Wir leben in unserer Stadt, wir essen, schlafen und trinken da, gehen unserem Beruf, unserem
Gewerbe, auch unserem Vergnügen nach und nehmen manche Ortsbezeichnung, manchen kuriosen
Straßennamen wohl zehnmal täglich in den Mund, ohne je über die eigentliche
Bedeutung nachzudenken. Und doch verlohnt es sich.
Da ist zunächst unsere Richtstraße. Warum sie so heißt? Ist doch klar, höre
ich schon einen sagen: Weil sich alle anderen Straßen nach ihr richten. Nein, so ganz klar
ist das nicht. Mancher Heimatforscher sagt, sie müssen eigentlich Gericht-
Straße heißen, weil sie zum Rathaus hin führe, dem wichtigen Ort früherer
bürgerlich Richt- und Rechtsprechung. Ganz klar ist man sich noch nicht, es hat ja fast jede
kleinere märkische Stadt ihre Richtstraße.
Dann ist da das Niedere und Hohe Tor. Das weiß nun wohl jedes Kind, daß oben und unten
früher Torräume gestanden haben, also darüber brauche ich kein Wort zu verlieren.
Pariser Platz. Um 1930 wurde er auf Anregung des damaligen Stadtverordnetenvorstehers,
Rektor Grünwald, umgetauft und heißt seitdem treu und brav wieder Platz am Hohen
Tor.
Die Storchennestgasse hat ihren Namen vom Storchennest, einem alten Mauerturm mit einem
Storchennest, das ist bekannt. Woher aber kommt der Name Rosengasse? Nach Ansicht des als
Heimatforscher bekannten, nun schon lang verstorbenen Majors Meydam stammt er von den Rosen-(losen)-
Mädchen, die da ihr unehrliches Begräbniß fanden. Früher war man ja sehr
verhalten in moralischen Dingen. Nun, wenigstens ist die Bezeichnung so galant, die Nachwelt
mehr an Rosenduft zu erinnern als an anrüchige Moral.
Aber weiter. Der Postweg war vor einem halben Jahrhundert noch ein steiler Berg, der manchem
Postgaul gewiß den Rest gab. Denn das große Haus oben war die Germanische Posthalterei,
die, zunächst privat, dann staatlich, vor etwa 100 Jahren eingerichtet wurde. Die letzte
Postkutsche, die noch in der Remise stand, wurde vor einigen Jahren nach Berlin gebracht und dort
überholt. Nun dient sie als Anschauungsobjekt bei Umzügen und festlichen
Gelegenheiten.
Der Postbergweg wurde übrigens vor etwa 40 Jahren und dann in jüngerer Zeit noch
einmal aufgefüllt und erhöht. Beim ersten Mal wurde dazu ein Hügel, der sich
auf dem Gelände der Pomränkeschen Brauerei befand, abgetragen.
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Das Storchnest um 1900.
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Die Milferstaedtstraße hat ihren Namen nach einem der tüchtigsten Bürgermeister,
den Woldenberg je besessen. Er lebte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, ordnete und rubrizierte
sämtliche Akten in ganz moderner Form (das war damals unerhört) und bewies auch sonst bei
allen Gelegenheiten größte Tatkraft und einen klugen Geist. Sein Bild ist vor einigen
Jahren durch Zufall vom Leiter der Heimatkundlichen Vereinigung entdeckt und vor der Zerstörung
gerettet worden.
Die Wallstraße. Die Deutung dürfte nicht schwer sein. Aber woher kommt der Name
Zlotenberg? Wir müssen gestehen, wir wissen es nicht. Vermuten aber, daß es aus dem
Wendischen stammt und vielleicht identisch ist mit Zolken. Vielleicht weiß es ein Leser
?
Das Holztor, das, schön umrankt, am Eingang zu den Anlagen in der Nähe der alten Reithalle
steht, hat im Volksmund den Namen Himmelpforte erhalten. Wir überlassen auch hier
die Deutung der Fantasie unserer Leser.
Und nun der Galgenberg. Sein Name beschwört das finsterste Mittelalter, und so ist es in der
Tat. Die letzte Hinrichtung hat dort oben öffentlich vor etwas mehr als 200 Jahren
stattgefunden. Der Missetäter hieß Martin Jolich. Ueber ihn und seinen
hochnotpeinlichen Prozeß ist von zuständiger Seite bereits eingehend berichtet
worden.
Jahnstraße. Der Name ist nicht willkürlich und hat gewissermaßen Hand und
Fuß. Auf dieser Seite des Geheges, doch mehr der Straße zu, befand sich vor Jahren der
städtische Turnplatz. Gar mancher von unseren älteren Mitbürgern entsinnt sich
gewiß noch jener Stunden und seiner Kindheit, da man hin und zurück mit schallendem
Gesang und in guter Ordnung durch die Straßen des Städtchens zog, voran der jeweilige
Turnlehrer. Lang ist es her.
Die Akazienstraße hat natürlich ihren Namen von den Akazien dort, die sich im Laufe der
Jahre zu prächtigen Bäumen entwickelt haben. Dicht daneben aber jetzt mit Bäumen
bepflanzt und Gras besät, liegt der Alte Exerzierplatz. Hier hat die Erde also
viel menschlichen Schweiß getrunken, denn die Erde ist dort so gerecht verteilt, daß man
die Rekruten bei trockenem Wetter sehr wohl im Sande, bei nassem auf lehmigen Boden exerzieren
konnte [Ed-2011: hier entstand ab 1939 das
Kriegsgefangenen-Lager OfLag IIC].
Hier sei bemerkt, daß es noch einen sogen. Alten Exerzierplatz gibt, und zwar da, wo jetzt
[hinten am Gehege] die Birken stehn. Nicht weit davon, in der Nähe der Kiesgrube, liegt der
Kuckucksberg, als Kugelfang bei den Schießübungen der Alten Rekruten.
(Woldenberg hatte bis 1871 Militär).
Aber zurück zur Stadt. Da ist ja noch die Junkerstraße, die wir vorher ganz
vergaßen. Junker, wieso Junker? Nun, Woldenberg hatte früher drei sogen.
Burglehen, adlige Sitze, von denen sich zwei in der Junkerstraße, eines in der Neuen
Straße befand. So ist der Name erklärlich.
Brunnenstraße. Brunnen kosteten ehedem viel Geld, so daß es deren nur wenige in der
Stadt gab. Sie waren Allgemeinbesitz. Daß eine ganze Straße nach ihnen benannt wurde,
zeugt für ihre Wichtigkeit, im Krieg wie im Frieden.
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Die Wasserpforte (Durchgang zum See) in der Nord- mauer Ecke Kurze
Marktstraße.
[Foto von der Seeseite]
(Repro: 2007 khd) |
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Weiter unten kommen wir an die Kurze-Marktstraße mit der Wasserpforte. Vor
einigen Jahren war sie noch eine richtige Port, als Durchgang durch ein uraltes
Häuschen. Nun ist das Häuschen weggerissen worden, geblieben ist nur die Steintreppe, die
zum See hinunter führt. Uebrigens hatte Woldenberg in allen Zeiten drei Wasserpforten. Wo
sich die anderen zwei befanden, konnte nicht genau festgestellt werden.
Hinter der Sparkasse liegt die Alte Marktstraße. Alte Marktstraße? Bis zum letzten
großen Brande, der die Stadt 1710 fast vollständig zerstörte, reichte der Markt
weiter als heute, eben bis an die Front der Häuser, die hinter Apotheke und Rathaus die
Alte Marktstraße bilden. Das Rathaus stand vor dem Brande allein auf dem Platz.
Ein Stückchen weiter, am Pfarrhaus vorbei und zu Juch hinunter, kommen wir an den
Schinderwinkel. Offiziell heißt er zwar nicht so, aber im Volke hält sich
der Name beharrlich. Dort wird noch das Haus gezeigt, in dem der Abdecker wohnte.
Und noch ein Stück hinunter und wir sind in der Brauhausgasse. Das Brauen wurde vor
Jahrhunderten beinahe in jedem Bürgerhaus ausgeübt, bis es dann einzelnen als Privileg
übertragen wurde. Später erhob sich da, wo etwa die Molkerei stand, das
Pütt, ein wahrscheinlich zu Brauzwecken benötigter Holzturm.
Man nimmt an, daß sich an dieser Stelle, also da, wo der Fließ aus dem Ort austritt,
Woldenbergs älteste Ansiedlung befand, ein armseliges Fischerdörfchen. Und damit ist
unser kurzer Streifzug beendet.