Mit dem Rad durchs Lebuser Land
Rad- und Wandertour der guten Nachbarschaft vom 21. 28. Juni 2003.
Aus: Heimatblatt der ehem. Kirchengemeinden Landsberg/Warthe Nr. 27
Organ der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg/Warthe
Stadt und Land e.V., Garzweg 25, 32602 Vlotho,
Dezember 2003, Seite 6770 von CHRISTIANE REINECKE (Hannover).
Die kleinen webgerechten Zwischentitel, Abbildungen, Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier
redaktionell hinzugefügt worden.
[
Quelle]
Diese Veranstaltung ist in zweifacher Hinsicht bedeutungsvoll: Zum zehnten Mal jähren sich die
Rad- und Wandertouren der guten Nachbarschaft. Ich bin nun das dritte Mal dabei. Das Lebuser
Land wurde von der Naturfreunde Internationale zur Landschaft des Jahres erklärt. Mich
hat das gereizt und obwohl viele Kilometer angesagt waren, habe ich mich entschlossen noch einmal
mitzufahren.
Der Veranstalter ist das Wojewodschaftsamt für Kultur und Sport in Landsberg, Gorzów Wlkp.
Am 20. Juni bin ich um 9.21 Uhr in Hannover in Richtung Cottbus per Zug, aber mit meinem Fahrrad
gestartet. Das Wetter war gut, und ich fuhr über Berlin-Zoo mit ein paar kleinen Umwegen, wegen
Gleisbauarbeiten, und war am Nachmittag in Cottbus, wo mich Renate, mit der ich schon dreimal zusammen
war, vom Bahnhof abholte. Wir haben einen ruhigen und schönen Nachmittag verlebt und sind am
nächsten Morgen um 5.3O Uhr nach Berlin gefahren, um in Lichtenberg auf die Gruppe nach Küstrin
zu stoßen. Mit dem Wochenendticket (28 Euro) sind wir dann mit 5 Personen über die Oder nach
Küstrin.
Circa 42 Personen, meist aus dem Berliner Raum. Dazu kamen dann noch 9 polnische Freunde, die alles
organisiert hatten. In
Küstrin wurden wir von den polnischen Freunden in Empfang genommen und
in 5 Gruppen nach Leistung eingeteilt. Um 11 Uhr sind wir gestartet. Jede Gruppe wurde von einem
polnische Piloten angeführt und außerdem fuhren noch Begleitfahrzeuge mit, so das man auch die
Möglichkeit hatte, wenn man nicht mehr radeln wollte, auf das Auto umzusteigen.
|
Von Küstrin nach Königsberg |
In meiner Gruppe waren wir mit dem Piloten 14 Personen, also konnte gar nichts schief gehen. Eine
kräftige Briese wehte uns entgegen und wir mussten ganz schön strampeln. Gleich hinter
Schaumburg durchfuhren wir eine sehr schöne Allee in Richtung
Neumühl. Der
Baumbewuchs wurde dichter und die Landschaft welliger. In
Güstebiese bis
Zäckerick erinnert vieles noch an die Schlacht um den Flussübergang 1945 und es gibt
dort einen großen Soldatenfriedhof.
Der Wind hält uns weiterhin stark umfangen, nach einer kleinen Abkürzung durch den Wald,
erreichen wir durch die Lücke der Stadtmauer am ehemaligen Mühlentor den schönen Ort
Mohrin. Hier machen wir eine kurze Rast und sehen einen schönen großen See, hier
könnte man sich gut erholen. Durch das Seetor verlassen wir die Stadt und fahren weiter in Richtung
Königsberg/Neumark.
Wir sind im Hotel Rolsped untergebracht und teilen uns zu viert das Zimmer. Unser Abendbrot nehmen wir in
einem Restaurant im Ort ein. Wir lernen uns so langsam kennen. Für mich gibt es einige vertraute
Gesichter. Heute sind wir 77 km geradelt.
|
Von Königsberg nach Soldin |
22. Juni. Im gleichen Restaurant aßen wir auch Frühstück, bekamen einen Picknickbeutel
und um 9 Uhr sind wir von dort direkt gestartet. Die Stadt machte auf mich einen traurigen Eindruck, sie
muss 1945 sehr zerstört gewesen sein. Die Marienkirche wird zur Zeit restauriert. Wir fuhren vorbei
am Schwedter Tor und am reich verzierten Rathaus und verließen die historische Stadt durch das
Bernickower Tor in Richtung
Bad Schönfließ.
Dort wurde auf dem Marktplatz eine große Pause eingelegt. Nur wenige Meter von der Kirche entfernt
kommt man zur Seepromenade entlang der Stadtmauer. Noch heute steht unverändert dort das alte
Kurhaus. Mein Großvater war hier oft zur Kur und wir haben ihn hier besucht.
Es hat mich doch sehr stark bewegt, als wir dieses Haus besichtigen durften. Alles ziemlich
unverändert. Heute wohnen dort ältere Menschen. Wir wurden überall sehr liebevoll
begrüßt. Das Rathaus ist sehenswert und der Ort macht einen sehr guten Eindruck. Durch das
Soldiner Tor haben wir dann die Stadt verlassen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele schöne Tore
die kleinen Städte mit ihren Mauern umschließen.
Nach
Stolzenfelde und
Pätzig wird die Landschaft wieder waldreicher und einsamer. Das
Gelände ist hügeliger und wir kommen nach
Rostin. Hier führt uns Jörg
Lüderitz an sein Elternhaus, eine ehemalige Schule, sein Vater war hier Lehrer und zeigte uns den im
Wald versteckten Klickstein. Das Wetter zeigt sich von einer sehr guten Seite und unsere Gruppe ist
wirklich gut. Jörg kann uns viel von dieser Gegend erzählen.
Am Nachmittag erreichen wir
Soldin und sitzen lange auf dem Marktplatz bei Kaffee und anderen
Erfrischungen. Wir besuchen das ehemalige Dominikaner- Kloster, heute Kulturhaus und Bibliothek. Die
Stadt hat viele schöne, bemerkenswerte Plätze. Unsere Unterkunft ist heute in einem Internat
einer Berufsschule. Heute sind wir zu dritt. Nach dem Abendessen spazieren wir durch die Stadt und sitzen
in einem Biergarten am Soldiner See. Wieder geht ein schöner und interessanter Tag zu Ende, wir sind
54 km geradelt.
|
Von Soldin über Friedeberg nach Dolgen |
23. Juni. Wir hatten ein sehr gutes Frühstück und sind wie immer um 9 Uhr gestartet. Die
Stimmung ist gut. Durch das Pyritzer Tor verlassen wir Soldin in Richtung
Lippehne, eine kleine
Stadt, man fährt durch das Tor und kommt zum Marktplatz, vor dem reizvollen Rathaus machen wir eine
kleine Rast. Weiter geht die Fahrt in Richtung
Berlinchen über einige Steigungen erreichen
wir die hübsche Stadt, direkt am See gelegen. Der Marktplatz ist wiederum eine günstige
Gelegenheit für eine Pause. Hier am beliebten Gänseliesel-Brunnen werden Bilder gemacht und ich
kaufe mir mit Hilfe von unserem Piloten Wodeck ein Paar neue Fahrradhandschuhe.
| |
|
|
Der Liebsee malerischer See bei Dolgen, der zum Baden einlädt.
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol98) |
|
Auf einem schönen Weg, direkt am See entlang verlassen wir diesen schönen Ort und fahren nun in
Richtung
Friedeberg. Es wird immer hügeliger. Überall in der Landschaft die schönen
Seen, wir hatten noch keine Gelegenheit zum Baden. Durch die Stadt gefahren. Hier stößt man
auf die alte Reichsstraße 1. Reizvoll ist eine Rundfahrt entlang der Stadtmauer. Weiter geht es
über
Lichtenow nach
Dolgen unserem nächsten Quartier.
Das Ferienlager machte einen sehr neuen Eindruck. Wir waren wieder zu dritt. Ein Spaziergang führte
uns an den großen
Dolgensee, auch da wurden viele Erinnerungen geweckt. Mein Vetter, Dieter
Bräuninger, hat mir oft von Zeltlagern am Dolgensee erzählt. Ein See mit einem sehr
großen Strand, die Stimmung gegen Abend war durch die Lichtverhältnisse einmalig schön.
Am Abend fand ein Grillfest statt, dass uns die polnischen Freunde ausgerichtet haben. Es wurde aber
durch ein Gewitter jäh unterbrochen. Heute sind wir insgesamt 73 km geradelt.
|
Von Dolgen über Woldenberg nach Landsberg |
24. Juni. Nach einem guten Frühstück wurde um 9 Uhr gestartet. Jetzt kennen wir uns schon alle
viel besser und meine Gruppe ist besonders nett. Über
Lauchstädt kommen wir in die alte
Stadt
Woldenberg. Hier befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Gefangenenlager für polnische
Offiziere. Die Baracken kann man heute noch
als Museum besuchen.
Bergab geht die Fahrt ins
Netzebruch. Auch heute haben wir wieder starken Wind von vorn. Jetzt
fahren wir ziemlich in der Ebene durch kleine Orte und in
Gurkow fahren wir durch den Wald, ein
sehr schöner, allerdings sandiger Weg über die Zanze bis nach
Zantoch und nun weiter auf
der Straße der Störche über
Zechow nach
Landsberg. Jetzt kommen wir in
vertraute Gefilde, der Straßenverkehr ist erheblich und wir erreichen unser Hotel Azyl
in der ehemaligen Strantz-Kaserne. Hier trafen wir auf viele Profiradler, die bei der Vorbereitung zu
einem Rennen durch die Stadt waren. Heute sind wir 74 km geradelt, und es war schön.
Abends haben wir dann in einer kleinen Gruppe noch einen kleinen Stadtgang gemacht. Am Hexenbrunnen haben
wir sehr gemütlich draußen bei einem Bier gesessen. Ich konnte nun meiner Gruppe zeigen, wo
ich gewohnt habe und zur Schule gegangen bin. Allerdings ist der Molkteplatz doch sehr verändert. Es
hat mich doch wieder stark ergriffen. In dieser Stadt sind doch wirklich meine Wurzeln. Ich habe ja bis
Juni 1945 in der Röstelstraße 3 gewohnt.
|
Von Landsberg über Schwerin nach Tiefsee |
25. Juni. Um 11 Uhr waren wir heute in der Wojewodschaft zu einer kleinen Feierstunde eingeladen.
Anwesend war der Vizestadtpräsident. Die Rad- und Wandertouren der guten Nachbarschaft jähren
sich zum 10. Mal. Einige Radler, die bei allen Touren dabei waren, wurden ausgezeichnet. Eine gute und
herzliche Atmosphäre.
Anschließend war eine Stadtführung, die Arthur, ein polnischer Deutschlehrer mit uns machte.
Durch den Quilitzpark zur Schanze, dann in die Altstadt und später noch zur Kathedrale. Der
Nachmittag stand dann zur freien Verfügung. Ich habe mich mit Freunden aus der Gruppe an der
Warthe aufgehalten und am Markt sehr gemütlich Kaffee getrunken. Abendessen war immer um 18
Uhr und anschließend sind wir noch einmal in die Stadt, über den Bahnhof in die Innenstadt.
Viele vertraute Gebäude sind immer noch im Stadtbild zu sehen. Im Stadtpark wurden gerade Wege
erneuert. Mir war vollkommen neu, dass Landsberg die Parkstadt des Ostens ist. Aber die auf 7 Hügeln
gebaute Stadt hat ja auch sehr viel Grün.
| |
|
|
Schwerin/Warthe Am Eingang zum Notecka-Forest. Für einen Besuch dieses riesigen Urwalds war
bei dieser Radtour allerdings keine Zeit.
(Repro: 2006 khd) |
|
In der Kaserne habe ich gut geschlafen und vor dem Frühstück noch einen Rundgang gemacht, dabei
erinnerte ich mich an den Tag der Wehrmacht. Um 9 Uhr ging es weiter, erst einmal in Richtung
Zantoch, wir überquerten auf einer neuen Brücke die Netze, die ja hier in die Warthe
fließt. In
Pollychen erlebt man noch einmal die Weite der Bruchlandschaft. Ab und zu ist
rechts die Warthe zu sehen. Jetzt erreichen wir
Schwerin/Warthe und stehen auf dem Marktplatz vor
dem neoklassizistischen Rathaus, gegenüber kommt man zur alten Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert.
Der Ort macht auf mich einen traurigen Eindruck, hier muss der Krieg auch seine Spuren hinterlassen
haben.
Wir haben eine Pause und sitzen an der Warthe im Gras und essen, was unsere Tüte hergibt. Wir
verlassen die Stadt auf einer Hauptverkehrsstraße in Richtung Posen, die wir aber bald mit einer
Abkürzung durch die Landschaft verlassen konnten. Der Verkehr war unerträglich. Es geht
über
Rokitten in Richtung
Meseritz. Unser heutiges Quartier ist in Glebokie
(
Tiefsee) an einem sehr schönen See gelegen. Heute sind wir zu 4. untergebracht und vor dem
Abendessen wurde erst einmal gebadet. Wir sind nur 66 km geradelt. Nach dem Essen konnten wir noch lange
draußen sitzen, ohne von den Mücken geplagt zu werden. Ein sehr schöner Abend am See.
|
Von Tiefsee nach Königswalde |
27. Juni. Morgens ein schönes Bad vor dem Frühstück. Um 9 Uhr ging es weiter. Wir fahren
durch
Meseritz am Flusslauf der Obra, vorbei am Rathaus, dahinter eine Kirche die nach Plänen
von Karl Friedrich Schinkel gebaut wurde. Sehr viel Verkehr und wir waren froh, als wir wieder in der
Landschaft waren. Über
Nipter nach
Paradies, hier besuchen wir ein ehemaliges
Ziesterzienserkloster, allerdings ohne Führung.
Eine sehr gepflegte Anlage. Die Landschaft ist sehr hügelig. Auf der nächsten Anhöhe sehen
wir Panzersperren aus Beton, den sogenannten Ostwall, der im Oder-Warthe-Bogen von deutscher Seite gegen
polnische Angriffe angelegt wurde. Im Sommer können die unterirdischen Gänge besucht werden. Im
Winter haben 10.000 Fledermäuse hier ihr Quartier. Es ist eines der größten
Naturschutzgebiete für 12 Arten dieser Tiere in Europa. Diese militärische Anlage ist nie zum
Einsatz gekommen.
Danach wird bergab gefahren auf das schön am See gelegene
Hochwalde, weiter über
Burschen,
Langenpfuhl bis nach
Königswalde. Hier haben wir erst einmal ganz
gemütlich auf dem Markt Kaffee getrunken und den schönen und leckeren Kuchen gegessen. Wir
wohnen in einem Camp, fahren an einem Reiterhof vorbei und dem Schloss. Unten erwartet uns ein
schöner See.
Auf dem Markt ist eine sehr schöne Brunnenfigur, die Königin des Waldes. Die Lage des Ortes und
die Seenlandschaft ist einfach wundervoll. Natürlich haben wir hier gebadet und nach dem Abendessen
noch einen schönen Spaziergang gemacht. Wir sind 69 km geradelt. Nach dem Kaffee hatten wir ein
Gewitter, aber danach war die Luft wunderbar. Jetzt neigt sich die Tour dem Ende zu und wir erhalten
heute unsere Urkunde und haben noch ein gemütliches Beisammensein.
|
Von Tiefsee über Slubice nach Frankfurt |
28. Juni. Am nächsten Morgen haben Christine, Helga und ich um 6.30 Uhr ein schönes Bad
genommen, der Nebel lag noch über dem See und die Sonne löste ihn auf. Es war eine tolle
Stimmung. Heute sind wir etwas früher aufgebrochen, es war schon die Aufbruchstimmung. In unserer
Gruppe waren: Jürgen Sieminski, Renate Scheffler, Rosanna Schwandt, Wilfried Platzek, Friedrun und
Wilfried Köhn, Erhard Köhn, Helga Dunger, Christine Peisker, Erika und Bernd Rodewoldt,
Jörg Lüderitz und ich. Wir haben uns alle gut verstanden und hatten in der 5. Gruppe auch eine
sehr gute Stimmung. Die anderen Gruppen waren mehr auf Leistung aus.
| |
|
|
Blick auf Slubice von der Brücke über die Oder nach Frankfurt.
(Foto: 2007 Internet) |
|
Es geht über
Zielenzig. Dort wurde auf dem Markt eine schöne Rast eingelegt und in
Reppen dann eine Mittagspause. Die Fahrt war gut im hügeligen Gelände. Mir kam es vor,
als radelten wir mehr bergab. Jetzt das letzte polnische Dorf Kunowice,
Kunersdorf, bekannt durch
die blutige Schlacht im Siebenjährigen Krieg und dann
Slubice,
Frankfurt.
Heute haben wir noch einmal 73 km zurückgelegt. Um 14.3O nahmen wir unser Gepäck in Empfang,
Verabschiedung von den polnischen Freunden und um 15.56 ging unser Zug mit dem Wochenendticket, also 5
Personen in Richtung Magdeburg. Von Jürgen, Wilfried, Rosanna und Frank musste ich mich schon in
Berlin verabschieden. Ich selbst musste noch einmal in Magdeburg, Braunschweig umsteigen und war dann
kurz nach 22 Uhr zu Hause in Hannover. Angefüllt mit schönen Erlebnissen und großer
Dankbarkeit.
Woher stammen die Näpfchen am Südeingang der Kirche?
Von Dr. MARTIN SCHENK, Woldenberg
1
2
Dem aufmerksamen Beobachter ist es gewiß aufgefallen [Ed-2009: und es ist noch
heute in Dobiegniew zu sehen], daß sich zu beiden Seiten des
Südeingangs der Woldenberger Kirche näpfchenähnliche Vertiefungen von verschiedener
Größe befinden. Sie sind ganz regellos über die Ziegel verstreut, schwanken im
Durchmesser zwischen 2 und 5 Zentimeter, sind aber nie höher als ein normal gewachsener Mann mit
ausgestrecktem Arme reichen kann. Meist beginnen sie etwa einen Meter über dem Erdboden. Wie sind
diese Vertiefungen wohl entstanden?
Es sei vorweggegriffen, daß sich solche Vertiefungen an vielen Kirchen der Mark befinden, auch in
Süddeutschland hat man sie gefunden. In Müncheberg zum Beispiel wurden über 250
Näpfchen gezählt. Daneben fand man auch längliche Rillen, deren Deutung uns aber, da sie
hier nicht vorhanden sind, nicht interessiert.
3
Im Volksmunde ist man mit der Erklärung schnell bei der Hand. Man führt die Näpfchen auf
Geschosse zurück, die von den Höhen jenseits des Fließes in die Stadt flogen. Oder man
behauptet, es seien Merkzeichen der Maurer. Daß beides nicht richtig sein kann, wird jeder nach
einigem Nachdenken selbst bestätigen.
Am meisten vertreten ist die Meinung, die Vertiefungen seien unter dem Murmeln von Gebeten durch
fortwährendes Drehen des Daumens entstanden. Dagegen spricht die Regelmäßigkeit der
Rundung. Wie soll wohl durch den länglichen Daumen, der beim Drehen zudem immer nach unten
drücken würde, solch ein genau kreisrundes, formschönes Näpfchen entstehen?
|
|
Löcher in Mauersteinen der Woldenberger Kirche. Welche Bedeutung haben sie? Des Rätsels
Lösung versucht sich Heimatforscher Dr. Schenk aus Woldenberg zu nähern.
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-holes.jpg)
|
Eine andere Deutung wieder ist die, daß ein mit Zunder umwickelter Holzstab in schnellste Drehung
versetzt und damit Feuer entfacht wurde. Das könnte wohl für all die Vertiefungen zutreffen,
die in Brusthöhe liegen. Wer wird sich aber diese sowieso schon reichlich unbequeme Art des
Feuermachens noch dadurch erschweren, daß er den Stab hoch über den Kopf hält!
Außerdem sind einige Näpfchen so groß, daß Kartätschenkugeln hineinpassen
könnten. Zum Feuerreiben hat man solche dicken Hölzer sicher nicht gebraucht. Diese
Erklärungen halten also alle nicht Stich.
Näher kommen wir wohl der Wahrheit, wenn wir die Näpfchen als Ausflüsse und Zeichen des
Aberglaubens auffassen, der ja im Mittelalter besonders ausgeprägt war. Schon ihr haufenweises
Auftreten am Südportal und nur hier muß uns stutzig machen.
Aber auch da gehen die Meinungen sofort auseinander. Die einen meinen, es seien Totenzeichen, die
anderen, es seien Marken für neugeborene Kinder. In diesen Fällen müßten sie aber
als ein allgemeiner und weitverbreiterter Brauch doch viel, viel häufiger auftreten, als es in
Wirklichkeit der Fall ist.
Auch als Liebeszauber werden die Näpfchen ausgegeben. Vielleicht hat man das ausgebohrte Ziegelmehl
zu Tränken heilsamer Art verwendet. Die Quacksalberei stand, bedingt durch den Aberglauben, im
Mittelalter in hoher Blüte. Sofern nur etwas einen geheimnisvollen Anstrich hatte, gewann es die
Herzen der Kleingläubigen sofort. Und dazu war das Mehl der Kirchenmauer, mit einem Löffelstiel
um Mitternacht an der Südseite geschabt, eben recht. Wäre dies so, dann hätte man den
Löffel wie einen Quirl zwischen den Händen drehen müssen. Was ist aber das
Nächstliegende? Man bewegt den Stiel schabend von oben nach unten, oder von rechts nach links und
hält die linke Hand zum Auffangen des Staubes darunter. Nie gäbe es dabei diese stets
gleichrunden Näpfchen.
Am meisten für sich hat die Deutung, wonach die Rundmarken durch Pilger entstanden sind, die ihre
Münzen durch stetes Drehen an den Steinen der Mauer weihen wollten. Vielleicht ist mit den
Näpfchen aber auch irgendeine Kirchenbuße verknüpft.
Jedenfalls ist man bis heute zu einer sicheren Deutung dieser Marken nicht gekommen. Wahrscheinlich ist
nur, daß sie aus dem frühen Mittelalter stammen, also aus der Zeit vor der Reformation
[Ed-2009: und die erfolgte in der Neumark ab
Mitte des 16. Jahrhunderts].
1)
Dr. Martin Schenk war Zahnarzt in
Woldenberg und Heimatforscher. In den 1950er- und 1960er-Jahren hat er mindestens zweimal Woldenberg in
der Nachkriegszeit bereist. Die meisten Fotos vom zerstörten Woldenberg in der
Dobiegniew-Galerie 2 sind bei diesen
Reisen entstanden.
2)
Unklar ist derzeit, wann Dr. Schenk diesen Text aufschrieb. Vermutlich war das schon vor 1945.
3)
Karl Walter Eitelmann: Das Geheimnis der Wetzrillen und Näpfchen.
Eine Reise nach Woldenberg 1968
Von Dr. MARTIN SCHENK, Berlin
1
Aus: Erstveröffentlichung Anfang Mai 2009 eines Briefes vom 28.11.1968 aus dem Nachlaß meiner
Verwandten. Anmerkungen in [...], Zwischentitel und Links (meist zu alten Fotos) wurden hier zum besseren
Verständnis redaktionell hinzugefügt.
E ines wird Sie gewiß sehr interessieren, daß wir vom 5. bis 7. Oktober [1968] in
Woldenberg waren, und zwar mit unserem Auto. Wir fuhren über Frankfurt, Küstrin, Vietz,
Landsberg, Friedeberg dorthin.
Frankfurt ist hübsch wieder aufgebaut, auch Landsberg, wo man keine Schäden mehr sieht.
Friedeberg ist ähnlich zerstört wie Woldenberg. Es ist aber eine Umgehungsstraße um das
Driesener Tor herumgeführt, an der neue Geschäftshäuser entstehen. Dolgen ist nicht mehr,
auch der
Freischütz ist in der
alten Form verschwunden. Dafür sind dort Verwaltungsgebäude aufgebaut. Von den alten Linden
steht eine noch. Aber überall an den Hängen stehen hübsche Bungalows, und auch der Strand
ist tadellos in Ordnung und eingezäunt. (Driesen ist völlig erhalten).
Im Bahnhofsviertel
Wenn man sich nun Woldenberg nähert, sieht zunächst alles aus wie einst: Das Gefangenen-Lager,
das Gehege, auch der Bahnhof. Der
Sportplatz ist erhalten, aber eingezäunt mit Zementplatten und ohne jedes Gebäude. Der Bahnhof
ist hübscher als in deutscher Zeit. Bei Grewatsch [Eisenbahnstraße] ist jetzt die Apotheke,
bei [Rechtsanwalt] Dr. Bittner der Zahnarzt, in einer Ahnefeldschen Villa [Bahnhofstraße] das
Ambulatorium, in der Oberpfarre in der Wutziger Straße wohnt der Arzt.
In meinem Haus [Wutziger Straße] ist jetzt eine Kindertageskrippe mit etwa 50 Kindern, daher ist es
auch leidlich erhalten. Aber sonst ist alles ziemlich verloddert, besonders am Galgenberg. Man hat den
Eindruck, die Regierung müht sich ab, baut neue Häuser und hält auch die Straßen
tadellos in Ordnung, aber das Volk ist gar zu saumselig es macht einfach nicht mit [Ed-2009: Kein
Wunder, die waren sich damals wg. der ungeklärten Oder-Neiße- Grenzfrage nicht sicher, ob sie
in Dobiegniew auf Dauer bleiben werden].
Polen sehnen sich nach dem Westen
Es sind Wolhynier [Ed: das paßt,
Wolhynier kamen nach
Woldenberg...], die selber ihre Heimat
verloren haben, und die recht deutschfreundlich sind. Einer empfing mich bei Seyfert, wo jetzt ein
Gasthof ist, mit Sieg Heil! und sang ein deutsches Soldatenlied. Ein anderer sagte dort auf
Polnisch zu mir: Drüben bei Euch ist alles so schön, hier ist alles besch...! Am
liebsten kämen sie zu uns rüber [Ed-2009: was dann ja am 1. Mai 2004 mit dem
EU-Beitritt Polens Wirklichkeit wurde].
Wir sprachen mit Frau Lampkowski, die jetzt früher im kleinen Rittergut in einem der 3
Häuser in der Junkerstraße wohnt. Ihr geht es noch verhältnismäßig gut, denn
sie hat sogar einen Fernseher. Die würde so gerne rüberziehen, aber ihre ganze Verwandtschaft
ist doch polnisch. Sie fiel uns buchstäblich um den Hals. Auch Frau Gunny sprachen wir, und
schenkten ihr einige alte Kleider, die fing an zu weinen vor Freude. Sie wohnt jetzt in Wolgast.
Neues an der Richtstraße
Auf dem Altermannschen Grundstück wird jetzt ein Geschäftshaus gebaut. Neben Aulich, etwa wo
Gärtner Hemuth wohnte [Am Hohen Tore], entsteht eine Gaststätte. Die neue Schule (soll von
gefangenen polnischen Offizieren gebaut sein, zur Erinnerung an ihre Zeit) ist etwa bei Klaus
[Richtstraße], aber etwas weiter zurück. Ein Wohnhaus entsteht bei Joseph etwa, auch
zurück[gesetzt], so daß die neue Richtstraße breiter wird.
| |
|
|
Die Kirche in Dobiegniew 2005 Es ist die restaurierte Woldenberger Kirche mit dem markanten
Kirchturm, in dem der Woldenberger Maurerermeister Bosold bis zum 24. Mai 1857 um die 600.000 Backsteine
verbaut hat.
(Foto: 21.6.2005 bredwolf-Wol36)
|
|
Im Amtsgericht [Bahnhofstraße] hat man eine Schule eingerichtet, und die Kinder sehen alle sehr
nett aus, mit ihren gleichmäßigen blauen Kleidchen und Anzügchen mit den weißen
Krägelchen.
Die Kirche schön wie eh und je
Die Kirche ist wieder gut in Schuß mit ihrem schönen Geläut [Ed: es sind noch
immer die gleichen Glocken, die um 1920
eingeweiht worden sind]. Drei Pfarrer sind da für den Gottesdienst. Auch die bunten Fenster sind
ganz erhalten. Leider fehlt der überdachte Altar und die Kanzel. Dafür stehen Prozessionsfahnen
an der Seite. Das
Kriegerdenkmal von
1870 [vor der Kirche] hat jetzt oben ein Kreuz und die Inschriften sind abgemeißelt, aber es
steht noch an der alten Stelle.
Alte Friedhöfe werden Parks
Der Katzensteg [an der nördlichen Bahndammseite] ist ganz verschwunden, aber das Tälchen, der
Alte Schützenplatz liegt da,
so lieblich wie einst. Von
Ziebarth ist
nur die zementene Tanzplatte erhalten und die hohen Kastanien. Auf den Alten Friedhöfen sind
überall Bänke aufgestellt. Auf unserem Neuen Friedhof ist der Taxus weg, auch die Tafeln an der
Mauer sind abgenommen und wohl zu neuem Zwecke gebraucht worden. Doch fanden wir noch meines Vaters Grab,
da es einen Stein hat. Und genau an seinem 100. Geburtstag stand ich an der Stelle, wo er vor 43 Jahren
begraben wurde.
Die Polen bestatten jetzt ihre Toten entlang der Bahn. Unser Neuer Friedhof wird wohl langsam auch zu
einem Park gestaltet, denn die Bäume dort sind hoch und breit geworden. Die
Eisenbahnbrücke im Zuge der
Schlanower Straße ist in Ordnung. Auch die Häuser jenseits der Bahnlinie stehen alle noch, bis
auf Dr. Friedrichs Haus. Woldenberg [Dobiegniew] soll jetzt etwa 3.000 Einwohner haben. Die
Gemeinde-Verwaltung ist in dem ehemaligen Wehrbezirkskommando zu finden.
Wir waren auch in Wutzig und Hermsdorf und halb nach Hochzeit raus, da nieder steht alles noch, bis auf
den Gasthof von Stenmanns. Ach, und die herrlichen alten Alleen! Was uns so heiterte, waren die
unmöglichen Hunderassen, die überall herumlaufen und sicher einen gemeinsamen Stammvater haben:
Hinten höher als vorne und am Kopfe mit Fledermausohren. Auf den Straßen laufen Gänse und
Ziegen herum, da wenig Autoverkehr ist.
Am See und Fließ
Die Brücken übers Fließ
sind alle weg, doch ist noch die Seepromenade da. Nur der
Steingarten ist verschwunden. Auch die Badeanstalt in der alten Form ist weg, doch ist
der Strand eingezäunt, und es ist ein Kassenhäuschen da und ein geneuertes Clo sowie auch ein
überdachtes Bootshäuschen.
[Das Haus von] Schaede [in der Friedeberger Straße] stand noch, und ich glaube auch, das Haus, in
dem Sie gewohnt haben. Auf dem Galgenberg ist nun ein großer Schuppen gebaut, ebenso am Bahnhof am
Galgenberg. Ernst Prochnows Hotel ist nun völlig ausgebaut und hat auch noch Nebengebäude
erhalten. Was drin ist jetzt, weiß ich aber nicht, jedenfalls kein Hotel mehr. Das Kino [in der
Bahnhofstraße] schien noch in Betrieb zu sein. Oben, wo Langes wohnten, ist nun ein kleines Hotel
eingerichtet, wo wir auch geschlafen haben. Es war verhältnismäßig sauber, bis auf das
Clo!
Noch immer keine Wasserleitung
Gegenüber, Bahnhofstraße 8, wo ich mal gewohnt habe, sowie Grünwalds Haus ist
verschwunden. Dafür sind die Grundstücke hübsch eingezäunt und mit Rasen und
Blumenrabatten versehen. Vor jedem 10. Haus steht eine Pumpe, grün angestrichen [Ed: auch in
Dobiegniew gibt es noch immer keine Wasserleitung...].