherverein bevölkerten abends und frühe am Morgen die Gegend. Und ins Schießhäuschen waren Leute eingezogen und hielten den Ziegbock in Pflege. Viele unter uns entsinnen sich gern noch des penetranten Geruchs. — Immerhin regte der Verein der Frühaufsteher beim Verschönerungsverein die Schaffung eines Verbindungsganges nach dem oberen Wege, der an den Geleisen entlang läuft, an.

      Das ging umso leichter, da der Vorstand des Frühaufstehervereins auch dem Verschönerungsverein vorstand. Es war Herr Dentist Röhl, der hier namentlich genannt sein soll, da ihm als treuen aufrechtem Sohn der Heimat so viel zu verdanken ist. Nun ist auch er schon einige Jahre tot. — Damals also wurde der Katzensteg angelegt, der seinen Namen sofort aus dem Volksmunde empfing. Er ist mit einer der schönsten Spazierwege in unserer engeren Umgebung. Es kamen an den schönsten Stellen Bänke hinzu, auch Treppen wurden angelegt, und wer ein Botaniker ist, wird seine Freude haben an seltenen Büschen und Bäumen.

      Dann kam eine neue Zeit mit neuen Forderungen. Ein Maiplatz wurde gebraucht und sofort fiel die Wahl auf den Alten Schützenplatz. Der alte Gang feierte eine neue Auferstehung in schönerer Form. Wenn die bunten Fahnen und Wimpel wehen, wenn die Musik dröhnt, das Volk lärmt und die Jugend jauchzt, dann träumen die Alten und sinken in Gedanken.

      Da das diesseitige Ufer sich bald mit seinen Wiesen als zu klein erwies, baute man eine Holzbrücke, die aber wieder abgerissen oder ungangbar gemacht werden mußte, da die gegenüberliegende Wiese, die dem Bauern Getzlaff gehörte, wohl zum 1. Mai betreten werden konnte, später jedoch nicht mehr, wenn sie noch Ernte bringen sollte.

      Dann fand sich ein Ausweg. Durch Tausch gelangte die Getzlaffsche Wiese in den Besitz der Stadt, der auf der anderen Seite schon vorher erweitert war; — nun brauchte das hübsche Brückchen nicht mehr abgebaut zu werden und die nötige Verbindung zwischen hüben und drüben bestehen bleiben.

      Wenn wir jetzt am sonnigen Herbstnachmittag einmal hinunter pilgern, liegt das schöne Tal still und ruhig da. Nur einige Mütter mit ihren Kinderwagen sind zu sehen, auch ein paar Knaben, die Kastanien sammeln. Vom Eberberg leuchtet das rote Dach eines freundlichen Häuschens, davor liegt die Sandgrube, hell und blinkend, aus der man den Sand für die Badeanstalt holte. Welche Ruhe! Welcher Frieden! Darüber spannt sich ein tiefblauer Himmel, in dem die Sonne lacht. Sie scheint über die Gräber in der Nähe, sie scheint über des Menschen Frohsinn. Leben und Tod wohnen dicht beieinander, wie auch hier beim alten Schützenplatz.


1927 — Aus dem Woldenberger Vereinsleben


228 Jahre Schützengilde Woldenberg

Weihe der neuen Schießstände [im Gehege]

Gefunden in: Neumärkische Zeitung, 17. September 1927, Seite xx (Woldenberg). Diese Zeitung erschien in Landsberg/Warthe. [Original]

      WOLDENBERG. Am Sonntag und Montag feiert die Schützengilde ihr 228jähriges Bestehen. Zugleich werden die neuen Schießstände im Gehege eingeweiht. Kein schönerer Platz konnte für die Stände gefunden werden. Unmittelbar an der Stadt, liegen sie im herrlichen Walde, nicht weit von den Sport-, Turn- und Tennisplätzen. Zähe Arbeit hat es gekostet, endlich so weit zu kommen. Wer vor einigen Wochen sich das Gelände ansah, glaubte niemals, daß alles bis zum Jubelfeste fertig werde.

      Hier konnte man sehen, daß der eiserne Wille eine Macht ist. Bereits die ersten Aussteller sind eingetroffen und die Stadt hat für Volksbelustigung einen weiteren Platz zur Verfügung gestellt. Aber noch darüber hinaus zeigt die Stadt, daß sie gewillt ist, den Schützen etwas zu bieten; so stiftete sie einen Wanderorden und einen Ehrenpokal. Auch vom Ehrenausschuß und anderen Spendern sind eine Anzahl zum Teil sehr wertvolle Preise gestiftet worden. Diese sind im Schaufenster des Kommandeurs Kaufmann Gustav Prochnow, Richtstraße, und bei Kaufmann Georg Rubensohn in der oberen Richtstraße ausgestellt.

      Wenn der Wettergott nun ein Einsehen hat, wird das Jubelfest das werden, was es früher den Woldenbergern und der ganzen Umgebung gewesen ist, nämlich ein Volksfest im Sinne des Wortes. Einen schönen Eindruck macht der neuerbaute Pavillon des Kommandeurs der Gilde, Kaufmann Gustav Prochnow, der infolge seiner Urwüchsigkeit weit über die Grenzen unserer Stadt als „Schützen- Onkel“ bekannt ist. Nachstehend ein kurzer Auszug aus der Geschichte der Schützengilde Woldenbergs.

      Über die Entstehung der Woldenberger Schützengilde ist Genaues nicht bekannt, da sich keinerlei Urkunden erhalten haben. Sicher fällt sie aber in die frühe Zeit unserer Stadt. Das so genannte Vogelschießen mit der Armbrust war weit verbreitet und ist sicher nicht nur als Sport gepflegt worden, sondern diente bei der damaligen öffentlichen Unsicherheit dazu, die Bürger in der Handhabung jener Waffen besonders zu vervollkommnen, um Stadt und Eigentum zu schützen.

      Später, unter der Regierung Johann Georgs, traten an die Stelle der veralteten Armbrust das Feuerrohr und Blei. Es erfolgte auch (nach dem Geschichtsschreiber Paul van Nießen) eine Neuordnung, der neumärkischen Gilden. Das Interesse für das Büchsenschießen muß aber bei der Bürgerschaft ziemlich nachgelassen haben, denn es bedurfte allerlei Mittel, um es wieder zu heben. Man merkt, daß auch der Regierung eine Ertüchtigung der Bürger im Waffenhandwerk angelegen war. Zwar ist auch hierüber bei uns nichts erhalten geblieben, doch nach dem Protokoll von 1599 ist bei einer ganzen Reihe von Städtern der Wunsch vorhanden, daß der Landesvater für erfolgreiches „Puchsenschießen“ eine Prämie aussetzte, um die Leute in Übung zu erhalten.

      Diese Prämie bestand in der Befreiung des Schützenkönigs vom Jahresschießen und der „Ziese“ für 4 Gebräu Bier; die Gilde gab außerdem „eine Ehle lündisch Tuch dem, der dem Schirme am nächsten getroffen“; das Rathaus stellte eine Tonne Bier. In dem Rezeß von 1664 finden wir folgendes von der Schützengilde (nach van Nießen): „Daß diese bei der Stadt hier bevor gewesen sein soll, hat weder der Rat noch die Ältesten aus der Gemeinde „Ichtwas“ etwas zu sagen gewußt, derowegen sie miteinander überlegen mögen, ob es ihnen zuträglich sein werde, solche Gilden einzurichten und um deren Konfirmation bei der gnädigsten Herrschaft untertänigst Ansprechung zu tun.“ —

      Eine eigentliche Gilde hatte also nicht bestanden und wenn etwas Ähnliches vorhanden gewesen war, so hatte der dreißigjährige Krieg jegliche Erinnerung daran gelöscht. Aus dem Jahre 1699 finden wir wieder folgende Urkunde: „Unser Gruß zuvor, lieber Getreuer; wir haben auf unterthänigstes Ansuchen der Schützengilde zu Woldenberg gnädig servieret, derselben jährlich 10 Thaler zum Königsgewinst, aus der dortigen Accisekasse reichen zu lassen, welches wir Dir hierdurch bekannt machen und dabei gnädigst anbefehlen wollen, bei besagter Buße die Verfertigung zu thun, daß der Schützengilde solche 10 Thaler jedesmal zu gehöriger Zeit gegen Quittung ausgezahlt worden sind. Gegeben zu Cöln, den 30. Juny 1699, Friedrich der Dritte, Churfürst.“

      Nach van Nießen wurden im Anfange des 18. Jahrhunderts sämtliche dienstfähigen Leute entrolliert und aus ihnen eine Miliz gebildet. Die Schützengilde wandelte sich dadurch in die Bürgerwehr um. 50 Gewehre, Fahnen, Trommeln und Degen wurden aus Cüstrin angewiesen, die Accisekasse zahlte jährlich eine Prämie von 28 Taler, und die Leute wurden, von der Werbung befreit, mußten aber städtischen Wachdienst tun. Sehr groß müssen die Leistungen im Schießen nicht gewesen sein, denn es galt als besonderes Glück, wenn überhaupt nur die Scheibe getroffen wurde, Friedrich Wilhelm I., dem dies Treiben spielertsch erschien und daher zuwider war, löste die Wehren wieder auf, aber die Liebe zum Soldatenspiel war einmal zu tief eingewurzelt, und so erfolgte im zweiten Schlesischen Kriege anläßlich eines Tartareneinfalles eine Erneuerung der Schützengilde, und seitdem hat sie ununterbrochen bestanden.

      Der Alte Fritz bewilligte Servisfreiheit, freie Mast für ein Schwein, die Nutzung des Wutziger faulen Sees (der seitdem Königs- oder Schüttensee genannt wird) und aus der Stadtkasse ein jährliches Bargeschenk von 12 Talern. Diese Vorrechte wurden bis ins 19. Jahrhundert behauptet; zwar versuchte man im Jahre 1798 die 12 Taler der Gilde zu kürzen, was aber mißlang.

      Im Jahre 1806 wurden die Satzungen erneuert; die Gilde zählte nur 28 Mitglieder, 6 davon konnten ihren Namen nicht schreiben (van Nießen). Seit der Erneuerung waren es 1807 nur noch 26 Mitglieder. In den nun folgenden Friedensjahren scheint sich das Leben innerhalb der Gilde ruhig und ohne besondere Aufregung abgespielt zu haben. Erst aus dem Anfang der vierziger Jahre berichten Protokolle wieder etwas. Es scheint damals der Brauch aufgekommen zu sein, den besten Schuß im Namen des Königs zu tun und dies der Regierung zu melden, wohl in Erwartung irgendeines Gnadenbeweises.

      Die Regierung wiederum scheint sich nicht darüber schlüssig gewesen zu sein, was sie in diesem Falle zu tun habe, denn in einer allerhöchsten Kabinettsorder vom Jahre 1841 wird jede Schützengesellschaft, die Anzeige darüber machte, daß der beste Schuß im Namen des Königs abgegeben sei, angewiesen, auch mitzuteilen, ob sie schon früher eine Königs- Gnaden- Erweisung erhalten habe, und worin solche bestanden. Es ist nicht zu erfahren, was die Gilde darauf antwortete. Aber im Jahre 1842 besagt eine gleiche Kabinettsorder, daß die Einsendung der Prämie künftig unterbleiben soll.

      1843 bekam die Gilde neue Uniformen und neue Bewaffnung. Ganz ohne Kampf scheint es dabei nicht abgegangen zu sein, denn ein recht großer Teil stimmte dagegen, anläßlich der Aufnahme neuer Mitglieder, taten sich tiefe Zerwürfnisse auf, die so schwer waren, daß sie sogar zu einer Spaltung führte; die älteren Mitglieder unter dem Tischlermeister Holz sonderten sich von den jüngeren, die es mit dem Vorstande hielten, ab und bereiteten dadurch und durch andere Streitigkeiten, dem damaligen Bürgermeister Milferstädt viel Ärger.

      Besonders drastisch tritt dies anläßlich des Besuches Friedrich Wilhelms IV. hervor. Die jüngeren Schützen hatten schon vom Magistrat die Erlaubnis erhalten, sich am Hohen und Niedertor sowie am Markte in „Schlachtordnung“ aufzustellen, als die alten Mitglieder mit Holz darum nachsuchten, sich am Gehege aufstellen zu dürfen, da sie dort mit „völliger“ Musik einen Parademarsch vollführen wollten. Obwohl dies abgeschlagen wurde, beharrten sie in einem recht widerspenstigen Schreiben auf ihrem Vorhaben und gaben sich erst zufrieden, als der Bürgermeister mit strengen Gegenmaßnahmen drohte. Schließlich wurden die „alten“ Mitglieder aus der Gilde ausgeschlossen. —

      Es lag eine Erregung in der Luft, die auch das Wasserglas seinem Sturm erleben ließ. 1844 fand eine Verlegung des Schießstandes auf dem Platze am Woldenberger Fließ (jetzt alter Schützenplatz) statt. Vorher hatte man aber längst des Fließes in der kurzen Allee, nach dem Bahngleis zu, geschossen. Ältere Bürger können sich noch des Sternes entsinnen, der dort für den Königsschuß aufgestellt war. Die Anlegung des neuen Standes in der natürlichen Bucht am Kirchhofe wurde trotz Schießrichtung auf die Schlanower Straße unbedenklich gestattet, wenn nur gewisse Vorsichtsmaßregeln getroffen würden. Dazu verpflichtete man sich auch.

      1845 ist den Schützen durch allerhöchste Kabinettsorder untersagt worden, über dem Graben verstorbener Kameraden Ehrensalven abzugeben, auch wenn niemand dadurch gefährdet würde. — Bisher mag dies wohl üblich gewesen sein, und man wollte in Zukunft, wahrscheinlich allein ehemaligen Heeresangehörigen diese Ehre zukommen lasse. Jedenfalls ist der Grund der Order nicht ganz ersichtlich. 1845 wurde die Satzung wieder erneuert.

      1849 kam General Wrangel durch unsere Stadt und nächtigte hier auch. Ihm wurde von der Gilde ein Zapfenstreich dargeboten. 1880 erwarb sich die Gilde ein Schützenhäuschen (jetzt Witwe Kleemann). 1898/9 wird Kaisers Geburtstag zum ersten Mal durch gemeinsamen Kirchgang gefeiert. 1905 wurde das zweihundertjährige Bestehen der Gilde festlich begangen. In den folgenden Jahren verstärkte sich die Gilde mehr und mehr. Sie weist jetzt 65 Mitglieder auf, ohne die Jungschützenabteilung, die im Frühjahr 1927 neu eingerichtet wurde, und 24 Mann stark ist.

      Es seien hier die Kommandeure der Gilde genannt: Bürgermeister Milferstädt (um 1843), Hotelbesitzer Gabriel (1888), Tierarzt Borstorff (1869), Bürgermeister Menger (1870), Kaufmann Georg Borstorff, Müller Gericke, Schneidermeister Petznick, Rentier Benzlaff, Kaufmann Gustav Prochnow, der sie heute noch kommandiert. — Der gegenwärtige Führer der Jungschützen ist Ackerbürgersohn Willi Mobrenski. Ältester Schützenbruder und Ehrenmitglied ist augenblicklich Rentner Johann Raske, der im 79. Lebensjahre steht und schon 1921 seine 50jährige Mitgliedschaft feiern konnte. Schützenkönig war er1905, bester Schütze von Woldenberg 1913. Es folgen dann ebenfalls als Ehrenmitglieder Schützenbruder Bursche (76 Jahre alt), Schützenbruder Benzlaff (69 Jahre alt).

      Die Schützengilde besitzt mehrere Orden und Ehrenzeichen, die sich immer im Besitze des jeweiligen Schützenkönigs befinden. Die älteste Münze stammt aus dem Jahre 1772. Die Vorderseite weist ein Stadtrelief mit vielen Türmen auf, einen Fluß mit Schiffen und Brücke. Die Rückseite zeigt den preußischen Adler. Um den Rand laufen lateinische Sinnsprüche. Aus der Zeit von 1841 stammt ein Reichstaler mit dem Bilde Friedrich Wilhelms III. — Eine Huldigungsmünze trägt das Jahr 1816 und eine andere das Jahr 1840, das Jahr der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. Ein großer Stern aus Silber mit dem Bilde Friedrich Wilhelms III. ist aus dem Jahre 1815 überkommen.


Woldenberg — Im Kriegsgefangenen-Lager 1945


Das Schicksal nahm seinen Lauf

Vom Überlebenskampf eines 17-Jährigen im russischen Kriegsgefangenen-Lager in Woldenberg.

      Cover
^   Cover dieser „Reflexionen wahrer Begebenheiten“ zum Preis von 15 Euro.   (Repro: 2011 – khd)
Auszug aus dem Buch: „Spuren unter der Haut“, ISBN: 3-8311-3742-0 (259 Seiten, Preis: 15,00 Euro). Ein Buch von KARL-HEINZ BEHRENDT, das Zeitgeschichte vermitteln will. Im Klappentext wird zwar ein ROLF BERTRAM (Jg. 1927) erwähnt, aber es bleibt unklar, ob dieser das alles erlebt hat. Dennoch ergänzt dieser (ansonsten plausible) Erlebnisbericht den hier bereits 2010 veröffentlichten Bericht von Wolfgang Albrecht (Jg. 1928).

. . . . . . . . . . .
      I n der einen Ecke des Lagers mit Blick auf die Landschaft draußen saß seit Tagen einer unserer schon recht älteren Leidensgenossen zu jeder möglichen Tageszeit. Er schaute stets stumm und unbeweglich in die Richtung eines Bauernhofes in etwa 2 km Entfernung. Es war sein Hof gewesen und er konnte das jetzige Leben und Treiben gut beobachten. Er sprach mit niemandem und holte sich auch kein Essen mehr. Das ging so einige Wochen und eines Tages fiel er um und war tot!

      Eines anderen Tages, beim abendlichen Zählappell, schwanden mir plötzlich die Sinne und auch ich fiel um und zwar zwischen die Reihen der angetretenen Kameraden. Ich war aber nicht tot, sondern nur besinnungslos! Erst als ich im Ambulatorium lag, kam ich zu mir. Mir war ganz schwummrig im Kopf und ich schwitzte wie ein Bulle. Bei mir war Bajazzo, der auf Geheiß des diensttuenden Sanis bereits meine persönlichen Sachen aus unserer Lagerbaracke geholt hatte. Es dauerte nicht lange und ich wurde abtransportiert in das Lazarett, welches gegenüber auf der anderen Straßenseite lag.

      Bajazzo hielt noch lange meine Hand und seine Augen schienen sehr traurig zu sein. Es war jedenfalls die letzte Berührung zwischen uns. Ich sollte ihn nur noch einmal von weitem wiedersehen!

      In einer fast menschenleeren Stube einer recht dunklen Baracke wurde ich von den Sanitätsträgern abgeliefert. Dort gab es auch einen zuständigen Sani, der mir Mut zusprach. Er kam des Abends noch ein paar Mal zu mir. Mir ging es aber zunehmend schlechter. Ich musste mich mehrmals erbrechen und zwar so lange, bis kein Mageninhalt mehr in mir war. Es war nur noch ein vergebliches Würgen von bitterer Gallenflüssigkeit. Ich war völlig am Boden und dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Die Magenkrämpfe flachten ab und ich versank in einen Erschöpfungsschlaf.

      Aber bald darauf erwachte ich schweißüberströmt und offenbar in hohem Fieber. Ich hatte schreckliche Angst! Ein paar der leeren Betten weiter zum Fenster lag auch ein Kranker, den es offenbar noch schlimmer gepackt hatte als mich. Er fing an laut zu schreien und zu phantasieren: Stalin sei gestorben und sein Sarg werde hier in einer Trauerzeremonie vorbei gefahren! Radfahrer eskortierten diesen Leichenzug mit brennenden Pechfackeln. Die Decke, mit welcher der Phantasierende zugedeckt war, habe sich im Rad der Lafette verheddert! Sie sei völlig verdreckt mit Wagenschmiere und stinke ganz fürchterlich!

      Er warf seine Zudecke und einige seiner persönlichen Gegenstände um sich, stand auf, torkelte durch die finstere Barackenstube und gab mehr oder weniger schreiend weitere konfuse und halbartikulierte Äußerungen von sich! Ich verhielt mich ganz still, zog mir meine Decke über den Kopf und wartete ab, bis er vor Erschöpfung irgendwo im Raum liegen blieb. In den frühen Morgenstunden wurde er abtransportiert, ich wusste nicht, wohin!

      Im Laufe des Vormittags wurde ich verlegt in eine andere Baracke, die innerhalb des Lazaretts separat mit einem Zaun umgeben war. Der mich stützende Sani übergab mich einem anderen, betrat somit nicht das Terrain der — ja, der Quarantänebaracke! Mein Unterkunftsraum war angehäuft mit ca. 30 Mit-Kranken. Sie lagen mehr oder weniger apathisch auf ihren Strohlagern und ich kam dort mitten hinein. Die Tragweite meiner Situation war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst! Mir ging es weiterhin saudreckig!

      Wachturm des Woldenberger Lagers
^   Ein hölzerner Wachturm des Woldenberger Lagers an der Friedeberger Chaussee. Davon hat es 8 Stück gegeben.  (Repro: 2004 – khd)
      Neben dem Fieber, weiteren Versuchen mich zu erbrechen und beginnendem Durchfall übermannte mich eine unsagbare Schlappheit. Der Durst quälte mich sehr, aber Appetit auf die kärglichen Mahlzeiten hatte ich keinen. Ich versuchte, mich immer auf die Latrine zu schleppen, wenn es mich drängte, oben oder unten ’was von mir zu geben! Anderen gelang es nicht und von Säuberung durch das Sanipersonal war wenig zu spüren. So lag ständig ein Gestank in der Luft, dessen Schweißgeruchskomponente mir noch wie Kölnisch Wasser erschien.

      Schlimm war der Gemütszustand in dieser Atmosphäre. Wenn bloß nicht das hohe Fieber sowie die abwechselnden Schwitz- und Schüttelfrostanfälle gewesen wären! Daran, dass ich Medikamente bekam, kann ich mich nicht erinnern. Besonders nachts war es schlimm, auf die Latrine zu gelangen. Der recht breite Mittelgang der Baracke schien so zu schwanken, dass ich mich auf einem Fischlogger bei Windstärke 10 wähnte.

      Eines ganz frühen Morgens, als ich wieder ’raus musste, bekam ich die Tür zum Barackengang nicht auf. Irgendein schweres Hindernis stemmte sich mir von außen vehement entgegen. Ein Sani kam mir zu Hilfe. Wir fanden einen Mitpatienten sitzend vor, der sich am Drücker unserer Stubentür draußen auf dem Korridor erhängt hatte! Es war schauerlich!

      Zu trinken bekamen wir wenig, es wurde Trinkbecherweise verteilt. Einige Sanis gaben sich große Mühe, uns die Kartoffelsuppe und auch das manchmal zur Ausgabe gelangende ausgekochte Rindfleisch schmackhaft zu machen. So ging es etwa schon 14 Tage.

      Die Wirklichkeit nahm ich nur noch schemenhaft und wie im Traum wahr! Der permanente Dämmerzustand hielt mich aber nicht davon ab, hin und wieder rationale Gedanken zu fassen. Es war ein ständiges Kommen und Gehen in unserer Krankenstube. Diejenigen, die nicht mehr bei Sinnen waren, wurden ’rausgeschleppt und in die sogenannten Sterbezimmer gebracht. Neue Fiebernde wurden an deren Stelle in die plattgelegenen und kaum ausgewechselten, manchmal arg verschmutzten Strohreste auf die roh zusammen gezimmerten Massenpritschen gelegt.

      Diese Liegestätten waren aber noch Gold gegenüber jenen in den Sterbezimmern. So wie man die Gestorbenen dort aus ihrer Matratzengruft hob, wurde die Liegestatt nur mit Chlorkalk bestreut und die meist schon Weggetretenen dort in diese Brühe zum endgültig letzten Seufzer deponiert.

      Es mag inzwischen Mitte Juli geworden sein und neben dem permanenten Gestank machte uns allen auch die große Hitze zu schaffen. Unser Krankenzimmer war somit das reinste Eldorado für alles erdenkliche Ungeziefer. An sich waren Fliegen noch die harmloseste, aber in diesen Mengen wurden sie zur auffälligsten Belastung für alle. Sie befielen alle Kranken so dermaßen, dass sie zu Hunderten auf Mund, Nase, Augen und Ohren saßen. Vielfach waren diese Körperstellen nur noch als schwarze wimmelnde Flecke wahrnehmbar. Aber auch nach dem Erbrochenen und dem Kot derjenigen, denen dieser manchmal aus der Hose rann, waren diese anhänglichen, meist grün- oder bläulich- perlmuttschimmernden Fliegentierchen ganz wild! Sie feierten die reinsten Orgien!

      Da erinnerte ich mich an mein kleines schwarz-braunes seidenes Damentuch, welches ich in Ferchland so ganz durch Zufall und aus einer Laune »du kannst es ja ’mal gebrauchen« von einem Gartenzaun gepflückt hatte. Dieses fingerte ich aus dem schmalen Hohlsaum meiner Fliegerjacke und legte es mir stets aufs Gesicht. Somit konnte ich gut atmen, hielt mir aber die gierigen Fliegenschwärme vom Kopf fern. Ich musste natürlich schwer auf der Hut sein, dass es mir nicht geklaut wurde. Es war mein ein und alles zu dieser Zeit, denn so mancher meiner Mit-Patienten, der noch zu rationalem Denken und Empfinden fähig war, erkannte den Wert eines solchen Tuches. Nachts zum Schlafen lag es stets unter meinem Kopf!

      Lage des Woldenberger Lagers
^   Die Lage des 25 Hektar großen Lagers an der Friedeberger Chaussee. [Vergrößerung]  (Sat-Foto: 19.5.2009 – GoogleEarth)
      Aber nicht nur auf der Krankenstube war die unerwünschte Fauna so intensiv und munter, sondern auch die Latrine schien überzuquellen von Leben! Wenn man auf den bretternen Brillenlöchern über den von uns abgesonderten Breiig- und Flüssigkeiten saß, krochen einem von unten Prachtexemplare von Madenraupen auf den Blanken! Diese waren vollgefressen bis zum Platzen! Sie besaßen einen Durchmesser von etwa einem Zentimeter und eine Körperlänge von ca. fünf Zentimetern. Dazu hatten sie ein ganz neckisches, ca. drei Zentimeter langes dünnes Schwänzchen! Nur durch Abkratzen einer gewissen Distanz der Sitzunterseite von innen, ringsherum aus dem Sitzloch heraus mittels eines mitgebrachten Stöckchens oder eines länglichen Steines, konnte man diese anhänglichen Tierchen eine Weile von seinem Hintern fernhalten!

      Solche Tierchen hatte ich vorher noch nie gesehen und unter normalzivilisierten Bedingungen bekäme man allein vom Anblick her schon das Kotzen! Uns aber machte dies nach all’ dem Erlebten kaum mehr etwas aus! Ob diese Prachtexemplare aus dem Sowjetreiche stammten und schon bis hier her vorgedrungen waren?

      Ich merkte, dass ich immer schwächer wurde und die Dämmerungsperioden am Tage wurden immer länger. Wenn ich auf der Seite lag, merkte ich, wie meine seitlichen Beckenknochen scheinbar aus dem Leib traten und auf der hölzernen Liegeunterlage schmerzhaft drückten. Beim Befühlen meines Körpers spürte ich auch, dass ich nur noch wenig Fleisch auf den Rippen und Schenkeln hatte! In dieser Zeit des physischen aber auch psychischen Wahrnehmens meines körperlichen Zustandes spürte ich aber ganz langsam so etwas wie Hunger! Das angebotene Essen, wenn auch nur recht wenig, rutschte auch wieder!

      Ein paar Tage später spürte ich, wie mein Kopf klarer wurde, ein Zeichen dass das Fieber im Sinken war. Es waren fast alles neue Gesichter um mich herum. Die meisten der bisherigen haben wohl den Weg über die Sterbezimmer genommen. Cirka eine Woche war ich fieberfrei. Ich konnte zunehmend rationale Gedanken fassen, das Essen rutschte immer besser und vor allem blieb es drinnen! Deshalb wurde ich verlegt in das Zimmer gegenüber, wo die Genesenden hausten.

      Der Raum war ebenso groß wie das eigentliche Krankenzimmer. Während in jenem immerhin ca. 30 Personen hausten, war dieses zu meiner Zeit nur mit mir und drei weiteren Kameraden belegt. Ich war noch recht schwach, aber frohen Mutes, diese Talsohle am Rande des physischen Daseins erfolgreich durchschritten zu haben. Jetzt wurde mir auch so richtig bewusst, dass ich mich hauptsächlich mit dem Seidentuch über dem Gesicht vor der ständigen Gefahr der Re-Infektion durch die Fliegenschwärme schützen konnte!

      Welch’ eine schicksalhafte Fügung, dass ich seinerzeit so ganz nebenbei und instinktiv kurz vor der Gefangennahme nach diesem unscheinbaren Tüchlein griff. Dieser Griff und das Bewahren jenes Stückchen Seide vor Fledderungen bis zu diesem Zeitpunkt, war im wahrsten Sinne des Wortes meine Lebensrettung! Es war der sprichwörtliche seidene Faden, der mich am Leben erhalten hat!!!

      Eines Mittags saßen wir auf rohen Holzbänken vor dem Eingang an der Stirnseite unserer Krankenbaracke und empfingen bei schönstem Sommersonnenschein unsere Mittagsportionen, die aus einem Kübel in unsere Kochgeschirre gefüllt wurden. Es waren aber nur die Genesenden aus unserer Stube und noch einige aus einer Nebenbaracke des Quarantänekomplexes. Wir fingen an, mit Appetit zu essen, denn ich konnte sogar Fettaugen erkennen und bei manchem plumpsten offenbar Fleischklumpen beim Einfüllen in den Napf. Wie ich da auch so emsig in meiner Suppe rührte und den Löffel füllte, prangte darauf ein selten gekannter Fleischklumpen! Mann, dachte ich, das ist ja der reinste Lotteriegewinn!

      Etwas skeptisch wurde ich allerdings beim näheren Hinschauen! Dieses appetitliche Stückchen Fleisch hatte nämlich vier kleine Beinchen, ein spitzes Köpfchen und ein kleines Schwänzchen! Ja, durchzuckte es mich, es war eine mitgekochte Maus! Ich fasste sie ans Schwänzchen, machte meine Mit-Esser mit humorvollen Äußerungen darauf aufmerksam und ließ sie hochhaltend im Gullygitter auf dem Hof verschwinden. Im Nu hatte ich ein vielstimmiges Entsetzen ausgelöst und die meisten schickten sich an, ihre Essnapfinhalte der verschwundenen Maus nachzuschütten!

      Welche Beweggründe waren es, mich nicht zu ekeln? Wo ich Zeit meines noch so kurzen Lebens stets recht mäklig war und manche für meine Mitmenschen schmackhaften Lebensmittel verschmäht hatte, blieb unergründet! Ich jedenfalls aß aus meinem Napf die Suppe mit dem unmittelbarsten Kontakt zum mitgekochten Kleinnager weiter, als sei nichts gewesen. Darüber hinaus bat ich so manchen spontanen Essensverweigerer, seine Suppe nicht zu vernichten, sondern mir noch als Zweit- und Drittportion zu überlassen. So hatte ich mich mal wieder so richtig satt essen können mit nahezu drei seinerzeitigen Normalportionen.

      Offenbar hatte mein instinktiver Lebenswille über den unter normalen Umständen entstehenden Ekel gesiegt! Sicher hat auch dazu unterschwellig die formal-rationale Hoffnung auf die restlose Abtötung aller Bakterien und Krankheitskeime durch den Kochprozess einiges beigetragen. Vielleicht kam noch mein Trotz hinzu und auch der Triumph, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein! Es ging weiter aufwärts mit mir, ich hatte aber keine Kondition. Ich ermüdete sehr oft und schlief noch recht viel.

      Das Elend auf der anderen Seite und am Ende des Barackenganges nahm jedoch unerbittlich seinen Lauf. Nicht selten fanden wir morgens in den durchgehenden, aus Betonsteinen bestehenden Waschrinnen der Mannschaftswaschräume spärlich bekleidete Tote oder Sterbende. Sie hatten sich offensichtlich nachts vor lauter Durst noch dorthin geschleppt, um aus den Wasserhähnen zu trinken. Dabei stammte dieses Waschwasser aus einem nahegelegenen Teich [Ed: vermutlich aus dem „Faulen See“], welches in verrosteten Leitungen hierher gepumpt wurde. Niemand wusste, wie viele Tiere darin verendet waren. Ich hatte immer strikt darauf geachtet, dass dieses Wasser nicht so nahe an den Mund kam!

      Jetzt sah ich auch öfter die Transporte in die Sterbezimmer und auch jene aus ihnen hinaus. Die erbarmungswürdigen Leichen waren vielfach nur noch die reinsten Skelette, von denen so ca. acht Stück auf den hierfür in Dienst gestellten überdimensionalen Handwagen passten. Diese elende Fracht wurde von zwei ziehenden und zwei schiebenden Personen zum Einbuddeln gefahren. Solche völlig unzeremoniellen Trauerzü- ge sahen wir meist am Fenster unseres Zimmers, welches den Blick unmittelbar auf den Stacheldrahtzaun des Lazaretts freigab, draußen vorüberziehen. Ein paar hundert Meter weiter, am Rande eines Waldstücks, sollen die armen Teufel vergraben worden sein.

      Sehr wahrscheinlich war jedoch, dass die dort hin und wieder gesetzten schlichten Birkenast-Holzkreuze nicht lange an sie erinnerten. Zu vermuten war indes, dass sie schon an den nächstfolgenden Abenden als willkommenes Brennholz für wärmendes Biwak-Feuer zur Nacht missbraucht wurden. Dafür sorgten vagabundierende Gruppen ehemaliger Fremdarbeiter, sich eine neue Bleibe suchende heimatentwurzelte Polen oder von auf der Durchreise befindliche Rotarmisten!

      Dann hieß es, eine Ärztekommission werde uns begutachten, ob wir noch von Wert für die Wiedergutmachung im großen Sowjetreiche seien, oder ob man uns schweren Herzens gehen lassen solle! Anlässlich der ersten Untersuchung war sich die schwarzhaarige, streng gescheitelte, sehr selbstbewusste Armeeärztin nicht sicher, in welche Kategorie ich passte. So wurde ich noch eine Woche zurückgestellt und musste dann wieder antanzen! Vielleicht musste auch erst vorgesichtet und geprüft werden, ob die Plankontingente der Entlassungszahlen nicht überschritten würden!

      Dann fiel die Entscheidung, dass ich nach Hause entlassen werde! Soll nun endgültig ein Schlussstrich gezogen werden nach all’ den schrecklichen Geschehnissen und Gefahren, denen ich in meinen so jungen Jahren ausgesetzt war? Es war kaum zu glauben!

      Das Datum vom 23. August 1945 wurde auf mein Entlassungsdokument gestempelt und mit ihm das entscheidende Siegel der sowjetischen Streitkräfte! Die Probleme waren damit aber noch nicht vorüber.

      Ich wog 48 kg bei meiner Größe von 1,81 m und 163 km lagen zwischen Woldenberg/Neumark und der Oder, wo das jetzige Deutschland erst begann. Mit Lkw wurden nur akut Verletzte und Amputierte gefahren, hieß es. Gesehen habe ich aber einen solchen Transport nie! Ich Klappergestell wurde jedenfalls für marschtüchtig erachtet! Na, dann Prost!

      Aus unserem und wahrscheinlich noch aus anderen benachbarten Lagern wurden Marschgruppen auf den Weg geschickt, mit einem Offizier nebst 5 Muschkis als Bewachung und Schutz! In fünf Tagesetappen führte der Weg über eingerichtete Verpflegungsstellen bis zur Oder.

      Ich konnte dieses Tempo jedoch nicht lange durchhalten, musste mich zurückfallen lassen. Ein ebenso schwacher Kamerad aus Hamburg und ich waren nun auf uns selbst gestellt und erreichten nach einigen abenteuerlichen Erlebnissen im russisch/deutschen Niemandsland die Oder erst nach acht Tagen. Vier Tage vor meinem 18. Geburtstag war ich bei meinen Eltern und es begann für mich ein vom wahrlich gnädigen Schicksal neu geschenktes Leben!




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