Schon vor mehr als 100 Jahren beschäftigte sich die Stadt mit der Einrichtung einer
öffentlichen Krankenanstalt oder besser gesagt: Mit einer öffentlichen
Krankenstube. Eisenbahnen, die das Publikum schnell ans Ziel führten, gab es 1830, als der
Bürgermeister Mörschel den Plan erörterte, noch nicht.
Jeder Reiseverkehr wickelte sich auf den Chausseen und Landstraßen ab. Dazu kam die große
Zahl der Handwerksgesellen, denen von ihrer Innung das Wandern, d. h. das [?] vorgeschrieben war, um
andere Gebräuche kennen zu lernen. Und da kam es dann nicht selten vor, daß so ein
Handwerksbursche infolge Erkrankung am Wege liegen blieb und in die nächste Ortschaft
gebracht werden mußte, um hier geheilt zu werden.
Für diese Fälle hatten die Stadtverordneten 2 Schlafstellen im Hospital in der
Richtstraße (jetzt Tischlermeister Schulz) freigestellt. Die erforderliche ärztliche Betreuung
hatte durch den sogenannten Armenarzt der Stadt (es war aber nur ein Heilgehilfe) zu erfolgen.
So blieben die Verhältnisse bis zum Jahre 1856, ohne daß sich die Aufsichtsbehörden darum
gekümmert oder gar den Zustand bemängelt hätten. Erst in diesem Jahre forderte die
Regierung in Frankfurt den Magistrat auf, ein städtisches Krankenhaus zu bauen, das zur Aufnahme von
Fremden, Armen und wo die Wohnraumverhältnisse es notwendig machten, beim Auftreten ansteckender
Krankheiten benutzt werden sollte, um die Absonderung der Kranken zu gewährleisten.
Die Stadt war nicht verlegen. Der Bürgermeister Milferstaedt schlug als non plus ultra wieder das
einstöckige Hospitalgebäude vor, weil ein anderes Kommunalgebäude dafür nicht zur
Verfügung stände; im übrigen wäre ein Krankenhaus gar nicht so notwendig, weil ein
Einwohner der Stadt erkrankte Fremde bei sich aufnehme und was die Dienstboten und Handwerksgesellen
anlangte, so würden diese ja meistens in der Behausung ihrer Herrschaft bzw. Meister kuriert. Die
Stadt hätte auch andere schwere Lasten und Sorgen.
Die Regierung war aber anderer Meinung. Sie fordert von der Stadt energisch das Errichten eines
öffentlichen Krankenhauses, das umso leichter fallen würde, als die Stadt in der
glücklichen Lage sei, nur 13 Prozent Kommunalsteuern zu erheben, während andere märkische
Städte viel mehr aufzubringen hätte.
Nun blieb natürlich nichts anderes übrig, als sich mit dem Problem ernsthaft zu
beschäftigen. An einen Neubau dachte der Magistrat aber auch jetzt nicht. Die Stadt wendete sich, um
mit billigen Mitteln aus diesem Dilemma herauszukommen, an den Oberpräsidenten Flottweil. Er solle
genehmigen, daß das kleine Seitengebäude des Hospitals zu einer Krankenanstalt ausgebaut
werden darf. Das lehnte aber der Oberpräsident schon deshalb von vornherein ab, weil ein solcher Bau
nicht genügend Licht und Luft erhalten würde. Zudem wäre die Stadt zum Neubau eines Hauses
finanziell sehr gut in der Lage.
Die neue Krankenanstalt sollte nach behördlicher Bestimmung zum mindesten 1 Krankenzimmer mit 6
Betten, 2 Zimmer mit je 3 Betten, 1 Badekammer, 1 Hausküche, 1 Totenkammer und dann noch die Wohnung
für den verheirateten Wärter enthalten. Nach zweijährigem Suchen eines geeigneten Orts
glaubte die Stadt in dem früheren Hagen’schen (kleinen) Burglehen in der Junkerstraße,
auf das die alte Marktstraße mündet, ein Haus gefunden zu haben, das sich zu einem Krankenhaus
umbauen ließe.
Dieses Haus hatte die Stadt von dem Gram’schen Erben erworben. Der Umbau sollte aber 3000 Thaler
kosten, eine Summe, die nach Ansicht des Magistrats in gar keinem Verhältnis zu der Inanspruchnahme
der Räume stand, denn die Krankenzahl hatte in den Jahren 18561859 jährlich nur
durchschnittlich 15 betragen. Angesichts dieser Beweisführung hält auch die Regierung den Umbau
für kostspielig und die Raumzahl wäre auch viel zu groß. Sie empfielt für
später einen entsprechenden Neubau.
Aber der Bürgermeister Milferstaedt war zähe, er kommt wie immer auf das Hospital zurück,
auf das er jetzt ein zweites Stockwerk setzen will. Das gefiel dem Dezernenten der Regierung zwar, er
setzt aber noch einen besonderen Eingang, der nur für das Krankenhaus allein bestimmt sein sollte,
voraus. Das ließ sich aber bei dem kleinen, nur mit der Vorderfront freistehenden Gebäude
nicht einrichten. Und da zudem der Umbau 2500 Thaler kosten sollte, ließ der Magistrat im Jahre
1853 den Aufbaustock des Hospitalgebäudes wieder fallen und ging noch einmal auf das
Burglehensgebäude mit der davorstehenden Ursitreppe zurück.
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Magistrat und Stadtverordneten erstickten leider die
Möglichkeit zum Krankenhausumbau. Und da die Zahl der in der Krankenanstalt behandelten Personen bis
zum Jahre 1853 auf nur jährlich 5 gesunken war (!) wird die Regierung von der Stadt gebeten, es bei
dem bisherigen Zustand überhaupt zu belassen, d. h. also, daß die Kranken weiter in den
leerstehenden Räumen des Hospitals durch den Stadtarzt Dr. Sachse behandelt werden dürfen. Dem
stimmt auch die Regierung unterm 26. Februar 1854 zu. Somit war nun der Krankenhaus-Neubau nach
3jährigem Streit fürs erste abgewendet.
Im Jahre 1832 hatte die Stadt für die Garnison (1. Eskadron Dragoner) einen Pferdestall auf eigene
Rechnung erstellen müssen, der 5000 Thaler kostete. Nach dem französischen Kriege (1870/71)
wurde der Stall nicht mehr zweckentsprechend benutzt, weil die Garnison nicht hierher zurückkehrte.
Er wurde hauptsächlich den Juden der Stadt für Lagerräume vermietet. Die Stadtverordneten
beschlossen 1878 aus sich heraus, diesen Stall zu einem Krankenhaus umzubauen. Nun war es der
Bürgermeister Menger, der diesem Beschlüsse die Zustimmung versagte, weil die Kosten dafür
ohne neue Kommunalsteuern nicht aufgebracht werden könnten.
Das erscheint heute umso unbegreiflicher, als einige Jahre vorher der Stadt über eine halbe Million
Mark aus Holzbetrieb in die Hände gefallen war, die sie in Staatspapieren und Hypotheken
nutzbringend anlegte. Werte für die Stadt selbst hatte sie [damit] nicht geschaffen. Der unliebsame
Streit wegen des Ausbaues des Pferdestalles zwischen Magistrat und Stadtverordneten hatte auch 1883 noch
kein Ende gefunden, als in diesem Jahre der Stadtarzt Dr. Stumpft anzeigte, daß im Hospital, das ja
noch immer auch Krankenanstalt war, 2 Typhusfälle vorgekommen seien, dem auch der Waisenvater
Gregorius zum Opfer gefallen sei. Er verlangte dringend Abhilfe. Aber auch jetzt war eine einwandfreie
Unterbringung der Kranken nicht zu erreichen.
Erst ein Jahr später (1884), als das neue Krankenkassengesetz die Behandlung der Kassenmitglieder
gegebenenfalls im Krankenhause zur Pflicht machte, war der Magistrat gezwungen, nun endlich und ernstlich
ein Krankenhaus zu errichten. Das ging nun sehr schnell. Denn schon im Juni 1885 war die südliche
Hälfte des ehemaligen Stalles für ein Krankenhaus hergerichtet, die nördliche Hälfte
folgte 1886 und im Januar 1887 konnte das neue Krankenhaus eröffnet werden.
Im südlichen Teil waren außer den notwendigen Räumen für den Arzt, den
Krankenwärter Steinborn und die Oekonomie nur einige Krankenzimmer eingerichtet. Außer einer
neuen Waschküche bleibt noch Raum frei für 6 Kranken- und 1 Badezimmer. An der Wallstraße
werden ein Wirtschaftsgebäude und Retiraden errichtet. 2 Krankenzimmer an der Nordseite werden
unterkellert. Der Umbau kostete ca. 13.000 Mark.
Nun hatte die Stadt nach 30jähriger Erwägung der Notwendigkeit endlich ihr Krankenhaus. Eine
rechte Freude und ein Segen für die leidende Menschheit konnte es in diesem Zustande aber nicht
werden. Wohl waren die Verpflegungssätze sehr gering. Jeder Kranke (es waren nur
Krankenkassenpatienten) zahlte pro Tag 60 Pfg. [Pfennig], dazu kamen 50 Pfg. je Tag für den
Krankenwärter und für die Kämmereikasse wurden je Tag und Person 10 Pfg. entrichtet.
Für Arzt, Medizin pp. hatte die Krankenkasse besonders zu bezahlen. Es fehlte dem Krankenhause vor
allen Dingen die oberste Voraussetzung, eine einheitliche ärztliche Leitung.
Hielt der einen Kranken behandelnde Arzt dessen Aufnahme in das Krankenhaus für nötig, so
mußte zwar der Stadtarzt Dr. Stumpft, dem die Leitung des Krankenhauses, wohl hauptsächlich
wegen der wirtschaftlichen Belange übertragen war, zwar seine Zustimmung zur Aufnahme des Kranken
geben, die ärztliche Behandlung im Krankenhause blieb aber allein demjenigen Arzt überlassen,
der die Aufnahme ins Krankenhaus veranlaßte. Das mußte im Laufe der Jahre schon wegen
Verteilung der Krankenzimmer, gemeinsame Benutzung mancher Instrumente usw. naturgemäß zu
Mißhelligkeiten zwischen dem eigentlichen Anstaltarzt und den beiden anderen Woldenberger Aerzten
führen, die ihrerseits bestrebt waren, auch andere als nur Krankenkassenpatienten ins Krankenhaus
aufzunehmen, wenn die Notwendigkeit dafür vorlag.
Im Jahre 1913 erscheinen in den Verpflegungssätzen zum erstenmal 3 Klassen, nämlich für 1.
Klasse 2,- RM. 2. Klasse 1,50 und 3. Klasse 1,25 RM. Elektrische Beleuchtung war seit 1908
eingeführt. Eine Wasserleitung oder Kanalisation hatte das Krankenhaus aber nicht. 1906 und 1913
erfuhr das Haus wieder einen Ausbau.
Es trat 1913 die erste geschulte Krankenschwester (Luise Dürre) ein; sie erhielt die 2 Zimmer,
die man im selben Jahre über dem Haupteingang ausgebaut und als Zugang eine breite Steintreppe
geschaffen hatte, als Wohnung zugewiesen. Der Korridor im Parterre wurde mit Linoleum belegt. Auch die
Entlüftungsanlage wird 1913 fertig. Der Krankenwärter Steinborn war gestorben.
Im Weltkrieg [19141918] wurde für verwundete deutsche Soldaten zwar das Konzerthaus Ziebarth
in ein Reservelazarett umgewandelt, doch standen im Krankenhause der Heeresverwaltung 30 Betten zur
Verfügung, obgleich auch die Baracken am Trockenplatz eine Anzahl Verwundeter und Kranker
aufgenommen hatten.
Eine Bedeutung für die Allgemeinheit konnte auch das umgebaute Haus aus den vorhin geschilderten
Ursachen nicht gewinnen. 1927 klagt Bürgermeister Schulz, dem das Krankenhaus mehr als seinen
Vorgängern am Herzen lag, darüber, daß Operationen so gut wie garnicht in ihm vorgenommen
würden. Solche Fälle wanderten nach Driesen oder Arnswalde ab, wo moderne Fachärzte und
mit allen technischen Mitteln ausgestatteten Krankenhäuser existierten.
Sein Bestreben ist zunächst darauf gerichtet, ebenfalls einen tüchtigen Facharzt heranzuziehen.
Nächstdem soll das Krankenhaus eine Wasserleitung, Zentralheizung, 2 Operationssäle,
Röntgenapparate usw., 9 Krankenzimmer zu je 2 Betten erhalten, Die Südseite, die
verlängert wird, soll auch ein Obergeschoß tragen. In diesem Südflügel, dem Kirchhof
gegenüber, soll auch die gesamte Oekonomie verlegt werden. Im Obergeschoß sollen sich die
Wohnungen der Schwestern, die nun kommen sollen, befinden. Die Kosten werden insgesamt auf 35.000 RM
veranschlagt. Der Bau in dem eben geschilderten Umfang ging vor sich, die Kosten aber haben sich nach
Beendigung auf ca. 55.000 RM erhöht.
1927 konnte auch der erste Facharzt, Dr. med. Hans Friedrich Ahl, der aus Wöllstein in Rheinhessen
kam, als Leiter das neuausgebaute Krankenhaus übernehmen. Nunmehr mit allen technischen Hilfsmitteln
der ärztlichen Wissenschaft ausgestattet, soweit sie für die kleine Stadt und
Landbevölkerung notwendig sind, ohne allgemein hinter der Großstadt zurückstehen zu
müssen, nahm das Krankenhaus unter der Leitung des tüchtigen Arztes einen ungeahnten
Aufschwung.
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Das Städtische Krankenhaus Woldenbergs. So sah es um 1930 nach all den vielen Um- und Anbauten aus.
In der Mitte ist noch gut das ursprüngliche Kernhaus zu erkennen. Die Anschrift war:
Wallstraße 1. Die Telefon-Nummer lautete: 221.
[Heute in Dobiegniew]
(Repro: 2007 khd)
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1935 mußte man deshalb das Krankenhaus wieder vergrößern, da die Krankenzahl
ständig stieg. Der schon seit 1928 bestehende 2stöckige Südflügel wurde ebenso bis an
die alte Montierungskammer zugebaut, mit einem besonderen Eingang versehen. Durch den neuesten Anbau
wurden u. a. eine Anzahl neuer Krankenzimmer gewonnen, und dem ganzen Bau auch architektonisch
vorteilhafte Gliederungen gegeben.
Dr. Ahl verließ 1937 unsere Stadt, um als Stabsarzt beim Heere einzutreten. Sein Nachfolger wurde
im Juli 1937 Dr. med. Hans Friedrich, aus Halle a.S., der ebenfalls umfassende Bildung auf allen
ärztlichen Gebieten besitzt, insbesondere auf dem chirurgischen Gebiete viel Segensreiches leistet.
An Personal stehen dem Tag und Nacht im Dienste der Kranken stehenden Arzt heute zur Verfügung: 1
Oberschwester, 1 Röntgenschwester, 1 Krankenwärter, 5 Krankenschwestern, 2 Lernschwestern, 4
Küchenmädchen und eine weibliche Nachtwache.
Die jährliche Anzahl von Kranken aus allen Volksschichten, die hier Heilung suchen und finden, ist
heute auf viele Hundert gestiegen, und wir dürfen überzeugt sein, daß unter den jetzt
obwaltenden Verhältnissen der Kulminationspunkt noch nicht erreicht ist. Die fortschreitende
Bedeutung des Krankenhauses mit 40 Betten als Institution der Stadt ist, umsomehr anzuerkennen, als die
Stadtverwaltung für sich daraus keinen Nutzen hat. Das Krankenhaus zählt unter die
Zuschußgebiete.