Woldenberg   —  Kriegsgefangenenlager OfLag IIC Woldenberg 1 khd
Stand:  26.3.2013   (44. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Das_OfLag-IIC.html



Woldenberg Dobiegniew Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  O f l a g   I I   C
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Nach dem Polenfeldzug 1939 begann die Deutsche Wehrmacht auf dem alten Woldenberger Exerzierplatz an der Ostseite der Friedeberger Chaussee ein großes Baracken-Lager für polnische Kriegsgefangene zu bauen. Die Arbeiten wurden von gefangenen Soldaten ausgeführt. Am 21.5.1940 wurde das Lager eröffnet.

Zur Erinnerung und Mahnung wurde um 1987 in Dobiegniew – dem früheren Woldenberg – ein kleines Museum eingerichtet: Das „Muzeum Woldenberczyków“. Die Erläuterungen zu den Ausstellungsstücken sind dort alle in Polnisch abgefaßt. Auf dieser Seite und den Folgeseiten wird dazu eine Übersetzung ins Deutsche geliefert.

Die deutschen Texte entstanden auf Basis der Aufzeichnungen der im wissenschaftlichen Recherche-Zentrum vorhandenen Erinnerungen der Gefangenen. Sie wurden aus dem Polnischen übersetzt von GREGOR STACH mit freundlicher Unterstützung von Frau Dr. NADJA MESSERSCHMIDT vom Fantom e.V. Der Dank für die Erlaubnis der Internet- Erstveröffentlichung geht an das Museum in Dobiegniew. Einige Abbildungen wurden hier aus dem Fundus der khd-research redaktionell hinzugefügt. [Translation-Service]


Im Internet ist dieses Dokument (Web-Seite) zu finden unter:
http://www.woldenberg-neumark.eu/Ex/Das_OfLag-IIC.html


I n d e x :


OfLag II C — Einleitung


      Lage des Woldenberger Lagers
^   Die Lage des 25 Hektar großen Lagers an der Friedeberger Chaussee. [Vergrößerung] [Lageplan]  (Sat-Foto: 19.5.2009 – GoogleEarth)
      Während des Zweiten Weltkrieges bestand vom 21. Mai 1940 bis zum 25. Januar 1945 bei Woldenberg das größte Kriegsgefangenenlager für polnische Offiziere — das OfLag II C Woldenberg.

      Hier verwahrte man polnische Offiziere, Unteroffiziere und einfache Soldaten aus dem Septemberfeldzug 1939, einige Offiziere, die man in dem Frankreichfeldzug 1940 gefangen nahm, sowie an die 100 Offiziere der Landesarmee (AK), welche nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 in Gefangenschaft gerieten — insgesamt rund 6.000 Offiziere und ca. 700 einfache Soldaten.

      Anfangs errichteten die Deutschen ein Lager für 15.000 Soldaten, das Lager StaLag II C. Daraus wurden 14.500 Personen auf Arbeitskommandos in Pommern verteilt, die restlichen arbeiteten beim Aufbau der Stein-Baracken des künftigen OfLags II C.

      Steinbaracken des Woldenberger Lagers
^   Einige der trostlsoen Steinbaracken des Woldenberger Lagers, fotografiert im Sommer 2005. [Mehr Fotos vom Woldenberger Lager]  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol92)
      Das Lager erstreckte sich über eine Fläche von 25 Hektar. Es war in drei Teile aufgeteilt: In den Deutschen Teil, das Vorlager und das Gefangenenlager. Die Länge der Lagerhauptstrasse betrug 550 Meter, davon 350 Meter im Innenteil. Die Breite des Lagers am Ende des Südteils betrug 500 Meter. Das Lager war von einem zweifachen Zaun aus Stacheldraht und acht Wachtürmen umgeben.

      Die Gefangenen bewohnten 25 Baracken mit Maßen von 64 x 12 Meter. Die Baracken bestanden aus zwei Teilen A und B, die durch die Sanitärräume getrennt waren. In jedem der Teile war eine Kompanie von 100 – 150 Personen untergebracht.

      Organisatorisch teilte sich das Lager in den „Teil West“ und den „Teil Ost“ auf, und jeder von ihnen in drei Bataillone. Ein Bataillon bestand aus drei Kompanien, mit Ausnahme des Bataillons V, das aus 10 Kompanien bestand.

OfLag II C — Die Lebensbedingungen im Lager


      Wachturm des Woldenberger Lagers
^   Ein hölzerner Wachturm des Woldenberger Lagers an der Friedeberger Chaussee. Davon hat es 8 Stück gegeben.  (Repro: 2004 – khd)
  1. Ungefähr 1 m2 Lebensraum pro Gefangener.

  2. Temperatur in den Baracken im Winter 4–6 °C, häufig unter 0 °C fallend.

  3. Feuchtigkeit, schimmelbedeckte Wände.

  4. Kein fließendes Wasser.

  5. Sehr schwache Beleuchtung (nur 15–25 Watt Glühlampen).


      Die Unmöglichkeit, sich am aktiven Kampf zu beteiligen, die Sorge um das Los der Angehörigen in der Heimat, das Gefühl der Ohnmacht, das Fehlen der manchmal so nötigen Privatsphäre und die Notwendigkeit des Aufenthalts in der Menschenmenge machten das Leben im Lager zu einer Qual.

      Unter diesen Konditionen begann man damit, ein bildungskulturelles Leben zu organisieren, um die seelische und körperliche Tüchtigkeit zu erhalten. Es gab im Lager eine Grund- und eine Oberschule, Sprach- und Berufskurse sowie eine Universität mit 1.500 Teilnehmern.

      Es existierten verschiedene Fachkreise, wie z. B. der Kreis der Architekten, der Förster, der Philatelisten, der Ökonomen und der Juristen, sowie ein Theater, drei Chöre, ein Symphonieorchester, einige kleinere Musikensembles und sogar ein Zirkus. Aktive Tätigkeit leisteten ebenso einige Sportvereine.

OfLag II C — Die Gefangenen organisierten sich


Schema zum polnischen Widerstand im Lager „OfLag II C Woldenberg“
^   Dieses Schema gibt es auch als PDF-Dokument (84 kByte) zum genaueren Nachlesen.   (Grafik: 7.1.2012 – khd)


OfLag II C — Vom konspirativem Vorgehen


      Um eine feste Verbindung mit den militärischen Lagezentren sowie einen laufenden Informationsfluss über die aktuelle Frontlage zu erhalten und damit der deutschen Propaganda entgegen zu wirken, wurde 1942 die Abteilung „R“ ins Leben gerufen.

      Die Aufgabe der Abteilung „R“ bestand im regelmäßigen Rundfunkempfang. Es wurden kontinuierlich Sendungen in fünf verschiedenen Sprachen empfangen. Auf der Grundlage der Radionachrichten wurde eine Lagerzeitung „Hinterm Stacheldraht“ herausgegeben.

      Der Leiter der Abhörabteilung wurde Kapitän T. Adamko und sein Stellvertreter Oberleutnant M. Zarudzki. Die Abteilung wurde durch drei Hauptorganisationssäulen gebildet, auch Sektionen genannt: die technische, die äußere und die innere Absicherung.

      Es wurden drei Stellen für den Empfang eingerichtet, aber nur eine von ihnen wurde dauernd genutzt. Das erste Rundfunkgerät wurde in der Lagerkantine, in der Wand hinter der Garderobe, installiert. Später wurde es im August 1943 in einen unterirdischen Verschlag verlegt. Den zweiten Radioempfänger platzierte man in einem tragenden Balken des Aufenthaltsraumes des II. Bataillons. Der dritte Punkt wurde (als Reserve) in dem Lagercafé in der Wand hinter der Garderobe eingerichtet.

Das Absicherungsschema

( Radio = Verstecktes Rundfunkempfangsgerät, Ovale = Absicherungsstreifen )

Schematischer Plan des Lagers „OfLag II C Woldenberg“
^   Diesen schematischen Lagerplan gibt es auch als PDF-Dokument (108 kByte) zum genaueren Nachlesen. Das Lager hatte 25 schlichte Steinbaracken, die sich jeweils aus einem Teil „A“ und „B“ bestanden. In jedem dieser Teile wurden bis zu 150 Gefangene untergebracht.   (Grafik: 12.1.2012 – khd)

Für die Soldaten der Absicherungsstreifen galten folgende Signale:
A = „sichere Lage“ — Mützen am Kopf streifen oder am Kopf streifen.
B = „gefährliche Lage“ — Beugen, Aufheben der am Boden liegenden Gegenstände, Beschäftigung mit dem Schuhwerk, Fallen lassen von Büchern etc.

Das Signal „B“, wiederholt durch weitere Absicherungsposten bis zum Posten 36, warnte den Beobachter in der Kantine; in Folge dessen unterbrach man den Radioempfang.

Jeden Tag überbrachte der diensthabende Offizier der Abteilung „R“ den Mitgliedern der Absicherungsabteilung den Abhörplan, auch „Fahrplan“ genannt, für den Folgetag.

Der „Fahrplan“ 7/14 — 36 — 15/9 — 21 — 100815 beispielweise beinhaltete folgende Daten:
7/14 = die Nummern der Soldaten, die den Dienst übernahmen.
36 = die Platzzuordnung der Diensthabenden.
15/9 = die Nummern der Soldaten, die den Dienst auf dem Posten (Nr. 21) hatten.
100815 bedeutete im Einzelnen:
10 = die Dienstzeit in Minuten.
0815 = die Uhrzeit des Dienstbeginns.

OfLag II C — Vom heimlichen Radioempfang


      Zunächst wurde der Radioempfänger in der Wand hinter der Garderobe installiert. Die drehfähigen Garderobenstifte waren mit den Suchknäufen des Rundfunkgerätes verbunden, so dass man blind nach den Sendern suchen konnte. Dieses System bewährte sich jedoch nicht.

      Im verbesserten System wurde die Garderobe an Scharnieren befestigt und konnte geöffnet werden, indem man einen Draht in die Löcher der Holzwürmer steckte und die Konstruktion bewegte. Darinnen befanden sich Kopfhörer, die man mit Hilfe von Plastikbändern verstecken konnte.

      Im Jahr 1943 wurde das Radio in ein unterirdisches Versteck mit den Maßen 2,5 x 2,2 x 1,5 m verlegt. Der Zugang zu diesem Abhörraum wurde durch einen beweglichen Eisenofen getarnt. Im Raum gab es elektrisches Licht und Ventilation. Die Radioantenne befand sich im Schornstein.

1. Version — Feste Garderobe, bewegliche Garderobenstifte.

2. Version — Bewegliche Garderobe, feste Garderobenstifte.


Der Umfang des Radioempfanges

      Täglich wurden Nachrichten von den zwei wichtigsten Sendern empfangen: aus Moskau und aus London. Wenn noch genug Zeit übrig blieb, empfing man die Schweiz, Schweden und die Türkei.

      Volksempfänger DKE38
^   Vermutlich war das ein solcher Volksempfänger DKE38, der zunächst zum heimlichen Empfang der Nachrichten von den polnischen Offizieren benutzt wurde.
      Man unterhielt den verschlüsselten Funkkontakt mit fünf Sendern in der Heimat: mit zwei Sendern in Warschau, zwei Sendern in Krakau und einem in Kattowitz. Die Kennmelodie der extra für das OfLag zusammengestellten Nachrichten war der „Walzer Francois“, der Deckname war „Waldemar“. Während der drei Jahre Abhörarbeit wurden ca. 9.000 Sendungen in verschiedenen Sprachen empfangen und ca. 1.300 „Lagertagesblättern“ herausgegeben.

      Die Abhörstation, die im Aufenthaltsraum des II. Bataillons eingerichtet war, wurde nach dem Namen des Oberstleutnants K. Zaborowski genannt. Dieser Offizier hatte auf dem Rückweg aus dem Krankenhaus in seiner Operationsnahtstelle eine Radioröhre ins Lager geschmuggelt. Kurz danach starb er an seinem Krebsleiden.

      Die Radio-Apparate erhielt man aus verschiedenen Quellen. Im April 1942 kaufte der Kpt. Jerzy Mizerski von einem deutschen Unteroffizier den recht verbreiteten „Volksempfänger“, den man zunächst in einem Versteck in der Kantine platzierte und anschließend im so genannten „Bunker“.

      Noch vor der Fertigstellung des „Bunkers“ kam in einem Päckchen für den „Oberleutnant Kwiatek“ (ein fiktiver Deckname) ein modernes, batteriebetriebenes Fünfröhrengerät mit den Maßen 20 x 14 x 5 cm ins Lager.

OfLag II C — Geheime Militärarbeit


      Die geheime Militärarbeit im OfLag IIC begann im Juli 1940. Deutliche Formen einer militärischen Organisation bekam sie aber erst in der Mitte des Jahres 1942. Es wurde ein Stab einberufen, der verschiedene Verhaltensmodelle für die Gefangenen im Falle einer Auflösung des Lagers plante. Die vorgesehenen Szenarien waren:

1) „Dem Lager droht Vernichtung durch die Deutschen.“ — In diesem Fall ist der Kampf aufzunehmen. Zu diesem Zweck werden Waffen und Drahtscheren ins Lager geschmuggelt.
Zuständig war Oberst Stanislaw Starejko.

2) „In Deutschland herrscht Revolution und Chaos.“ — Das Lager soll in drei Kolonnen in Richtung Westen hinter die Elbe verlassen werden. Unterwegs werden versprengte polnische Zwangarbeiter und ehemalige Lagerinsassen mitgenommen.
Zuständig war Oberst Waclaw Szalewicz.

3) „Die sowjetische Armee besetzt das Lager.“ — Es ist erforderlich, vor Ort zu bleiben und das Lager soll selbstverwaltet werden. Es wird verboten, das Lager zu verlassen und es wird der Kontakt zur russischen Führung gesucht.
Zuständig war Oberst Stefan Zielke.

4) „Deutschland kapituliert, aber kein Verbündeter befindet sich in der Nähe.“ — Die Übernahme das Lagers, Sperren der Eingänge, Sicherung der Verpflegung und Warten auf die Funkbefehle.
Zuständig war Oberst Stefan Zielke.


      Im Einklang mit diesem Plan wurden seine verschiedenen Szenarien von getrennten Teams der Geheimen Militärarbeit durchgespielt. Die offenkundig gefährlichste Variante war die erste, denn das aus der Heimat in Paketen zugeschickte Waffenarsenal war zu gering, um ein in diesem Maße riskantes Unternehmen zu wagen.

      Die unter der Kantine sowie in den Bienenhäuschen versteckten Granaten, Pistolen und Drahtscheren waren nicht situationsadäquat. Zudem hatte die deutsche Luftwaffe, die im ständigen Kontakt mit der Lagerführung stand, ihre Staffel von Bomberflugzeugen in einer Entfernung von lediglich 40 km stationiert.

      Im OfLag II C bildete man eine spezielle wissenschaftlich-militärische Einheit, welche die Einsatzkriterien und den Wirkungskreis der sog. Sturmeinheiten bestimmte. Sie erarbeitete Materialien sowohl für praktische Schulungen, wie beispielsweise in Methoden der Überwindung des Stacheldrahts durch die Sturmeinheiten, als auch für konspirative Schulungen der Kampfgruppen für den Fall einer eventuellen Herausführung der Gefangenen aus dem Lager.

      Darüber hinaus wurden die Offiziere in Funk- und Nachrichtentechnik, im Marinewesen, in der Artillerie und im Gebrauch von Panzerwaffen ausgebildet. Neben diesen Kursen wurden auch Informationsveranstaltungen angeboten, die sich auf die Veränderungen in der modernen Kriegsführung, der Waffenarten und der Ausrüstung, bezogen.

      1943 entschloss man sich zur militärischen Schulung in größeren Gruppen. Man fasste 20 – 25 Offiziere zu einer Gruppe zusammen und führte sie in Vorbereitungskursen bis zur Militärhochschulreife.

OfLag II C — Internationale Fürsorgeorganisationen


      Fürsorgefunktionen für die Kriegsgefangenen übernahmen das Internationale Rote Kreuz (IRK) und die Internationale Vereinigung der christlichen Jugend (Y.M.C.A.).

      Diese Organisationen überwachten die Erfüllung der Bestimmungen der Genfer Konvention in bezug auf die Fürsorge der Kriegsgefangenen durch die Deutschen. Die ersten Kontakte der Delegationen des IRK und der Y.M.C.A. mit dem OfLag II C Woldenberg fanden im Oktober 1941 statt.

      Später kamen die Gesandten des IRK sechs Mal in halbjährlichen Abständen. Die Visiten der Vertreter des Y.M.C.A. waren häufiger. Die Y.M.C.A. war dauerhaft durch den dänischen Pastor Christian Christiansen vertreten, die Vertreter des IRK wechselten sich dagegen turnusmäßig ab.

      Beide Organisationen waren Verteiler verschiedener Hilfsgüter, insbesondere von Lebensmitteln und Bekleidung, aber auch von sportlicher Ausrüstung, Musikinstrumenten, Werkzeugen, Farben und anderen Materialien.

OfLag II C — Ein bravouröser Ausbruch von 1942


      Am 20. März 1942 hatten 5 Offiziere einen erfolgreichen Ausbruchsversuch unternommen: Kpt. Zdzislaw Pacak – Kuzmirski, O.Ltn. Edmund Madej, O.Ltn. Kazimierz Nowoslawski, Ltn. Jerzy Kleczkowski und Ltn. Zygmunt Siekierski.

      Ltn. Z. Siekierski, entsprechend gekleidet und bewaffnet, spielte dabei die Rolle eines Wachmanns. Ein Teil der Uniform war dabei original, andere Teile waren zuvor im Lager präpariert worden. Vor Ort hatte man auch eine Attrappe des Gewehrs des Typs Mauser angefertigt.

      Am frühen Morgen des 20.3.1942 begleitete der „Wachmann“ Siekierski die vier kranken Gefangenen durch das Lagertor unter dem Vorwand, sie in das Krankenhaus nach Stargard bringen zu wollen. Die vermeintlichen Kranken waren mit Hilfe von Verbandszeug und Armbinden verkleidet, während ihr „Begleiter“ über einen durch den Ltn. Ryszard Kiejna in feiner Handarbeit gefälschten Reisebefehl verfügte.

      Nachdem das Lager verlassen worden war, beschlossen die Beteiligten, dass ihr Wärter sie zu einer „Verhandlung“ des Kriegsgerichts nach Warschau begleiten sollte. Zu Fuß erreichten sie Driesen, wo sie den Zug nach Schneidemühl bestiegen, um von dort nach Thorn zu gelangen.

      Auf dem Thorner Bahnhof angekommen, verlangten sie von dem Kommandanten des Wachpostens eine Mahlzeit sowie eine Übernachtungsmöglichkeit. Nach dessen Ablehnung wendeten sie sich mit einer Beschwerde an den Bahnhofskommandanten. Auf dessen ausdrücklichen Befehl wurden sie verköstigt und er selbst begleitete sie zum Zug. Es handelte sich dabei um einen Militärtransport, der nach Warschau fuhr.

      Der Bahnhofskommandant befahl den deutschen Soldaten, ein Abteil für die Gruppe zu räumen und ihnen freies Geleit zu gewähren. Nachdem sie Warschau erreicht hatten, traten die Offiziere der Diversionsabteilung „Osa“ (Wespe) bei, die für spezielle Kampfeinsätze vorgesehen war. Mit Ausnahme von Kpt. Pacak sind alle für die Freiheit gestorben.

      Der Ausbruch der fünf Offiziere wurde zum Thema der 25 Jahre später geschriebenen Novelle „Tirolinka“ von Adam Ostoja und Andrzej Ostoja-Owsiany, die 1979 unter demselben Titel verfilmt wurde.

      Die Attrappe des Gewehrs des Typs Mauser wurde von dem Waffenmeister Fahnenträger Mikolaj Garbacki und O.Ltn. Witold Rytwinski mit viel Liebe zum Detail nachgemacht. Einzelne Elemente wurden aus Buchenholz gefertigt und mit Hilfe von Bolzen zusammengeleimt. Einige Metallteile wurden aus dem Blech der Konservendosen nachgemacht und die Klinge des Bajonetts aus einem Lineal. Der metallische Glanz wurde mit Hilfe von Grafit erreicht.

      Nach dem Krieg wurden zwei Kopien des Holzgewehrs nachgemacht. Die erste, sehr gute und originalgetreue Kopie fertigte Witold Rytwinski an. (Sie ist verschollen). Die zweite Kopie wurde für die Dreharbeiten des Films „Tirolinka“ im Jahr 1979 hergestellt.

[Liste aller Ausbrüche aus dem OfLag II C

OfLag II C — Die Rolle der „Woldenberger“


Die Beteiligung der Woldenberger am Widerstand

      Die Mehrheit der Gefangenen schloss sich nach der gelungenen Flucht aus dem Lager der konspirativen Arbeit an, wo sie als Führungskader die Landesarmee verstärkten.

      Die Ausgebrochenen genossen ein hohes Ansehen beim Generalstab der Landesarmee. Der General Bor – Komorowski schrieb in der organisatorischen Meldung Nr. 240 über die Zeit von 01.09.1943 bis 29.02.1944 an den Oberbefehlshaber: „Von den aus den im Reich angesiedelten Lagern meldeten sich im Berichtzeitraum 25 Offiziere verschiedener Grade aus unterschiedlichen Waffenformationen zum Dienst, ferner ein Unteroffizier und vier einfache Soldaten mit Beförderungsrecht. Diese Soldaten stellen in jeder Hinsicht den positiven Typ dar — mutig, unternehmungslustig, tatkräftig.“

      Daher wurden den in die Heimat geflohenen Offizieren verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Kapitän Aca – Kuzmirski wurde Kommandeur der Spezialeinheit „Sek“ (Der Knorren), der Oberleutnant Bernard Drzyzga wurde der Anführer der Abteilung „Zagra – Lin“, welche die Bombenattentate in Berlin und Breslau verübten.

      Der Oberleutnant Wladyslaw Mossakowski wurde Anführer der Sektion „Bohdanka“, die in der Umgebung von Nowogródek eine Reihe von Militäraktionen durchführte. Oberleutnant Edward Madej war an dem Attentat gegen den Leiter des Sicherheitsdienstes des Generalgouvernements, General Krüger, beteiligt.

      Der Leutnant Jerzy Kleczkowski beteiligte sich an dem Überfall auf den Geldtransport in Warschau sowie an dem Attentat gegen den General Krüger. Der Leutnant Zygmunt Siekierski wurde Kurier der Hauptkommandantur der Landesarmee.

OfLag II C — Das Museum in Dobiegniew


  • Muzeum Woldenberczyków – Museum zum Kriegsgefangenenlager OfLag II C Woldenberg.
    Öffnungszeiten:  Dienstag–Freitag 10.00–16.00 Uhr, Samstag–Sonntag 10.00–14.00 Uhr.
    Anschrift:  PL–66-520 Dobiegniew, ul. Gorzowska 11.
    Internet:   http://www.muzeum.dobiegniew.pl/
    E-Mail:     muzeum@dobiegniew.pl
    Telefon:   0048–95-761 10 95.     [mehr zum Museum]

    In der Dobiegniew-Galerie Nr. 6 sind eine Reihe von Fotos zum OfLag II C veröffentlicht worden. Weitere Fotos sind in der Dobiegniew-Galerie Nr. 9 enthalten.

    [Das Woldenberger Kriegsgefangenenlager]  (khd-research.net)


    Muzeum Woldenberczyków

          Das Museum in Dobiegniew entstand 1987 auf Betreiben früherer Insassen des OfLags II C. Es ist im deutschen Teil des früheren Lagers angesiedelt. Eine Wohnbaracke der Wehrmacht. Die Ausstellungsfläche beträgt rund 400 Quadratmeter.

          In den Ausstellungsräumen sind teilweise Original-Nutzungsgegenstände, wie z. B. Türen des Lager-Gefängnisses sowie die rechte Seite des Altars der Lager-Kirche zu sehen. Zu finden sind auch wenige Grabsteine der Beisetzungsstätte im Lager, da die sterblichen Überreste der Soldaten nach dem Krieg umgebettet worden sind.

          Die meisten Ausstellungsgegenstände wurden von den Gefangenen auf den langen Fußmarsch im Januar 1945 trotz beschwerlicher Bedingungen mitgenommen und nach Jahren von Ihnen oder ihren Familien dem Museum vermacht. Es sind insgesamt ca. 2500 Exponate vorhanden und ihre Zahl wächst mit der Zeit.

    Briefmarken der Lager-Post des OfLag II C in Woldenberg
    ^   Einige Briefmarken der Lager-Post des Offizierslager OfLag II C in Woldenberg. Es soll 23 Ausgaben mit insgesamt 51 Briefmarken geben. Unter Briefmarkensammlern haben diese ungewöhnlichen Marken immer wieder Verwirrung gestiftet. [mehr]   (Repro: 2010 – khd)

          Im Sommer 2011 fanden auf dem Lager-Gelände Ausgrabungsarbeiten statt. Dabei konnten etliche Objekte aus dem Erdreich ans Tageslicht gefördert werden. Von diesen Grabungsarbeiten gibt es zwei kurze Videos (YouTube). Bei den Ausgrabungen wurden nicht nur Gegenstände aus der OfLag-Zeit (1940 – Januar 1945) gefunden. Auch aus der für deutsche Kriegsgefangene so schlimmen „Russen-Zeit“ (Frühjahr bis Herbst 1945) wurden zahlreiche Funde gemacht. Aber dieses feine Holzbrand-Bild konnte nicht mehr gefunden werden, denn Wolfgang Albrecht (damals 17) hat es im September 1945 nach Hause mitgenommen.

          Außerdem gibt es im Museum einige Gegenstände auf Leihbasis zu sehen. Zu den Exponaten zählen Kunstgegenstände wie Holzschnitte, Bilder in Wasserfarben, Plastiken von Bildhauern, Manuskripte und Druckerzeuggnisse, Schreibmschinentexte, Diplome sowie Zahlungsmittel wie Lagermarken.

          Es gibt auch Gegenstände von hohem persönlichen Erinnerungswert, wie z. B. Lagerpost oder Fotos; aber auch sperrige Theatermasken, die den langen Wintermarsch ’45 überstanden haben und mit Pietät aufbewahrt wurden, bis sie dem Museum überreicht wurden. Nicht zuletzt auch Briefmarken, die für die Lagerpost hergestellt wurden und von deren Erlös die Witwen der verstorbenen oder gefallenen Kameraden im besetzten Polen unterstützt wurden.


  • Anmerkungen des Herausgebers


    1) ^  Hm, diese batteriebetriebenen Röhren-Radios waren damals wahre Stromfresser. Sie benötigten zum Betrieb gleich 2 Batterien: Eine niederspannige Batterie für die Heizung der (Elektronen-) Röhren (etwa 4,5 Volt) und eine hochspannige Batterie für die Versorgung mit Anodenspannung (etwa 100 Volt oder mehr). Besonders diese „Anodenbatterien“ waren damals teuer. Wie mag es gelungen sein, sich im Lager immer wieder mit den Batterien zu versorgen?

    Vielleicht kamen die Batterien auch per Päckchenpost ins Lager. Es gab allerdings auch einen regen Tauschhandel mit den Wachmannschaften. Diese tauschten amerikanische Schokolade und Zigaretten, die per Päckchen gekommen waren, gegen Waren aus der Stadt. Die waren in Woldenberg sehr begehrt.

    2) ^  Über den Film „Tirolinka“ gibt es via Google Informationen. Der Regiesseur ist Romuald R. Wierzbicki, Zweiter Regisseur Jan Zarzycki, Drehorte: Treblinka, Wroclaw (Breslau).

    3) ^  In Polen versteht man unter (alten) „Woldenbergern“ die Ex-Insassen des Kriegsgefangenenlagers OfLag IIC Woldenberg. Es existiert in Polen auch eine „Vereinigung der Woldenberger“.

    4) ^  Ende Januar 1945 hatte der Winter die Neumark fest im Griff. Alle Straßen waren tiefverschneit. Mancherorts gab es Schneeverwehungen, und es herrschte an den meisten Tagen große Kälte — bis zu –25 °C in den Nächten. Außerdem waren damals die Straßen voll mit vielen Flüchtlingstrecks, die eilig in Richtung Oder zogen.

    5) ^  Erst mit diesem „Fünfröhrengerät“ dürfte ein sicherer Empfang entfernter Sender möglich gewesen sein, denn mit 5 Radioröhren war das ein Super(heterodyn)-Empfänger, die auch schwache Signale hörbar machen können. Die von Telefunken im Auftrag von Goebbels konstruierten „Volksempfänger“ waren hingegen recht einfache, absichtlich ziemlich unempfindliche Radios („Pendelaudions“) für den Mittelwellenempfang von Sendern in Deutschland und allenfalls leistungsstarken Auslandssendern in Mitteleuropa.

    6) ^  Bereits vorher bestand in Woldenberg ein Gefangenenlager — das sogenannte „StaLag II C Woldenberg“. Nach dem Überfall Polens gerieten im September 1939 reichlich Soldaten der Polnischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft, die hier seit Ende September 1939 untergebracht wurden. Die meisten dieser etwa 15.000 Gefangenen (meist untere Chargen) wurden in der Folgezeit auf Arbeitskommandos in Westpommern verteilt. In Woldenberg blieben nur etwa 500 Gefangene. Sie lebten in Zelten und mußten die Steinbaracken für das Offizierslager bauen. Im Winter 1939/40 erkrankten viele dieser Gefangenen wegen der miserablen Unterbringung und Versorgung. Es gab auch Todesfälle. Eine Liste der Toten ist offensichtlich nicht überliefert.

    7) ^  Militärische Lagezentren (Dispositionszentren) der polnischen Armee gab es in Warschau, in London (Sitz der polnischen Exilregierung) und wohl auch in Krakau.

    8) ^  Wohl seit 2010 gibt es im Internet unter http://www.ltg.zg.pl/opracowania/woldenberg_przepisany.xls eine alphabetische Namensliste aller im OfLag-IIC bis 1945 gefangenen polnischen Offiziere. Dabei handelt es sich um eine Excel-Tabelle, in der Namen, Vornamen, Armee-Dienstgrad und die Baracken-Nummer angegeben sind. Ob diese Liste bereits vollständig ist, ist unklar.

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