Im 15. Jahrhundert entstand der erste Kirchturm, der 1839 wegen starker Baufälligkeit niedergelegt
werden mußte. Der König änderte den neuen Turmspitzenentwurf, er selbst wohnte am
23.6.1854 der Turmgrundsteinlegung bei. Als gewisse Fortsetzung des Artikels vom 27. November [?]
über die Entstehung der Kirche in Woldenberg soll nun auch etwas über deren Wahrzeichen, den
Kirchturm gesagt werden.
Was ist nicht schon alles über den heutigen Kirchturm gesprochen und geschrieben worden und welche
mehr oder weniger hübschen Sagen umranken seine Entstehung. Wenn es nun einerseits auch bedauerlich
sein mag, diese in schöner Heimatliebe üppig blühenden Ranken kurzzuschneiden, so darf
andererseits jedes Heimatkind an Hand von vorliegenden Beweisunterlagen auch wissen, inwieweit die
mannigfachen Erzählungen über die Entstehung des Kirchturms der Wahrheit entsprechen.
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Marktportal der Woldenberger Marien- Kirche.
[Foto von 2005]
(Repro: 2007 khd) |
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Der sagenumwobene Kirchturm steht erst seit 83 Jahren. Sein Vorgänger hat die alte ehrwürdige
Kirche jahrhundertelang geziert. Von diesem möchte ich daher zuerst etwas sagen. Er entstand im
15. Jahrhundert, also zu der Zeit, als die Kirche zu ihrer heutigen Gestaltung vergrößert
wurde. Ob die heutige sogenannte Kleine Kirche", die bekanntlich schon 1335 zum erstenmal
erwähnt wird, auch schon einen Turm besaß, ist umstritten. Er wird aber, wenn dies der Fall
war, entsprechend dem geringen Umfang der Kirche nur recht unbedeutend gewesen sein, wahrscheinlich war
er auf das Kirchendach gesetzt.
Der Turm aus dem 15. Jahrhundert aber war für die damaligen Zeiten recht wuchtig, erreichte aber
nicht die Höhe des jetzigen. Wasserbauinspektor Anders in Driesen beschreibt ihn im Jahre 1837, also
kurz vor seinem Abbruch: Der Turm hat 3 Fuß dicke Mauern aus unbehauenen Feldsteinen, die mit
Ziegelsteinen vermauert sind, er war ursprünglich mit doppelten, etwa 2 Fuß von einander
abstehenden Fachwerkwänden versehen. Das Mauerwerk trat 6-12 Zoll als Verblendung gegen das Fachwerk
hervor.
Beide Holzwände waren im Laufe der Zeit, die inneren wahrscheinlich durch Brand, die
äußeren durch Fäulnis, völlig zerstört, so daß in allen 4 Richtungen die
Mauern durch hohle Räume durchschnitten waren, in die man, soweit erreichbar, jetzt Steine gesteckt
hatte. In halber Höhe befand sich die Turmuhr mit 3 Zifferblättern, daneben die 3 Glocken. In
luftiger Höhe unmittelbar unter dem Dach hatte der Türmer seine Wohnung.
Den Zugang zu derselben vermittelte eine schmale Steintreppe zwischen Kirche und Turm, die übrigens
noch heute erhalten ist. Neben dem pyramidenartigen Dach ohne jeden kirchlichen Schmuck hing seitlich das
Heizrohr für die Türmerwohnung in der Luft, weithin sichtbar. (Wir besitzen Abbildungen dieses
alten Turms.) Der Türmer hatte die Aufgabe, die Stadt und deren Umgebung auf Feuersgefahr zu
beobachten, er mußte auch besonders in Kriegszeiten auf die etwa anrückenden Feinde achten und
dann die Stadt alarmieren.
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Die alte Woldenberger Kirche aus dem 15. Jahrhundert mit dem 1857 feierlich eingeweihtem neuen Kirchturm
im heutigen Dobiegniew um etwa 1990. Auf diesem Foto ist auch der neue Standort des
alten Woldenberger Krieger-
Denkmals (1870/71) zu erkennen. Im Jahr 2007 ist der Kirchturm bereits 150 Jahre alt geworden, und
die 3 Glocken aus den 1920er-Jahren läuten dort noch immer.
[Zur Geschichte der Kirche]
(Repro: 2011 khd)
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Dieser Turm, der die ganze westliche Kirchenbreite einnahm, zeigte 1829 zum erstenmal bedenkliche Risse,
aber auch schon früher waren Steine herausgefallen, so daß die Stadt vor der Notwendigkeit
stand, ihn abzutragen. Sie hatte deshalb 1828 bereits eine Zusage des Königs Friedrich Wilhelm III
erwirkt (A.K.O. vom 3.9.1828), daß er für den Neubau des Turms auch mit staatlichen Mitteln
helfen würde. Somit durfte die Stadt den kommenden Ereignissen ohne große Sorgen
entgegensehen.
Sie ließ 1829 über die Regierung von dem Baukondukteur D. Eichholz Zeichnungen und einen
Kostenanschlag für den Neubau fertigen. Darin war der neue Turm so gedacht, daß der Sockel des
alten in 20 Fuß Höhe stehen bleiben sollte, auf dem der neue Turm aufgebaut werden könne.
Das Dach sollte wieder pyramidenartig, also spitz werden, auf ihm ein 12 Fuß hohes vergoldetes
Kreuz aus Gußeisen seinen Platz finden. Eichholz kam aber leider im Kostenanschlag auf 16.110
Thaler, und das war der Stadt und der Regierung zu kostspielig. Der geplante Bau kam in dieser Gestalt
nicht zur Ausführung.
Es wurde der Baukondukteur Laacke in Frankfurt a. O. seitens der Regierung im Oktober 1830 mit der
Neuanfertigung von Zeichnungen und Kostenanschlägen beauftragt. Er errechnete die Kosten für
den Neubau, der aber nicht mehr das Ziel des alten Turms zur Basis hatte, auf nur 10.571 Thaler. Der neue
Turm wurde zwar höher, als sein Vorgänger, füllte aber durch seine Schlankheit die
Kirchenbreite, nicht mehr aus. Als Abschluß waren von vornherein 4 Eckpfeiler in Aussicht genommen,
(jetzige Turmspitzen), aus deren Mitte sich eine massive Pyramide über die Pfeiler hinwegragend, als
Turmspitze erheben sollte, die ohne kirchlichen Schmuck gedacht war.
Dieser Plan wurde von Stadt und Regierung gutgeheißen. Letztere drängte nunmehr auf
Abriß des alten Turmes, der mittlerweile eine Gefahr für die Umgegend geworden war. Aber die
Stadt hatte es damit nicht besonders eilig. Als Schutz gegen die Gefahr wurde eine Barriere um den
Turm gezogen. Der Magistrat war zunächst bestrebt, sich staatliche Zuschüsse zum Neubau
zu sichern. Immerhin mußte er 1839 doch den alten Turm niederlegen lassen.
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Der überdachte Altar der Woldenberger ev. Marien-Kirche..
(Repro: 2007 khd) |
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Da die Sicherstellung der Kosten für den Neubau noch nicht erfolgt war, durfte man mit einem
sofortigen Neubau auch nicht rechnen. Deshalb mußte man für die Glocken und die Orgel passende
behelfsmäßige Unterkünfte schaffen. Zu diesem Zwecke blieb ein 30 Fuß hoher
Sockel des alten Turmes stehen, der seinem Zwecke gerecht wurde, so daß der Gottesdienst
gewährleistet blieb. Das Dach des Sockels wurde mit lose liegenden Dachsteinen gedeckt, die nach
Jahren aber doch noch befestigt werden mußten.
Wiederholt forderte die Regierung die Stadt in den [18]40er Jahren zum Bericht über die Kostenfrage
auf. Die Stadt ihrerseits versuchte immer wieder den König Friedrich Wilhelm IV, indem sie sich auf
die Kabinettsorder vom 3.9.1828 bezog, zu einem Gnadengeschenk zu bewegen. Der Bürgermeister
ließ auch durchblicken, daß der König selbst bei seiner Durchreise durch Woldenberg am
6.6.1843 gefragt hätte, aus welchen Gründen der Turmbau noch nicht vor sich gegangen sei. Die
Stadt hätte keine bare Mittel. Im Jahre 1846 hätte sie 4.000 Thaler für die Einrichtung
von Gerichtslokalitäten (Kreisgerichtskommittionen) und für die Erbauung eines
Gefängnisses geben müssen, ferner hätte der Schulhausneubau 1848 11.000 Thaler
verschlungen und zu allem Unglück wären im November 1847 noch 96 Scheunen mit den ganzen
Erntevorräten abgebrannt.
Nichtsdestoweniger will die Stadtgemeinde aber für den Turmbau sämtliche Materialfuhren, die im
Kostenanschlag auf 5.300 Thaler berechnet sind, unentgeltlich leisten. Sie glaubt damit als Patron der
Kirche genug getan zu haben. Den Rest solle die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Damit ist
schließlich auch der Oberpfarrer Stumpff einverstanden. Die Regierung jedoch sah die Sachlage
anders an. Die Stadt als Patron mußte sich außer ihren Materialfuhren noch verpflichten,
4.000 Thaler in bar zu dem Turmbau zuzusteuern.
Alle Immediatberichte des Bürgermeisters Milferstaedt, einen Nachlaß zu erreichen, fruchteten
nicht. Im Jahre 1848 war auch endlich die Zeichnung, die vor Jahren eingereicht, und die die Formgebung
des Turms bestimmte, vom König genehmigt zurückgekommen, jedoch mit der Einschränkung,
daß die große Turmspitze (Pyramide) ganz wegfällt. Die Kabinettsorder vom 5. Januar 1846
lautet hinsichtlich der Ausführung des Baues: ... Dem vorgelegten Entwurf zu dem Turmbau
gebe Ich Beifall, indessen scheint es mir, vorzuziehen, die große Thurmspitze in der Mitte
fortzulassen und den kleineren Ecktürmen eine etwas veränderte Ansicht, wie ich solche in der
Zeichnung angedeutet, zu geben. Berlin, den 5. Januar 1846. Friedrich Wilhelm. Somit blieben also
nur die 4 Pfeiler mit dem Gesims als Abschluß bestehen, die aber nicht der König, sondern die
Stadt Woldenberg seinerzeit selbst gewünscht, zum mindesten aber gutgeheißen hatte. In
derselben Kabinettsorder bestimmt der König auch, daß das ganze Unternehmen ohne
besondere Beihilfe aus Mitteln der Gemeinde durchzuführen sein würde.
Das also war der klägliche Erfolg von 20jährigen Bemühungen um eine Staatsbeihilfe. Stadt
und Kirchengemeinde mußten tief in den Säckel greifen. Darum hatte man es auch nicht so eilig
mit dem Anfangen des Baues. 8 Jahre hatte man nach diesem wenig schönen Bescheid vergehen lassen,
bevor man mit der Grundsteinlegung begann. Der Bau wurde dem Woldenberger Maurermeister Bosold
übertragen, dem der Wasserbaumeister Pfannenschmidt in Driesen als staatlicher Aufsichtsbeamter die
entsprechenden Weisungen gab. Ueber 14 [?] Millionen Mauersteine wurden verbaut.
Die Stadt hatte zur Grundsteinlegung auch den König eingeladen, der Woldenberg aus früheren
Besichtigungen der Garnison kannte, auch hier den Gottesdienst besucht hatte. Er bestimmte den 23. Juni
1854 als den Tag der Grundsteinlegung und stellte seine Teilnahme daran anläßlich seiner
Durchfahrt nach Ostpreußen in Aussicht und er kam auch.
Der Bürgermeister berichtet darüber an den Landrat: Am 23. Juni erfolgte die feierliche
Grundsteinlegung zum Bau des hiesigen Kirchturms. Der König verlieh der Feier durch seine
Anwesenheit besonderes Gepräge. Nachdem der König kurz vor 5 Uhr nachm. eingetroffen, in der
Nähe des Exerzierplatzes aus dem Wagen gestiegen war, um die Besichtigung der Garnisonseskadron
vorzunehmen, wurde er nach seinem Einzuge in die Stadt auf dem Markte von den Geistlichen, den
Mitgliedern der städtischen Behörden und den Ständen des Kreises mit einem dreimaligen
Hoch begrüßt. Nachdem er sich verschiedene Personen vorstellen ließ, begab er sich unter
Vortritt der Geistlichen und der städtischen Körperschaften und der Stände des Kreises mit
seinem Gefolge in einem von der Schützengilde, den Gewerksinnungen und der Bürgerschaft
gebildeten Spalier in die Kirche.
An der Baugrube begann die Feierlichkeit mit einem kirchlichen Gesänge, worauf der Oberprediger
Stumpff die Weihrede hielt, danach der Bürgermeister Milferstaedt dem König für seine
Anwesenheit namens der Stadt dankte und auf erhaltene Genehmigung des Königs die Urkunde, welche die
Geschichte der Stadt enthielt, in den Grundstein niederlegte. Der Regierungs- und Baurat Flaminius
überreichte dem König hierauf den Hammer und nachdem durch den Maurermeister Bosold die
Decksteine festgelegt wurden, wurden vom König die üblichen Hammerschläge getan, was dann
auch von mehreren Herren aus dem Gefolge des Königs, den Ortsgeistlichen und den städtischen
Körperschaften geschah. Darauf sprach Prediger Siegert das Schlußgebet und die Feier endete
mit einem kirchlichen Gesang.
3 Jahre hatte man an dem Turm gebaut. Am Sonntag, dem 24. Mai 1857, konnte die feierliche Einweihung des
fertigen Baues erfolgen. Während der Bauausführung war das Leben eines jungen
Maurerlehrlings zu beklagen, der aus halber Höhe des Turmes aus Unvorsichtigkeit abstürzte und
am nächsten Tage starb. Eine an der Nordseite im Jahre 1893 eingelassenen trigonometrische
Höhenmarke zeigt an, daß die Stelle 63,024 m über N. N. liegt.
Hat der Turm auch über 60 m Höhe, ragen seine 4 Spitzen auch weit ins Land hinein, klingen
seine melodischen Glocken, die übrigens ihren Weg erst nach dem [I.] Weltkriege zu ihm fanden,
jedermann zu Freud und Leid gegenüber der architektonischen Schönheit der alten
ehrwürdigen Kirche wird er niemals der Größere sein wollen. Und das mit dem
König und dem Woldenberger Kirchturm ist hiermit gleichzeitig richtiggestellt.