Auf dem Rathaus hängen zwei alte Ansichten von Woldenberg, eine Seeansicht der Stadt nach einem
Stich aus dem bekannten Merianischen Städtekalender (um 1700) und ein Grundriß der Stadt,
wie er nach dem großen Brande 1710 geplant war. Das erste Bild ist oft als Phantasiegebilde
hingestellt worden.
Es zeigt aber soviel Einzelheiten, die geschichtlich festgelegt sind, daß der Künstler,
der es entwarf, unbedingt hier gewesen sein muß. Vielleicht hat er nachher aus der Erinnerung
dies und das eingezeichnet, so daß einige kleine Ungenauigkeiten entstanden, aber im
Großen und Ganzen ist das Bild unzweifelhaft echt.
Man sieht also darauf den See, dahinter das Stadtbild, wie es sich damals dem Beschauer bot. Vorn
die Stadtmauer, unterbrochen von den Weichtürmen (deren einer noch das Storchennest ist),
dahinter das Gewirr der Dächer, überragt von der Kirche mit dem massiven Turme.
Die Wasserpforte ist auch schon eingezeichnet, und rechts und links schauen die stattlichen
Tortürme ins Land. Das Niedere Tor liegt ganz umtauscht und von Bäumen umgeben, das Hohe
Tor steht frei.
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Reste der alten Woldenberger Stadtmauer mit Storchnest um 1943, von der heute noch
ein Stumpf existiert.
(Repro: 2000 khd)
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Was nun besonders für die Echtheit des Bildes zeugt, ist Folgendes: Auf dem Rathause des damals
neu aufgebaut war, befindet sich ein kleines Türmchen; dieses Türmchen ist geschichtlich
beglaubigt, obwohl es nur zwei Jahre hielt, denn dann mußte es wieder wegen Baufälligkeit
abgenommen werden. Der Zeichner muß also in jenen Jahren gerade die Stadt abkonterfeit haben
und das war um 1700.
Der Türmer wohnte damals dort, wo er hingehörte, auf dem Kirchturm, ein langes Ofenrohr,
das gen Himmel wies, zeugte für sein irdisches Dasein. Der Turm war nur Fachwerk, immerhin
breiter und gewaltiger als der heutige. Wie breit er war, kann jeder selber an den vorgeschobenen
Ziegelreihen links und rechts vom heutigen Turm ermessen.
Ein zweiter Beweis: Ueber das Dächermeer lugt von hinten der runde Pulverturm, der sich bis um
die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Hofe des Rittergutes befand u. dann einstürzte.
Daß er oben rund war, wissen wir von einer Zeichnung, die damals von ihm angefertigt
wurde.
Das zweite Bild von Woldenberg es wurde s. Zt. von dem Beigeordneten Hartwig unter altem
Gerümpel entdeckt und nach Reinigung unter Glas und Rahmen gebracht zeigt unsere
Heimatstadt im Wesentlichen so, wie sie sich uns heute noch zeigt allerdings im
Grundriß.
Natürlich ist die Stadt noch von Mauern und Türmen eingeengt, und wo heute die Vorstadt
steht, befanden sich lange, lange Reihen von Scheunen, diese brannten unter der Regierung des
Bürgermeisters Milferstaedt beinahe sämtlich und auf einen Schlag ab, aber Höfe,
Häuser und Gärten, soweit sie innerhalb der Stadt lagen, haben denselben Platz damals wie
heute.
Worüber wir uns diesmal aber besonders unterhalten wollen, das ist unser Mauer, sind unsere
Türme, die ja zusammen von dem wehrhaften Geist unserer Vorfahren reden. Wenn man die
armseligen Häuschen vergleicht mit den dazu im Vergleich gewaltigen Befestigungen, dann
muß man doch staunen über den Opfersinn jedes Bürgers, die, was sie mühsam
erworben hatten, sich und den Nachkommen erhalten wollten.
Es ist derselbe Geist der riesige Dome aus der Erde stampfte und Jahrhunderte lang an ihnen baute.
Es ist der Geist, der auch heute noch lebt, wenn trotz Not und Gefahr wunderbare Straßen,
prachtvolle Bauten aufgeführt werden, die wiederum nach 1000 Jahren noch zeugen werden von
unserem Gemeinschaftsgeist. Not und Kriegszeit aber sind dann längst schon vergessen.
Woldenbergs Mauer ist, etwa alle 25 Meter, von einem Mauerturm unterbrochen, der eine besonders gute
Verteidigung nach den Seiten ermöglichen sollte. Im Innern der Mauertürme man kann
es heute noch am Storchenturm erkennen waren wohl Treppen angebracht, die von Stockwerk zu
Stockwerk in die Höhe führten.
Im Ganzen gab es einige 40 Mauertürme. Die Mauer wie die Türme aus Backsteinen gebaut
und nur im Fundament aus Feldsteinen hatte natürlich längst nicht die
[Ausmaße von] Verteidigungsanlagen süddeutscher Städte. Wahrscheinlich lief in
einer bestimmten Höhe die Höhe kann man aus den Seitenöffnungen im
Storchennestturm errechnen ein Laufbrett innerhalb des Mauerringes, der auf eingeschobenen
Stützbalken lagerte. Sicher war dieser Laufsteg auch vermittels darangestellter Leitern zu
erklettern.
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Die Rückseite des Schwartzkopfschen Hauses an der Ostmauer. Noch in den 1920er-Jahren waenr
hier die Steine der Stadtmauer zu besichtigen.
[Die Woldenberger Stadtmauer]
(Repro: 2007 khd)
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Die Mauern erreichten Meterdicke und waren im Fundament gewiß noch stärker. Die
Stadtmauer folgte der Nordmauerstraße außen, wie es noch heute zu erkennen ist, machte
einen scharfen Knick nach Süden, am Pütt vorbei (wir danken bestens für
die Zuschrift, die besagt, daß Pütt männlich ist, und daß der
Platz an der Molkerei nach einem Pütt wohl seinen Namen hat).
Auf der Grundrißkarte von Woldenberg ist ein Turm an dieser Stelle eingezeichnet
anscheinend bestand er aus Holz und Brauhauspütt benannt. Man holte wohl vermittels
dieses Turmes das Wasser, das man zum Brauen benötigte, über die Mauer und der Vers, der
besagt, daß hiermit bekannt gemacht werde, daß niemand in das Fließ mehr macht,
weil morgen gebraut wird, besteht dann zu Recht.
Am Ausgang der Richtstraße kam dann das Niedere Tor. Dieses wie das Hohe Tor hatte am Giebel
kleine Türmchen als Zierrat und stand nicht im Anschluß an die Mauer, sondern ein
Stück davor. Mit der Mauer und ihrem Durchgang war er wahrscheinlich durch eine Zugbrücke
verbunden. Am Niedertor befand sich indes wohl keine Zugbrücke, da man ja die
Fließbrücke jederzeit abreißen und ungangbar machen konnte.
Nun gings weiter bis zum Zothenberg Zotenberg. Hier gabs wieder einen rechten Winkel und
eine gerade Linie bis zum vorerwähnten Pulverturm. Die Wallstraße, die ihren Namen ja
von der Befestigung trägt, lag aber innerhalb des Mauerbereichs, nicht außen. Hier, vom
Zotenberg bis zum Pulverturm etwa, war Woldenbergs vermutlich windigste Stelle.
Der Heimatforscher Meydam, auf den wir uns hier wieder berufen, meint, daß aus diesem Grunde
das frühere Burglehen jetzige Rittergut seinen Platz an dieser
windigen Ecke erhalten habe damit es nämlich den ersten feindlichen Ansturm
auf- und abhalte. Darum stand hier auch der Pulverturm, ein schwerer massiver Turm, der
gewiß manche Kugel, manchen Pfeil aufgefangen hat. Das Rittergut scheint später seinen
Hof ein wenig nach Süden erweitert zu haben, denn um 1850 stand der Turm mitten auf freiem
Platz und wurde als Kornspeicher benutzt.
Und nun über das Storchennest zum Hohen Tor. Wie das Niedere Tor ein
schönes großes Gebäude, in dem sich wohl auch die Wächter und Torschreiberstube
befand. Zwischen ihm und der Mauer der eigentliche Turm stand wie der am Niedertor
außerhalb der Mauer war wohl eine Zugbrücke. Jedenfalls befand sich hier eine
sogen. Schlucht, die noch heute im Stubenrauchschen Garten zu erkennen ist und ihren Verlauf
bis zum Grundstück von Dr. Bredereck nahm.
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Das Brechlinsche Haus mit Schießscharte am Mühlentor.
[Stadtmauer-Seite]
(Repro: 2007 khd)
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Am Postberg wird diese Schlucht durch die Klosterfelder Straße zerschnitten und in ihrem
westlichen Teil (Aulich) z. Zt. mit Geröll und Schutt ausgefüllt. Im Volksmunde
erhält sich der Name Lehmgruben dafür, es ist also anzunehmen, daß hier der Lehm
für Backsteine und für den Hausbau (die Wände aller Häuser sind ja fast durchweg
Lehmwände) hergeholt wurde. Ob die ganze Schlucht künstlich ist, ist nicht festzustellen.
Wahrscheinlich ist sie aber natürlich und erst später künstlich erweitert worden.
Mit Wasser war sie natürlich nie zu füllen, da dieses ja sofort abgelaufen
wäre.
Es ist nun noch das Mühlentor (bei Neuendorff) nachzutragen. Dieses war kein Tor im Sinne des
Hohen- oder Niedertors es war ein einfacher Tordurchbruch durch die Mauer. Es muß aber
hart umkämpft worden sein, denn man fand vor einigen Jahren dort bei der
Fließausbaggerung eine Menge Speer- und Lanzenspitzen, Landsknechtsmesser, Kanonenkugeln und
anderes mehr.
Wo sind heute nun noch Mauerreste festzustellen? Außer am Paradestück, dem Storchenturm,
noch in der Nordmauerstraße im Fundament der Häuser. Hier an der Seeseite werden bei
Abbruchen und Umbauten noch eine Menge Feldsteine zutage gefördert, die Jahrhunderte alter
Mörtel fest zusammengebackt hält.
Viel mehr aber ist in der Ostmauerstraße zu sehen. Hier wurde die Mauer geradezu als
rückwärtige Hauswand benutzt, und daher ist sie denn auch bis heute erhalten geblieben,
Ueberall sonst fanden, als die Mauer ihre letzte Pflicht als Zollschranke nämlich, treulich
erfüllt hatte die Backsteine freudige Liebhaber.
In Friedeberg konnte man die Feldsteine in gleicher Weise nicht verwenden und darum ist die
Mauer da fast vollständig erhalten. Der Schreiber dieses Artikels ist auf dem Hausboden
mancher Häuser in der Ostmauerstraße herumgekrochen und hat die Dicke der Mauer am First
gemessen Meterdicke hat sie überall erreicht.
Und nun lieber Leser, geh Du einmal auf unseren Spuren, laß alle Zeiten an deinem Geist
vorüberziehen und denk daran, daß jede Zeit ihre Sorgen und Kümmernisse hat, keine
die wirklich gute Alte war.
Im Nachtrag sei noch folgendes festgestellt: Auf dem Seebild von Woldenberg sieht man die
Mauertürme auch am Seerande, auf dem Grundriß fehlen sie hier. Da der Grundriß
zweifellos genauer ist und die Tortürme am See auch überflüssig wären,
läßt sich nur folgern, daß der Künstler sie entweder aus vermeintlichem
Schönheitsgefühl, oder bei nachträglicher Zeichnung aus einer
Sinnestäuschung heraus hat entstehen lassen.