Woldenberg (Neumark)   —  Einfall der Russen 1945 khd
Stand:  22.3.2012   (30. Ed.)  –  File: WBG/St/Wbg_Russen-Einfall_1945.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  Der 2. Weltkrieg
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Zwar wurde bereits auf der Woldenberger Dies&Das-Seite 2 über den Einfall und die Besetzung Woldenbergs durch die Rote Armee berichtet, aber auf dieser Extra-Seite soll dieser Bericht um einige Fakten, Abbildungen und Informationen ergänzt werden. [Translation-Service]

I n d e x : 

Pommern — Die Pommern-Stellung


      Verlauf der Pommern-Stellung
^   Der ungefähre Verlauf der Pommern-Stellung von der Ostsee (Rügenwalde) bis in den Raum Zantoch an der Warthe.   (Grafik: 2011 – khd)
      Anfang 1945 befand sich die Ostfront noch an der Weichsel. Aber am 12. Januar 1945 begannen die Sowjets mit einer gewaltigen Großoffensive. In nur wenigen Tagen gelang es der übermächtigen Roten Armee die deutschen Stellungen zu durchbrechen und die „Heeresgruppe Nord“ (General Reinhardt) der Deutschen Wehrmacht in Richtung Ostssee sowie die „Heeresgruppe Mitte“ (General Harpe) in Richtung Schlesien abzudrängen. Mit der dadurch entstandenen Lücke war de facto für die Russen der Weg nach Pommern frei.

      Und so konnte die 1. Weißrussische Armee unter
General Schukow von Süden kommend bei Filehne über die Netze in den Netzekreis eindringen. Über den Drage- Paß bei Hochzeit gelangten sie bereits am 28. Januar 1945 nach Pommern, womit die Pommern- Stellung überwunden war. Der Weg zur Oder war praktisch frei, denn die deutschen Truppen waren viel zu schwach, um die Rote Armee noch aufhalten zu können. Schon Ende Januar konnten die Schukow- Truppen am Westufer der Oder bei Küstrin und Frankfurt zwei Brückenköpfe errichten.

      Für ein solches Szenario war eigentlich durch eine vorsorglich gebaute Stellungslinie von der Ostsee bis nach Schlesien (meist „Ostwall“ genannt) militärisch vorgesorgt worden. Insbesondere die von der Ostsee bis in die Gegend von Zantoch verlaufende „Pommern-Stellung“ hätte jetzt den Vormarsch der Roten Armee stoppen können. Aber Hitlers Armee verfügte nach dem Desaster von Stalingrad und der Ardennen-Offensive nicht mehr über ausreichend Reserven, um diese Stellungen adäquat besetzen und verteidigen zu können.

      In einer Blitz-Aktion wurde aus Heimattruppen des Heeres, der Luftwaffe und Marine die „Heeresgruppe Weichsel“ gebildet, deren Kommando der Reichsführer SS Himmler am 24. Januar 1945 übernahm. Der Auftrag war, Pommern mit allen Mitteln zu verteidigen. Wir wissen, daß dieses gründlich mißlang. Auch die „Division Woldenberg“ konnte nichts mehr ausrichten. Denn schon Ende Januar 1945 standen erste russische Truppen am Ostufer der Oder, nur noch 80 km von Berlin entfernt. Das Ende des Wahnsinn-Krieges kam näher.


Pommern — Karte zum Ablauf der russischen Invasion


Russen-Invasion von Hochzeit bis Kleinsilber
^   Von Hochzeit bis Kleinsilber – Ablauf der Russen-Invasion in Pommern vom 27. Januar bis zum 9. Februar 1945. In der Vergrößerung sind alle Angaben gut lesbar. [Quelle: Lindenblatt-Buch]   (Repro: 2010 – khd)


Woldenberg — Russen besetzen die Stadt


      26.1.2010 (khd). Heute vor genau 65 Jahren läuteten in Woldenberg um 24 Uhr die Glocken der Marienkirche und trugen damit eine tieftraurige Botschaft ins Woldenberger Land. Es war das Zeichen für die Woldenberger und die in der Umgebung Lebenden, schnellstens in einer bitterkalten Nacht mit dem Notwendigsten zum Bahnhof
      Plan dazu
^   Klicke, um dazu Plan anzuzeigen.
aufzubrechen, um mit Zügen der Eisenbahn vor der immer näher kommenden Roten Armee nach Westen zu flüchten [Flucht vor den Russen]. Wir wissen heute, daß die russischen Panzer zu diesem Zeitpunkt schon dicht an die östliche Seite der Drage herangerückt waren — also nur noch rund 15 km entfernt waren.

      Noch Mitte Januar 1945 waren sich die meisten Woldenberger ganz sicher gewesen, die Russen kommen niemals in ihre schöne Kleinstadt. Sie vertrauten auf die Fähigkeiten der Deutsche Wehrmacht und die legendäre „Pommern- Stellung“ (auch „Ostwall“ genannt), die von der Ostsee bis in den Raum von Zantoch an der Warthe reichte und östlich von Woldenberg längs der Drage in jahrelanger Arbeit mit Bunkern und Gräben angelegt worden war.

      Was sie aber nicht wußten: Dieser Abwehrwall war Anfang 1945 de facto waffenlos. Die meisten Waffen hatte man 1944 an die Westfront geschafft (Ardennen- Offensive). Auch standen zur Verteidigung der Pommern- Stellung nicht mehr ausreichend kampftaugliche Truppen und Panzer zur Verfügung. Aber das sagten die Nazis natürlich der Bevölkerung nicht.

Hochzeit im Kreis Arnswalde -- Drage-Brücke      
^   Hochzeit/Nm im Kreis Arnswalde – Brücke über die Drage, über die am 28. Januar 1945 die Rote Armee mit Panzern in die frühere Neumark einfiel.   (Repro: 2008 – khd)
      Und so war es dann auch eigentlich nicht verwunderlich, daß der Roten Armee die handstreichartige Eroberung der – strategisch so wichtigen – Drage-Brücke an der Reichsstraße 1 bei Hochzeit bereits in den Morgenstunden des 28. Januar 1945 gelang. Verwundert war damals darüber nur die Wehrmachts- Führung, die in diesem Bereich vom SS-Führer Himmler befehligt wurde.

      Im Hochzeiter Forst sammelten sich am 28. und 29. Januar immer mehr russische Panzer-Verbände. Und da die russischen Militärs in Woldenberg einen sehr starken Widerstand erwarteten, wählten sie als Hauptstoßrichtung des weiteren Vormarsches zur Oder eine über freies Feld nördlich an Woldenberg vorbeiführende Route über Klosterfelde in Richtung Marienwalde.

      Dieser Angriff startete in den frühen Abendstunden des 29. Januar 1945. Nur eine kleine Panzergruppe bewegte sich von Wolgast auf der Reichsstraße 1 direkt auf Woldenberg zu, das zu dieser Zeit längst geräumt war – auch deutsches Militär war dort längst nicht mehr.


Woldenberg wird umgangen
und trotzdem zerstört



Woldenberg -- Fließbrücke am Niedertor
^   Die Fließbrücke am östlichen Eingang Woldenbergs (Niedertor) um 1904. Beim Vorstoß der russischen Panzer am 29. Januar 1945 brach diese Brücke halbseitig ein, so daß die ersten Panzer über die Brücke am Mühlentor in die Stadt kamen. Einige Tage später bauten die Russen aus dem Häuserschutt einen Damm durchs Fließ, um von der Hochzeiter Chausse mit den Nachschub-Fahrzeugen direkt in die Neue Straße zu gelangen. [Besseres Foto]   (Repro: 2000 – khd)

      »Der Vormarsch der Russen von Wolgast nach Woldenberg staute sich vor dem Mehrenthiner Fließ am östlichen Stadtrand. Ungeklärt, ob die Straßenbrücke im letzten Augenblick gesprengt wurde oder einer schweren Belastung nicht standgehalten hatte, sie war in halber Fahrbahnbreite eingestürzt. „(Die schweren Panzer) bogen deshalb am Niedertor zum Mühlenweg ein und überquerten bei dem Hofe Neuendorf an der Wasserspüle das Fließ. Durch die Gärten und Häuser stießen sie zur unteren Kirchstraße vor und erreichten den Marktplatz.“ [159]

      Vermutlich als Sichtzeichen für die russische Führung wurde in der Stadtmitte Feuer entzündet. Es entstand bald ein Großbrand, der die Richtstraße versperrte und sie bald auch durch Trümmerschutt unpassierbar machen würde. Deshalb verzichteten die Russen auf schnelle Wiederherstellung der Straßenbrücke und leiteten ihre Schwerfahrzeuge über einen behelfsmäßigen Damm aus Trümmerschutt der niedergebrannten Häuser Schleusner, Sann und Rosengarten. Ihr Nachschub rollte nun vom Judenfriedhof direkt in die Neue Straße am jenseitigen Ufer.

      Ehe diese Furt voll benutzbar war, lenkten die Russen etliche Panzer nördlich um den See herum über den Postberg und durch Wutzig in den neuen Bereitstellungsraum zwischen Kölzig und Marienwalde. „Und als wir an den Postberg kamen, der in die Stadt hineinführte, blieb uns das Herz stehen. . . mitten auf dem Damm ein dunkler Fleck, der einmal ein Mensch gewesen, wohl eine Frau, denn Panzer hatten zerwalzt, was einmal Form und Leben gehabt, es war nicht mehr zu erkennen.“ [160]

      Bevor russischer Nachschub über den Behelfsdamm durch Woldenberg rollen konnte, hatten einige Sowjets die Häuser nach lohnender Beute und versteckten deutschen Soldaten durchsucht. Volltrunken wie meistens, kannten sie dabei weder Vorsicht noch Gnade, bald schon nicht mehr ihresgleichen. „In der Nacht zum 29. Januar wurde eine wilde Schießerei durch die Stadt veranstaltet.“ [161]

      Die Besetzer schossen auf alles, was ihnen in den Weg kam und sich bewegte, schließlich am Kastanienplatz auf die eigenen Leute. Sie gehörten wahrscheinlich zu einem Spähtrupp, der sich aus der Gegend von Dragebruch/Friedrichsdorf nach Woldenberg vorgewagt hatte.

      „Gegen Mittag um 11.30 Uhr beglückten mich ‚Uhre, Uhre‘ mit ihrem ersten Besuch. Gegen Abend wurde der Himmel ganz rot und am 30. 1. war über Nacht schon der größte Teil unserer schönen Stadt in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt.“ [162]

      Woldenberg hatte zu sterben begonnen. Einige der letzten Einwohner, die nicht fliehen wollten, mußten sich zu neuem Leid auf die Papiermühle flüchten. Von dort konnten sie die sterbende Stadt sehen. Nach mehreren Tagen und Nächten des Todeskampfes in der alles verzehrenden Feuerlohe war sie für immer in sich zusammengesunken. Rings um die hoch aufragende Kirche mit den vier Ecktürmen.«



Woldenberger Fluchtberichte von 1945:
[Brauer I]  [Brauer II]  [Brauer III]
[Flucht mit der Eisenbahn]


. . . und die Zerstörung Woldenbergs durch die Russen war damit 1945 perfekt, denn wie heißt es doch: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“:

Woldenberg -- 1945 zerstört
^   Blick nach Westen aufs zerstörte Woldenberg 1945. Das Foto ist vom Turm der Marienkirche am Marktplatz aufgenommen worden. Links die Schulstraße und rechts die Kirchstraße. Oben links an der Junkerstraße Ecke Milferstaedt Straße ist die markante Ruine des Kaufhauses C.Bredereck zu erkennen.   (Repro: 2007 – bredwolf)
[Gleicher Blick, aber 60 Jahre später] [Panorama von 2005]




Andere Woldenberg-Themen:
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