Woldenberg (Neumark)   —  Das Mehrenthiner Fließ khd
Stand:  21.7.2013   (25. Ed.)  –  File: WBG/St/Woldenberg_Das_Fliess.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

      Woldenberg -- Fließ an der Stadtmühle
^   Mehrenthiner-Fließ an Woldenbergs früherer Stadtmühle. [Die Stadtmühle]   (Repro: 2007 – khd)
Das Fließ verbindet Woldenberg mit der Welt. Denn das Wasser aus dem Großen See fließt über das „Mehrenthiner Fließ“ (sein offizieller Name), die Drage, die Netze, die Warthe und die Oder in die Ostsee.

Es kann vermutet werden, daß einst am Abfluß des Fließes die ersten Menschen siedelten. Später bot das Fließ einen gewissen Schutz gegenüber Angreifern, die aus dem Osten kamen. Im Mittelalter wurde aus dem Woldenberger Teil des Fließes ein regelrechter Festungsgraben vor der Stadtmauer.

In Dobiegniew heute gehört das gesamte „Mierzecka Struga“, wie das Mehrenthiner Fließ auf Polnisch heißt, zur Großgemeinde Dobiegniew. Und es lädt nach wie vor zu romantischen Wanderungen oder Bootsfahrten ein. [
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I n d e x : 

Woldenberg — Fließ-Quelle Großer See

Woldenberg -- Hier beginnt das Mehrenthiner Fließ
^   Blick von der Niedertorbrücke um 1930 auf den Woldenberger See (hinten) mit Abfluß des Fließes (nach vorne), dessen richtiger Name „Mehrenthiner Fließ“ lautet. Dennoch wurde es in diesem Bereich auch oft „Woldenberger Fließ“ und ein Stück flußabwärts in Richtung des alten Schützenplatzes auch „Mühlenfließ“ genannt. [Mini-Poster davon]   (Repro aus *: 2007 – khd)


Woldenberg — Wanderung durchs Fließtal


Am Mehrenthiner Fließ

Eine Wanderung vom Woldenberger See bis zur Drage

Gefunden in: Rundbrief Heimatkreis Friedeberg (Neumark), Nr. 42 vom 2. Halbjahr 1995 (Seite 28–30). Der Autor ist WILLI TIEDE. Der Artikel stammt vermutlich bereits aus den 1920er-Jahren.

      Was wäre unsere Heimat ohne Seen und Fließe! Es sind die klaren blauen Augen, in denen sich der Himmel spiegelt, und die Adern, durch die das Lebenselement Wasser rinnt.

      Woldenberg -- Die Schienenbrücke
^   Unter dieser „Schienenbrücke“ im Bahndamm verläßt das Fließ den Woldenberger Stadtbereich in Richtung Papiermühle.   (Repro: 2006 – khd)
      Wir stehen auf der Niedertorbrücke in Woldenberg und schauen auf den Großen See. Hier ist die Geburtsstätte unseres Fließes. Sein Lebenslauf beginnt voller Anmut: Gärten, Stufen, Mauern, Gebüsche, Paddelboote drängen sich an seinen Ufern. Früher, im streitbaren Mittelalter, mag der geplagte Bürger kaum Sinn gehabt haben für idyllische Schönheiten, da war das Fließ Festungsgraben.

      Jeder, der Woldenberg von der Eisenbahn aus sieht, ist freudig überrascht von dem anmutigen Stadtbild, in dessen Vordergrund das Fließ sich schlängelt. Ohne das Bächlein wäre das Bild nur halb so schön. Die steilen Hänge an seinen Ufern deuten darauf hin, daß sich das Wasser in früherer Zeit gewaltsam einen Weg durchs Gelände gearbeitet hat.

      Wir gehen dem Laufe des Fließes nach und gelangen an die Papiermühle. Der Name verrät, daß hier einst die Wasserkraft einem andern Zweck diente, als Korn zu mahlen. Vom hohen Ufer genießen wir das versteckte Mühlenidyll mit seinem rauschenden Wasser.

      In einer halbstündigen Wanderung erreichen wir die
Neumühle, die ebenfalls von Fließ getrieben wird. Wenn der weiße Schaum vom Mühlenwehr sich wieder verteilt hat, befindet sich das Fließ in einer anmutigen Hügellandschaft. Hin und her, kreuz und quer geht sein Lauf, und in großem Bogen strömt es in die Schmelzwasserrinne, die bei Rohrsdorf beginnend, bis zur Fließmündung reicht.

      Man darf wohl annehmen, daß der Schlanower See der letzte einer Seenreihe ist, die früher den ganzen Talzug erfüllte. Als Beweis dafür kann erstens der Ton gelten, den man unter der Torfschicht antrifft, und zweitens die Seekreide, die bei Lenzenbruch zu finden ist; beides ist immer nur bei Seegründen anzutreffen.

      Der gesamte Talzug von ca. 15 km Länge und durchschnittlich 100 m Breite ist mit seinen Moorwiesen wichtig für die Heugewinnung in dieser Höhengegend... Hinter Bayershof an dem gepflasterten Berg bietet sich uns ein anmutiges Bild: Der bunte Wiesengrund mit dem vielfach gewundenen Silberband des Fließes, der dunkle Wald auf hohem Uferrand, der blinkende Spiegel des Schlanower Sees, die roten Dächer des Dorfes und die kreisenden Flügel der Schlanower Windmühle. —

Mehrenthiner Fließ, westlicher Teil
^   Verlauf des Mehrenthiner Fließes von Woldenberg bis Mehrenthin.   (Repro: 2012 – khd)

      Unsere Wanderung führt uns an die sechste Brücke übers Mehrenthiner Fließ, die Kietzbrücke, welche das Woldenberger Kietzfeld mit der Mehrenthiner Feldmark verbindet. Es ist eine jener alten Holzbrücken, wie sie mehr und mehr den Anforderungen des neuzeitlichen Verkehrs weichen und Betonbrücken Platz machen. Das ist vom Standpunkt stilvoller Landschaftspflege zu bedauern; denn Holz oder Backstein sind die bodenständigen Baustoffe.

      Fortschritte der Technik können das Landschaftsbild aber auch heben. Wie reizend ist z. B. der Anblick, wenn wir kurz vor Mehrenthin zur Eisenbahn hinüberschauen! Auf hohem Damm rollt in behäbigem Zeitmaß, laut bimmelnd wie ein Spielzeug, der Zug nach Woldenberg oder Kreuz. Eine dunkle Toröffnuag läßt das Fließ hindurch. Andererseits genießt der Betrachter im Zug ebenfalls ein schönes Bild. Vor ihm liegt der Talgrund mit dem Schieferturm-Kirchlein und dem ragenden
Mehrenthiner Schloß, anmutig gebettet in Park, Obstgärten und rote Dächer.

      Unser Fließ kann von seiner Eigenart, sich in dauernden Windungen zu ergehen, nicht lassen. Früher war es Grenze zwischen Woldenberger und Mehrenthiner Besitz. Der Boden auf der linken Uferseite ist steifer Ton. Vor der Separation war hier mächtiger Laubholzbestand, der ausgiebig als Schweineweide diente.

      Wir erreichen die Fließbrücke bei Mehrenthin. Sie verbindet das Gut mit den jenseits des Fließes liegenden Schlägen. Steil führt der Weg den „Appelberg“ hinauf. Die Obstbäume blühen, malerisch liegen auf dem andern Ufer Dorf, Kirche und Schloß. Im Vordergrund prangt die Wiese im Frühlingsschmuck, im seichten Fließ planschen Kinder.

      Unser Blick wird durch einen Hügel am Fließ in vergangene Zeiten gelenkt. Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat hier das Herrenhaus gestanden. Der Hügel scheint von Menschenhand ausgeführt, sicherlich ein Burgwall aus ältester Zeit. Man hat diese Stelle bevorzugt, weil hier das Tal am schmalsten und darum der Übergang am bequemsten war.

      Wo die Kinder planschen, erkennt man deutlich eine Holzablage. Man nutzte das Fließ auch zur Holzflößerei. Als es die Eisenbahn und befestigte Straßen noch nicht gab, diente es ausschließlich dem Transport auf weite Entfernung. Aus Akten des 18. Jahrhunderts geht hervor, daß man damals das Langholz das Mehrenthiner Fließ hinab zur Drage, Netze, Warthe, Oder bis nach Stettin flößte, wo es hauptsächlich für den Schiffbau verwendet wurde.

      Auf dem Weg nach Grapow wollen wir nicht an der sogenannten Grapower Schweiz vorübergehen. Sonst entginge uns einer der schönsten Teile der Fließwanderung. Wir biegen also dort, wo ein [von Wolgast herkommendes] Nebenbächlein einmündet, nach links ab und gelangen an dessen Ufern bald in eine reizvoll bewegte Landschaft. Hier treffen wir auf ein anschauliches Beispiel, wie sich ein Seeabfluß bei Überwindung größerer Höhenunterschiede tief in den Boden hinabarbeitet. Das Bächlein modelt im kleinen Maßstab ebenso wie das Mehrenthiner Fließ, die Drage oder sonst ein norddeutscher Fluß im Höhenlande: Steile Prallufer wechselnd mit flachen Gleitufern. Daraus sind die dauernden Krümmungen der Flußläufe zu erklären.

      Die anmutige Schlucht ist durchschritten; ein öder Kahlschlag nimmt uns auf. Wir gelangen an die „Neue Brücke“, über die der Weg von Mehrenthin nach Hochzeit führt [Ed: wohl zunächst nach Wolgast]. Hier wollen wir das Paddelboot besteigen und bis in die Drage fahren. Wir rechnen nach der Karte mit etwa 1 1/2 Stunden Fahrtdauer. Das Fließ ist 6 – 8 Meter breit und schlängelt sich in zahlreichen Windungen durch malerische Wiesengründe. Der Grund ist größtenteils klarsandig, wie ihn die Forellen lieben. Die Strömung ist nur so stark, daß es ein tüchtiger Schwimmer gegen sie aufnehmen kann. Die Tiefe ist sehr ungleich. An den Biegungen der Prallufer finden wir tiefe Kolklöcher. Dann fließt das Bächlein eine Strecke den Hang entlang.

Mehrenthiner Fließ, östlicher Teil
^   Verlauf des Mehrenthiner Fließes von Mehrenthin bis zur Drage.   (Repro: 2012 – khd)

      So ein Stück Fließtal gehört zu dem Schönsten der neumärkischen Landschaft. Behaglich gleiten wir unter weit überhängendem Buchendach dahin. Das gegenüberliegende Gleitufer setzt sich in Seggenwiesen fort... Äußerst reizvoll ist die Fahrt zwischen dem abwechselnd steilen und flachen Ufer. Aber aufpassea heißt es beim Wenden! Nach einer geraden Strecke von kaum 100 Metern biegt es scharf, oft im spitzen Winkel, bald nach rechts, bald nach links. Da muß man oft die Fahrt abstoppen oder gar gegen die Strömung arbeiten.

      Wohltuend ist die Einsamkeit inmitten von Wasser, Wiese und Wald. Da — wir biegen wieder um die Ecke — hat sich vor uns das ganze Flußbett mit Schilf und Kraut zugesetzt. Es stammt vom Räumen des Fließes. Zwanzig, dreißig Meter nichts als Kraut! Boot aussetzen, weitertragen, wieder einsetzen und weiter geht’s. Desgleichen zwingt uns ein quergeklemmter Baumstamm zu solchem Ausweichmanöver.

      Bald erweitert sich das Blickfeld, und das zerstreut liegende Dorf
Lenzenbruch taucht auf. Malerisch fügen sich die roten Backsteinhäuser in die anmutige Landschaft ein. Die Försterei Linkow tritt nahe ans Fließ. Verwundert begleiten uns einige Buben und Mädel ein Stück. Sie sind wohl ein bißchen neidisch, daß wir so mühelos dahingleiten.

      Die Formen des Fließtales sind noch immer dieselben, wenn auch die Höhen etwas geringer werden. Nach einer halben Stunde sind wir am Lenzewerder, jener eigenartigen, wallartigen Erhebung, die sich zwischen dem Lenzensee und dem Mehrenthiner Fließ dahinzieht. Durch herrlichen Buchenbestand gehörte dieses Fleckchen Erde zu den Schönheiten unserer alten Heimat.

      Der Wiesengrund wird immer breiter und geht ins Dragetal über. An jener Stelle macht die Drage eine merkwürdige, große Schleife nach Westen, die die geologische Wissenschaft vor ein wichtiges Problem stellt, das hier nicht weiter erörtert werden kann. Wir gleiten durch die Fließ- Brücke, die eine Tafel mit der Aufschrift „Grenzbezirk“ trägt, sanft in die Drage.


Woldenberg — Das Fließ bei Woldenberg

Woldenberg -- Südost-Ansicht um 1920
^   Woldenberg/Neumark – Blick vom Eisenbahndamm über das Fließtal und Eberberg (rechts) auf die Kleinstadt um 1920. Das ist eine colorierte Ansichtskarte. [Als Mini-Poster]   (Repro: 2009 – khd)


Dobiegniew — Das Fließ heute

Dobiegniew -- Blick 2005 von Osten übers Fließ zur Kirche
^   Dobiegniew – Blick 2005 von Osten über das malerische Fließ zur Kirche. Im Tal des Mehrenthiner Fließes sieht es heute viel natürlicher als zu Woldenberger Zeiten aus, wo besonders die Gegend um den alten Schützenplatz sehr ‚gepflegt‘ wurde.  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol75)


Wbg-Symposium -- Die Flaschenpost ist im Mehrenthiner Fließ
^   Am Abend des 23. Juni 2013 hatte das Mehrenthiner Fließ beim Schloß einen großen Auftritt: Woldenbergs und Dobiegniews Kriegskinder, die um die 80 sind, übergaben den Fluten zum Abschluß des Woldenberg-Symposiums in einer Flaschenpost eine Friedensbotschaft. Die Reise in die Welt konnte beginnen.   (Foto: 23.6.2013 – m.n-stach-068)




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