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Rau-Sammlung (Seite 100102). Der
folgende Zeitungs-Artikel stammt aus dem Jahr 1935. Unklar ist, in welcher Zeitung des Kreises
Friedeberg er damals publiziert wurde. Vermutet wird:
Friedeberger Kreisblatt.
Auch wenn der NS-orientierte Ton dieses Artikels nicht zu übersehen ist, wird dieser Artikel
hier ungekürzt dokumentiert, da er eine Fülle an Informationen enthält, die heute
[2013] allzuoft nur noch sehr ungenau bekannt sind. Es ist keine Frage, in Woldenberg war man
damals sehr stolz darauf, daß sich in der Kleinstadt wieder Militär niedergelassen hatte.
Daß Hitler damit seine Angriffs-Kriege vorbereitete, auch das wurde damals nicht
hinterfragt. Die Zwischentitel wurden in dieser Dokumentation zur besseren Lesbarkeit redaktionell
hinzugefügt.
WOLDENBERG 16. August 1935. Kaum war das
Wehrgesetz erlassen [Ed: am 16.
März 1935], als sich auch schon deutsche Volksgenossen freiwillig zur Armee meldeten. Zu diesen
Freiwilligen gehörten auch jene, die durch ihr Alter (25 bis 35 Jahre) nicht mehr zu den
Aktiven zählten. Fast alle hatten bereits feste Berufe ergriffen, sei es selbstständig
als Bauer, Handwerker und Kaufmann oder auch als Arbeiter, Angestellter oder Beamter und auch aus
den Reihen der Arbeitslosen. Sie wollten durch die Tat ihre Liebe zum Führer, der uns die
Wehrhoheit zurückgab, und zu Volk und Vaterland beweisen.
Aus Neigung zum Soldatenberuf, die jedem guten Deutschen im Blute steckt, sollten sie befähigt
werden, im Notfalle Heimat und Scholle zu verteidigen, ihnen eine kurze, im Durchschnitt
zweimonatige Ausbildung zu geben, ist Aufgabe der Erg. Bataillone. Der Nummer nach das I. Erg.
Bataillon im II. Armeekorps wurde in Woldenberg stationiert, worüber unsere Nachbarstadt von uns
Driesener nicht wenig beneidet wird. Woldenberg sollte hiermit als frühere Garnisonstadt
wieder zu Ehren gebracht werden.
Kriegsausbildung in Schnellkursen
Die große Bedeutung der Erg. Bataillone beruht darauf, daß hier alle diejenigen
erfaßt werden, die eine militärische Ausbildung nicht erhalten haben. Es sind dies die
Jahrgänge im Alter von 2535 Jahren [Jg. 19001910], die im Wehrgesetz als
Ersatzreserve bezeichnet sind. Die Ausbildung dieser Männer hat seine besondere Eigenart
darin, daß nur eine kurze Zeit der Ausbildung zur Verfügung steht. Es heißt sich
auf das Wesentliche beschränken. Wenn nun auf der einen Seite Rücksicht auf das gereifte
Alter der Leute genommen werden muß, so müssen die höheren Ansprüche an die
ernsthafte Auffassung des Dienstes und an den guten Willen der Freiwilligen den genannten Nachteil
aufheben. Es verdient besondere Betonung, daß die Rekruten der Erg. Bataillone bisher noch
nicht ausgehoben wurden, sondern sich freiwillig zur Uebung gemeldet haben.
Das Gebiet, aus dem sich das I. Erg. Bataillon den Ersatz holt, der ihm durch das Wehrbezirkskommando
zugeführt wird, fällt mit den Kreisen Friedeberg, Arnswalde, Soldin, dem Netzekreis und
einem Teil des Kreises Satzig zusammen. Es sind also die Gebiete, in welchen die Männer mit
der Scholle verwurzelt sind, die Heimat, die sie verteidigen werden. Die Ausbildung legt den
Schwerpunkt auf den Gelände- und Schießdienst, der in einer Mannschafts- und einer
Unterführerklasse erfolgt, aus welcher die Unterführeranwärter als Gefreite der
Reserve ausscheiden, um bei der aktiven Truppe durch Uebungen weiter unter Umständen bis
zum Reserve- Offizier gefördert werden.
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Woldenberg/Nm Das Wehrmachts-Lager hinter dem Gehege an der Chaussee nach Friedeberg um 1936.
In diesem Baracken-Lager für 3 Kompanien befand sich das I. Ergänzungs-Bataillon
Woldenberg. Das Lager wurde 1934/35 gebaut. In etwa 2-monatigen Schnellkursen wurden hier
die bislang Nicht-Aktiven im Kriegsdienst ausgebildet Hitler brauchte viele
Soldaten für den geplanten Krieg. Im August 1935 gab es eine Führung für die Presse.
Ab Herbst 1944 fand in den Baracken der Schulunterricht statt, da Woldenbergs Schule als Lazarett
verwendet wurde.
Es ist also nicht das Kriegsgefangenen-Lager OfLag-IIC, das erst nach dem
Kriegsbeginn ab 1939 gegenüber auf der anderen Seite der Chaussee entstand.
(Repro: 2013 khd)
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Demgegenüber ist der Staat nach besten Kräften bemüht, auch in wirtschaftlicher
Hinsicht die Freiwilligen zu versorgen. Neben der guten Verpflegung erhält jeder Mann 40 Rpf
[Reichspfennig] täglich an Löhnung, Unterführer 70 Rpf. Die Kleidung ist
selbstverständlich frei und auch die Wäsche übernimmt der Staat. Putzzeug für
die Bekleidung wird geliefert. Auch für die Angehörigen ist gesorgt worden. Diese
erhalten, soweit sie über keine ausreichenden Einnahmen verfügen, für den Tag
für die Ehefrau 1,50 RM [Reichsmark] und für jedes Kind 50 Rpf [0,50 RM], darüber
hinaus wird noch ein Mietszuschuß gewährt. So müßte es nun für jeden
Deutschen eine Ehrenpflicht sein, an diesen Uebungen teilzunehmen. Es gilt den Wehrwillen in
Deutschland zu stärken um Deutschlands Grenzen zu schützen und die Heimat zu verteidigen,
wenn eine Zeit rufen sollte.
Besichtigung des Lagers
Am Mittwoch nachmittag war zur Besichtigung des Woldenberger
Lagers von dem Standortkommandanten die Presse der Kreise Friedeberg, Arnswaldc, Soldin und
Berlinchen eingeladen worden. Alle Zeitungen des Bezirkes hatten Vertreter entsandt und wenn auch
ein leichter Regen die Stunden trübte, so waren doch alle gern erschienen, um sich ein Bild von
der wieder
aufblühenden
deutschen Wehrmacht zu machen. Der Lagerplatz erwecke sogleich bei Betreten einen guten
Eindruck. Zwischen den einzelnen Baracken sind Rasenflächen angelegt, mit Blumenbeeten
ausgestattet. Auch an allen Fenstern der Baracken waren Blumenbretter angebracht, die der Obhut und
Pflege der Bewohner übergeben sind.
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Auch das war Woldenberg. Unweit der Kaisereiche befand sich hinter dem Gehege das große
Barackenlager der Deutschen Wehrmacht. Stationiert war hier ein Ersatz-Bataillon.
(Repro: 2006 bredwolf-File0121)
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Hauptmann und Adjutant Dr. Meier Oberist begrüßte die Erschienenen und meldete
dem Bataillons-Kommandeur Major Arndt, der die Führung durch das Lager selbst übernahm.
Zunächst gab dieser einige Erläuterungen über den Aufbau des Lagers, das für 3
Kompagnien eingeteilt ist. Jede Kompagnie verfugt über 2 Wohnbaracken und 1
Geschäftsbaracke. Die Einrichtung der Baracken ist trotz des beschränkten Raumes
ausreichend, von soldatisch- preußischer Einfachheit. Größte Sauberkeit herrscht
überall. Die Wohnräume lassen sich im Winter durch Ofenheizung ausreichend erwärmen.
Je 10 Mann und ein Unterführeranwärter liegen zusammen auf einer geräumigen Stube,
die im allgemeinen in Schlaf- und Wohnraum getrennt worden ist. Die Betten sind mit Strohsack,
Wolldecke und Bettbezügen ausgestattet.
Auch die sanitären Anlagen sind vorbildlich. Eine besondere Baracke enthält das
Krankenrevier, wo auch ein besonderes Untersuchungs- und Arztzimmer vorhanden ist. Eine der Baracken
enthält die Kantine, die alles Erforderliche für die Freizeit liefert. Anschließend
befinden sich die Speisesäle, sogar mit einer Radioanlage ausgestattet. Die nun gleich
folgende Küche ist auf das modernste eingerichtet. Zwei große Kochkessel sind
aufgestellt, in einem wurde der Kaffee zum Abendbrot gebrüht. Weiter ist die Küche mit
mehreren Bratöfen versehen und einem besonderen Ofen für die Zubereitung der
Fischgerichte. Bei der Besichtigung der Küche wurde sogleich auch einmal das Küchenbuch
revidiert, um die Speisekarte zu sehen.
Solide Verpflegung
Recht abwechslungsreich ist die Speisenfolge, sie zeigt, daß für das leibliche Wohl aller
Lagerbewohner bestens gesorgt ist. So gab es neben Gemüsen u. a. Rinderbraten,
Königsberger Klops, Bockwurst mit Kartoffelsalat und einmal wöchentlich ein Fischgericht.
Zum Abendbrot ist Kaffee, Tee und Kakao abwechselnd vorgesehen und dazu ein gutes Gewicht an Wurst,
Käse und dergleichen. Erbssuppe, die sonst das Nationalgericht der Soldaten zu sein scheint,
war wohl gestrichen, denn eine solche Eintragung konnten wir nicht gleich finden. In einem
Nebenraum wurden die Kartoffeln für die nächste Mahlzeit geschält, 8 Zentner [400
kg]. Der Kommandeur erläuterte hierzu, daß bei einzelnen Mannschaften das
überflüssige Fett zwar verschwunden sei, daß aber trotzdem nach Beendigung der
ersten Uebung noch eine Gewichtszunahme festgestellt wurde. So hatte einer der Freiwilligen, der
wohl über reichlich Fett verfugte, sich verpflichtet, für jedes abgenommene Pfund 3 RM zu
zahlen. Zum Schluß stellte sich jedoch heraus, daß er noch einige Pfund zugenommen hat.
Mit dem leichten Verdienst für die Lagerkasse war es damit nichts geworden.
Außer diesen genannten Baracken sind weitere in Bau und auch schon fertig gestellt. So die
Waffenschmiede mit einer Tischlerei und einer Stellmacherei. Ein nicht sehr geräumiger Stall
ist für die Unterbringung der Offizierspferde bestimmt. Hier hat auch der Bataillons-Bock, ein
prächtiger junger Ziegenbock, Unterkunft gefunden, er soll alles Böse vom Lager
fernhalten!
Dem Lager schließt sich ein großer Exerzierplatz an, der in seinem wellenförmigen
Gelände einen vorzüglichen Übungsplatz abgibt. Lediglich der feine
Wüstensand ist eine unerfreuliche Begleiterscheinung. Die Schießstände
bilden die nördliche Begrenzung des Platzes, der durch einen Drahtzaun von dem eigentlichen
Lagerplatz getrennt ist. Auf den freien Plätzen, zwischen den Baracken wurde eifrig exerziert
und von den Schießständen dröhnte Schuß auf Schuß anzeigend, daß
auch dort geübt wurde.
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Woldenberg Fahnenappell im Barackenlager. Das berüchtigte Kriegsgefangenen-Lager
OfLag IIC befand sich auf der anderen Seite der Friedeberger Chaussee (Schlanower
Seite).
(Repro: 2006 bredwolf-File0120)
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Eigenartig wirkte die Uniformierung der Freiwilligen. Der grau-grüne Stoff und auch die
Kopfbedeckung paßten nicht zu dem Bild, das man sich von unsern Feldgrauen gewohnter Weise
macht. In altgewohnter, preußischer Sparsamkeit müssen diese Uniformen aus
früheren Beständen aufgetragen werden, wie uns der Kommandant versicherte. Im
übrigen ist dies auch nur die Dienstuniform, außerhalb des Lagers wird
Feldgrau getragen... wenn es mal Urlaub gibt.
Angestellte und Handwerker helfen
Die Mannschaften fühlen sich recht wohl und versehen gern und mit Eifer ihren Dienst. Auch das
Verhältnis zu den Vorgesetzten ist ein Erfreuliches. Bei den Offizieren handelt es sich
ausschließlich um Frontsoldaten, die hier ihre Kriegserfahrung verwerten. Die ausbildenden
Unteroffiziere sind zum Teil von der aktiven Truppe übernommen, zum Teil sind es langgediente
Leute, die wieder eingestellt wurden. Groß ist die Zahl der Zivilangestellten im Lager, was
die Besucher nicht wenig verwunderte. Neben zahlreichen Angestellten, die in den
Geschäftszimmern den Schriftverkehr erledigen, sind auch zahlreiche Handwerker für die
Instandhaltung des Lagers, der Bekleidung und der Waffen beschäftigt. Alle Handwcrkerstuben
sind vorbildlich eingerichtet; Schuster, Schneider, Schmiede usw., sowohl Meister als auch Gesellen,
haben hier Arbeit und Brot gefunden. Die Kleider- und Waffenkammern sind trotz des beschränkten
Raumes in peinlicher Ordnung gehalten.
Neue Wohnungen müssen her
Wo viel Licht ist, ist viel Schatten, sagte schon Goethe und bei all dem Guten sind auch
hier Nachteile noch vorhanden. Um all diese zu beseitigen, muß die Woldenberger Stadtgemeinde
noch recht tief in den Geldbeutel greifen, und die verehrten Stadtväter werden noch oft ihr
sorgenvolles Haupt schütteln über das, was gemacht werden soll und das, was noch
gewünscht wird. Zunächst und am vordringlichsten ist die Wohnungsfrage. Offiziere,
Ausbildungspersonal und auch die Zivilangestellten sind größtenteils verheiratet und
wünschen Wohnungen, die in Woldenberg in genügender Zahl nicht zu haben sind.
Hier wird in kürzester Zeit Abhilfe geschaffen werden müssen und dürfte dies sowohl
im Sinne der Arbeitsbeschaffung als auch durch erhöhte Steuereinnahmen sich auswirken. [Ed:
Das Wohnungsproblem der Militärs wurde ab 1935 durch den Neubau von Wohnhäusern auf dem
Galgenberg (neue Gneisenaustraße) und an der Wutziger Straße gelöst. Diese
Gebäude sind heute in Dobiegniew noch alle vorhanden].
[Foto der Häuser auf dem Galgenberg]
Keine zentrale Wasserversorgung keine Kanalisation
Zu den Nachteilen gehört mit voller Berechtigung auch die Kanalisationsfrage. Woldenberg steht
hierbei noch weit im Hintertreffen, denn diese Frage ist in unserm schönen Driesen fast
vergessen. Das Lager des Erg. Btl. ist hier bereits durch eigene Pumpwerk-, Wasserwerk- und
Kläranlage vorbildlich vorangegangen, jedoch dürfte die Durchführung in der Stadt
noch auf große finanzielle Schwierigkeiten stoßen, genau so wie die Schulfrage, denn
Woldenberg besitzt keine höhere Schule, die nun gleichfalls gewünscht wird. Hier wird
vielleicht der Staat ein Einsehen haben und mit einer namhaften Beihilfe einspringen.
[Ed: Das Wasser/Abwasser-Problem der Stadt wurde erst unter polnischer Regie bis 1987/88
gelöst].
Und die Bahnverbindungen sind schlecht
Ohne Geldkosten läßt sich ein anderer Uebelstand beseitigen, und das ist die schlechte
Bahnverbindung der Nebenbahn Kreuz Stettin, wo es mit den Anschlüssen besonders in Kreuz zur
Ostbahn (Richtung Berlin) als auch in Stettin sehr schlecht bestellt ist. Hier dürften einige
energische Schritte der Militärverwaltung bei den beteiligten Eisenbahndirektionen gewiß
von Erfolg sein, denn der Dienst am Kunden ist ja bei der Eisenbahn kein Fremdwort mehr.
Durch die Zusammenarbeit aller beteiligten Behörden werden sich in absehbarer Zeit diese
Schwierigkeiten wohl beheben lassen.
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Woldenberger Lager an der Friedeberger Chaussee. Dieses Baracken-Lager der Wehrmacht war also ein
reines Ausbildungslager, kein Standort einer kampfbereiten Truppe. Und ab Herbst 1944 wurde ein
Teil der Baracken als Schule genutzt, da das Schulgebäude an der Kirche angesichts der
näher rückenden Ostfront als Lazarett benutzt wurde. Die Holz-Baracken existieren
heute (2003) nicht mehr.
(Repro: 2003 khd)
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Vorbildliches Lager
Das Lager in Woldenberg darf als vorbildlich bezeichnet werden, wurde es doch in wenigen Monaten
erstellt, um nun seinen Zwecken zu dienen. Vor einigen Wochen wurden die ersten
Uebungsteilnehmer bereits entlassen, ein neuer Kursus hat begonnen, um den Freiwilligen den
militärischen Schliff zu geben und im Waffenhandwerk auszubilden. Wenn der Erg. Mann nach
Schluß des Lehrganges das Lager verläßt, soll er freudigen Herzens wieder zu seinen
Beruf zurückkehren, mit der Empfindung, daß die beiden Monate des Soldatseins nicht
nutzlos verflossen sind, sondern daß sie ihm Bleibendes gebracht haben.
Jeder Ersatz-Reservist, der im Erg.-Batl. Woldenberg übte, soll in Zukunft für den
Wehrgedanken werben und bereit sein, die Grenzen seiner engeren Heimat wie des ganzen Reiches, wenn
es sein muß, zu schützen. [Editor-2013: Aber als es 10 Jahre später im
Januar 1945 darauf ankam, da waren zwischen Weichsel und Oder kaum noch Soldaten der
Wehrmacht da, die längst Verlorenes zu schützen vermochten].
[Relikte des Lagers, die noch heute in Dobiegniew vorhanden sind]