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Rau-Sammlung (Seite 5051).
Der folgende Text ist offensichtlich 1939 entstanden. Der Autor ist der Woldenberg-Historiker Gustav
Ohst.
Dort wo heute das Stadtfließ Haus und Garten des Abdeckereibesitzers Neuendorf umspült,
bestand bis zum Jahre 1906 eine Wassermühle, die sogenannte Stadtmühle. Unmittelbar an der
Stadt gelegen, war sie die bedeutendste der Woldenberger Mühlen überhaupt.
Die Gegend, in der die Mühle lag, mag sehr lebhaften Verkehr aufzuweisen gehabt haben, denn nur
durch das Fließ und das Mühlenwehr getrennt, lag neben ihr die Uccise (Steuerstelle), deren
Haus (heute Wangerin) am Mühlentor sein ursprüngliches Aussehen mit seiner ca. 1 Meter dicken
Mauer und dem überbauten Dach bis in die Jetztzeit behalten hat.
Die Stadtmühle ist mindestens so alt, wie die Stadt selbst. Schon 1313 hören wir von dieser
Mühle. Am 3. Januar 1313 erschienen nämlich die Ratmannen der jungen Stadt Woldenberg vor dem
Markgrafen Waldemar auf dessen Schloß Werbellinsee und kauften ihm gegen Zahlung der damals recht
hohen Summe von 350 Mark brandenburgischen Silbers die markgräfliche Mühle, bei der Stadt
gelegen, ab. Ein Vorgehen, welches nicht nur von der guten Finanzlage der jungen Stadt zeugt, sondern
auch von einer umsichtigen und weitschauenden Leitung der Stadt spricht.
Die oberschlägigen Wassermühlen gehörten zu den wichtigsten Einnahmequellen der
Fürsten. Durch dauernde Mißwirtschaft der Markgrafen kam bekanntlich die neue Mark
durch Kauf in den Besitz des sogenannten Deutschen Ordens. Der Orden kaufte auch die ihm günstigen
Einnahmequellen, u. a. auch die Mühlen, und auch die Stadtmühle in Woldenberg wurde von der
Stadt am 13. Dezember 1403 an den Deutschen Orden verkauft.
1445 ist die Mühlenpacht eine Forderung, die der Burggräfin in Driesen gehört. Der Stadt
Woldenberg gegenüber hatte der Müller die Verpflichtung, für die Anfuhr des Mahlgutes
selbst zu sorgen (Fuhrwerk). Als Mahlpfennig erhielt er vom Scheffel Weizen und Roggen je eine, vom
Scheffel Malz (Gerste) zwei Metzen, von denen 16 auf einen Scheffel gehen sollen.
1454 kaufte der erste Hohenzoller, Friedrich I. die Neumark vom Deutschen Orden zurück und damit
kamen die Mühlen wieder in fiskalischen Besitz. So auch unsere Wassermühle, die vom
zuständigen Rentamt in Driesen vererbpachtet wurde. Wir wissen auch, daß die Mühle von
1507 bis 1655 im Besitz einer Familie Schmidt als Lehnsinhaber war.
1507 wird als Inhaber Joachim Schmidt genannt, dessen Frau Anna geb. Woltersdorff war. Ihre beiden
Söhne sind Dionys und Asmus. Der Vater scheint 1547 gestorben zu sein, denn in diesem Jahre teilten
sie das Vatererbe. Asmus bleibt auf der Mühle und zahlt seinem Bruder Dionys 200 Fl. Abfindung.
Asmus starb aber schon 1556 und nun kommt Dionys (Dinnies) Schmidt in der Besitz der Mühle. Aber
auch er starb schon bald darauf. Seine Witwe erwarb 1560 für ihre beiden Söhne Joachim und
Georg Schmidt das Lehen, dergestalt, daß Georg die Mühle erhält. Joachim und die Mutter
in Geld oder Land abgefunden werden.
Um diese Zeit befand sich schon eine Schneidemühle auf dem Besitz. Ein an derselben gelegener Berg
wird an die Stadt verkauft (Eberberg?). Georg Schmidt hatte an Pacht pro Quartal an das Rentamt in
Driesen 3
Wispel Roggen zu entrichten und
mußte sich verpflichten, die Mühle in guten Wehren zu halten.
Nach dem Tode Georg Schmidts wurden, da sein Bruder Joachim schon vor ihm verstorben war, des letzteren 3
Söhne Lehnsträger an der Mühle. Im Jahre 1573 werden in Gegenwart des Amtshauptmanns Veit
von Tobeil durch Vertrag die Rechte der Witwe des Georg Schmidt und die Pflichten der neuen Lehnsinhaber
festgelegt. Die Mühle hatte schon um diese Zeit 2 Mahlgänge, sie scheint auch angesichts der
Pachthöhe (jährlich 286
Scheffel Roggen), ferner der Erträgnisse aus den Ländern ein recht
einträgliches Geschäft gewesen zu sein.
Wir hören nun von ihr erst wieder, als sie durch den Rezeß vom 5. Oktober 1667 in das
Territorium der Stadt kam. Nun hatte die Polizei der Stadt vorher nur das Rentamt in Driesen
manche Verfügungsgewalt über die Wassermühle. Um diese Zeit saß ein
Mühlenmeister Jaedicke darauf. Er wurde verpflichtet, das Wasser nicht so hoch zu stauen, daß
dadurch die Stadtmauer, die bis ans Fließ herankam, Schaden zugefügt werden könnte. Wenn
nichts zu mahlen sei, müsse Jaedicke ein halbes Fenster Wasser laufen lassen. Wegen des
ungenügenden Freiwasser-Laufens hat es übrigens immer Prozesse mit den Besitzern der Papier-
und Neumühle, und auf der anderen Seite der Stadt mit den Besitzern von Wutzig und Hermsdorf
gegeben, so lange die Wassermühle überhaupt bestand.
Nach dem siebenjährigen Kriege begann die großzügige Tätigkeit Brenkenhoffs, der das
Netzebruch urbar machte. Er wandte auch dabei den Woldenberger Wasserverhältnissen sein Augenmerk
zu. Der Mühlenmeister Laschke, der die Mühle von dem Besitzer Klettner gepachtet hatte, hatte
schon 1647 den Mahlbaum eigenmächtig höher gelegt. Obwohl der derzeitige Müller Wolfram
dieses bestritt, wies ihm der Deichinspektor Schartow nach, daß ohne Niedrigerlegen des Mahlbaums
die Urbarmachung des Bruches nicht erfolgen könne. Der Mahlbaum wurde um 9 Zoll tiefer
gelegt.
Gegen 1740 ist Bartholomäus Jaedicke Besitzer der Mühle. Durch Vergleich vom 26. Febr. 1759
erwirbt sie Martin Wolfram, der sie bis 1777 besaß. In der Familie Wolfram war sie dann zahlreiche
Erbfolgen hindurch. Während die Mühle bisher jedem Besitzer verpachtet war, ging sie durch
Vergleich des Domänenfiskus vom 30. Oktober 1832 mit Johann Gottlieb Heinrich Wolfram in dessen
Eigentum über. Durch Aufhebung des Mahlzwanges (Gesetz vom 15.9.1818) waren dem Müller
große Nachteile erwachsen. Der bisherige Mühlenzins von jährlich 227 Thalern wurde in
einen jährlichen Domänenzins von 75 Thalern umgewandelt. Die rückständigen
Mühlenpächte von 2208 Thalern wurden Wolfram erlassen.
Der letzte Besitzer der Wolframs, Friedrich Wolfram, gab 1857 sein Schilfnutzungsrecht von der
Brücke am Niedertor bis zur Wassermühle gegen eine Entschädigung von 25 Thalern an den
Magistrat ab. Von 1858 bis 1860 ist der Ratmann Friedrich Falbe Besitzer der Mühle. Er verkaufte sie
an Friedrich Wilhelm Geske für 32.800 Thaler, der sie aber am 12. März 1872 mit ca. 70 Morgen
Land für 32.000 an den Holzhändler Bernhard Arnold Wolfgramm aus Landsberg a. W.
weiterverkaufte. Geske hatte 1866 das Mühlengebäude neu errichtet, wie es noch heute besteht.
Wolfgramm trat die Mühle und Zubehör anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts an
Ferdinand Hildebrandt ab.
Die Klagen der Interessenten wegen zu niedrigen Wasserstandes unterhalb der Mühle (Papier- und
Neumühle), hauptsächlich aber die Klagen, daß wegen zu hohen Wasserstandes die Wiesen
oberhalb der Wassermühle ersöffen, nehmen kein Ende. Die Stadtgemeinde mußte im
Allgemeininteresse endlich Durchgreifendes unternehmen, um dem jahrhundertelangen Uebel abzuhelfen. Die
Wiesenbesitzer hatten sich zum Schutz ihrer Interessen in einer Wiesenmeliorationsgenossenschaft
zusammengeschlossen.
Diese Meliorationsgenossenschaft, vertreten durch den Vorsitzenden, den derzeitigen Bürgermeister
Westphal, kaufte am 9. März 1896 die Stadtmühle mit dazu gehörigen 18 ha Land zum
Gesamtpreise von 135.000 Mark von ihrem Besitzer Hildebrandt. Die Wehr wurden entfernt und dadurch der
Wasserspiegel oberhalb der Mühle, einschließlich des Stadtsees, der Wiesen am Wutziger und
Gramsfelder Fließ automatisch um ca. 1,50 m gesenkt. Die Wiesen gewannen dadurch erheblich an Wert,
die Mühlen unterhalb der Stadt hatten jetzt besseres Mahlwasser, doch die Stadtmühle, die
über 600 Jahre bestanden, sie war das Opfer dieser Kultur geworden.