Woldenberg (Neumark)   —  Dies & Das – Teil 3 khd
Stand:  1.6.2013   (68. Ed.)  –  File: WBG/Ex/Woldenberg_Dies&Das_03.html



Woldenberg Diese Seite ist Teil eines Woldenberg-Reports. Woldenberg – heute das polnische Dobiegniew – war bis 1945 eine kleine Stadt in der Neumark (Nm), dem damals östlichsten Teil der Mark Brandenburg. Zwar wurde zum 1. Oktober 1938 der Landkreis Friedeberg/Nm mit Woldenberg der Provinz Pommern (Pm) zugeschlagen, dennoch fühlten sich die Einwohner weiterhin als Neumärker. Seit 1945 gehört Woldenberg/Pm zu Polen. [Geschichte Woldenbergs]

   
  W o l d e n b e r g
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
 
Auf den „Dies & Das“-Seiten sind kleine Geschichten und Fakten aus der Geschichte der Kleinstadt Woldenberg sowie der Neumark dokumentiert. Sie stammen aus verschiedenen Quellen, die jeweils angegeben sind. [Translation-Service]

I n d e x :


Neumark — Eine Radtour 2003


Mit dem Rad durchs Lebuser Land

Rad- und Wandertour der guten Nachbarschaft vom 21. – 28. Juni 2003.

Aus: Heimatblatt der ehem. Kirchengemeinden Landsberg/Warthe – Nr. 27 – Organ der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg/Warthe Stadt und Land e.V., Garzweg 25, 32602 Vlotho, Dezember 2003, Seite 67–70 von CHRISTIANE REINECKE (Hannover). Die kleinen webgerechten Zwischentitel, Abbildungen, Links und Anmerkungen [Ed: ...] sind hier redaktionell hinzugefügt worden. [Quelle]



      Diese Veranstaltung ist in zweifacher Hinsicht bedeutungsvoll: Zum zehnten Mal jähren sich die „Rad- und Wandertouren der guten Nachbarschaft“. Ich bin nun das dritte Mal dabei. Das Lebuser Land wurde von der „Naturfreunde Internationale“ zur Landschaft des Jahres erklärt. Mich hat das gereizt und obwohl viele Kilometer angesagt waren, habe ich mich entschlossen noch einmal mitzufahren.

      Der Veranstalter ist das Wojewodschaftsamt für Kultur und Sport in Landsberg, Gorzów Wlkp.

Die Tour startet

      Am 20. Juni bin ich um 9.21 Uhr in Hannover in Richtung Cottbus per Zug, aber mit meinem Fahrrad gestartet. Das Wetter war gut, und ich fuhr über Berlin-Zoo mit ein paar kleinen Umwegen, wegen Gleisbauarbeiten, und war am Nachmittag in Cottbus, wo mich Renate, mit der ich schon dreimal zusammen war, vom Bahnhof abholte. Wir haben einen ruhigen und schönen Nachmittag verlebt und sind am nächsten Morgen um 5.3O Uhr nach Berlin gefahren, um in Lichtenberg auf die Gruppe nach Küstrin zu stoßen. Mit dem Wochenendticket (28 Euro) sind wir dann mit 5 Personen über die Oder nach Küstrin.

      Circa 42 Personen, meist aus dem Berliner Raum. Dazu kamen dann noch 9 polnische Freunde, die alles organisiert hatten. In Küstrin wurden wir von den polnischen Freunden in Empfang genommen und in 5 Gruppen nach Leistung eingeteilt. Um 11 Uhr sind wir gestartet. Jede Gruppe wurde von einem polnische Piloten angeführt und außerdem fuhren noch Begleitfahrzeuge mit, so das man auch die Möglichkeit hatte, wenn man nicht mehr radeln wollte, auf das Auto umzusteigen.

Von Küstrin nach Königsberg

      In meiner Gruppe waren wir mit dem Piloten 14 Personen, also konnte gar nichts schief gehen. Eine kräftige Briese wehte uns entgegen und wir mussten ganz schön strampeln. Gleich hinter Schaumburg durchfuhren wir eine sehr schöne Allee in Richtung Neumühl. Der Baumbewuchs wurde dichter und die Landschaft welliger. In Güstebiese bis Zäckerick erinnert vieles noch an die Schlacht um den Flussübergang 1945 und es gibt dort einen großen Soldatenfriedhof.

      Der Wind hält uns weiterhin stark umfangen, nach einer kleinen Abkürzung durch den Wald, erreichen wir durch die Lücke der Stadtmauer am ehemaligen Mühlentor den schönen Ort Mohrin. Hier machen wir eine kurze Rast und sehen einen schönen großen See, hier könnte man sich gut erholen. Durch das Seetor verlassen wir die Stadt und fahren weiter in Richtung Königsberg/Neumark.

Die weitere Umgebung von Woldenberg/Dobiegniew
^   Das Lebuser Land –  bis 1945 die Neumark (Ost-Brandenburg). Zur leichteren Orientierung sind neben den polnischen Ortsnamen auch die alten deutschen Namen angegeben. Zwar sind in dieser Karte nicht alle Orte der Radtour eingezeichnet, aber dennoch kann die Tour gut auf der Karte verfolgt werden – zumindest bis Schwerin/Warthe.   (Repro+Erg: 2005 – khd)

      Wir sind im Hotel Rolsped untergebracht und teilen uns zu viert das Zimmer. Unser Abendbrot nehmen wir in einem Restaurant im Ort ein. Wir lernen uns so langsam kennen. Für mich gibt es einige vertraute Gesichter. Heute sind wir 77 km geradelt.

Von Königsberg nach Soldin

      22. Juni. Im gleichen Restaurant aßen wir auch Frühstück, bekamen einen Picknickbeutel und um 9 Uhr sind wir von dort direkt gestartet. Die Stadt machte auf mich einen traurigen Eindruck, sie muss 1945 sehr zerstört gewesen sein. Die Marienkirche wird zur Zeit restauriert. Wir fuhren vorbei am Schwedter Tor und am reich verzierten Rathaus und verließen die historische Stadt durch das Bernickower Tor in Richtung Bad Schönfließ.

      Dort wurde auf dem Marktplatz eine große Pause eingelegt. Nur wenige Meter von der Kirche entfernt kommt man zur Seepromenade entlang der Stadtmauer. Noch heute steht unverändert dort das alte Kurhaus. Mein Großvater war hier oft zur Kur und wir haben ihn hier besucht.

      Es hat mich doch sehr stark bewegt, als wir dieses Haus besichtigen durften. Alles ziemlich unverändert. Heute wohnen dort ältere Menschen. Wir wurden überall sehr liebevoll begrüßt. Das Rathaus ist sehenswert und der Ort macht einen sehr guten Eindruck. Durch das Soldiner Tor haben wir dann die Stadt verlassen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele schöne Tore die kleinen Städte mit ihren Mauern umschließen.

      Nach Stolzenfelde und Pätzig wird die Landschaft wieder waldreicher und einsamer. Das Gelände ist hügeliger und wir kommen nach Rostin. Hier führt uns Jörg Lüderitz an sein Elternhaus, eine ehemalige Schule, sein Vater war hier Lehrer und zeigte uns den im Wald versteckten Klickstein. Das Wetter zeigt sich von einer sehr guten Seite und unsere Gruppe ist wirklich gut. Jörg kann uns viel von dieser Gegend erzählen.

      Am Nachmittag erreichen wir Soldin und sitzen lange auf dem Marktplatz bei Kaffee und anderen Erfrischungen. Wir besuchen das ehemalige Dominikaner- Kloster, heute Kulturhaus und Bibliothek. Die Stadt hat viele schöne, bemerkenswerte Plätze. Unsere Unterkunft ist heute in einem Internat einer Berufsschule. Heute sind wir zu dritt. Nach dem Abendessen spazieren wir durch die Stadt und sitzen in einem Biergarten am Soldiner See. Wieder geht ein schöner und interessanter Tag zu Ende, wir sind 54 km geradelt.

Von Soldin über Friedeberg nach Dolgen

      23. Juni. Wir hatten ein sehr gutes Frühstück und sind wie immer um 9 Uhr gestartet. Die Stimmung ist gut. Durch das Pyritzer Tor verlassen wir Soldin in Richtung Lippehne, eine kleine Stadt, man fährt durch das Tor und kommt zum Marktplatz, vor dem reizvollen Rathaus machen wir eine kleine Rast. Weiter geht die Fahrt in Richtung Berlinchen über einige Steigungen erreichen wir die hübsche Stadt, direkt am See gelegen. Der Marktplatz ist wiederum eine günstige Gelegenheit für eine Pause. Hier am beliebten Gänseliesel-Brunnen werden Bilder gemacht und ich kaufe mir mit Hilfe von unserem Piloten Wodeck ein Paar neue Fahrradhandschuhe.

      Der malerische See bei Dolgen
^   Der Liebsee – malerischer See bei Dolgen, der zum Baden einlädt.  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol98)
      Auf einem schönen Weg, direkt am See entlang verlassen wir diesen schönen Ort und fahren nun in Richtung Friedeberg. Es wird immer hügeliger. Überall in der Landschaft die schönen Seen, wir hatten noch keine Gelegenheit zum Baden. Durch die Stadt gefahren. Hier stößt man auf die alte Reichsstraße 1. Reizvoll ist eine Rundfahrt entlang der Stadtmauer. Weiter geht es über Lichtenow nach Dolgen unserem nächsten Quartier.

      Das Ferienlager machte einen sehr neuen Eindruck. Wir waren wieder zu dritt. Ein Spaziergang führte uns an den großen Dolgensee, auch da wurden viele Erinnerungen geweckt. Mein Vetter, Dieter Bräuninger, hat mir oft von Zeltlagern am Dolgensee erzählt. Ein See mit einem sehr großen Strand, die Stimmung gegen Abend war durch die Lichtverhältnisse einmalig schön. Am Abend fand ein Grillfest statt, dass uns die polnischen Freunde ausgerichtet haben. Es wurde aber durch ein Gewitter jäh unterbrochen. Heute sind wir insgesamt 73 km geradelt.

Von Dolgen über Woldenberg nach Landsberg

      24. Juni. Nach einem guten Frühstück wurde um 9 Uhr gestartet. Jetzt kennen wir uns schon alle viel besser und meine Gruppe ist besonders nett. Über Lauchstädt kommen wir in die alte Stadt Woldenberg. Hier befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Gefangenenlager für polnische Offiziere. Die Baracken kann man heute noch
als Museum besuchen.

      Bergab geht die Fahrt ins Netzebruch. Auch heute haben wir wieder starken Wind von vorn. Jetzt fahren wir ziemlich in der Ebene durch kleine Orte und in Gurkow fahren wir durch den Wald, ein sehr schöner, allerdings sandiger Weg über die Zanze bis nach Zantoch und nun weiter auf der Straße der Störche über Zechow nach Landsberg. Jetzt kommen wir in vertraute Gefilde, der Straßenverkehr ist erheblich und wir erreichen unser Hotel „Azyl“ in der ehemaligen Strantz-Kaserne. Hier trafen wir auf viele Profiradler, die bei der Vorbereitung zu einem Rennen durch die Stadt waren. Heute sind wir 74 km geradelt, und es war schön.

      Abends haben wir dann in einer kleinen Gruppe noch einen kleinen Stadtgang gemacht. Am Hexenbrunnen haben wir sehr gemütlich draußen bei einem Bier gesessen. Ich konnte nun meiner Gruppe zeigen, wo ich gewohnt habe und zur Schule gegangen bin. Allerdings ist der Molkteplatz doch sehr verändert. Es hat mich doch wieder stark ergriffen. In dieser Stadt sind doch wirklich meine Wurzeln. Ich habe ja bis Juni 1945 in der Röstelstraße 3 gewohnt.

Von Landsberg über Schwerin nach Tiefsee

      25. Juni. Um 11 Uhr waren wir heute in der Wojewodschaft zu einer kleinen Feierstunde eingeladen. Anwesend war der Vizestadtpräsident. Die Rad- und Wandertouren der guten Nachbarschaft jähren sich zum 10. Mal. Einige Radler, die bei allen Touren dabei waren, wurden ausgezeichnet. Eine gute und herzliche Atmosphäre.

      Anschließend war eine Stadtführung, die Arthur, ein polnischer Deutschlehrer mit uns machte. Durch den Quilitzpark zur Schanze, dann in die Altstadt und später noch zur Kathedrale. Der Nachmittag stand dann zur freien Verfügung. Ich habe mich mit Freunden aus der Gruppe an der Warthe aufgehalten und am Markt sehr gemütlich Kaffee getrunken. Abendessen war immer um 18 Uhr und anschließend sind wir noch einmal in die Stadt, über den Bahnhof in die Innenstadt. Viele vertraute Gebäude sind immer noch im Stadtbild zu sehen. Im Stadtpark wurden gerade Wege erneuert. Mir war vollkommen neu, dass Landsberg die Parkstadt des Ostens ist. Aber die auf 7 Hügeln gebaute Stadt hat ja auch sehr viel Grün.

      Schwerin -- Am Eingang zum Notecka-Forest
^   Schwerin/Warthe – Am Eingang zum Notecka-Forest. Für einen Besuch dieses riesigen Urwalds war bei dieser Radtour allerdings keine Zeit.   (Repro: 2006 – khd)
      In der Kaserne habe ich gut geschlafen und vor dem Frühstück noch einen Rundgang gemacht, dabei erinnerte ich mich an den Tag der Wehrmacht. Um 9 Uhr ging es weiter, erst einmal in Richtung Zantoch, wir überquerten auf einer neuen Brücke die Netze, die ja hier in die Warthe fließt. In Pollychen erlebt man noch einmal die Weite der Bruchlandschaft. Ab und zu ist rechts die Warthe zu sehen. Jetzt erreichen wir Schwerin/Warthe und stehen auf dem Marktplatz vor dem neoklassizistischen Rathaus, gegenüber kommt man zur alten Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert. Der Ort macht auf mich einen traurigen Eindruck, hier muss der Krieg auch seine Spuren hinterlassen haben.

      Wir haben eine Pause und sitzen an der Warthe im Gras und essen, was unsere Tüte hergibt. Wir verlassen die Stadt auf einer Hauptverkehrsstraße in Richtung Posen, die wir aber bald mit einer Abkürzung durch die Landschaft verlassen konnten. Der Verkehr war unerträglich. Es geht über Rokitten in Richtung Meseritz. Unser heutiges Quartier ist in Glebokie (Tiefsee) an einem sehr schönen See gelegen. Heute sind wir zu 4. untergebracht und vor dem Abendessen wurde erst einmal gebadet. Wir sind nur 66 km geradelt. Nach dem Essen konnten wir noch lange draußen sitzen, ohne von den Mücken geplagt zu werden. Ein sehr schöner Abend am See.

Von Tiefsee nach Königswalde

      27. Juni. Morgens ein schönes Bad vor dem Frühstück. Um 9 Uhr ging es weiter. Wir fahren durch Meseritz am Flusslauf der Obra, vorbei am Rathaus, dahinter eine Kirche die nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel gebaut wurde. Sehr viel Verkehr und wir waren froh, als wir wieder in der Landschaft waren. Über Nipter nach Paradies, hier besuchen wir ein ehemaliges Ziesterzienserkloster, allerdings ohne Führung.

      Eine sehr gepflegte Anlage. Die Landschaft ist sehr hügelig. Auf der nächsten Anhöhe sehen wir Panzersperren aus Beton, den sogenannten Ostwall, der im Oder-Warthe-Bogen von deutscher Seite gegen polnische Angriffe angelegt wurde. Im Sommer können die unterirdischen Gänge besucht werden. Im Winter haben 10.000 Fledermäuse hier ihr Quartier. Es ist eines der größten Naturschutzgebiete für 12 Arten dieser Tiere in Europa. Diese militärische Anlage ist nie zum Einsatz gekommen.

      Danach wird bergab gefahren auf das schön am See gelegene Hochwalde, weiter über Burschen, Langenpfuhl bis nach Königswalde. Hier haben wir erst einmal ganz gemütlich auf dem Markt Kaffee getrunken und den schönen und leckeren Kuchen gegessen. Wir wohnen in einem Camp, fahren an einem Reiterhof vorbei und dem Schloss. Unten erwartet uns ein schöner See.

      Auf dem Markt ist eine sehr schöne Brunnenfigur, die Königin des Waldes. Die Lage des Ortes und die Seenlandschaft ist einfach wundervoll. Natürlich haben wir hier gebadet und nach dem Abendessen noch einen schönen Spaziergang gemacht. Wir sind 69 km geradelt. Nach dem Kaffee hatten wir ein Gewitter, aber danach war die Luft wunderbar. Jetzt neigt sich die Tour dem Ende zu und wir erhalten heute unsere Urkunde und haben noch ein gemütliches Beisammensein.

Von Tiefsee über Slubice nach Frankfurt

      28. Juni. Am nächsten Morgen haben Christine, Helga und ich um 6.30 Uhr ein schönes Bad genommen, der Nebel lag noch über dem See und die Sonne löste ihn auf. Es war eine tolle Stimmung. Heute sind wir etwas früher aufgebrochen, es war schon die Aufbruchstimmung. In unserer Gruppe waren: Jürgen Sieminski, Renate Scheffler, Rosanna Schwandt, Wilfried Platzek, Friedrun und Wilfried Köhn, Erhard Köhn, Helga Dunger, Christine Peisker, Erika und Bernd Rodewoldt, Jörg Lüderitz und ich. Wir haben uns alle gut verstanden und hatten in der 5. Gruppe auch eine sehr gute Stimmung. Die anderen Gruppen waren mehr auf Leistung aus.

      Slubice an der Oder 2007
^   Blick auf Slubice von der Brücke über die Oder nach Frankfurt.   (Foto: 2007 – Internet)
      Es geht über Zielenzig. Dort wurde auf dem Markt eine schöne Rast eingelegt und in Reppen dann eine Mittagspause. Die Fahrt war gut im hügeligen Gelände. Mir kam es vor, als radelten wir mehr bergab. Jetzt das letzte polnische Dorf Kunowice, Kunersdorf, bekannt durch die blutige Schlacht im Siebenjährigen Krieg und dann Slubice, Frankfurt.

Eine schöne Tour endet

      Heute haben wir noch einmal 73 km zurückgelegt. Um 14.3O nahmen wir unser Gepäck in Empfang, Verabschiedung von den polnischen Freunden und um 15.56 ging unser Zug mit dem Wochenendticket, also 5 Personen in Richtung Magdeburg. Von Jürgen, Wilfried, Rosanna und Frank musste ich mich schon in Berlin verabschieden. Ich selbst musste noch einmal in Magdeburg, Braunschweig umsteigen und war dann kurz nach 22 Uhr zu Hause in Hannover. Angefüllt mit schönen Erlebnissen und großer Dankbarkeit.


Woldenberg — Die Geistlichkeit


Pfarrer und Diakone
an der ev. Marienkirche
zu Woldenberg in der Neumark


Quellen: Nießen-Chronik + Handschriftliche Überlieferung + andere Dokumente.

 
  D i e   P r e d i g e r  
1473–1476   Martin KOCK, Priester und Parnher zu Woldenberg. 1
1503–1505   Der Parre Herr Jacob GREUER.  
1519   Laurenz BEZEKOW, Parnher.  
1529   Chr. Zacharias RETZE, Parnher.  
1542   Der wertige Herr, Herr Johann SCHUMEKETTEL. Er ist der 1. evangelische Pfarrer zu Woldenberg.  
1553   Herr Jacob WINCKLER.  
1584   Herr Georg INGELSTATIUS.  
 
  D i e   O b e r p f a r r e r  
seit 1621   Joachim SELLIUS, verliert im Alter sein Gesicht, abdiziert, +1659.  
seit 1659   Daniel PAHLENIUS, bisher am Orte Diakonus, +12.Dez.1664.  
seit 1666   Johann GEORGE, in Driesen geboren. War vorher Lehrer an der Küstriner Schule. Seine Stimme war schwach. Die Bürgerschaft war gegen ihn. Er heiratete auf Verlangen des PAHLENIUS Tochter, +12.Jan.1685.  
seit 1686   Magister Christoph THOMASIUS. Er stammt nach der einen Angabe aus Lentzen, nach der anderen aus Lauban. Wahrscheinlich ist er an dem einem der beiden Orte geboren und hat an dem anderem vor seiner Berufung zuletzt gewirkt, +18.Nov.1709. Nach seinem Tode protestierte die Gemeinde gegen die Ernennung des kaltsinnigen Pfarrers von Kölzig, es wird daher berufen:  
ab 1709   Karl KEYSER aus Berlin. Ehe er aber eingeführt wird, stirbt der Inspektor in Arnswalde, und nun wird er in dessen Stelle berufen. Er verwaltete in Woldenberg, ohne daß er eingeführt wäre, das Pfarramt während des Gnadenjahres.  
seit 1711   Gotthilf Friedrich WOLHILENY aus Rörendorf, wo er vorher Rektor war, +1759.
Auf ihn und den gleichzeitigen Diakonus ULFERT respektive auf ihre Vorgänger bezieht sich wohl die Bemerkung des Bürgermeisters Fischer (1739): „Zu meiner Jugendzeit war das Ministerium nicht zum besten bestellt und will ich die Laster der damaligen Herrn Geistlichen mit Stillschweigen übergehen, anitzo [jetzt] aber hat der große Gott die Stadt mit exemplarischen und frommen Predigern versehen.“ Von Wolhilenius im besonderen heißt es: Er habe der Bürgerschaft viel nützliche treue Dienste geleistet und den Gottesdienst auf einen viel besseren guten Fuß gesetzt, daß also ein jeder durch sein Leben und Lehr den Weg zum Himmel wohl finden könne, im widrigen sich selbst die Schuld beimessen darf.
 
seit 1759   Matthäus ULFERT, bisher hier Diakonus, +1779 (79 Jahre alt).  
ab 1779   Ernst Gottlieb CLAUSIUS aus Oberberg. Er war bisher Pfarrer zu Tscherno bei Frankfurt und Säpzig bei Sonnenburg, früher Prediger in Bärwalde, +15.Mai 1791.  
ab 1791   Karl Wilhelm SCHWARZLOS aus Bärwalde. Er war vorher Feldprediger im Regiment von Möllendorf in Königsberg (Neumark).  
seit 1814   Joachim Wilhelm RALL, Dr. phil. aus Berlin. Kreisschulinspektor für den Kreis Friedeberg, seit 1816 auch Superintendent der Diözese, +1819 (56 Jahre alt).  
ab 1821   Gottlieb Heinrich Leopold RIßMANN, geb. 1785 in Glogau. Seit 1811 Diakonus zu Lauban in Niederschlesien, 1815 Feldprediger, geht 1830 als Pfarrer nach Küstrinchen.  
seit 1831   Karl Friedrich RÖSTEL aus Züllichau. 1814 Konrektor in Soldin, 1815 Prediger in Bussow, 1818 zweiter Prediger in Schwiebus, +1844.  
ab 1845   Johann Gottlieb STUMPFF aus Crossen. Er war vorher Pfarrer in Lippehne, +1879.  
seit 1880   Adolf STANKE. Er war vorher in Woldenberg Diakonus, auch Kreisschulinspektor des Bezirkes Friedeberg II.  
nach 1900   In der handschriftlichen Überlieferung sind folgende Namen ohne Zeitangaben notiert: Oberpfarrer WINKELMANN, Superintendent LÖFFLER, Pfarrer RUPPRECHT und Pfarrer HÖHNE.  
Juni 1935   Am 29. und 30. Juni 1935 feierte Woldenberg mit einem großen Festprogramm das 600-jährige Jubiläum der Stadtkirche. Die Festpredigt hielt Probst Eckert aus Berlin. In der gedruckten „Festfolge“ sind die Namen anwesender Geistlicher aufgeführt: ADLOFF (Pfarrer in Woldenberg), DIRKSEN (Superintendent), GRELL (Probst aus Schneidemühl, ein strammer Nazi!), LUCHTERHAND (Pfarrer), NINCKE (Superintendent), RUPPRECHT (Pfarrer in Woldenberg, der wohl bis 1945 wirkte).  
 
  D i e   D i a k o n e  
um 1600   Petrus ROHLEDER, +1630 an der Pest, in der er sich rühmlich als Seelsorger bewährt hatte.  
1631–1638   Petrus COLEWIUS oder CALOW. Er geht als past. prim. [Oberpfarrer] nach Driesen.  
seit 1639   Daniel PALENIUS. Er war vorher hier Rektor und wird 1659 zum Oberpfarrer voziert.  
seit 1659   Joachim RAHN. Als 1685 der Oberprediger GEORGI starb, wollte eine Partei des Rats ihn zum Oberpfarrer berufen, auf Betreiben der anderen Partei aber unterblieb es, +1689.  
seit 1690   Marcus Christian DIBBELIUS. Er war vorher Prediger in Rosenfelde (Pommern), +29.Jun.1732.  
seit 1733   Michael GERBER. Er geht 1735 als Pfarrer nach Lauchstädt.  
seit 1739   Matthäus ULFERT. Er war seit 1725 Prediger in Zatten, nachher in Regenthin und wird 1759 in Woldenberg zum Oberpfarrer voziert.  
seit 1761   Samuel Friedrich BÄRCHMANN, Sohn des Amtsrats aus Marienwalde.  
seit 1795   Johann Friedrich SCHMIDT aus Buckow bei Rathenow, +1819.  
um 1820   Karl Gottlieb GÜNDEL, Dr. phil. aus St. Georgenstadt im Erzgebirge. Er war früher Rektor in Spremberg, dann Konrektor in Landsberg, geht 1824 als Pastor nach Brügge bei Solin.  
um 1835   Karl Benjamin SIEGERT aus Sachsen. Er war früher Rektor in Zahna, dann Pastor in Alt-Friedrichsdorf, zuletzt Pastor in Hohenwalde bei Landsberg, +1864.  
um 1860   Albert STAGE. Er geht 1873 als Oberpfarrer nach Staußberg.  
seit 1874   Adolf STANKE. Er war vorher Rektor in Kyritz und wird 1880 Oberpfarrer.  
1880–1883   Richard BENTZLAFF.  
1883–1887   Fritz KOPPLIN.  
seit 1887   Georg GRUPEN. Er war vorher Lehrer in Stargard, dann Rektor in Kyritz.  
 
  D i e   S u p e r i n t e n d e n t e n  
1916   In Woldenberg wird eine Superintendentur eingerichtet, der Teile der Kirchenkreise Friedeberg und Arnswalde zugeordnet werden.  
1916   Der bisherige Woldenberger Oberpfarrer WINKELMANN wird 1. Superintendent für Teile der Kirchenkreise Friedeberg und Arnswalde.  
1928   2. Superintendent für Teile der Kirchenkreise Friedeberg und Arnswalde wird der spätere Probst der Grenzmark Posen-Westpreußen GRELL, ein ‚strammer Nazi‘.  
1934   Nach der Berufung Grells zum Probst der Grenzmark Posen-Westpreußen wurde kein 3. Superintendent berufen. Bis 1945 (?) wurde dieses Amt vom Friedeberger Superintendenten kommissarisch wahrgenommen. Der Grund ist nicht bekannt.  
 
  1)  Parnher = (Bedeutung folgt).

Woldenberg — Löcher an der Marienkirche


Woher stammen die Näpfchen am Südeingang der Kirche?

Von Dr. MARTIN SCHENK, Woldenberg  1 2

      Dem aufmerksamen Beobachter ist es gewiß aufgefallen [Ed-2009: und es ist noch heute in Dobiegniew zu sehen], daß sich zu beiden Seiten des Südeingangs der Woldenberger Kirche näpfchenähnliche Vertiefungen von verschiedener Größe befinden. Sie sind ganz regellos über die Ziegel verstreut, schwanken im Durchmesser zwischen 2 und 5 Zentimeter, sind aber nie höher als ein normal gewachsener Mann mit ausgestrecktem Arme reichen kann. Meist beginnen sie etwa einen Meter über dem Erdboden. Wie sind diese Vertiefungen wohl entstanden?

      Es sei vorweggegriffen, daß sich solche Vertiefungen an vielen Kirchen der Mark befinden, auch in Süddeutschland hat man sie gefunden. In Müncheberg zum Beispiel wurden über 250 Näpfchen gezählt. Daneben fand man auch längliche Rillen, deren Deutung uns aber, da sie hier nicht vorhanden sind, nicht interessiert. 3

      Im Volksmunde ist man mit der Erklärung schnell bei der Hand. Man führt die Näpfchen auf Geschosse zurück, die von den Höhen jenseits des Fließes in die Stadt flogen. Oder man behauptet, es seien Merkzeichen der Maurer. Daß beides nicht richtig sein kann, wird jeder nach einigem Nachdenken selbst bestätigen.

      Am meisten vertreten ist die Meinung, die Vertiefungen seien unter dem Murmeln von Gebeten durch fortwährendes Drehen des Daumens entstanden. Dagegen spricht die Regelmäßigkeit der Rundung. Wie soll wohl durch den länglichen Daumen, der beim Drehen zudem immer nach unten drücken würde, solch ein genau kreisrundes, formschönes Näpfchen entstehen?

Löcher in der Woldenberger Kirche
^   Löcher in Mauersteinen der Woldenberger Kirche. Welche Bedeutung haben sie? Des Rätsels Lösung versucht sich Heimatforscher Dr. Schenk aus Woldenberg zu nähern.   (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-holes.jpg)

      Eine andere Deutung wieder ist die, daß ein mit Zunder umwickelter Holzstab in schnellste Drehung versetzt und damit Feuer entfacht wurde. Das könnte wohl für all die Vertiefungen zutreffen, die in Brusthöhe liegen. Wer wird sich aber diese sowieso schon reichlich unbequeme Art des Feuermachens noch dadurch erschweren, daß er den Stab hoch über den Kopf hält!

      Außerdem sind einige Näpfchen so groß, daß Kartätschenkugeln hineinpassen könnten. Zum Feuerreiben hat man solche dicken Hölzer sicher nicht gebraucht. Diese Erklärungen halten also alle nicht Stich.

      Näher kommen wir wohl der Wahrheit, wenn wir die Näpfchen als Ausflüsse und Zeichen des Aberglaubens auffassen, der ja im Mittelalter besonders ausgeprägt war. Schon ihr haufenweises Auftreten am Südportal – und nur hier – muß uns stutzig machen. —

      Aber auch da gehen die Meinungen sofort auseinander. Die einen meinen, es seien Totenzeichen, die anderen, es seien Marken für neugeborene Kinder. In diesen Fällen müßten sie aber als ein allgemeiner und weitverbreiterter Brauch doch viel, viel häufiger auftreten, als es in Wirklichkeit der Fall ist.

      Auch als Liebeszauber werden die Näpfchen ausgegeben. Vielleicht hat man das ausgebohrte Ziegelmehl zu Tränken heilsamer Art verwendet. Die Quacksalberei stand, bedingt durch den Aberglauben, im Mittelalter in hoher Blüte. Sofern nur etwas einen geheimnisvollen Anstrich hatte, gewann es die Herzen der Kleingläubigen sofort. Und dazu war das Mehl der Kirchenmauer, mit einem Löffelstiel um Mitternacht an der Südseite geschabt, eben recht. Wäre dies so, dann hätte man den Löffel wie einen Quirl zwischen den Händen drehen müssen. Was ist aber das Nächstliegende? Man bewegt den Stiel schabend von oben nach unten, oder von rechts nach links und hält die linke Hand zum Auffangen des Staubes darunter. Nie gäbe es dabei diese stets gleichrunden Näpfchen.

      Am meisten für sich hat die Deutung, wonach die Rundmarken durch Pilger entstanden sind, die ihre Münzen durch stetes Drehen an den Steinen der Mauer weihen wollten. Vielleicht ist mit den Näpfchen aber auch irgendeine Kirchenbuße verknüpft.

      Jedenfalls ist man bis heute zu einer sicheren Deutung dieser Marken nicht gekommen. Wahrscheinlich ist nur, daß sie aus dem frühen Mittelalter stammen, also aus der Zeit vor der Reformation [Ed-2009: und die erfolgte in der Neumark ab
Mitte des 16. Jahrhunderts].


1Dr. Martin Schenk war Zahnarzt in Woldenberg und Heimatforscher. In den 1950er- und 1960er-Jahren hat er mindestens zweimal Woldenberg in der Nachkriegszeit bereist. Die meisten Fotos vom zerstörten Woldenberg in der Dobiegniew-Galerie 2 sind bei diesen Reisen entstanden.

2)  Unklar ist derzeit, wann Dr. Schenk diesen Text aufschrieb. Vermutlich war das schon vor 1945.

3)  Karl Walter Eitelmann: Das Geheimnis der Wetzrillen und Näpfchen.


Woldenberg — Ein Reisebericht von 1968


Eine Reise nach Woldenberg 1968

Von Dr. MARTIN SCHENK, Berlin 1

Aus: Erstveröffentlichung Anfang Mai 2009 eines Briefes vom 28.11.1968 aus dem Nachlaß meiner Verwandten. Anmerkungen in [...], Zwischentitel und Links (meist zu alten Fotos) wurden hier zum besseren Verständnis redaktionell hinzugefügt.


      E ines wird Sie gewiß sehr interessieren, daß wir vom 5. bis 7. Oktober [1968] in Woldenberg waren, und zwar mit unserem Auto. Wir fuhren über Frankfurt, Küstrin, Vietz, Landsberg, Friedeberg dorthin.

      Frankfurt ist hübsch wieder aufgebaut, auch Landsberg, wo man keine Schäden mehr sieht. Friedeberg ist ähnlich zerstört wie Woldenberg. Es ist aber eine Umgehungsstraße um das Driesener Tor herumgeführt, an der neue Geschäftshäuser entstehen. Dolgen ist nicht mehr, auch der Freischütz ist in der alten Form verschwunden. Dafür sind dort Verwaltungsgebäude aufgebaut. Von den alten Linden steht eine noch. Aber überall an den Hängen stehen hübsche Bungalows, und auch der Strand ist tadellos in Ordnung und eingezäunt. (Driesen ist völlig erhalten).

Im Bahnhofsviertel

      Wenn man sich nun Woldenberg nähert, sieht zunächst alles aus wie einst: Das Gefangenen-Lager, das Gehege, auch
der Bahnhof. Der Sportplatz ist erhalten, aber eingezäunt mit Zementplatten und ohne jedes Gebäude. Der Bahnhof ist hübscher als in deutscher Zeit. Bei Grewatsch [Eisenbahnstraße] ist jetzt die Apotheke, bei [Rechtsanwalt] Dr. Bittner der Zahnarzt, in einer Ahnefeldschen Villa [Bahnhofstraße] das Ambulatorium, in der Oberpfarre in der Wutziger Straße wohnt der Arzt.

      In meinem Haus [Wutziger Straße] ist jetzt eine Kindertageskrippe mit etwa 50 Kindern, daher ist es auch leidlich erhalten. Aber sonst ist alles ziemlich verloddert, besonders am Galgenberg. Man hat den Eindruck, die Regierung müht sich ab, baut neue Häuser und hält auch die Straßen tadellos in Ordnung, aber das Volk ist gar zu saumselig – es macht einfach nicht mit [Ed-2009: Kein Wunder, die waren sich damals wg. der ungeklärten Oder-Neiße- Grenzfrage nicht sicher, ob sie in Dobiegniew auf Dauer bleiben werden].

Polen sehnen sich nach dem Westen

      Es sind
Wolhynier [Ed: das paßt, Wolhynier kamen nach Woldenberg...], die selber ihre Heimat verloren haben, und die recht deutschfreundlich sind. Einer empfing mich bei Seyfert, wo jetzt ein Gasthof ist, mit „Sieg Heil!“ und sang ein deutsches Soldatenlied. Ein anderer sagte dort auf Polnisch zu mir: „Drüben bei Euch ist alles so schön, hier ist alles besch...!“ Am liebsten kämen sie zu uns rüber [Ed-2009: was dann ja am 1. Mai 2004 mit dem EU-Beitritt Polens Wirklichkeit wurde].

      Wir sprachen mit Frau Lampkowski, die jetzt – früher im kleinen Rittergut – in einem der 3 Häuser in der Junkerstraße wohnt. Ihr geht es noch verhältnismäßig gut, denn sie hat sogar einen Fernseher. Die würde so gerne rüberziehen, aber ihre ganze Verwandtschaft ist doch polnisch. Sie fiel uns buchstäblich um den Hals. Auch Frau Gunny sprachen wir, und schenkten ihr einige alte Kleider, die fing an zu weinen vor Freude. Sie wohnt jetzt in Wolgast.

Neues an der Richtstraße

      Auf dem Altermannschen Grundstück wird jetzt ein Geschäftshaus gebaut. Neben Aulich, etwa wo Gärtner Hemuth wohnte [Am Hohen Tore], entsteht eine Gaststätte. Die neue Schule (soll von gefangenen polnischen Offizieren gebaut sein, zur Erinnerung an ihre Zeit) ist etwa bei Klaus [Richtstraße], aber etwas weiter zurück. Ein Wohnhaus entsteht bei Joseph etwa, auch zurück[gesetzt], so daß die neue Richtstraße breiter wird.

      Dobiegniew -- Markanter Kirchturm
^   Die Kirche in Dobiegniew 2005 – Es ist die restaurierte Woldenberger Kirche mit dem markanten Kirchturm, in dem der Woldenberger Maurerermeister Bosold bis zum 24. Mai 1857 um die 600.000 Backsteine verbaut hat.  (Foto: 21.6.2005 – bredwolf-Wol36)
      Im Amtsgericht [Bahnhofstraße] hat man eine Schule eingerichtet, und die Kinder sehen alle sehr nett aus, mit ihren gleichmäßigen blauen Kleidchen und Anzügchen mit den weißen Krägelchen.

Die Kirche – schön wie eh und je

      Die Kirche ist wieder gut in Schuß mit ihrem schönen Geläut [Ed: es sind noch immer die gleichen Glocken, die
um 1920 eingeweiht worden sind]. Drei Pfarrer sind da für den Gottesdienst. Auch die bunten Fenster sind ganz erhalten. Leider fehlt der überdachte Altar und die Kanzel. Dafür stehen Prozessionsfahnen an der Seite. Das Kriegerdenkmal von 1870 [vor der Kirche] hat jetzt oben ein Kreuz und die Inschriften sind abgemeißelt, aber es steht noch an der alten Stelle.

Alte Friedhöfe werden Parks

      Der Katzensteg [an der nördlichen Bahndammseite] ist ganz verschwunden, aber das Tälchen, der
Alte Schützenplatz liegt da, so lieblich wie einst. Von Ziebarth ist nur die zementene Tanzplatte erhalten und die hohen Kastanien. Auf den Alten Friedhöfen sind überall Bänke aufgestellt. Auf unserem Neuen Friedhof ist der Taxus weg, auch die Tafeln an der Mauer sind abgenommen und wohl zu neuem Zwecke gebraucht worden. Doch fanden wir noch meines Vaters Grab, da es einen Stein hat. Und genau an seinem 100. Geburtstag stand ich an der Stelle, wo er vor 43 Jahren begraben wurde.

      Die Polen bestatten jetzt ihre Toten entlang der Bahn. Unser Neuer Friedhof wird wohl langsam auch zu einem Park gestaltet, denn die Bäume dort sind hoch und breit geworden. Die Eisenbahnbrücke im Zuge der Schlanower Straße ist in Ordnung. Auch die Häuser jenseits der Bahnlinie stehen alle noch, bis auf Dr. Friedrichs Haus. Woldenberg [Dobiegniew] soll jetzt etwa 3.000 Einwohner haben. Die Gemeinde-Verwaltung ist in dem ehemaligen Wehrbezirkskommando zu finden.

      Wir waren auch in Wutzig und Hermsdorf und halb nach Hochzeit raus, da nieder steht alles noch, bis auf den Gasthof von Stenmanns. Ach, und die herrlichen alten Alleen! Was uns so heiterte, waren die unmöglichen Hunderassen, die überall herumlaufen und sicher einen gemeinsamen Stammvater haben: Hinten höher als vorne und am Kopfe mit Fledermausohren. Auf den Straßen laufen Gänse und Ziegen herum, da wenig Autoverkehr ist.

Am See und Fließ

      Die
Brücken übers Fließ sind alle weg, doch ist noch die Seepromenade da. Nur der Steingarten ist verschwunden. Auch die Badeanstalt in der alten Form ist weg, doch ist der Strand eingezäunt, und es ist ein Kassenhäuschen da und ein geneuertes Clo sowie auch ein überdachtes Bootshäuschen.

      [Das Haus von] Schaede [in der Friedeberger Straße] stand noch, und ich glaube auch, das Haus, in dem Sie gewohnt haben. Auf dem Galgenberg ist nun ein großer Schuppen gebaut, ebenso am Bahnhof am Galgenberg. Ernst Prochnows Hotel ist nun völlig ausgebaut und hat auch noch Nebengebäude erhalten. Was drin ist jetzt, weiß ich aber nicht, jedenfalls kein Hotel mehr. Das Kino [in der Bahnhofstraße] schien noch in Betrieb zu sein. Oben, wo Langes wohnten, ist nun ein kleines Hotel eingerichtet, wo wir auch geschlafen haben. Es war verhältnismäßig sauber, bis auf das Clo!

Noch immer keine Wasserleitung

      Gegenüber, Bahnhofstraße 8, wo ich mal gewohnt habe, sowie Grünwalds Haus ist verschwunden. Dafür sind die Grundstücke hübsch eingezäunt und mit Rasen und Blumenrabatten versehen. Vor jedem 10. Haus steht eine Pumpe, grün angestrichen [Ed: auch in Dobiegniew gibt es noch immer
keine Wasserleitung...].




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