Es begann mit Hitlers Überfall von Polen
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Ein hölzerner Wachturm des Woldenberger Lagers an der Friedeberger Chaussee. Davon hat es 8
Stück gegeben.
(Repro: 2004 khd)
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Im August 1939 einigten sich Hitler und Stalin insgeheim darauf, sich Polen zu teilen
(
Hitler-Stalin-Pakt). Und so überfiel am 1. September 1939
Hitler-Deutschland Polen. Damit begann bekanntlich der
II. Weltkrieg, der bis
zum 8. Mai 1945 dauern sollte und so unendlich viel Leid über Europa und die Welt
brachte.
Bald darauf wurden vielerorts Kriegsgefangenenlager gebaut. So auch in Woldenberg. Auf dem
ehemaligen Exerzierplatz in der Nähe des Geheges auf der Rohrsdorfer Seite der Friedeberger
Chaussee entstand in den folgenden Jahren auf einer Fläche von etwa 25 Hektar ein sehr
großes Lager das OfLag II C. Es soll am 21. Mai 1940 eröffnet worden
sein.
Die ersten Gefangenen sollen aus Braunschweig vom OfLag XI B nach Woldenberg verlegt worden sein.
Dann füllte sich das Lager mit Fortschreiten des Baues sehr schnell. Die größte
Belegung soll bei um 7.600 Gefangenen (POW = Prisoner Of War) gelegen haben.
Die meisten POWs waren polnische Offiziere. Die Rede ist von etwa 6.000 Offizieren, 1.000
Unteroffizieren und Mannschaften. Der letzte deutsche Kommandant des Lagers war ab 1.4.1944 der
Generalmajor Hans Krieger (Jg. 1888). Die Gefangenen lebten in etwa 25 Doppel-Wohnbaracken aus
Stein. Außerdem gab es dort noch Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude. Von den
Gebäuden ist noch heute (2008) manches vorhanden, und es gibt ein kleines
Museum.
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Fotos von 2005]
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Die Lage des 25 Hektar großen Lagers an der Friedeberger Chaussee.
[Vergrößerung]
[Lageplan]
(Sat-Foto: 19.5.2009 GoogleEarth)
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Vieles über das Leben und Leiden im Lager ist in Deutschland bislang nicht bekannt. Es mag zwar
vielleicht Bücher geben, wo etwas darüber berichtet wird. Aber solche müssen erst gefunden
werden, was jedenfalls in den letzten Jahren mit Internet-Mitteln nicht gelang. Und auf der
Homepage von Dobiegniew, dem früheren
Woldenberg, gibt es zwar eine Seite mit der Geschichte des Lagers aus dem Weltkrieg. Sie ist aber in Polnisch
und nicht in Englisch verfaßt, was natürlich für eine internationale Weitergabe von
Wissen nicht sehr geschickt ist. Und deutsche Medien interessierten sich auch nicht recht für das,
was in diesem doch sehr großen Kriegsgefangenenlager vor 1945 und 1945 in der Russenzeit des
Lagers geschah.
[
Infoblatt des OfLag-Museums]
Ein Fernsehbericht erinnerte
Erst im Vorfeld der 70. Wiederkehr des Jahrestags des deutschen
Überfalls auf Polen fuhr
ein Fernseh-Team des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) ins Ex-Ostbrandenburgische nach Dobiegniew,
um sich dort vor Ort schlau zu machen und Bilder einzufangen. Zur bereits am 11. Januar 2009
erfolgten Sendung
gibt der RBB die folgende Information:
Fast vergessen und doch gegenwärtig
Ein TV-Bericht über das Offiziers-Gefangenenlager bei Woldenberg
Gefunden in:
RBB-Online, Berlin,
11. Januar 2009, 18.03 Uhr MEZ (Theodor) von MATTHIAS DAUTZ und ANJA LUDEWIG.
[
Original]

Als Deutschland vor 70 Jahren Polen überfiel, wurden polnische Offiziere in ein spezielles
Gefangenenlager in der Neumark gesperrt. Theodor war als erstes Fernseh-Team im
heutigen Museum in Dobiegniew zu Gast.
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Einige der Steinbaracken des Woldenberger Lagers, fotografiert im Sommer 2005. Ab Frühjahr
1945 wurden das Lager mit Tausenden deutscher Kriegsgefangener belegt.
[Mehr Fotos vom Woldenberger Lager]
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol92)
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1936 war der junge Pole Jan Mickunas gefeierter Turnierreiter bei den Olympischen Spielen in Berlin. Drei
Jahre später wurde er als Offizier der Polnischen Armee gefangen genommen. Mit 6.000 anderen
Offizieren kam er in ein Lager in der damaligen Neumark.
Obwohl die Wehrmacht der Welt vorgaukeln wollte, die Gefangenen entsprechend der Genfer Konvention zu
behandeln, war der Lageralltag geprägt von Repressalien, Demütigungen und Erschießungen
wegen kleinster Vergehen. Der heute 60-jährige Sohn des früheren Olympioniken berichtet von den
Erlebnissen seines Vaters, der einen Fluchtversuch wagte.
Der einzige Kontakt zur Außenwelt wurde über einen selbst gebastelten Rundfunkempfänger
hergestellt. Wichtige Nachrichten, wie die verlorene Schlacht von Stalingrad [Anfang 1943], wurden
über ein konspiratives System weiter gegeben und nährten die Hoffnung auf eine baldige
Befreiung.
Aus einem polnischen Bericht
Anfang 2010 wurde bei einer erneuten Recherche der folgende Text im Internet gefunden. Er stammt von der
Seite Das Schicksal der Warschauer Aufständischen in deutschen Gefangenlagern der
SPPW 1944 (Stowarzyszenie Pamiegci Powstania Warszawskiego 1944). Da die deutsche
Übersetzung aus dem Polnischen etwas zu holprig ausgefallen war, wurde diese hier etwas aufpoliert:
Die aufständischen Offizier [des Warschauer Aufstands von 1944] gerieten aus dem Durchgangslager in
das OfLag II C Woldenberg in Pommern und in das OfLag VII A Murnau bei München in Bayern.
Das für polnische Offiziere und ihrer Ordonanzen bestimmte Lager in Woldenberg war etwa 1 Kilometer
von der Stadt (heute: Dobiegniew) gelegen und hatte eine Fläche von 25 Hektar. Sein Bau erfolgte um
die Jahreswende 1939/1940 und wurde definitiv in der zweiter Hälfte des Jahres 1941 abgeschlossen.
Das Lager wurde von etwa 500 Soldaten, die trotz des harten Winters in Holzbaracken und Zelten
untergebracht wurden, gebaut. Es enstanden insgesamt 25 gemauerte Wohnbaracken, die für Quartiere
der Gefangenen bestimmt waren. Die Quartiere waren in 2 Teile geteilt, d. h. in einen Schlafbereich und
einen primitiven Waschraum.
In 6 Gebäuden waren Hörsäle, Werkstätten, der Sitz der polnischen Verwaltung usw.
untergebracht. Außerdem enstanden 2 Küchen und Gebäude für die Kantine, ein
Theatersaal, ein Café, Vortragssäle und ein Heilpflanzeraum [?]. Auf dem Gebiet des Lagers
befand sich auch eine Krankenstation, Reparaturwerkstätten verschiedener Art, eine Badeanstalt sowie
ein Gefängnis. In einem abgetrennten Teil des Lagers waren die Gebäude der Kommandatur des
Lagers.
Das ganze Lager war mit doppeltem, 2 Meter breiten und 2,5 Meter hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Um das
Lager herum waren 8 Wachtürme mit Maschinengewehren, beweglichen Scheinwerfern und Telefonapparaten
aufgestellt. Die einzelne Teile des Lagers waren durch Stacheldrahtzäune abgegrenzt.
Organisatorisch teile sich das OfLag II C Woldenberg in zwei Teile: Lager Ost und Lager West. Jedes
von ihnen teilte sich in 3 Bataillone (jedes zählte etwa 1.000 Gefangene), die sich in Kompanien
unterteilte (2 Kompanien pro Baracke).
Der höchste Personenstand in der Geschichte des Lagers waren 6.740 Gefangene, davon 5.944 Offiziere
und 796 niedrigere Dienstsgrade. Nach der Kapitulation des Warschauer Aufstands im Jahre 1944 befanden
sich hier auch die aufständischen Offiziere der [polnischen] Heimatarmee.
Angesichts dessen, dass sich die [russische] Front näherte, begannen die Deutschen die Evakuierung
des Lagers. Am 25. Januar 1945 wurden die Gefangenen aus dem Lager West, dann aus dem Lager Ost,
evakuiert. Die zweite Gruppe wurde von der sowjetischen Armee in Dziedzice-Bauernhof, etwa bei Barlinek
[Berlinchen] befreit.
OfLag II C Woldenberg gehörte zur Kategorie der Mustergefangenenlager, wo es nicht zu groben
Verstößen gegen die Genfer Konvention kam.
Polnische Offiziere wurden besoldet
Zwar hatte Deutschland die
Genfer Konventionen für Kriegsgefangene unterzeichnet, hielt sich aber nur
bedingt an diese Regeln.
Bei Wikipedia heißt es: Diese Vorschriften besagen unter anderem, daß an die
gefangenen Offiziere in gleicher Höhe Sold zu zahlen ist, wie an die gleichrangigen Offiziere des
Gewahrsamsstaates.
Die in Woldenberg gefangenen Unteroffiziere und Mannschaften mußten arbeiten, während die
Offiziere von der Arbeit verschont wurden. Sie mußten sich aber dafür aus dem erhaltenen Sold
(etwa 400 RM, ausgezahlt als Lagermark) selber verpflegen. Im OfLag II C Woldenberg waren Unteroffiziere
und Mannschaften zur Bedienung der Offiziere eingeteilt worden, wofür die Offiziere einen Teil ihres
‚Solds‘ abgeben mußten.
Offiziere konnten sich weiterbilden
In den Akten des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK, Genf) heißt es aufgrund von Berichten
polnischer Gewährsleute über das Offizierslager II C Woldenberg: (...) besaß eine
Bibliothek, die sich von 10.000 auf 23.000 Bände erweiterte. Eine gut organisierte Universität
mit 6 Vorlesungssälen und einem Raum für wissenschaftliche Arbeiten ermöglichte einen
vielseitigen Unterricht und Kurse für Fremdsprachen.
Kinder mußten Feldjäger ‚spielen‘
Immer wieder gelang es Gefangenen, aus dem Lager zu entkommen. Sie versteckten sich dann in den
Wäldern. Und fast jedesmal wurde, nachdem die Flucht aufgefallen war, nach ihnen intensiv gesucht.
Dazu wurden auch Woldenberger Kinder eingesetzt, denn das Wachpersonal war in den letzten Kriegsjahren
rar geworden. Und so aktivierte man die Hitler-Jugend sowie sogar das Jungvolk, die dann
systematisch die Wälder abstreifen mußten. Jedes mögliche Versteck im Unterholz
mußten die Kinder durchsuchen. Und fanden die Jugendlichen einen Kriegsgefangenen, dann drohte
ein Todesurteil. Manchmal wurden auch ältere Hitlerjungen zu Kontrollen im Lager
herangezogen.
Das Ende des Lagers
Am 25. Januar 1945 wurde ab 8 Uhr ein Teil der Lager-Insassen Lagerteil West
genannt in Kolonnen in Marsch nach Westen gesetzt. Am 21. März 1945 soll eine Gruppe
von rund 400 Mann im OfLag VII A in Murnau in Bayern angekommen sein. Der etwas später
gestartete größere Lagerteil Ost (etwa 4.000 Gefangene) wurde am 30. Januar
1945 auf ihrem Evakuierungsmarsch bei Berlinchen von der Roten Armee befreit.
[Beschreibung der Evakuierung]
Russische Nachnutzung des Lagers
Ab etwa März bis offensichtlich Herbst 1945 nutzte dann die Sowjet-Armee das Woldenberger Lager zum
Einsperren gefangengenommener deutscher Soldaten und Volkssturm-Männer. Das geht u. a. aus einigen
Beiträgen im Gästebuch sowie einigen Zeitzeugen-Berichten hervor:
GB 041 +
GB 047 +
GB 083 +
GB 086 +
GB 100.
Seit Mitte Juli 2010 gibt es außerdem den längeren
Zeitzeugen-Bericht von Wolfgang Albrecht über das Leben im Woldenberger Lager
1945 unter russischer Regie. Die Sowjets betrieben das Lager als Sammel- und Durchgangslager. Die
Arbeitsfähigen wurden von dort in die Sowjetunion meistens nach Sibirien zur
Zwangsarbeit deportiert. Die Anderen wurden nach einigen Monaten Gefangenschaft in die Heimat entlassen.
Ende Oktober 1945 soll das Lager Woldenberg endgültig geschlossen worden sein.
Noch viele Fragen offen
Wenn auch das Woldenberger Lager mit Sicherheit kein Vernichtungslager war, sind doch noch sehr viele
Fragen zum Woldenberger Kriegsgefangenenlager offen: Das fängt an bei der Frage, wieviel Gefangene
in Woldenberg von den Deutschen erschossen worden sind, und hört auf beim Umgang der Roten Armee mit
den damals bei den Sowjets unbeliebten Polen (deren
große Bestrafung
durch Stalin ja schon feststand). Wie wurden die Polen beispielsweise nach ihrer
Befreiung versorgt, und wie wurden 1945 die gefangenen Deutschen Soldaten behandelt?
[
Weitere Fragen zum Woldenberger Kriegsgefangenenlager]
Manche der Fragen konnten inzwischen auf den seit Anfang 2012 entstandenen
speziellen OfLag-Seiten beantwortet
werden.
Die Lager-Post
Die polnischen Gefangenen durften im Woldenberger Lager von 1942 bis 1945 eine Lager-Post betreiben.
Dafür produzierten sie auch Briefmarken mit unterschiedlichen Motiven, die sie in der
Lagerdruckerei herstellten.
Die Briefmarken galten nur innerhalb des Lagers. Der Reinerlös aus dem Verkauf der Briefmarken
war für den polnischen Fonds für Witwen und Waisen (FWS) gedacht. Es sollen 1/4 Million
Reichsmark zusammengekommen sein. Unklar bleibt, ob das Geld je den Fonds in Polen
erreichte.
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Einige Briefmarken der Lager-Post des Offizierslager OfLag II C in Woldenberg. Es soll 23 Ausgaben
mit insgesamt 51 Briefmarken geben. Unter Briefmarkensammlern haben diese ungewöhnlichen
Marken immer wieder Verwirrung gestiftet.
[mehr]
(Repro: 2010 khd) |
Die Olympischen Lager-Spiele 1944
Die offiziellen Olympischen Spiele von 1940 und 1944 mußten wegen des Weltkrieges ausfallen.
Das brachte die polnischen Offiziere im Lager Woldenberg auf die Idee, im Sommer des Jahres 1944
eine kleine Lager-Olympiade zu organisieren. Sie wollten sich damit zu den olympischen Idealen
bekennen und für eine kurze Zeit den schrecklichen Krieg und ihre Gefangenschaft vergessen.
Und so produzierten sie Eintrittskarten und Sonder-Briefmarken für das große
Lager-Ereignis im August 1944. Auch die deutsche Lagerleitung spielte offensichtlich mit und hatte
keine großen Einwände zum olympischen Spiel der Gefangenen.
[
mehr]
Bücher über das OfLag II C
Im Herbst 2011 ergab eine Internet- Recherche, daß es über das Woldenberger
Kriegsgefangenenlager etliche Bücher gibt. Aber offensichtlich sind diese nur in Polnisch
erschienen. Besonders fiel der Buch-Titel
Oflag II C Woldenberg w
Dobiegniewie auf. Eine Übersetzung ins Deutsche oder Englische konnte nicht geortet
werden.
Andrzej Toczewski ist Autor (oder Herausgeber) dieses Buches, das 2009 erschienen ist unter der
ISBN 978-83-88426-50-6. Bleibt zu hoffen, daß dieses Buch Antworten auf
die offenen Fragen
hat.
[
Weitere Bücher]
Aus dem Museum in Dobiegniew
Seit Anfang 2012 entstanden mehrere Webseiten, auf denen auf der Basis von Ausstellungsmaterial und
Informationen des Muzeum Woldenberczyków in Dobiegniew einige Themen zum Leben im
OfLag II C etwas ausführlicher behandelt werden. Das sind: