Woldenberg (Neumark)   —  Die Marien-Kirche khd
Stand:  20.7.2013   (26. Ed.)  –  File: WBG/St/Woldenberger_Kirche.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

      Modell-Kirche8/59
^   Kirchen-Nachbildung vom Woldenberg-Modell von 1958/59. [mehr]   (Digital-Foto: 2006 – khd-1142)
Es grenzt fast an ein Wunder, daß 1945 die Woldenberger Kirche mit dem markanten Kirchturm nicht auch noch ein Opfer der Feuerbrunst nach dem
Einmarsch der Roten Armee geworden ist, wie das früher schon einmal geschah.

Zwischen 1402 und 1454 war Woldenberg als Teil der Neumark im Besitz der Deutschordensritter und wurde 1433 von den Hussiten total niedergebrannt. 1455 kam die Stadt wieder zur Mark Brandenburg und erhielt die Stadt-Rechte.

In dieser Zeit – also im 15. Jahrhundert – wurde die dreischiffige Stadtkirche am Marktplatz aus märkischen Backsteinen gebaut. Es ist eine gotische Hallenkirche aus roten Backsteinen mit einem markanten Kirchturm, der aber erst im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Nach 1945 wurde aus der evangelischen die katholische Kirche der nun polnischen Bevölkerung. [Translation-Service]

I n d e x : 

Woldenberg — Die Marien-Kirche um 1900


Woldenberg -- Kirche und Denkmal um 1905
^   Woldenberg – Nordansicht der Kirche zu Kaisers Zeiten um 1905. Davor auf dem großen Marktplatz das Denkmal zu Ehren der im Frankreich-Krieg 1870/71 Gefallenen. Das Denkmal ist vom Preußischen Adler gekrönt.

Die Inschrift des Krieger-Denkmals ist offensichtlich nicht überliefert. Jedenfalls wurden dazu bislang keine Hinweise gefunden. Das Denkmal existiert noch heute (2009), aber die alte Inschrift ist entfernt worden.

[Foto vom neuen Standort]   (Repro: 2009 – khd)


Woldenberg — Vom Bau des Kirchturms


Woldenbergs Kirchturm erst 83 Jahre

Geldsorgen verzögerten den Neubau

Gefunden in: Rau-Sammlung (Seite 34–36). Der folgende Text ist offensichtlich 1940 entstanden. Der Autor ist nicht bekannt. Es könnte aber Heimatforscher Gustav Ohst gewesen sein.

      Im 15. Jahrhundert entstand der erste Kirchturm, der 1839 wegen starker Baufälligkeit niedergelegt werden mußte. Der König änderte den neuen Turmspitzenentwurf, er selbst wohnte am 23.6.1854 der Turmgrundsteinlegung bei. Als gewisse Fortsetzung des Artikels vom 27. November [?] über die Entstehung der Kirche in Woldenberg soll nun auch etwas über deren Wahrzeichen, den Kirchturm gesagt werden.

      Was ist nicht schon alles über den heutigen Kirchturm gesprochen und geschrieben worden und welche mehr oder weniger hübschen Sagen umranken seine Entstehung. Wenn es nun einerseits auch bedauerlich sein mag, diese in schöner Heimatliebe üppig blühenden Ranken kurzzuschneiden, so darf andererseits jedes Heimatkind an Hand von vorliegenden Beweisunterlagen auch wissen, inwieweit die mannigfachen Erzählungen über die Entstehung des Kirchturms der Wahrheit entsprechen.

      Woldenberg -- Marktportal der Kirche
^   Marktportal der Woldenberger Marien- Kirche. [Foto von 2005]   (Repro: 2007 – khd)
      Der sagenumwobene Kirchturm steht erst seit 83 Jahren. Sein Vorgänger hat die alte ehrwürdige Kirche jahrhundertelang geziert. Von diesem möchte ich daher zuerst etwas sagen. Er entstand im 15. Jahrhundert, also zu der Zeit, als die Kirche zu ihrer heutigen Gestaltung vergrößert wurde. Ob die heutige sogenannte „Kleine Kirche"“, die bekanntlich schon 1335 zum erstenmal erwähnt wird, auch schon einen Turm besaß, ist umstritten. Er wird aber, wenn dies der Fall war, entsprechend dem geringen Umfang der Kirche nur recht unbedeutend gewesen sein, wahrscheinlich war er auf das Kirchendach gesetzt.

      Der Turm aus dem 15. Jahrhundert aber war für die damaligen Zeiten recht wuchtig, erreichte aber nicht die Höhe des jetzigen. Wasserbauinspektor Anders in Driesen beschreibt ihn im Jahre 1837, also kurz vor seinem Abbruch: Der Turm hat 3 Fuß dicke Mauern aus unbehauenen Feldsteinen, die mit Ziegelsteinen vermauert sind, er war ursprünglich mit doppelten, etwa 2 Fuß von einander abstehenden Fachwerkwänden versehen. Das Mauerwerk trat 6-12 Zoll als Verblendung gegen das Fachwerk hervor.

      Beide Holzwände waren im Laufe der Zeit, die inneren wahrscheinlich durch Brand, die äußeren durch Fäulnis, völlig zerstört, so daß in allen 4 Richtungen die Mauern durch hohle Räume durchschnitten waren, in die man, soweit erreichbar, jetzt Steine gesteckt hatte. In halber Höhe befand sich die Turmuhr mit 3 Zifferblättern, daneben die 3 Glocken. In luftiger Höhe unmittelbar unter dem Dach hatte der „Türmer“ seine Wohnung.

      Den Zugang zu derselben vermittelte eine schmale Steintreppe zwischen Kirche und Turm, die übrigens noch heute erhalten ist. Neben dem pyramidenartigen Dach ohne jeden kirchlichen Schmuck hing seitlich das Heizrohr für die Türmerwohnung in der Luft, weithin sichtbar. (Wir besitzen Abbildungen dieses alten Turms.) Der Türmer hatte die Aufgabe, die Stadt und deren Umgebung auf Feuersgefahr zu beobachten, er mußte auch besonders in Kriegszeiten auf die etwa anrückenden Feinde achten und dann die Stadt alarmieren.

Dobiegniew -- Die Woldenberger Kirche um 1990
^   Die alte Woldenberger Kirche aus dem 15. Jahrhundert mit dem 1857 feierlich eingeweihtem neuen Kirchturm im heutigen Dobiegniew um etwa 1990. Auf diesem Foto ist auch der neue Standort des alten Woldenberger Krieger- Denkmals (1870/71) zu erkennen. Im Jahr 2007 ist der Kirchturm bereits 150 Jahre alt geworden, und die 3 Glocken aus den 1920er-Jahren läuten dort noch immer. [Zur Geschichte der Kirche]   (Repro: 2011 – khd)

      Dieser Turm, der die ganze westliche Kirchenbreite einnahm, zeigte 1829 zum erstenmal bedenkliche Risse, aber auch schon früher waren Steine herausgefallen, so daß die Stadt vor der Notwendigkeit stand, ihn abzutragen. Sie hatte deshalb 1828 bereits eine Zusage des Königs Friedrich Wilhelm III erwirkt (A.K.O. vom 3.9.1828), daß er für den Neubau des Turms auch mit staatlichen Mitteln helfen würde. Somit durfte die Stadt den kommenden Ereignissen ohne große Sorgen entgegensehen.

      Sie ließ 1829 über die Regierung von dem Baukondukteur D. Eichholz Zeichnungen und einen Kostenanschlag für den Neubau fertigen. Darin war der neue Turm so gedacht, daß der Sockel des alten in 20 Fuß Höhe stehen bleiben sollte, auf dem der neue Turm aufgebaut werden könne. Das Dach sollte wieder pyramidenartig, also spitz werden, auf ihm ein 12 Fuß hohes vergoldetes Kreuz aus Gußeisen seinen Platz finden. Eichholz kam aber leider im Kostenanschlag auf 16.110 Thaler, und das war der Stadt und der Regierung zu kostspielig. Der geplante Bau kam in dieser Gestalt nicht zur Ausführung.

      Es wurde der Baukondukteur Laacke in Frankfurt a. O. seitens der Regierung im Oktober 1830 mit der Neuanfertigung von Zeichnungen und Kostenanschlägen beauftragt. Er errechnete die Kosten für den Neubau, der aber nicht mehr das Ziel des alten Turms zur Basis hatte, auf nur 10.571 Thaler. Der neue Turm wurde zwar höher, als sein Vorgänger, füllte aber durch seine Schlankheit die Kirchenbreite, nicht mehr aus. Als Abschluß waren von vornherein 4 Eckpfeiler in Aussicht genommen, (jetzige Turmspitzen), aus deren Mitte sich eine massive Pyramide über die Pfeiler hinwegragend, als Turmspitze erheben sollte, die ohne kirchlichen Schmuck gedacht war.

      Dieser Plan wurde von Stadt und Regierung gutgeheißen. Letztere drängte nunmehr auf Abriß des alten Turmes, der mittlerweile eine Gefahr für die Umgegend geworden war. Aber die Stadt hatte es damit nicht besonders eilig. Als Schutz gegen die Gefahr wurde eine „Barriere um den Turm gezogen“. Der Magistrat war zunächst bestrebt, sich staatliche Zuschüsse zum Neubau zu sichern. Immerhin mußte er 1839 doch den alten Turm niederlegen lassen.

      Woldenberg -- Altar der Marienkirche
^   Der überdachte Altar der Woldenberger ev. Marien-Kirche..   (Repro: 2007 – khd)
      Da die Sicherstellung der Kosten für den Neubau noch nicht erfolgt war, durfte man mit einem sofortigen Neubau auch nicht rechnen. Deshalb mußte man für die Glocken und die Orgel passende behelfsmäßige Unterkünfte schaffen. Zu diesem Zwecke blieb ein 30 Fuß hoher Sockel des alten Turmes stehen, der seinem Zwecke gerecht wurde, so daß der Gottesdienst gewährleistet blieb. Das Dach des Sockels wurde mit lose liegenden Dachsteinen gedeckt, die nach Jahren aber doch noch befestigt werden mußten.

      Wiederholt forderte die Regierung die Stadt in den [18]40er Jahren zum Bericht über die Kostenfrage auf. Die Stadt ihrerseits versuchte immer wieder den König Friedrich Wilhelm IV, indem sie sich auf die Kabinettsorder vom 3.9.1828 bezog, zu einem Gnadengeschenk zu bewegen. Der Bürgermeister ließ auch durchblicken, daß der König selbst bei seiner Durchreise durch Woldenberg am 6.6.1843 gefragt hätte, aus welchen Gründen der Turmbau noch nicht vor sich gegangen sei. Die Stadt hätte keine bare Mittel. Im Jahre 1846 hätte sie 4.000 Thaler für die Einrichtung von Gerichtslokalitäten (Kreisgerichtskommittionen) und für die Erbauung eines Gefängnisses geben müssen, ferner hätte der Schulhausneubau 1848 11.000 Thaler verschlungen und zu allem Unglück wären im November 1847 noch 96 Scheunen mit den ganzen Erntevorräten abgebrannt.

      Nichtsdestoweniger will die Stadtgemeinde aber für den Turmbau sämtliche Materialfuhren, die im Kostenanschlag auf 5.300 Thaler berechnet sind, unentgeltlich leisten. Sie glaubt damit als Patron der Kirche genug getan zu haben. Den Rest solle die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Damit ist schließlich auch der Oberpfarrer Stumpff einverstanden. Die Regierung jedoch sah die Sachlage anders an. Die Stadt als Patron mußte sich außer ihren Materialfuhren noch verpflichten, 4.000 Thaler in bar zu dem Turmbau zuzusteuern.

      Alle Immediatberichte des Bürgermeisters Milferstaedt, einen Nachlaß zu erreichen, fruchteten nicht. Im Jahre 1848 war auch endlich die Zeichnung, die vor Jahren eingereicht, und die die Formgebung des Turms bestimmte, vom König genehmigt zurückgekommen, jedoch mit der Einschränkung, daß die große Turmspitze (Pyramide) ganz wegfällt. Die Kabinettsorder vom 5. Januar 1846 lautet hinsichtlich der Ausführung des Baues: „... Dem vorgelegten Entwurf zu dem Turmbau gebe Ich Beifall, indessen scheint es mir, vorzuziehen, die große Thurmspitze in der Mitte fortzulassen und den kleineren Ecktürmen eine etwas veränderte Ansicht, wie ich solche in der Zeichnung angedeutet, zu geben. Berlin, den 5. Januar 1846. Friedrich Wilhelm.“ Somit blieben also nur die 4 Pfeiler mit dem Gesims als Abschluß bestehen, die aber nicht der König, sondern die Stadt Woldenberg seinerzeit selbst gewünscht, zum mindesten aber gutgeheißen hatte. In derselben Kabinettsorder bestimmt der König auch, daß „das ganze Unternehmen ohne besondere Beihilfe aus Mitteln der Gemeinde durchzuführen sein würde.“

      Das also war der klägliche Erfolg von 20jährigen Bemühungen um eine Staatsbeihilfe. Stadt und Kirchengemeinde mußten tief in den Säckel greifen. Darum hatte man es auch nicht so eilig mit dem Anfangen des Baues. 8 Jahre hatte man nach diesem wenig schönen Bescheid vergehen lassen, bevor man mit der Grundsteinlegung begann. Der Bau wurde dem Woldenberger Maurermeister Bosold übertragen, dem der Wasserbaumeister Pfannenschmidt in Driesen als staatlicher Aufsichtsbeamter die entsprechenden Weisungen gab. Ueber 14 [?] Millionen Mauersteine wurden verbaut.

      Die Stadt hatte zur Grundsteinlegung auch den König eingeladen, der Woldenberg aus früheren Besichtigungen der Garnison kannte, auch hier den Gottesdienst besucht hatte. Er bestimmte den 23. Juni 1854 als den Tag der Grundsteinlegung und stellte seine Teilnahme daran anläßlich seiner Durchfahrt nach Ostpreußen in Aussicht und er kam auch.

      Der Bürgermeister berichtet darüber an den Landrat: „Am 23. Juni erfolgte die feierliche Grundsteinlegung zum Bau des hiesigen Kirchturms. Der König verlieh der Feier durch seine Anwesenheit besonderes Gepräge. Nachdem der König kurz vor 5 Uhr nachm. eingetroffen, in der Nähe des Exerzierplatzes aus dem Wagen gestiegen war, um die Besichtigung der Garnisonseskadron vorzunehmen, wurde er nach seinem Einzuge in die Stadt auf dem Markte von den Geistlichen, den Mitgliedern der städtischen Behörden und den Ständen des Kreises mit einem dreimaligen Hoch begrüßt. Nachdem er sich verschiedene Personen vorstellen ließ, begab er sich unter Vortritt der Geistlichen und der städtischen Körperschaften und der Stände des Kreises mit seinem Gefolge in einem von der Schützengilde, den Gewerksinnungen und der Bürgerschaft gebildeten Spalier in die Kirche.

      An der Baugrube begann die Feierlichkeit mit einem kirchlichen Gesänge, worauf der Oberprediger Stumpff die Weihrede hielt, danach der Bürgermeister Milferstaedt dem König für seine Anwesenheit namens der Stadt dankte und auf erhaltene Genehmigung des Königs die Urkunde, welche die Geschichte der Stadt enthielt, in den Grundstein niederlegte. Der Regierungs- und Baurat Flaminius überreichte dem König hierauf den Hammer und nachdem durch den Maurermeister Bosold die Decksteine festgelegt wurden, wurden vom König die üblichen Hammerschläge getan, was dann auch von mehreren Herren aus dem Gefolge des Königs, den Ortsgeistlichen und den städtischen Körperschaften geschah. Darauf sprach Prediger Siegert das Schlußgebet und die Feier endete mit einem kirchlichen Gesang.“

      3 Jahre hatte man an dem Turm gebaut. Am Sonntag, dem 24. Mai 1857, konnte die feierliche Einweihung des fertigen Baues erfolgen. — Während der Bauausführung war das Leben eines jungen Maurerlehrlings zu beklagen, der aus halber Höhe des Turmes aus Unvorsichtigkeit abstürzte und am nächsten Tage starb. Eine an der Nordseite im Jahre 1893 eingelassenen trigonometrische Höhenmarke zeigt an, daß die Stelle 63,024 m über N. N. liegt.

      Hat der Turm auch über 60 m Höhe, ragen seine 4 Spitzen auch weit ins Land hinein, klingen seine melodischen Glocken, die übrigens ihren Weg erst nach dem [I.] Weltkriege zu ihm fanden, jedermann zu Freud und Leid – gegenüber der architektonischen Schönheit der alten ehrwürdigen Kirche wird er niemals der Größere sein wollen. — Und das mit dem König und dem Woldenberger Kirchturm ist hiermit gleichzeitig richtiggestellt.


Woldenberg — Das Innere der Kirche vor 1945


Ev. Marienkirche in Woldenberg/Nm.
^   Inneres der Ev. Marien-Pfarrkirche zu Woldenberg/Neumark mit überdachtem Altar und Kanzel. Diese Kirche war so ziemlich das Wertvollste, was Woldenberg hatte. Denn die Kirche in roter Backstein-Gotik mit dem markanten Kirchturm stammte aus dem 15. Jahrhundert, der Turm aus dem 19. Jahrhundert. Sie überlebte den 2. Weltkrieg als einziges Gebäude der Altstadt.
      Das Innere der nunmehr katholischen Kirche ist heute (2006) völlig verändert, wie Fotos von Bill Remus und von Bredereck zeigen. So ist die Kanzel von der rechten Seite auf die linke Seite gewandert. Und die Chorfenster wurden einfacher gestaltet.
[Innen-Ansicht 2013]   (Repro: 2006 – khd)

Mehr über die Woldenberger Marien-Kirche:

Woldenberg — Löcher an der Marien-Kirche


Woher stammen die Näpfchen
am Südeingang der Kirche?

Von Dr. MARTIN SCHENK, Woldenberg  1 2

      Dem aufmerksamen Beobachter ist es gewiß aufgefallen [Ed-2009: und es ist noch heute in Dobiegniew zu sehen], daß sich zu beiden Seiten des Südeingangs der Woldenberger Kirche näpfchenähnliche Vertiefungen von verschiedener Größe befinden. Sie sind ganz regellos über die Ziegel verstreut, schwanken im Durchmesser zwischen 2 und 5 Zentimeter, sind aber nie höher als ein normal gewachsener Mann mit ausgestrecktem Arme reichen kann. Meist beginnen sie etwa einen Meter über dem Erdboden. Wie sind diese Vertiefungen wohl entstanden?

      Es sei vorweggegriffen, daß sich solche Vertiefungen an vielen Kirchen der Mark befinden, auch in Süddeutschland hat man sie gefunden. In Müncheberg zum Beispiel wurden über 250 Näpfchen gezählt. Daneben fand man auch längliche Rillen, deren Deutung uns aber, da sie hier nicht vorhanden sind, nicht interessiert.

      Im Volksmunde ist man mit der Erklärung schnell bei der Hand. Man führt die Näpfchen auf Geschosse zurück, die von den Höhen jenseits des Fließes in die Stadt flogen. Oder man behauptet, es seien Merkzeichen der Maurer. Daß beides nicht richtig sein kann, wird jeder nach einigem Nachdenken selbst bestätigen.

      Am meisten vertreten ist die Meinung, die Vertiefungen seien unter dem Murmeln von Gebeten durch fortwährendes Drehen des Daumens entstanden. Dagegen spricht die Regelmäßigkeit der Rundung. Wie soll wohl durch den länglichen Daumen, der beim Drehen zudem immer nach unten drücken würde, solch ein genau kreisrundes, formschönes Näpfchen entstehen?

Löcher in der Woldenberger Kirche
^   Löcher in Mauersteinen der Woldenberger Kirche. Welche Bedeutung haben sie? Des Rätsels Lösung versucht sich Heimatforscher Dr. Schenk aus Woldenberg zu nähern.   (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-holes.jpg)

      Eine andere Deutung wieder ist die, daß ein mit Zunder umwickelter Holzstab in schnellste Drehung versetzt und damit Feuer entfacht wurde. Das könnte wohl für all die Vertiefungen zutreffen, die in Brusthöhe liegen. Wer wird sich aber diese sowieso schon reichlich unbequeme Art des Feuermachens noch dadurch erschweren, daß er den Stab hoch über den Kopf hält!

      Außerdem sind einige Näpfchen so groß, daß Kartätschenkugeln hineinpassen könnten. Zum Feuerreiben hat man solche dicken Hölzer sicher nicht gebraucht. Diese Erklärungen halten also alle nicht Stich.

      Näher kommen wir wohl der Wahrheit, wenn wir die Näpfchen als Ausflüsse und Zeichen des Aberglaubens auffassen, der ja im Mittelalter besonders ausgeprägt war. Schon ihr haufenweises Auftreten am Südportal – und nur hier – muß uns stutzig machen.

      Aber auch da gehen die Meinungen sofort auseinander. Die einen meinen, es seien Totenzeichen, die anderen, es seien Marken für neugeborene Kinder. In diesen Fällen müßten sie aber als ein allgemeiner und weitverbreiterter Brauch doch viel, viel häufiger auftreten, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

      Auch als Liebeszauber werden die Näpfchen ausgegeben. Vielleicht hat man das ausgebohrte Ziegelmehl zu Tränken heilsamer Art verwendet. Die Quacksalberei stand, bedingt durch den Aberglauben, im Mittelalter in hoher Blüte. Sofern nur etwas einen geheimnisvollen Anstrich hatte, gewann es die Herzen der Kleingläubigen sofort. Und dazu war das Mehl der Kirchenmauer, mit einem Löffelstiel um Mitternacht an der Südseite geschabt, eben recht. Wäre dies so, dann hätte man den Löffel wie einen Quirl zwischen den Händen drehen müssen. Was ist aber das Nächstliegende? Man bewegt den Stiel schabend von oben nach unten, oder von rechts nach links und hält die linke Hand zum Auffangen des Staubes darunter. Nie gäbe es dabei diese stets gleichrunden Näpfchen.

      Am meisten für sich hat die Deutung, wonach die Rundmarken durch Pilger entstanden sind, die ihre Münzen durch stetes Drehen an den Steinen der Mauer weihen wollten. Vielleicht ist mit den Näpfchen aber auch irgendeine Kirchenbuße verknüpft.

      Jedenfalls ist man bis heute zu einer sicheren Deutung dieser Marken nicht gekommen. Wahrscheinlich ist nur, daß sie aus dem frühen Mittelalter stammen, also aus der Zeit vor der Reformation [Ed-2009: und die erfolgte in der Neumark ab
Mitte des 16. Jahrhunderts].


1Dr. Martin Schenk war Zahnarzt in Woldenberg und Heimatforscher. In den 1950er- und 1960er-Jahren hat er mindestens zweimal Woldenberg in der Nachkriegszeit bereist. Die meisten Fotos vom zerstörten Woldenberg in der Dobiegniew-Galerie 2 sind bei diesen Reisen entstanden.
2)  Unklar ist derzeit, wann Dr. Schenk diesen Text aufschrieb. Vermutlich war das schon vor 1945.
3)  Karl Walter Eitelmann: Das Geheimnis der Wetzrillen und Näpfchen.


Dobiegniew — Die Kirche heute


Dobiegniew -- Das Innere der Kirche 2013
^   Dobiegniew – Das Innere der alten Woldenberger Kirche im Juni 2013. Sie ist heute dem Heiligen Joseph geweiht. Zu Woldenberger Zeiten waren die Säulen verputzt. Der Putz wurde bei der Sanierung entfernt, so daß heute auch das Innere in prächtiger Brandenburgischer Backstein-Gothik daherkommt. [Altes Foto von vor 1945]   (Foto: 21.6.2013 – g.kollmorgenh-2272)




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